Ausbildung

Ein Ziel für Beide

Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Donnerstag, 25.02.2021 - 08:08

Ärger zwischen Ausbilder und Lehrling gibt es immer wieder – aber oft lässt er sich vermeiden. Das Wochenblatt zeigt Konfliktsituationen in der Landwirtschaft auf und schlägt Lösungen für ein gutes Miteinander vor.

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Auf einen Blick

  • In der landwirtschaftlichen Ausbildung arbeiten Ausbilder und Lehrling sehr eng zusammen. Deshalb ist es wichtig, dass sie sich auch zwischenmenschlich gut verstehen.
  • Damit die Ausbildung harmonisch abläuft, müssen beide Seite etwas dazu beitragen.
  • Ausbilder sollten ihre Lehrlinge nicht überfordern und ihnen ausbildungsrelevante Aufgaben geben. Die Arbeitszeiten sind gesetzlich geregelt und werden nicht überschritten.

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Ausbildung

Eine Ausbildung ist ein Geben und ein Nehmen: Der Auszubildende möchte einen guten Ausbildungsbetrieb, auf dem er viel lernt. Gleichzeitig erhofft sich der Ausbilder einen Lehrling, der auf Zack ist und der ordentlich mit anpackt.

Beide Parteien haben also das gleiche Anliegen: eine konstruktive und harmonische Ausbildung. Deshalb liegt es auch an Ausbilder und Azubi, das Beste daraus zu machen.

„Die meisten Ausbildungsverhältnisse in der Landwirtschaft laufen völlig unproblematisch ab“, verdeutlicht Karl Huber, Bildungsberater am Landwirtschaftsamt Rosenheim. Manche jedoch nicht – es entstehen Konflikte.

Dann gilt laut Huber folgender Grundsatz: „Ich rate oft, dass man sich mal in die Lage des anderen hineinversetzen soll!“ Oft helfe es, die Perspektive zu wechseln und Verständnis für den anderen zu entwickeln.

1. Konfliktsituation – zu viel Arbeit, zu wenig Ausbildung

„Das häufigste Problem, das Auszubildende oder ihre Eltern an mich herantragen, ist: Die Lehrlinge müssen zu viel arbeiten. Darüber werden bestimmte Ausbildungsinhalte vernachlässigt“, erzählt der Bildungsberater und macht klar: „Die Arbeitszeit ist gesetzlich geregelt und muss eingehalten werden.“

Er appelliert an die Ausbilder, alle Ausbildungsinhalte zu vermitteln, die detailliert im Ausbildungsplan aufgelistet sind. Allerdings beleuchtet er auch den Hintergrund dieses Konfliktes: Industrie- oder Handwerksbetriebe bilden Lehrlinge meist aus, um sie später als qualifizierte Mitarbeiter einzustellen. Diesen Effekt gäbe es in der Landwirtschaft, speziell in Bayern, selten.

„Freilich bilden viele Landwirtschaftsmeister gerne aus“, betont Huber. „Sie sehen den Lehrling als Bereicherung für sich selbst und die Familie. Außerdem empfinden sie es als Ehre, ihr Wissen weiterzugeben.“ Gleichzeitig würden sich die Ausbilder aber auch eine Arbeitsleistung vom Azubi erhoffen. Das ist seiner Ansicht nach gerechtfertigt, solange es sich im gesetzlichen Rahmen bewegt.

Für Betriebsleiter ist es hilfreich, sich folgende Fakten vor Augen zu halten:

  • Die Zahl der Jugendlichen, die sich für eine landwirtschaftliche Ausbildung entscheiden, sinkt.
  • Immer mehr Auszubildende haben keinen landwirtschaftlichen Hintergrund mehr.
  • Freizeit hat heute für junge Menschen einen viel höheren Stellenwert als früher.

Wer einen guten Lehrling möchte, sollte ihm deshalb einen attraktiven Ausbildungsplatz samt angepasster Arbeitszeit bieten. Aussagen wie „so viel hat man in der Landwirtschaft schon immer gearbeitet“ oder „ich musste während meiner Ausbildung auch jedes Wochenende arbeiten“ sind nicht mehr zeitgemäß.

2. Konfliktsituation – Ausbilder und Lehrling kommen zwischenmenschlich nicht klar

Es gibt eine weitere Besonderheit der landwirtschaftlichen Ausbildung – während in größeren Handwerksbetrieben mehrere Meister für die Lehrlinge zuständig sind, gibt es in der Landwirtschaft pro Lehrling einen Ausbilder. „Wenn man sich nicht versteht, wird es wirklich schwierig“, verdeutlicht der Bildungsberater.

Dazu kommt, dass in vielen Fällen der Lehrling zusammen mit der Betriebsleiterfamilie auf dem Hof lebt. „Dadurch entsteht ein sehr intensives Miteinander“, skizziert er die Situation.

„Oft entstehen Konflikte nicht, weil der Ausbilder schlecht oder der Auszubildene faul ist, sondern weil die beiden einfach nicht gut miteinander können“, schildert Huber seine Erfahrungen. Das werde häufig unterschätzt. Er rät deshalb beiden Seiten, sich bei einer dreitägigen Probearbeit kennenzulernen. Empfehlenswert ist außerdem: „Der Jugendliche sollte beim Probearbeiten auf dem Hof schlafen. Bei gemeinschaftlichen Situationen wie beim Abendessen merken beide Seiten recht schnell, ob sie sich verstehen oder nicht.“

3. Konfliktsituation – fehlende Kommunikation

Zu Konflikten führt vielfach auch, dass Probleme mit zu wenig Einfühlungsvermögen oder gar nicht besprochen werden. Ein Beispiel: Der Azubi kommt oft ein paar Minuten zu spät zur Arbeit, er denkt sich nichts dabei. Der Betriebsleiter legt hingegen Wert auf Pünktlichkeit. Er ist durch die Unpünktlichkeit genervt, spricht sein Problem aber nicht an.

Häufig passiert folgendes: Nach einiger Zeit ist der Ausbilder von der Unpünktlichkeit so genervt, dass er seinem Lehrling mit einer negativen Grundstimmung begegnet. Er findet weitere schlechte Eigenschaften am Auszubildenden, alles schaukelt sich hoch.

Freilich ist es nie angenehm, ein Problem anzusprechen. Wenn man sich überwindet, es richtig angeht und das Gegenüber die Kritik annimmt, ist das allerdings ein großer Gewinn für beide Seiten. Der Bildungsberater formuliert es so: „Es geht in einem solchen Gespräch nicht darum, einen Schuldigen zu finden, sondern gemeinsam die Lösung für ein Problem zu finden.“
So gelingt ein konstruktives Gespräch:
  • Erkennen, worin das eigentliche Problem liegt.
  • Zeitnah einen passenden Zeitpunkt für das Gespräch finden. Ein besonders stressiger Tag eignet sich weniger gut.
  • Ruhig und höflich bleiben, wenn man das Anliegen anspricht, nicht laut werden. Die Sache ansprechen. Zum Beispiel: „Mir ist Pünktlichkeit wichtig. Bitte achte darauf, dass Du jeden Tag pünktlich um 8 Uhr zur Arbeit erscheinst.“
  • Nicht emotional werden und den Anderen auf keinen Fall persönlich angreifen. Negativ-Beispiel: „Du kommst immer zu spät, das regt mich wahnsinnig auf! Außerdem bist du insgesamt ein ziemlich fauler Kerl!“
  • Auf sachliche Kritik nicht beleidigt reagieren. Das gilt für Lehrling und Ausbilder gleichermaßen und fällt oft nicht leicht. Aber man darf sich eingestehen, dass man nicht perfekt ist und etwas besser machen kann.
  • Am Ende des Gesprächs sollte eine konkrete Vereinbarung stehen, mit der beide Seiten einverstanden sind. An diese hält man sich in Zukunft auch.
Ist der Konflikt schon fortgeschritten, hilft manchmal ein neutraler Blick von außen. „Wir Bildungsberater kommen zu einem Gesprächstermin auf den Betrieb und versuchen zu vermitteln“, erklärt Huber. Ist der Lehrling minderjährig, sei es in Ordnung, wenn die Eltern bei einem Gespräch mit dabei sind. Auch für sie gilt: Kritik sachlich formulieren, nicht emotional werden. Und was tun, wenn man überhaupt nicht mehr miteinander klarkommt? „Ich sehe es auch als Lösung an, dass der Auszubildende den Betrieb wechselt, wenn das möglich ist“, betont der Bildungsberater (siehe Kasten).

4. Konfliktsituation – der Lehrling verrichtet manche Arbeiten unmotiviert oder macht Fehler

Berichtsheft

Besonders am Anfang der Ausbildung wird Lehrlingen häufig Arbeiten aufgetragen, für die man keine tiefe Fachkenntnis oder Übung braucht. Dazu zählen Ausmisten oder den Hof kehren. Azubis empfinden das manchmal als lästig, doch auch diese Routinearbeiten sind konsequent und zuverlässig zu erledigen.

Huber empfiehlt den Ausbildern dazu: „Es gibt keine Arbeit, die nur der Lehrling verrichten muss, er aber nicht.“ Das sorge für weniger Frust bei den Auszubildenden.

Auch sonst gilt: Der Azubi hat sich für seine Ausbildung entschieden, wird bezahlt und arbeitet deshalb motiviert auf dem Betrieb mit. Zum guten Ton gehören Pünktlichkeit, Sorgfalt und Zuverlässigkeit. Ein aktuelles und ordentlich geführtes Berichtsheft zählt ebenfalls zu seinen Aufgaben, es dient als Tätigkeitsnachweis.

Es muss Vertrauen da sein, um Fehler zuzugeben

Unverzichtbar für eine gute Zusammenarbeit ist Ehrlichkeit. „Wenn der Lehrling einen Fehler gemacht oder sogar etwas beschädigt hat, sollte er das sofort ansprechen“, rät der Bildungsberater. Nicht angebracht ist, in einem solchen Fall Ausreden zu erfinden. Huber betont aber auch: „Die Grundvoraussetzung dafür, dass sich der Lehrling traut, so etwas gleich anzusprechen, ist: Er vertraut dem Ausbilder.“ Tipp für die Azubis: Wenn man eine Anweisung nicht verstanden hat, lieber einmal zu viel als einmal zu wenig nachfragen. So vermeidet man Fehler.
In manchen Fällen arbeitet der Lehrling über längere Zeit nachlässig. Dann sollte sich der Betriebsleiter fragen, ob der Auszubildende nicht vielleicht mit seinen Aufgaben überfordert ist – nicht alle können das Gleiche gleich gut. Der Bildungsberater verdeutlicht: „Manche Lehrlinge lernen schnell und sind belastbarer, andere brauchen etwas länger, um Tätigkeiten zu begreifen und auszuführen.“ Es ist wichtig, dass man die Ausbildung an die Persönlichkeit und das Leistungsvermögen des Azubis anpasst. Am besten einfühlsam: Wenig hilfreich ist, dem Lehrling zu sagen, dass sein Vorgänger viel besser war als er.

Fazit

„Wo Menschen sind, da menschelt es“ – dieser Ausspruch trifft natürlich auch auf die landwirtschaftliche Ausbildung zu. Es ist völlig normal, dass durch die enge Zusammenarbeit und das Zusammenleben auf einem Betrieb im täglichen Miteinander hin und wieder Probleme entstehen.

Doch es sollte im Interesse jedes Ausbilders und jedes Lehrlings liegen, diese möglichst schnell und zum gemeinsamen Wohl zu lösen. Dann fällt beiden Seiten nicht nur das Nehmen leicht, sondern auch das Geben.

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Die letzte Lösung: Den Betrieb wechseln

Viele Konfliktsituationen zwischen Ausbilder und Auszubildendem in der Landwirtschaft lassen sich lösen – manche jedoch auch nicht. „Wenn das gegenseitige Vertrauen nicht mehr da ist, wenn man nicht mehr in einem normalen Ton miteinander sprechen kann, ist es besser, wenn der Lehrling den Betrieb wechselt“, betont Bildungsberater Karl Huber vom Landwirtschaftsamt Rosenheim.

Er und seine Kollegen stehen bei diesem Schritt beratend zur Seite. Weitere Anzeichen, die darauf hindeuten, dass ein Wechsel vielleicht besser sein könnte, sind: Der Lehrling muss sich nach den Wochenenden immer überwinden, wieder auf den Betrieb zu fahren. Oder der Betriebsleiter hat kein gutes Gefühl mehr dabei, dem Auszubildenden die Verantwortung für Tiere oder Maschinen zu übertragen.

„Beendet man das Ausbildungsverhältnis, muss das nicht unbedingt heißen, dass Ausbilder oder Lehrling gravierende Fehler gemacht haben“, betont Huber. „Manchmal passen zwei Persönlichkeiten einfach nicht zusammen und es ist sinnvoller, eine andere Lösung zu finden“.

  • Für einen Betriebswechsel ist es notwendig, sich bei dem zuständigen Bildungsberater nach freien Ausbildungstellen zu erkundigen. Man kann sich aber auch selbstständig auf die Suche machen.
  • Verhältnismäßig einfach ist es, das Ausbildungsverhältnis noch während der Probezeit zu beenden. Dies ist von beiden Seiten schriftlich, aber ohne Angabe von Gründen möglich.

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