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Studienergebnisse

Angst, Burnout, Depression: Bauern trifft es öfter

landwirt-verzweifelt-suizidgedanken: Ein Landwirt sitzt auf einer Walze, die hinten an einem Traktor hängt. Er sieht verzweifelt aus, weil er den Kopf in den Schoß und seinen Händen vergräbt.
Christine Schmid
am Freitag, 04.03.2022 - 10:00

Studie beweist erstmals: Landwirte und Landwirtinnen erkranken sehr viel häufiger an Angst, Burnout und Depression als die Durchschnittsbevölkerung. Zu diesem Ergebnis kommt die Psychologin Maria Roth. Spätestens bei den Gründen dafür muss man hellhörig werden.

Die Ursachen für psychische Störungen und Krankheiten sind vielfältig. Meist kommen mehrere Faktoren zusammen. Zum ersten Mal wurde nun die psychische Situation von Landwirten und Landwirtinnen in Deutschland wissenschaftlich untersucht.

Die Ergebnisse von Maria Roths Masterarbeit im Studienfach Psychologie sind alarmierend. Landwirte sind sehr viel häufiger von Depressionen, Angstzuständen und Burnout betroffen als die deutsche Durchschnittsbevölkerung. Damit stellt sich die Situation der deutschen Landwirtinnen und Landwirte ähnlich dar wie die ihrer Kollegen und Kolleginnen weltweit.

Studienergebnisse sind eindeutig

Diagramm-Studie-Psychische-Belastung-Landwirte

In Deutschland sind 4,5-mal so viele Landwirtinnen und Landwirte von Burnout betroffen wie Angehörige der Allgemeinbevölkerung. Mehr als doppelt so viele Landwirtinnen und Landwirte (2,2-mal) sind an Angst erkrankt. Und die Rate für Depression liegt bei den Landwirtinnen und Landwirten dreimal höher als in der Allgemeinbevölkerung.

Maria Roth fasst zusammen: „Berücksichtigt man alle Variablen, zeigt sich, dass nur 54 Prozent der Landwirte keine der drei Diagnosen erfüllen und als gesund einzustufen sind. Dementsprechend ist fast die Hälfte aller Landwirte psychisch schwer belastet. Damit hat sich meine Hypothese bestätigt: Das Risiko für Landwirte, an Depression, Angst oder Burnout zu erkranken, ist höher als in der Allgemeinbevölkerung.“

Die Bedingungen drumherum schaffen die Belastung - nicht die Arbeit selbst

Psychische-Belastung-Bauernprotest: Ein Schild steckt am Feldrand in einem Strohhaufen. Darauf ist ein Bauer zu sehen, der auf allen Vieren, wie eine Kuh dargestellt ist und an der Kette eines Business-Mann im Anzug hängt.

Die junge Psychologin, die selbst von einem Bauernhof stammt, hatte mit auffallend hohen Zahlen gerechnet, nicht aber mit den Begründungen. „Das sind nicht etwa die viele Arbeit, das frühe Aufstehen, die Sorge um die Tiere, kaum Urlaub und dergleichen, sondern die komplexe Bürokratie, die Darstellung der Landwirtschaft in den Medien, die Beschlüsse der Agrarpolitik und das Ansehen des Berufes in der Gesellschaft. Die machen ihre Arbeit gerne. Es sind die Bedingungen drumherum. Die schaffen die Belastung. Und das ist richtig schade.“

Sie hofft nun auf einen Weckruf bei den Betroffenen selbst, bei den landwirtschaftlichen Organisationen, in Gesellschaft und Politik: „Da gehört reagiert.“ Letztere dürften nicht weiterhin sehenden Auges ihre Landwirte aussterben lassen – was sie faktisch täten – denn das Land müsse ja trotzdem ernährt werden. „Der Landwirt ist der, der unser Essen erzeugt. Wenn immer mehr aussteigen, steht die Gesellschaft irgendwann dumm da.“

Passende Hilfsangebote für Landwirte entwickeln

Aufgabe der Organisationen sei es nun, genau hinzuschauen, wer besonders betroffen sei – beispielsweise konventionell wirtschaftende Betriebe noch stärker als Ökobauernhöfe – und dies ernst zu nehmen.

Nächster Schritt sei es, die Probleme zu filtern und passende Unterstützungsangebote zu entwickeln, damit auch Beratung und Hilfe durch Nicht-Landwirte von den Betroffenen akzeptiert werde. Ihrer Beobachtung nach würden sich Landwirtinnen und Landwirte von Beratern häufig missverstanden fühlen. „Ich habe oft den Eindruck, du musst aus der Landwirtschaft kommen, sonst denken die Landwirte ‚keiner versteht, wie es mir geht‘. Wenn man sich nicht verstanden fühlt, lässt man sich nicht helfen.“

Und letztlich geht es auch um einen Prozess bei den Betroffenen selbst. „Sie wollen sich oft nicht eingestehen, dass es ihnen so schlecht geht.“ Es gelte, „ein Bewusstsein zu schaffen, dass man sich Hilfe suchen darf.“

Erste Studie zum Thema in Deutschland

Zitat-Studienteilnehmer-Psychische-Belastung-Landwirte: "Endlich nimmt sich jemand unserer an"

Maria Roth ist auf einem Bauernhof im Oberpfälzer Landkreis Cham aufgewachsen. Ihr Bruder, der den Betrieb übernehmen wird, regte sie zu ihrem Forschungsthema an. Er hatte über hohe Suizidraten bei Landwirten gelesen. Ein Novum für Maria, die es genauer wissen wollte und recherchierte.

Sie stellte fest, dass es zwar in etlichen Ländern dieser Welt – wie USA, Kanada, Frankreich, Norwegen, Finnland, der Schweiz und Rumänien – wissenschaftliche Untersuchungen zum seelischen Befinden der Landwirte gibt, nicht aber in Deutschland.

Zum Abschluss ihres Masterstudiums der Psychologie in Salzburg startete sie Ende Januar bis Ende März 2020 ihre Umfrage. Da einem Suizid häufig psychische Störungen und Erkrankungen wie Depression, Angst oder Burnout vorausgehen, entwickelte sie einen Fragebogen, der auf diese drei Erscheinungen ausgerichtet ist. 

Das Wochenblatt half bei der Studie

Dabei orientierte sie sich an standardisierten psychologischen Verfahren. Das sind quasi genormte Fragen, die in der Forschung angewendet werden, um zu wissenschaftlich aussagekräftigen, vergleichbaren Ergebnissen zu gelangen. Von den 60 gestellten Fragen stammt die Hälfte aus diesem Kontext. Die übrigen 30 Fragen erkundigen sich nach landwirtschaftlichen Daten und Fakten wie Geschlecht der Befragten, Vollerwerbs- oder Nebenerwerbsbetrieb, ökologische oder konventionelle Landwirtschaft und dergleichen mehr.

Um einen guten Rücklauf bei der Befragung zu erreichen, schrieb Maria Roth Bekannte an, lud auf ihrer privaten Facebook-Seite zur Teilnahme ein und holte im Februar 2020 das Wochenblatt mit ins Boot, das für die Umfrage warb.

Das Ausfüllen des Online-Fragebogens war anonym und dauerte rund zehn Minuten. Beteiligen konnten sich Personen im Alter ab 18 Jahren, die „Betriebsleiter-/in, Partner-/in des Betriebsleiters oder Hofnachfolger-/in eines landwirtschaftlichen Betriebs“ waren.

Mehr als 3.800 Studienteilnehmer

Maria Roth ahnte, dass sie einem brisanten Thema auf der Spur war, weshalb sie belastbares Datenmaterial gewinnen wollte. „Im Schnitt hat man bei einer Masterarbeit um die 50 Interviewpartner. In meinem Fall hätte ich eine Teilnehmerzahl von mindestens 380 gebraucht, um eine statistisch erfassbare Aussage treffen zu können.“

Dieser deutlich höhere Aufwand habe ihr einigen Respekt eingeflößt. Auswerten musste sie dann aber sehr viel mehr Antworten. Dass sie schließlich 3831 ausgefüllte Bögen zurückgeschickt bekam, hat sie überwältigt. „Die Umfrage hat einen Nerv getroffen.“ Rund 300 Landwirtinnen und Landwirte wandten sich außerdem per E-Mail persönlich an die Psychologin. „Die Leute haben zehn Minuten lang Fragen beantwortet. Davon hatten sie gar nichts. Da muss man schon Interesse mitbringen. Also ein unbelasteter Landwirt hat da vermutlich gar nicht mitgemacht.“

Der Leidensdruck dahinter sei spürbar gewesen. Immer wieder hätten die Teilnehmer geschrieben, dass es ihnen nicht gut gehe, dass sie so froh um die Umfrage seien. „Da standen Sätze wie: Endlich nimmt sich jemand unserer an.“

Hofnachfolgern fehlt die Perspektive und haben "brutale Angst"

Zitat-Maria-Roth-Psycholign: "Die Hälfte aller deutschen Landwirtinnen und Landwirte sind psychisch schwer belastet"

Was ihr dabei geschildert wurde, „ging alles in die gleiche Richtung“, sagt sie. „Die Landwirte haben geschrieben, dass sie sich nicht mehr heraussehen, dass sie keine Perspektive mehr haben, keine Lebensqualität, einfach nur noch funktionieren.“ Junge Leute, die kurz vor der Hofübernahme stünden und dies auch wollten, hätten ihre „brutale Angst“ davor beschrieben, „weil sie nicht wissen, wie es gehen kann, weil alle Auflagen und Bedingungen schlechter und strenger werden, weil es nur eine Frage der Zeit ist, wann es wieder schlechter wird.“

Sehr oft hätten die Befragten thematisiert, dass sie für gesamtgesellschaftliche Themen wie Methanausstoß, Glyphosat, Klimawandel, Boden- und Luftverschmutzung zum Sündenbock gemacht würden und sie dies sehr belaste. Einzelne schockierende Schilderungen haben sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, wie die von dem Landwirt, der in seinem Stadel jeden Tag zu den Balken hochblickt und sich fragt, wann er dort wohl hängen wird (siehe Hilfsangeboten bei Suizidgedanken unten).

Oder der Landwirt, bei dem jedes unbekannte Auto, das auf den Hof fährt, eine Panikattacke auslöst, weil er fürchtet, dass eine Kontrolle kommt und ihm der Hof zugesperrt wird. So erschütternd einzelne Erzählungen waren, Maria Roth und ihr Bruder, der aktive Landwirt, erleben den Alltag der Landwirte genau so wie beschrieben.

Weitere Forschungen nötig

Psychologin-Maria-Roth-Suizid-Landwirte: Portrait einer jungen Frau.

Maria Roth arbeitet mittlerweile als Psychologin an einer bayerischen Klinik. Ihre Forschung belegt, dass das Berufsbild Landwirtschaft mit hohen Anforderungen an die psychische Gesundheit verknüpft ist und eine hohe Belastung mit sich bringt, an Depression, Angst und Burnout zu erkranken. Die Distanz zwischen Landwirten und Konsumenten wächst. In Industrienationen sind nur noch rund 2,5 Prozent aller Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig. „Als Produzenten unserer Lebensmittel nehmen Landwirte aber eine wichtige, ja grundlegende Stellung in unserer Gesellschaft ein.“ Aus Roths Sicht sind weitere Forschungen dringend vonnöten.

 

Hilfe bei Suizidgefahr

Die Arche. Suizidprävention und Hilfe in Lebenskrisen e.V. Beratungsstelle für erwachsene und Jugendliche in München

Wer selbst Suizidgedanken hat oder jemanden kennt, der Suizidgedanken äußert, findet Hilfe bei folgenden Adressen:

Telefonseelsorge:

  • im Akutfall per Telefon unter 0800-1110111 oder 0800-1110222 oder 116123 online im Chat oder per Mail unter online.telefonseelsorge.de. Das Angebot ist deutschlandweit, 24 Stunden, 365 Tage im Jahr, kostenfrei, anonym.
  • Krisen-Dienste Bayern: Unter der bayernweit einheitlichen Telefonnummer 0800-6553000 bekommt man in einer Krisensituation in kürzester Zeit persönliche Unterstützung vor Ort, auch Angehörige und Mitbetroffene. Die Angebote reichen von telefonischer Beratung über Hausbesuche innerhalb weniger Stunden, bis zur Vermittlung ambulanter Krisentermine bei Beratungsstellen oder Spezialambulanzen. Es gilt 24 Stunden, 365 Tage im Jahr, ist kostenfrei und anonym.
  • An Bezirkskrankenhäusern oder Psychiatrischen Kliniken, zum Beispiel der Universitäten, gibt es Notaufnahmen, die im Akutfall Hilfe bieten.
  • Im akuten Notfall erreicht man unter der europaweit geltenden Telefonnummer 112 die integrierten Leitstellen. Nach Schilderung des Notfalls wird dort sofort das Notwendige in die Wege geleitet.

Beratungsstellen für bäuerliche Familien

MontagsTelefon des BBV

Tel. 0800-131-131-0, montags (auch an Feiertagen), 9 bis 13 Uhr und 16 bis 20 Uhr anonym, vertraulich, kostenfrei.

 

Krisenhotline der SVLFG

Tel. 0561-785-10101, jederzeit: 24 Stunden an 7 Tagen der Woche, für besonders belastende Momente, anonym, vertraulich, zum ortsüblichen Telefontarif.

 

SVLFG–Kontakttelefon

bei seelischen Belastungen, Tel. 0561-785-10512, anonym bis zum Einstieg in Präventionsprogramme wie Online-Training oder intensive Einzelfall-Coachings, vertraulich, während der üblichen Bürozeiten, zum ortsüblichen Telefontarif.

 

Adressen der landwirtschaftlichen Familienberatungen der katholischen und evangelischen Kirche in Bayern

Sie arbeiten unabhängig und vertraulich, telefonisch, und zwar in der Beratungsstelle oder am Betrieb.

Diözese Augsburg (Christine Beuer):
Telefon 08222-411166,
E-Mail: bfb@bistum-augsburg.de,
www.klb-augsburg.de

Erzdiözese Bamberg (Fritz Kroder):
Telefon 09194-796767, Fax: 09194-796729,
E-Mail: info@lfb-bamberg.de,
www.lfb-bamberg.de

Diözese Eichstätt (Katharina Nieberle-Göpfert):
Telefon 08421-50888, Fax: 08421-50628
E-Mail: lfb@bistum-eichstaett.de,
www.klb-eichstaett.de

Erzdiözese München und Freising (Peter Bartlechner):
Telefon 08072-9733, Fax: 08072-9735,
E-Mail: pbartlechner@eomuc.de

Diözese Passau (Helga Grömer):
Telefon 0151-17653139,
E-Mail: lfb@bistum-passau.de

Diözese Würzburg (Wolfgang Scharl):
Telefon 0931-386-63725, Fax: 0931-386-63729,
E-Mail: info@lfb-wuerzburg.de,
www.lfb-wuerzburg.de

Diözese Regensburg (Harald Staudinger);
Telefon 0941-597-2468,
E-Mail: bfb@bistum-regensburg.de

LFB der Evang. Kirche in Bayern (Walter Engeler):
Telefon 09854-1036, Fax: 09854-1050,
E-Mail: lfb@ebz-hesselberg.de,
www.ebz-hesselberg.de

 

Mediation des BBV

www.bayerischerbauernverband.de/mediation

vertraulich, kostengünstig, die SVLFG übernimmt nach positiver Prüfung der versicherungsrechtlichen Voraussetzung die Kosten der ersten zehn Stunden.