Leben auf der Alm

Alp-Traum und Realität auf der Alm

Ein Kuh grast im Morgengrauen am Hang. Hinter ihr stehen Nebelschwaden in den Bergen, zwischen Bäumen
Max Riesberg
Max Riesberg
am Freitag, 03.09.2021 - 13:15

Gründe, als Sennerin oder Hirte auf die Alm zu gehen, gibt es verschiedene. Viele erfüllen sich damit einen lang gehegten Traum, doch von der ersehnten Romantik bleibt bei all der harten Arbeit am Berg meist nicht viel übrig.

Wie heißt es so schön in einem alten Volkslied: „Auf den Bergen wohnt die Freiheit...“ Und wer hat ihn nicht schon mal geträumt, den Traum vom unbeschwerten Leben auf Bergeshöhen, fernab von den Pflichten und Zwängen im Tal? Im Einklang mit der Natur zu leben, fernab von den Auswüchsen unserer ach so zivilisierten Welt, das wär es doch. Aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille.

Zugegeben gerade jetzt, wo die Pandemie persönliche Freiheiten einschränkt, scheinen immer mehr Menschen ihre Sehnsucht nach einem „Leben am Berg“ für sich entdeckt zu haben. „Corona hat die Leute regelrecht in die Berge getrieben, mit all den schwierigen Folgen für die Almwirtschaft“, sagt Hans Stöckl, der Geschäftsführer des Almwirtschaftlichen Vereins Oberbayern (AVO). Und zudem wollten sich auch immer mehr Menschen den Traum vom Almsommer als Sennerin oder Senner erfüllen, da man wegen der Beschränkungen ohnehin keinen „gescheiten Urlaub“ machen konnte.

 

Ansturm auf Almstellen

Auf der Alm: An einer hölzernen Almhütte hängen vor dem Fenster an einer Leine Wollsocken zum trocknen.

„Letztes Jahr gingen allein 300 Anfragen für eine Almstelle bei uns ein. Vom Abiturienten und Studenten über die Krankenschwester bis zum Aussteiger oder rüstigen Rentner war alles dabei“, berichtet Stöckl. Eine, die ein Lied davon singen kann, wie unterschiedlich sich Vorstellungen und Beweggründe für das „Almgehen“ gestalten, ist Marianne Eberhard, die gute Seele im AVO-Büro. Seit Jahren vermittelt sie Almstellen und hat so manch unfassbare Anekdote in petto.

„Es ist gar nicht lange her, da hat sich eine Mutter bei mir gemeldet und wollte ihren sechzehnjährigen Sohn als erzieherische Maßnahme auf die Alm schicken“, erzählt sie kopfschüttelnd. Dann sei er weg vom Schuss, habe die Frau gemeint. Eberhard musste ihr freundlich aber mit Nachdruck klar machen, dass die Alm keine Erziehungsanstalt für pubertäre Jugendliche sei. „Die Sennerin würde sich bedanken,“ meint sie und kann heute darüber lachen.

„Ich gönne wirklich jedem von Herzen, dass er den richtigen und schönsten Platz findet. Und wir haben alle dabei von 16 bis 78 Jahre“, betont Eberhard. Doch manchmal seien die Vorstellungen einfach zu konträr zur Wirklichkeit. Da braucht es Fingerspitzengefühl. Schließlich muss es für beide Seiten passen, nämlich die Bauersleut und die Almerer.

 

Corona bescherte 50 Prozent mehr Anfragen

Corona hat 2020 und 2021 zu Ausnahmejahren gemacht. „Wir hatten bestimmt 50 Prozent mehr Anfragen als die Jahre zuvor, zwei ganze Leitzordner voll“, bestätigt sie. „Ich wusste gar nicht, was ich mit all den Leuten tun soll. Noch dazu, wo sich wirklich viele bei ihrer Bewerbung so viel Mühe machen. Da tut es schon weh, wenn man nicht jedem weiterhelfen kann“, gibt Eberhard zu.

Aber viele wollen auch nur 14 Tage auf die Alm und dafür seien die meisten kleineren Almen und Familienbetriebe schlichtweg nicht ausgerichtet. Auch sei der Almaufenthalt nicht als Urlaubsgeschenk für die Großmutter geeignet, die das schon immer mal machen wollte und an einzelnen Tagen oder am Wochenende mithelfen könnte. „Das geht einfach in 99 Prozent der Fälle nicht. Zwei Monate Almzeit sind bei den meisten Minimum, entweder Juni/Juli oder August/September. Schließlich brauchen die Almbauern eine zuverlässige Entlastung und es geht um ihr Kapital“, erklärt Eberhard.

 

Viele brechen den Almaufenthalt ab

Auf der Alm: Im Vordergrund liegt ein Rind im Gras. Im Hintergrund sieht man die Almhütte. Dahinter liegt der Nebel in den Bergen und Bäumen.

Natürlich muss es immer von beiden Seiten passen. Aber als Selbstfindungsort für Aussteiger hat sich die Alm noch in den wenigsten Fällen geeignet, wenngleich es natürlich verschiedenste Lebensauffassungen gibt. Auf der Alm wurde schon mancher Träumer schnell auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. „Es kann immer was passieren und dann muss man seinen Mann beziehungsweise seine Frau stehen“, mahnt Eberhard. Es kam schon alles vor: Sennerinnen, die Angst vor Kühen haben, oder Almerer, die in der Abgeschiedenheit Panik beziehungsweise Heimweh und Zeitlang nach der Partnerin oder dem Partner bekommen haben.

„Auch bekommen wir sehr viele Anfragen von jungen Müttern, die ihren Kindern auf der Alm die Natur näherbringen wollen und sich das alles so einfach vorstellen. Doch ich rate wirklich jedem, der mit Kindern auf die Alm geht, dass noch mindestens eine Person dabei ist, die sich um die Kinder kümmert. Gerade bei kleineren Kindern und vor allem in Ausnahmesituationen, die jederzeit eintreten können, ist das unerlässlich. Das muss man alles vorher genau durchdenken“, rät Eberhard.

 

Almschnuppern ist ratsam

Auch AVO-Geschäftsführer Stöckl empfiehlt jedem Interessenten, sich vorher realistisch mit der Frage auseinanderzusetzen. Was erwartet man selbst und was wird von einem erwartet? Es sei auf jeden Fall ratsam, zunächst einen Almschnupperkurs mitzumachen, eine Zeit lang einer Sennerin bei der Arbeit zu helfen oder am Talbetrieb schon mal mit anzupacken, um die Bauern, das Vieh und die Gegebenheiten kennenzulernen. Ebenso gehören die organisatorischen Dinge im Vorfeld geklärt, wie Versicherungsschutz, Entlohnung (Mindestlohn gilt auch hier), Kost und Logis, genaue Tätigkeit und eine eventuelle Bewirtung von Gästen.

Ein Melkkurs oder Tierhaltungskurs an den einschlägig bekannten Einrichtungen kann auch nichts schaden. Und ohnehin würde sich für Neueinsteiger eine nicht so extreme Jungviehalm zum Start in die Almkarriere eher anbieten, macht Stöckl deutlich. Die Milchverarbeitung sei schließlich die Meisterklasse und noch mal ein ganz anderes Thema.

 

Der Traum vom Almsommer in Österreich oder Schweiz

Stall auf der Alm: Ein Mann mit blauer Kleidung und rotem Hut sitzt an einer Kuh und melkt sie per Hand an.

Auch eine Möglichkeit für Kinder als Kleinhirten in den Ferien auf die Alm zu gehen, sei im oberbayerischen Raum eher unüblich. Man arbeitet dann eng mit der Alpstellenvermittlung beim Alpwirtschaftlichen Verein im Allgäu zusammen. Aus Österreich und der Schweiz werden ebenfalls immer wieder Stellengesuche nach Bayern weitergegeben. Und mit etwas Glück könne sich der ein oder andere Senner sogar den Traum von einem ganz speziellen, wenn auch meist sehr arbeitsreichen und fordernden Almsommer im Ausland erfüllen.

Rund 5 bis 10 % schmeißen nach Erfahrungen des AVO wieder das Handtuch – aus verschiedensten Gründen: Krankheit, zwischenmenschliche Differenzen, Einsamkeit, Arbeitsbelastung oder auch schlechtes Wetter. „Viele werden aber auch zum Wiederholungstäter und hängen in darauffolgenden Jahren einen oder mehrere Sommer auf meist der gleichen Alm an“, berichtet Eberhard.

Sogar in der Coronazeit sei das jetzt so gewesen. Aus der Flut von Anfragen seien wirklich auch einige gestandene Almerer und Sennerinnen hervorgegangen. Was die Almstellenvermittlerin vom AVO natürlich besonders freut: „Und an jeden Bauern, der für nächstes Jahr neues Almpersonal sucht, kann ich nur appellieren, sich so früh wie möglich bei uns zu melden, damit wir eine gute Lösung für beide Seiten finden.“

 

Mit wenig auskommen

Auf der Alm: Eine mittelalte Frau steht hinter einem Bullen und füttert ihn aus einem Eimer.

Ihr Almexperiment gewagt oder „in die Alm neigschmeckt“, wie sie es selbst nennt, hat in diesem Sommer auch die Mentalbäuerin und Persönlichkeitstrainerin Elke Pelz-Thaller aus Reichertshofen. „Ich wollte mich mal auf das Wesentliche konzentrieren und schauen, mit wie wenig man auskommen kann“, schildert sie ihre ganz persönlichen Beweggründe. Dabei seien die acht Wochen in den Tegernseer Bergen für sie eine „Zeit der absoluten Essenz gewesen – eine Zeit, in der ich sehr viel über mich selbst gelernt habe“.

Die Natur gebe einem den Takt vor und man muss einfach bei jedem Wetter raus. Das Leben in der spartanischen Hütte ist meist alles andere als romantisch und oft fällt man abends einfach lieber k. o. ins Bett, als noch den Sonnenuntergang zu bestaunen. „Aber die schönen Momente gibt es zweifelsohne. Vor allem wenn es den Viechern gut geht, dann bin auch ich zufrieden“, sagt Elke Pelz-Thaller.

Sie würde Keinem empfehlen, auf die Alm zu gehen, wenn er nicht vorher in irgendeiner Form Erfahrungen dort gesammelt hat oder den Umgang mit Rindern gewohnt ist. „Die Natur richtet sich nicht nach dem Menschen, sondern sie verlangt einem sehr viel ab. Man muss sich ihr irgendwie ergeben. Aber wenn man das zulässt, dann lernt man wieder Demut im Leben und das kann sehr wertvoll sein“, betont die Mentalbäuerin, die mit ihrem Mann Hochlandrinder züchtet.

 

Stimmen aus der Praxis: Kein Platz für Selbstüberschätzung

Auf der Alm: Eine junge Frau mit weißem T-Shirt, blonden Haaren steht am Hang in den Bergen.

Silvia Häringer aus Weindorf (Lks. Garmisch-Partenkirchen): „An meine drei Almsommer erinnere ich mich gern zurück, als Sennerin in Berchtesgaden und im Raum Kitzbühel. Dort war ich jeweils für die Betreuung des Milchviehs und die Nachzucht zuständig. Ich wollte oben am Berg vor allem auch ein Stück Selbstständigkeit und Eigenverantwortung lernen. Außerdem habe ich mich sehr für das Melken und die Verarbeitung der Milch interessiert. Es ist schon erstaunlich, was man alles machen kann. Auf der Alm habe ich sehr viel gelernt. Der Alltag dort ist zwar sehr arbeitsam, aber man sieht am Ende des Tages auch, was man geschafft hat. Das macht einen ausgeglichener und zufriedener als im Tal.

Von den Leuten wird die Arbeit der Sennerinnen und Senner auch meist sehr angesehen, wenn man alles „sauber beinand hat“, es dem Vieh gut geht und der Käse was geworden ist. Das gibt einem Bestätigung. Nur am Ende des Sommers den Gästen zum hundertsten Mal dieselben Fragen zu beantworten, beispielsweise warum die einen Kühe keine Hörner haben und die anderen schon oder wo die Bieberl bei ihrer Mutter saufen, das ist dann schon mühselig. Aber es ist auch wichtig, denn es zeigt, wie weit weg die meisten Menschen inzwischen von der Landwirtschaft und der Natur eigentlich sind, auch wenn sie sich danach sehnen.“

Alm Senner: Zwischen Rindern steht der Senner. Er trägt kurze blaue Hosen, Hosenträger, ein rotes T-Shirt, einen langen Bart und einen Hut.

Markus Hartmann, Hinterreutte (Lks. Oberallgäu): „Bei uns ist die Alpwirtschaft seit Generationen Familien­angelegenheit. Ich bewirtschafte die Alpe Blösse oberhalb von Wertach nun den vierten Sommer als Alpmeister. 50 Hektar Weiden, auf denen 110 Stück Rindvieh und drei Rösser grasen, gilt es von Mai bis Ende September in Schuss zu halten. Das nimmt sehr viel Zeit in Anspruch und kostet Kraft. Bei uns hilft da die ganze Familie zusammen. Auf der Alp kann ich gut abschalten. Und ich genieße es, wenn ich mit meinen Kindern am Berg bin und versuche, ihnen wichtige Dinge fürs Leben zu vermitteln. Das geht drunten im Tal immer mehr verloren.

Leider nimmt auch die Wertschätzung für unsere Arbeit gefühlt ab. Viele sehen die Alp eben nur bei schönem Wetter. Das ist aber nur die eine Seite der Medaille. Es kann auch rau und unangenehm zugehen am Berg. Außerdem wollen die Menschen selbst hier oben nicht auf Luxus verzichten und meinen, ihnen gehört die Welt. Dass der Grund und Boden, auf dem sie sich bewegen, aber jemand anderem gehört, der ihn nutzen und nachhaltig erhalten will, stört die wenigsten, wenn sie beispielsweise mit dem Mountainbike querfeldein rasen. Da fällt es schwer, die Fassung zu bewahren. Die Alpen und Almen dürfen nicht zum Freizeitpark verkommen.“

Auf der Alm: Ein Porträt einer Frau im Stall.

Jennifer Brandl aus Markt Schwaben (Lks. Ebersberg): „Das Almleben ist für mich die ideale Ergänzung zu meiner eher sitzenden Tätigkeit an der LfL. Man sieht viele Dinge, die einen sonst routinemäßig beschäftigen, aus einem ganz anderen Blickwinkel. Es kommt mir vor, als stehe ich oben auf der Alm im wahrsten Sinne des Wortes über den Dingen. Das Melken, das Zäunen und die Tierkontrolle sind für mich ein Ausgleich, der mir Spaß macht und Freude zugleich. Vor acht Jahren hat mir mein erster Almsommer aus einem seelischen Tief geholfen. Auch wenn es wirklich vier herausfordernde und oft unangenehme Monate waren: Ich habe mich durchgebissen. Es folgten bis heute weitere sieben schöne und erlebnisreiche Teilzeit-Almsommer während meiner Urlaubszeit in der Wildschönau, die ich nicht missen möchte. Meinen Kollegen und Chefs bin ich sehr dankbar, dass sie mir diese Urlaubseinteilung ermöglichen.

Wer überlegt, auf die Alm zu gehen, der sollte sich über ein paar Grundfragen klar sein: Will ich eine Alm mit Bewirtung? Will ich melken? Will ich die Sache allein durchziehen oder im Team? Man sollte sich auch der Verantwortung bewusst sein, die man übernimmt, und das Ganze nicht als Experiment sehen. Oft erkennen Neulinge die Gefahren nur schwer und nur Erfahrene können sie richtig einschätzen. Selbstüberschätzung kann sehr schnell in einer Katastrophe für Mensch und Tier enden.“

 

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