Erziehung

Tischmanieren: Über Brei, Besteck und gutes Benehmen

Sophia Gottschaller Portrait 2019
Sophia Gottschaller
am Montag, 29.06.2020 - 07:42

Von den Römern in der Antike über den Adel im Mittelalter bis zu Knigge: Wie unsere Tischmanieren entstanden sind, ist eine komplizierte Geschichte. Bezirksheimatpflegerin Dr. Andrea Kluxen erklärt sie.

Portrait

Wochenblatt: Zum Leidwesen vieler Kinder sind uns Tischmanieren nicht angeboren, sondern wir müssen sie lernen. Was bringen sie unserer Gesellschaft?

Kluxen: Miteinander zu essen hatte früher wie heute eine gemeinschaftsbildende Funktion. Es stärkt das soziale Miteinander. Dabei ist es eine Frage des Respekts und der Wertschätzung für mein Gegenüber, wie ich mich benehme. Besonders an den Tafeln der Fürsten-, Königs- oder Kaiserhöfe gab es seit dem Mittelalter offizielle Zeremonien, die nach einer bestimmten Art abzulaufen hatten. Im Frühmittelalter galt das gemeinsame Essen sogar als förmlicher Teil von Vertragsabschlüssen. Es handelte sich also um ein Ritual, um etwas zu bestätigen.

Wochenblatt: Haben die Regeln bei Tisch auch einen praktischen Nutzen?

Kluxen: Ja, vor allem die grundlegenden Tischmanieren sind vorrangig praktisch: Man spricht nicht mit vollem Mund, damit man gut zu verstehen ist und nicht mit Essen spuckt. Oder wenn man das Essen mit Messer und Gabel zerkleinert, hilft das dabei, dass man schneller wieder reden kann, wenn man angesprochen wird. Außerdem ist zerkleinertes Essen bekömmlicher. Das Messer leckt man nicht ab, um sich nicht in die Zunge zu schneiden – es war früher viel schärfer und oben spitz. Es gibt allerdings auch bestimmte Manieren, die keinen wirklich praktischen Nutzen haben, sondern höflich sind. Dazu zählt, dass man die Ellenbogen nicht auf dem Tisch abstützt oder den Teller nicht ableckt.

Wochenblatt: Wer hat unsere heutigen Tischmanieren eingeführt?

Kluxen: Das war eine Entwicklung über Jahrhunderte. Bereits in der Antike bei den Römern oder im alten Ägypten gab es eine bestimmte Etikette bei Tisch. Hierzulande scherte sich selbst noch im Frühmittelalter kaum jemand um Manieren, weil die breite Bevölkerung nur wenig zu essen hatte und Essen teuer war. Im Mittelalter mussten Menschen noch etwa 80 Prozent ihres Einkommens für Essen und Trinken ausgeben. Wer hungert, denkt nicht an Manieren, sondern nur daran, überhaupt etwas auf den Tisch zu bekommen. Erst im Hochmittelalter, also etwa um 1200, wurden bei uns das erste Mal Tischsitten beschrieben und damit standardisiert. Diese Entwicklung ging von Klöstern sowie Fürsten-, Königs- oder Kaiserhöfen aus. Weiter verfeinert wurden die Manieren bei Tisch zuerst im wohlhabenderen Königreich Burgund in Frankreich und Italien. Von dort verbreiteten sie sich über familiäre Beziehungen, Kirche, Reisende und Dichter in Spätmittelalter und Frühneuzeit in ganz Europa.

Wochenblatt: Gab es noch andere Faktoren, die die Entwicklung beeinflusst haben?

Kluxen: Etwa um 1100 bewirtschafteten Bauern bei uns ihre Flächen zunehmend nach der Dreifelderwirtschaft. Es gab zwar immer noch Hungersnöte, aber durch die veränderte Wirtschaftsweise grundsätzlich eine größere Versorgungssicherheit. In der Folge konnte man sich mehr mit den Umgangsformen beschäftigen. Ein weiterer Faktor war die Verstädterung. Weil immer mehr Menschen dicht beieinander auf wenig Platz lebten, waren in Städten andere Umgangsformen gefragt als auf dem Land. In der gleichen Zeit wurde es in Adelskreisen üblich, dass Frauen mit am Tisch saßen. Auch diese Tatsache hatte Einfluss darauf, dass man sich Gedanken über den Umgang miteinander gemacht hat. Schließlich wurde im Jahr 1356 sogar das offizielle Tafelzeremoniell bei der Kaiserkrönung in der Goldenen Bulle festgehalten. Das war das kaiserliche Gesetzbuch, in dem die wichtigsten Grundgesetze des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation niedergeschrieben wurden.

Wochenblatt: Der deutsche Schriftsteller Adolph Knigge wird oft in einem Atemzug mit dem Thema Tischmanieren genannt. Welchen Anteil hat er daran?

Kluxen: Adolph Knigge selbst hat tatsächlich überhaupt nichts über Tischmanieren geschrieben. Sein ursprüngliches, aufgeklärtes Werk aus dem Jahr 1788 heißt „Über den Umgang mit Menschen“, es wird heute einfach Knigge genannt. Er behandelt darin das soziale Miteinander von Menschen. Seine Aussagen wurden später umgedeutet und das Buch von anderen Autoren um „Benimmregeln“ wie Tischmanieren ergänzt. Inzwischen wird das Buch alle zehn Jahre neu aufgelegt und um neue Verhaltensregeln erweitert. Bei uns war der Nürnberger Dichter Georg Philipp Harsdörffer (1607 – 1658) für die Verbreitung der Tischmanieren außerhalb des Adels verantwortlich.

Wochenblatt: Einige unserer heutigen Tischmanieren beziehen sich auf den Umgang mit Besteck. Welchen Stellenwert hatte es früher?

Kluxen: Besteck kam bei uns erst nach und nach, im Mittelalter wurde noch mit den Händen gegessen. Durch die Entwicklung des Mundzeugs, wie man Besteck damals nannte, entstanden viele Tischmanieren. Das lange einzige Mundzeug neben dem Messer war der Löffel. Er bestand vielfach aus Holz und war ein wertvolles Besitztum, besonders für Menschen, die unterwegs waren. Besteck war früher sehr teuer, deshalb war es bis ins 18. Jahrhundert hinein üblich, dass Gäste ihr Mundzeug selbst mitbrachten. Daher stammt auch der Ausdruck „Den Löffel abgeben“. Seinen Löffel gab nur der ab, der ihn nicht mehr brauchte, der also tot war.

Wochenblatt: Heute ist das kaum vorstellbar, dass man alles mit dem Löffel isst. Was wurde damals aufgetischt?

Kluxen: In bäuerlichen Kreisen war die Hauptmahlzeit lange Zeit Brei aus Getreide oder Gemüse. Selten gab es Fleisch, und das in der Regel nur zu Feiertagen. Die Familie aß den Brei mit den Löffeln aus einer großen Holzschüssel. Bei Hofe gab es mehr Fleisch – dafür brauchte man ein Messer. Messer hatten immer eine Spitze, damit man nicht nur schneiden, sondern die Fleischstücke auch gleich aufspießen konnte.

Wochenblatt: Und wann kam die Gabel dazu?

Kluxen: Die Gabel wurde bei uns erst spät Bestandteil des Bestecks. Erstmal gab es keine Speisen, für die man sie gebraucht hätte. Bei Hof tranchierten Bedienstete das Fleisch, sie schnitten es also vor. In bürgerlichen Kreisen oder bei wohlhabenden Bauern war dies die Aufgabe des Hausherrn. Die Fleischstücke konnte man dann wieder mit dem Messer aufspießen. Die Gabel war noch im 16. Jahrhundert ein Luxussymbol, das aus Frankreich und Italien zu uns kam. Der Adel nahm sie zunächst nur für Obst und Konfekt. Erst im 18. Jahrhundert aß man mit der Gabel andere Speisen. Verbreitet wurde die Gabel erst mit Beginn der Industriellen Revolution im 19. Jahrhundert, als Gabeln billiger produziert werden konnten. Das einfache Volk hat zum Teil noch bis ins 20. Jahrhundert mit Löffeln aus der Schüssel gegessen, weil sich kaum jemand Messer und Gabeln für die große Familie leisten konnte. Durch die Benutzung der Gabel hat sich im 18. Jahrhundert übrigens die Form des Messers geändert: Man brauchte es nicht mehr, um Essen aufzuspießen, deshalb wurde die Spitze abgerundet.

Wochenblatt: Also hatten vor allem die Nahrungsmittel, die den Menschen zur Verfügung standen, Einfluss auf die Verwendung von Besteck?

Kluxen: Genau. Prägend für die Essenskultur auf dem Land war auch der sogenannte Sparherd, der im 19. Jahrhundert mit der Industrialisierung kam. Vorher kochte die Landbevölkerung ihren Brei in einem Kessel auf einer einfachen Feuerstelle. Der Sparherd hingegen hatte ein geschlossenes Feuerrohr mit Aschefänger, daneben befand sich das Bratrohr. Auf der gusseisernen Herdplatte konnten Speisen gewärmt oder gekocht werden. Durch Herdringe konnte man die Kochlöcher an die Töpfe anpassen, was den Wärmeverlust minimierte. Dieser Herd machte es möglich, mehrere Gerichte gleichzeitig zu kochen. Die verschiedenen Speisen auf dem Teller konnte man besser mit Messer und Gabel, als mit dem Löffel essen.

Wochenblatt: Neben seiner klassischen Funktion hat Besteck auch eine Symbolwirkung: Man kann zeigen, ob man noch isst oder schon fertig ist. Wie ist das entstanden?

Kluxen: Wenn es an adeligen Höfen ein Festmahl gab, zeigte man anhand des Bestecks, ob die Diener abräumen durften. Gekreuztes Besteck bedeutete: Man isst noch weiter. Lagen Messer und Gabel parallel mit den Griffen nach rechts, war man fertig. Auch für die Herrscher war das ein wichtiges Zeichen, denn bei Hof war das Mahl für die Gäste beendet, sobald der Herrscher aufgegessen hatte. Viele Herrscher ließen deshalb bewusst etwas auf ihren Tellern liegen und kreuzten das Besteck. Kaiser Wilhelm II. oder Napoleon hatten dagegen kein Erbarmen mit ihrem Hofstaat: Sie haben sehr schnell aufgegessen. Meines Wissens nach gilt dieser Brauch auch heute noch, zum Beispiel am Englischen Hof: Sobald Queen Elisabeth II. den Teller geleert hat, ist das Mahl beendet.

Wochenblatt: Durch das Essen mit Besteck ging es bei Tisch sicher auch appetitlicher zu oder?

Kluxen: Ja, im Mittelalter war es noch gängig, sich nach dem Essen die fettigen Finger an der Kleidung abzuwischen. Später nutzte man dafür das Tischtuch, um die Kleider zu schonen. In Italien gab es bereits im 15. Jahrhundert Servietten. Bei uns verbreiteten sie sich zuerst wieder in Adelskreisen als Statussymbol, denn sie waren eine zusätzliche, teure Anschaffung. Das Entfalten der kunstvoll gestalteten Mundtücher nannte man Serviettenbrechen.

Wochenblatt: Sind in anderen Kulturkreisen andere Tischmanieren üblich?

Kluxen: In asiatischen Ländern isst man hauptsächlich mit Stäbchen. Das hängt mit der dortigen Küche zusammen: Die Speisen werden aus Schüsseln gegessen, es ist alles schon stark zerkleinert, außerdem gibt es viele Suppen. Auch im Benehmen am Tisch gibt es Unterschiede: Bei uns ist dezentes Schnäuzen in Ordnung, in China ist das sehr verpönt. Rülpsen oder Schlürfen bei Tisch – was hierzulande noch in der Renaissance üblich war – wird dort auch heute noch als normal wahrgenommen.

Wochenblatt: Haben sich unsere Tischmanieren in den letzten Jahrzehnten verändert?

Kluxen: Im Grunde sind die Tischmanieren seit dem 17./18. Jahrhundert bis heute relativ stabil geblieben. Man kann beobachten, dass sie nicht mehr ganz so penibel eingehalten werden. Ein Beispiel: Immer mehr Leute stützen beim Essen die Ellenbogen auf den Tisch auf. Was sich deutlich verändert hat, ist unsere Essenskultur. Das Essen to-go, also ein Döner oder Sandwich auf die Hand, wird immer populärer. Das ist allerdings ein sehr deutsches Phänomen, das in anderen europäischen Ländern nicht so verbreitet ist. Ein solches Essen dient oft dazu, schnell seinen Hunger zwischendurch stillen. Lädt man dagegen bewusst Freunde zum Essen ein oder isst im Kreise der Familie, sucht man das Gemeinschaftserlebnis. Hier haben Tischmanieren und damit der respektvolle Umgang miteinander immer noch einen hohen Stellenwert.