Ausbildung Landwirtschaft

Winterschule auch im Sommer

Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Donnerstag, 28.10.2021 - 16:40

An zwei Landwirtschaftsschulen in Bayern läuft ein Versuch: Die Fortbildung zum Wirtschafter gibt es dort klassisch in Wintersemestern in Teilzeitform, aber auch in Vollzeit. Was daran besonders ist? Schulleiter erklären die neuen Chancen.

Schulversuch-Zeitlicher-Ablauf: Grafik in roten Farben

Nach der Ausbildung zum Landwirt, zur Landwirtin geht man auf die „Winterschule“. So der landläufige Name der Landwirtschaftsschule, an der man den Titel „Wirtschafter für Landbau“ erwerben kann. Dort erwartet junge Landwirtinnen und Landwirte seit einem Jahr etwas Neues: Ein Schulversuch, der angehenden Betriebsleitern bestmögliche Bildung an die Hand geben will. In Weiden läuft der Versuch in Teilzeit, in Kaufbeuren in Vollzeit, jeweils in engem Kontakt mit einer Höheren Landbauschule (HLS).

Angestoßen wurde der Schulversuch vom Referat für Bildung und Schulwesen in der Agrarwirtschaft (A3) im bayerischen Landwirtschaftsministerium. Doch was genau ist nun neu am Schulversuch?

Ein Jahr Zeitersparnis:

Es ist erstmals möglich, die Fortbildungen „Wirtschafter für Landbau“ an der Landwirtschaftsschule und den „Agrarbetriebswirt“ an der HLS zusammen in drei anstatt in vier Jahren zu absolvieren. Man kann die Fortbildung – in Teilzeit und in Vollzeit – auch nach zwei Jahren mit dem Wirtschafter abschließen (früher drei) oder noch über Module oder die HLS den Meister dranhängen. Die Zeitersparnis kommt in der Teilzeitform dadurch, dass ein Praxisjahr vor der Landwirtschaftsschule nicht mehr verpflichtend ist. 

Dr. Michael Karrer, Leiter des Referates A3 beim Landwirtschaftsministerium ordnet ein: „Unsere Empfehlung ist ganz klar, ein Jahr Praxis davor zu absolvieren. Trotzdem bieten wir für junge Landwirte diese Möglichkeit. In der Vollzeitform bleibt das Praxisjahr verpflichtend.“

In Teilzeit oder in Vollzeit:

Für viele junge Landwirte ist das Modell der Landwirtschaftsschule in Teilzeit optimal: Im Winter sind sie an der Schule, im Sommer können sie auf dem eigenen Betrieb arbeiten. Im Schulversuch gibt es eine zweite Variante: Das Vollzeit-Modell, bei dem man kompakt am Stück zehn Monate die Schule besucht. Dr. Paul Dosch, Leiter der Landwirtschaftsschule in Kaufbeuren, zeigt die Vorteile auf: „Das Vollzeit-Modell gibt den Studierenden die Möglichkeit, während der Schulzeit fast die ganze Vegetationsperiode auf Praxisschlägen zu verfolgen. Sie können das Wachstum der Bestände und die Bestandsführung mit den Praktikern diskutieren.“ Ein Pluspunkt sei auch, dass sich die Studierenden hier nach der sommerlichen Praxis nicht wieder neu ins Lernen reindenken müssen.

Schulinhalte optimiert: 

Die Inhalte der Landwirtschaftsschule und der HLS wurden für den Versuch in Teil- und Vollzeit stärker miteinander verzahnt. „In der Landwirtschaftsschule legen wir die Schwerpunkte verstärkt auf die Produktionstechnik, die Analyse und Reflexion des eigenen Betriebes sowie die Persönlichkeitsbildung“, erklärt Reinhold Witt, Leiter der Landwirtschaftsschule in Weiden. „Wir haben mehr Zeit, den Studierenden eine ausführliche Rückmeldung zu ihrer Wirtschafterarbeit zu geben und diese gemeinsam mit ihnen zu reflektieren.“

Erst in der HLS behandeln die Studierenden schließlich intensiv Möglichkeiten, den eigenen Betrieb weiterzuentwickeln. Hier wird vor allem betriebswirtschaftliches Wissen vertieft, begleitet durch interessante Lehrfahrten und der Möglichkeit der Spezialisierung. Besonders schätzen die Studierenden, dass an der HLS Kontakte mit Berufskollegen aus ganz Bayern entstehen, die über viele Jahre halten. Auch ohne den empfohlenen Besuch der HLS kann man die Meisterfortbildung im Rahmen von Meistermodulen machen. Im sogenannten Profimodul können Betriebsleiter spezielle Fertigkeiten, wie Herdenmanagement im Milchvieh- oder Schweinezuchtbereich vertiefen.

Noch näher an der Praxis:

Die Schulleiter betonen, dass bei dem Schulversuch – in Teil- und Vollzeit – besonders viel Wert auf die Verbindung von Theorie und Praxis gelegt wird. Das bedeutet: Zur Vertiefung der Produktionstechnik im Pflanzenbau und in der Tierhaltung gibt es mehr Austausch mit Betriebsleitern, mehr Betriebsbesuche und Exkursionen. Auch der Austausch mit Studierenden und Absolventen der HLS ist intensiviert.

 

Erfahrungen aus dem Schulversuch

Nikolai-Rupprecht Porträt

Nikolai Rupprecht, 22 Jahre aus Theisseil (Lks. Neustadt a. d. Waldnaab):

„Ich nehme am Teilzeit-Schulversuch an der Landwirtschaftsschule in Weiden teil. Das erste Semester lief für uns durch die Corona-Pandemie leider nicht so wie geplant. Es sind viele Projekte ausgefallen und wir waren hauptsächlich im Homeoffice. Der tierische und pflanzliche Fachunterricht war aber meistens interessant. Außerdem haben Praktiker Vorträge gehalten, auch online. Im Sommersemester konnten wir an einigen Schultagen interessante Betriebe besichtigen. Das war echt gut! Mein Plan ist, nach der Landwirtschaftsschule weiter auf die HLS zu gehen.

Es fällt mir schwer, den Schulversuch zu beurteilen, weil ich keinen Vergleich habe. Ich finde es aber nicht so gut, dass das Praxisjahr vor der Landwirtschaftsschule nicht mehr verpflichtend ist. Ich habe in dem Praxisjahr viel gelernt, unter anderem einen Besamungskurs gemacht. Mein Eindruck ist auch, dass einem die Fortbildung noch mal mehr bringt, wenn man davor schon Arbeitserfahrung gesammelt hat. Man kann dann auf einem ganz anderen Niveau mit den anderen Studierenden oder mit Lehrern diskutieren.“

Stefan-Riedler Porträt

Stefan Riedler, 21 Jahre aus Stöttwang (Lks. Ostallgäu):

„Ich habe mich für den Schulversuch in Vollzeit an der Landwirtschaftsschule in Kaufbeuren entschieden. Mich wundert es, dass man bisher noch nicht auf die Idee gekommen ist, die Schule in Vollzeit anzubieten. Ich habe mir schon länger überlegt, ob ich diese Fortbildung machen soll, aber erst die Vollzeit-Form passt für mich perfekt! Ich bin hier nach einem Jahr fertig, das ist ein überschaubarer Zeitraum, den ich betrieblich besser planen kann. Gut finde ich auch, dass man so keine Pausen zwischen der Schulzeit hat. Inhaltlich kann ich noch nicht viel dazu sagen, weil das Semester erst angefangen hat, aber ich freue mich schon auf die Betriebsbesichtigungen und die praktischen Anteile. Ich werde nach der Landwirtschaftsschule den Meister machen. Gerade in der heutigen Zeit, in der die Landwirtschaft in der Gesellschaft sehr kritisch gesehen wird, ist für uns Landwirte eine Fortbildung wichtig. Außerdem kann ich mit dem Meister die Ausbildereignung machen und auch selbst ausbilden, was mir wichtig ist.“

 

Zeitliche Abläufe der Schulversuche in einer Grafik

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