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Selbstreflexion

Auszeit in den Rauhnächten mit kleinen Ritualen

Rauhnacht-Auszeit-Pausen-Alltag-Zwischen-den-Jahren: Drei Bilder: Haselnüsse, Winterspaziergang, Notizbuch mit Kerze
Sigrid Tinz
am Mittwoch, 29.12.2021 - 16:00

Die Zeit zwischen den Jahren ist geprägt von Geheimnissen und Ritualen. Ganz ohne mystische Kräfte ist es die ideale Zeit sich kleine Auszeiten im Alltag zu gönnen, mit Altem abzuschließen und einen Blick ins neue Jahr zu wagen.

Als „esoterischen Quatsch“ abtun sollte man die Rauhnächte nicht. So einiges, was uns „zwischen den Jahren“ selbstverständlich ist, geht genau auf diese alten Bräuche zurück. Die erneute Diskussion um die Silvesterböllerei ist nichts weniger als die im magischen Denken fußende Absicht, zum Jahreswechsel: Dämonen, Geister und Unholde mit viel Lärm auf Abstand zu halten.

Ob man an so etwa glaubt oder nicht: Fakt ist, dass unser Körper und Geist Pausen braucht und der Mensch als tagaktives Lebewesen am besten im Dunkeln zu Ruhe kommt. Früher war die Dunkelheit noch viel dunkler, ohne Straßenlaternen, Lichterketten und Lampen im ganzen Haus. Meist werden als Rauhnächte die zwölf Tage ab dem ersten Weihnachtstag gerechnet, also vom 25. Dezember bis zum 6. Januar; manche Zählungen beginnen am Tag der Wintersonnenwende und enden mit dem 1. Januar. Wer es mal ausprobieren will, sollte sich davon nicht stressen lassen. Es ist mehr ein Spiel. Nehmen Sie einfach die zwölf Tage, die bei Ihnen in den Alltag passen. Wir haben ein paar Rituale und Ideen zusammengestellt, gut tun und Freude machen.

Rituale für Rückblicke und Ausblicke ins neue Jahr

Rauhnächte-Monate-Orakel-12-Monate: In ein Notizbuch sind die 12 Tage mit den 12 Monaten gekennzeichnet aufgeschrieben. Daneben liegt ein Stift und eine Kerze ist angezündet.
  • Wahrsagen: In die Zukunft zu schauen, das machen wir alle an Silvester. Die zwölf Nächte seiner selbstgewählten Rauhnächte stehen dabei je für einen Monat des kommenden Jahres: die erste Tag für den Januar, die zweite für den Februar und so weiter. Was an diesem Tag alles passiert, ob es Besonderheiten gibt, Überraschungen, wie die Stimmung war, das Wetter, wen wir getroffen haben, aber auch Träume und körperliche Empfindungen, sind Hinweise darauf, wie der entsprechende Monat sein wird. Diese gilt es aufzuschreiben und sie Monat für Monat zu vergleichen. Wichtig ist es, seine Empfindungen möglichst positiv zu formulieren. Auch wenn man nicht an „so etwas“ glaubt, die sogenannte selbsterfüllende Prophezeiung ist ein psychologischer Vorgang. Steht im Kalender dann: „den ganzen Morgen schreckliche Kopfschmerzen“ ist das nicht so gut wie: „Ich hatte schreckliche Kopfschmerzen, bin dann lange Spazieren gegangen und habe mich mittags hingelegt. Auch ohne Tablette war es am Nachmittag wieder besser.“
  • Wünsche ans Universum: Vor dem Beginn seiner zwölf Nächte sollte man sich einen Tag Zeit nehmen und zwölf Wünsche auf zwölf Zettel schreiben. Dabei schreibt man mit Fantasie, was sich schön und gut und leicht anfühlt, was leuchtet. Bei diesen Wünschen hat der Verstand nichts zu melden, der hat schon im Alltag genug „Abers“ parat. Die Wünsche sollten positiv und klar aufgeschrieben werden, als wären sie real: „Ich bin Nichtraucher!“ oder „Ich bin einen Halbmarathon gelaufen.“ Statt: „Ich möchte mit dem Rauchen aufhören können.“ Oder: „Ich will versuchen für einen Halbmarathon zu trainieren.“ Jeden Tag der zwölf Nächte nimmt man sich kurz Zeit für sich, zieht einen dieser Zettel und ordnet ihn dem jeweiligen Monat zu.
Rauhnächte-Winterspaziergang: Eine Familie geht im Schnee spazieren. Der Vater zieht das Kind mit dem schlitten. Die Mutter führt zwei Hunde an der Leine.
  • Spiel mit dem Feuer: Genau andersherum kann man auch Sorgen und Probleme aufschreiben: Alles was sich in diesem Jahr nicht erfüllt hat, um das man trauert und wovor man im nächsten Jahr Angst hat. Im Anschluss daran werden die Zettel verbrannt. Das Spiel mit dem Feuer geht einfach mit einer feuerfesten Form und einer Kerze am Küchentisch; oder auch mit der ganzen Familie draußen auf der Terrasse mit einer Feuerschale. Dabei kann jeder seine Zettel ins Feuer werfen und seine Ängste aussprechen. Dass sich Probleme in Rauch auflösen ist zwar magischer Mumpitz, aber es einmal aufgeschrieben und ausgesprochen zu haben, bringt Klarheit und nimmt schlimmen Dingen die schattenhafte bedrohliche Größe. Ärger und Traurigkeit benannt zu haben erleichtert die Seele.
  • Symbole sammeln: Wer nicht gerne schreibt, der kann jeden Tag einen Gegenstand sammeln. Dabei ist es egal was man findet: Steine, Schrauben, Schneckenhäuser, Blätter, Haarspangen oder Bilder aus der Zeitung. Jedes Ding wird dann gedeutet – spielerisch wie an Silvester die Figuren nach dem Blei- oder Zinngießen. Wenn man sich einen Moment nimmt, seinen Gegenstand genau betrachtet, kommen manchmal erstaunliche Erkenntnisse dabei heraus. Der zusätzliche Vorteil: Man muss jeden Tag an die frische Luft, wo man am besten jedes Mal woanders spazieren geht, damit man immer etwas neues entdeckt. Dick eingepackt sind Spaziergänge in der Winterkälte gut für Körper und Seele. Kommt man dann zurück ins Warme, ist es ein wunderbares Gefühl nach Hause zu kommen. Wer mag kann zusätzlich ein Licht ins Fenster stellen, bevor man losgeht. Das begrüßt einem dann auf dem Rückweg schon von weitem. Auch das ist ein Brauch der rauhen Nächte: Licht hält das Böse und die Dunkelheit fern.
Rauhnächte-Haselnüsse-Glücksmomente: Ein kleiner Säckchen aus Leinen liegt mit Haselnüssen gefüllt auf einem dunklen Fell.
  • Mit Tieren reden: Eine Legende besagt, dass in den Rauhnächten die Tiere antworten. Mancherorts ist es auch Brauch, den Tieren an Heiligabend ein besonderes Futter zu geben. Wer mag kann auch mal Backen für Hund und Katze mit den Kindern Leckerli backen oder für die Wildvögel Futter im Garten verteilen. All das sind Aktivitäten, die Gemeinschaft stiften und wer weiß, vielleicht haben die felligen und gefiederten Mitbewohner darauf etwas zu sagen.
  • Gute Momente sammeln: Dafür füllt man einige Haselnüsse in ein schönes Beutelchen. Jedes Mal im Alltag, wenn man etwas Positives erlebet, nimmt man eine Nuss heraus und stecken sie sich in die Tasche. Das kann alles Mögliche sein: Der leuchtende Sonnenaufgang, die zwei Eichhörnchen im Garten, dass die Kinder durchgeschlafen haben, ein freundliches Gespräch, ein netter Gedanke. Abends leeren man seine Tasche und erinnern sich noch mal an jeden dieser Augenblicke. Eine moderne Variante: Von all diesen Momenten ein Foto, mit dem Smartphone knipsen – das eh meistens dabei ist. Bei der Abendbilanz kann man seine Freudigen Momente dann auch einfach mit Verwandten oder Freunden teilen.

Die Ruhe zwischen den Jahren zulassen

So weit möglich kann man die Zeit zwischen den Jahren für mehr Ruhe nutzen: Dabei zum Beispiel einmal die Wäsche Wäsche sein lassen und nicht immer gleich alle Feiertagstischdecken und Besucherbettlaken wegwaschen und bügeln, sondern einfach alles im neuen Jahr in die Reinigung bringen. Stattdessen versucht man zumindest einmal im Jahr die Arbeit in Haus und Hof auf das Nötigste beschränken und mehr freie Zeit einzuplanen. Die Möglichkeiten sind endlos, zum Beispiel ein tägliches Wannenbad, eine Teestunde mit der Familie, Vorleserunden oder Filme schauen.

Letztendlich geht es in den Rauhnächten genau darum. Um Pausen, um Ruhe und darum sich zu besinnen. Das tut allen Menschen zu allen Zeiten gut. Die vergangenen Coronajahre, ohne Adventsfeiern, Weihnachtsmärkte, kaum Ausflüge, erneut wenig Besuch wegen neuen Kontaktbeschränkungen, gibt uns – positiv formuliert – die Möglichkeit, es tatsächlich umzusetzen.

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