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Biodiversität

Artenschutz ist komplex

Naturschutz_Landwirtschaft_B
Sabrina Melissa Melis
am Dienstag, 16.04.2019 - 15:09

„Da blüht uns was“: Biodiversitätsforum in Straubing

Naturschutz und Landwirtschaft – ein Kriegsgebiet, oder geht es nicht doch Hand in Hand? Mehr Biodiversität versprechen nachwachsende Rohstoffe, die zu einer „Win-win“-Situation für Naturschützer und Landwirte führen könnten: Buchweizen als Beispiel bringt Erträge im Bereich Nahrungs- und Futtermittel, als Biogasbasis, als Rohstoff für Pharmazie und Fasergewinnung und dient als Zwischenfrucht. Auch ist der Buchweizen als Bienenweide attraktiv – jede Pflanze bildet bis zu 1800 Blüten.
Die Brisanz des Themas Biodiversität hebt sich immer weiter hervor, mittlerweile auf breiter Diskussionsebene. Das Technologie- und Förderzentrum (TFZ) im Kompetenzzentrum für Nachwachsende Rohstoffe hatte Ende März geladen, um über das Thema „Da blüht uns was – mehr Biodiversität durch nachwachsende Rohstoffe“ zu sprechen, zu diskutieren – und daraus zu lernen.
„Rettet die Artenvielfalt, rettet die Landwirtschaft, rettet die Umwelt, rettet das Klima, rettet die Energiewende, rettet den Energiepflanzenanbau – das alles ist miteinander kombinierbar“, sagte Dr. Bernhard Widmann, Leiter des TFZ Straubing, in seinem Grußwort zur Eröffnung der Tagung. Das Stichwort lautet: Biodiversität – nachhaltige Landbewirtschaftung mit nachwachsenden Rohstoffen.
Der Anbau von nachwachsenden Rohstoffen biete ganz besondere Chancen für „mehr Biodiversität“ und Insektenschutz, „verknüpft mit vielen Vorteilen für Klimaschutz, Ressourcenschutz, der Umsetzung der Energiewende, dem Ersatz von fossilen Rohstoffen“. Er begrüßte eine Reihe von Ehrengästen aus der Kommunal-, Landes- und Bundespolitik sowie hochrangige Vertreter von Institutionen, Interessensvereinigungen und Verbänden. „Ich wünsche Ihnen, dass das, was heute aufblüht in uns allen, nicht morgen schon wieder verwelkt“, sagte er, „sondern dass wir das Miteinander der nachwachsenden Rohstoffe, der Biodiversität, des Klimaschutzes und all dieser Win-win-Situationen, die dieses System mit sich bringt, in ihrer bunten Vielfalt mitnehmen.“
Staatsministerin Michaela Kaniber ließ sich entschuldigen, stattdessen sprach Dr. Werner Ortinger vom bayerischen Landwirtschaftsministerium das Grußwort und vermittelte den Teilnehmern den politischen Blick auf die Diskussion. „Der Artenschutz ist eine enorme Herausforderung, die uns alle angeht und die wir nur gemeinsam bewältigen“, sagte Ortinger. Fast die Hälfte der Bodenflächen in Bayern wird landwirtschaftlich genutzt, stellte er klar. „Landwirte sind daher ein unverzichtbarer Partner, Kulturlandschaften nachhaltig und zum Ziel des Artenschutzes zu bewirtschaften.“

Landwirtschaft
ist es nicht alleine

Allerdings liege es nicht an der Landwirtschaft allein: Auch Flächenversiegelung, Zerschneidung von Lebensräumen, extensive Nutzung der Natur, Lichtverschmutzung und unser anspruchsvoller Lebensstil wirken sich direkt aus. „Da müssen wir uns selbst auch an der Nase packen“, fügte er hinzu. Fast die Hälfte der Wiesen in Bayern, etwa 500 000 ha, werden inzwischen unter extensiven Vorgaben bewirtschaftet. Dazu gehört der Verzicht auf aggressives Pflanzenschutzmittel und extensive Beweidungsformen mit Schafen oder Ziegen oder eine sehr späte Mahd, die die Pflanzen blühen lässt. 360 000 ha, rund ein Zehntel der landwirtschaftlich genutzten Fläche, wird mit den Schwerpunkten „Biodiversität“ bewirtschaftet – rund elf Prozent der landwirtschaftlichen Fläche wird ökologisch bewirtschaftet. „Damit ist Bayern das Ökoland Nummer eins“, hob Ortinger hervor.
„Aber wir sehen, dass diese Leistung nicht so gut in der Gesellschaft angekommen ist“, sagte er. „Das heißt, eine große Aufgabe für uns wird sein, dass wir die Leistungen, die wir erbringen – für Umwelt und Artenschutz –, noch besser kommunizieren müssen.“ Das Thema habe natürlich auch Eingang in Bildungs- und Forschungsaktivitäten gehalten. Ein großes Feld davon seien innovative, nachwachsende Rohstoffe für Energie- und Biotechnologie. Neben mehreren großen Fragen sei für die Landwirte von Bedeutung, was die innovativen Rohstoffe für sie in wirtschaftlicher Hinsicht bringen. Ortinger erläuterte den interessierten Zuhörern einige Forschungsfelder und auch Erfolge bei „alternativen Energiepflanzen“, zum Beispiel die „Durchwachsene Silphie“, ein aus Nordamerika stammender, robuster Korbblütler, der nicht nur als Energiepflanze dient, sondern auch Nahrungsquelle für Wild- und Honigbienen, Hummeln und Schmetterlinge ist.
Buchweizen dient vielfach: als Nahrungs- oder Futtermittel, für Biogas, als Rohstoff oder auch als Zwischenfrucht. Jedoch: Neben allen Vorteilen der Forschung zeigt sich auch die „Kehrseite“ – die Wirtschaftlichkeit hinkt in vielen Fällen hinterher und reicht noch nicht an Mais oder Getreide heran. „So erreichen die Erträge der alternativen Energiepflanzen häufig nur bis zu 70 Prozent von Mais – je nach Standort.“ Deshalb sei es wichtig, dass die aktuelle Forschung vorangetrieben werde und rasch in die Praxis komme, führte Ortinger aus. Zudem werde in Wissenstransfer gesetzt: mittels Kompetenzzentren, Feldtagen und kompetenten Ansprechpartnern.

Verlust an Biodiversität? Ja, den gibt es.

Ob es überhaupt einen Biodiversitätsverlust gibt, darüber konnte Prof. Dr. Wolfgang Weisser von der TU Weihenstephan eine klare Antwort geben: „Ja, den gibt es.“ Ein Beispiel: Von 1840 bis 2013 war bei Schmetterlingen in den Grasländern bei Regensburg, die rund 200 Jahre lang beobachtet wurden, ein Rückgang von 39 % zu verzeichnen.
Grasland unterliegt oft der Beweidung, Mahd oder Düngung – oder einer Kombination aus allem. Schon bei geringer Nutzung sei ein Rückgang der Biodiversität zu verzeichnen – bei sieben oder sechs Mahden könne sich jeder die Folge ausrechnen. Mit Hinblick auf „Kompromisse“ stellte er klar: Sollte man sich seitens des Naturschutzes, der eine oder keine Mahd fordert, mit den Landwirten einigen, die sechs Mahden ihrerseits durchsetzen möchten, und sich „in der Mitte“ treffen, sei nichts gewonnen. „Landwirtschaft ist – machen wir uns nichts vor – immer auch ein Kampf gegen die Natur.“ Schädlings- und Unkrautbekämpfung gab es früher nicht in einem Ausmaß wie heute – was möglich sei, werde eingesetzt.
Es sei „ein ganzes Bündel, das zu Biodiversitätsverlust führt“, erklärte er. Die Frage, was wir heute wollen können, stellt sich, denn „die Landschaft von 1970 bekommen wir nicht wieder“.

Realistisches Ziel
muss gefunden werden

Es brauche ein realistisches Ziel, das eingefordert werden muss: „Dieses fehlende realistische Ziel zieht sich durch alle Diskussionen und alle Maßnahmen“, sagte Prof. Weisser. „Wir können die ‚alte‘ Landschaft nicht wiederbekommen, aber offensichtlich möchten wir auch nicht das, was wir heute haben – also müssen wir uns auf etwas einigen.“

Viele Maßnahmen sehe er, die schlichtweg keinen Effekt erzielen: „Wir haben keine Maßnahmenkrise, sondern eine Ergebniskrise“, schlussfolgerte er. Die Biodiversität in der Agrarlandschaft gehe zurück und die heutige Form der Landwirtschaft sei einer der Hauptverursacher. Wichtig seien die kleinen Strukturen der Landwirtschaft. Eine Studie hätte als Beispiel gezeigt, dass die – im Vergleich zum Westen – riesigen Flächen, die im Osten ökologisch bewirtschaftet werden, keine höhere Biodiversität aufweisen als die kleineren Flächen konventioneller Betriebe im Westen.

Das liegt auch daran, dass sich das Leben in den Grünstreifen zwischen den Feldern abspiele. Eine Änderung des Trends werde nur gelingen, wenn realistische Ziele gesetzt werden und moderne Produktionsmethoden multifunktional ausgerichtet werden. Am Ende zähle: „Kommunikation, Kommunikation, Kommunikation“, sagte er, und dazu der gegenseitige Respekt bei der Argumentation.