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Die Jugend packt an

Mit Technik und Verstand erfolgreich als Forstwirtin

AntoniaHegele-Forstwirtschaftsmeisterin: Eine junge Frau mit langen geflochtenen Haaren steht vor einem Berg gefällter Baumstämme. Sie trägt Arbeitskleidung für die Forstarbeit und schultert lässig eine Motorsäge auf ihrer rechten Schulter.
Anja Kersten
am Mittwoch, 22.06.2022 - 14:10

Antonia Hegele ist die erste Forstwirtin in Bayern, die auch die Meisterprüfung ablegte. Im Interview erzählt sie von ihrem Alltag und ihren Herausforderungen.

Ein anstrengender Arbeitstag im Wald ist Antonia Hegele lieber als ein Tag im Büro. Sie ist Forstwirtin mit Leidenschaft und gleicht fehlende Körperstärke durch Technik und Verstand aus. Damit ist sie einigen männlichen Kollegen weit voraus und setzt sich erfolgreich in einer Männerdomäne durch.

Du bist die erste bayerische Forstwirtschaftsmeisterin. Hast du es als Frau in einem Männerberuf schwer?

Schwer würde ich nicht sagen. Aber ich habe schon gemerkt, dass die Männer sich erst mal fragen, ob ich überhaupt was drauf habe. Da musste ich mich erst beweisen. Ich wollte in meiner Ausbildung und meiner Fortbildung zur Forstwirtschaftsmeisterin einfach zeigen, dass sowohl Frauen als auch Männer in diesem Beruf gut sein können. Ich bin zwar die erste Forstwirtschaftsmeisterin in Bayern, aber mit mir haben drei andere Frauen die Ausbildung gemacht. Meine Kollegen haben sich stets bemüht, mir etwas beizubringen und zu zeigen. Das ist vielleicht auch meine Stärke, dass ich mir eher was sagen lassen und Ratschläge und Tipps leichter annehme als die Jungs.

Körperlich anstrengend ist der Beruf der Forstwirtin aber bestimmt?

Das schon, aber man geht nicht am ersten Tag der Ausbildung in den Wald, hantiert mit der Motorsäge und fällt einen Baum. Man steigert sich allmählich. Ich habe vor meiner Ausbildung noch nie eine Motorsäge in der Hand gehabt. Man baut ganz allmählich Kraft auf. Das ist wie ein Ausdauertraining. Außerdem lernt man, ergonomisch zu arbeiten. Das spart Kraft. Für mich ist es mittlerweile anstrengender, einen ganzen Tag an einer Schulung in einem geschlossenen Raum teilzunehmen. Aber man sollte als Forstwirtin natürlich die körperliche Arbeit mögen, eine gewisse körperliche Fitness mitbringen, wetterfest und nicht zimperlich sein sowie Freude am Wald und der Natur haben. Mich hält der Wald gesund. Einen Arzt habe ich schon lange nicht mehr gebraucht.

Steckbrief

AntoniaHegele-Fortswirtschaftsmeisterin: Eine junge Frau steht vor einem Berg gefällter Baumstämme. Sie trägt Arbeitskleidung für Forstarbeit. Stützt auf ihren rechten Schuh eine Motorsäge. Hat in der anderen Hand ein Holztablet auf dem zwei Igel herausgeschnitzt wurden.

Wie heißt Du? Antonia Hegele.

Wie alt bist Du? Ich bin 24 Jahre alt.

Was treibst Du? Ich bin die erste Forstwirtschaftsmeisterin in Bayern. Momentan arbeite ich bei den bayerischen Staatsforsten in einem Forstbetrieb in Zusmarshausen.

Woher kommt Du? Ich komme aus Altenmünster (Lks. Augsburg).

Was fasziniert dich an deinem Beruf?

Es ist immer wieder ein aufregender Moment, wenn ein Baum zu Boden fällt. Man berechnet zwar vorher immer ganz genau die Fällrichtung, aber wenn er dann zielgenau fällt, ist das jedes Mal toll. Jeder Baum ist anders und die schlimmsten Unfälle passieren gerade bei den schwächsten Bäumen, wenn man den Respekt vor der Fällung verliert. Egal, welchen Baum man fällt, man muss konzentriert sein und darf keinesfalls in Hektik verfallen. Die Technik wie Seilwinde oder ein funkgesteuerter Fällkeil minimieren zwar die Gefahren, aber auch diese Geräte müssen richtig eingesetzt werden. Wie diese Arbeitsgeräte, aber auch Motorsäge, Freischneider und Greifzug funktionieren, lernt man in der Ausbildung.

Welche Tätigkeiten gehören zu den Aufgaben einer Forstwirtin?

Eine der Hauptaufgaben einer Forstwirtin ist die Holzernte. Wir ernten den Wald und sorgen für neuen Wald. Daneben führen wir die Jugendpflege und Käferkontrolle durch, richten den Wald für die Jagd her und errichten Zäune sowie Einzelschutz. Das wichtigste für mich ist bei meiner Arbeit, dass ich sehe, was ich den Tag über gemacht habe. Das macht mich sehr zufrieden.

Gibt es auch etwas, das Du an Deinem Beruf nicht so magst?

Meinen Beruf mag ich, was mich aber nervt, sind die Hinterlassenschaften von Spaziergängern und Hundebesitzern, angefangen von Hundekotbeuteln über Papiertaschentücher bis hin zu Flaschen. Jeden Tag finden wir diese Dinge im Wald. Ich war Anfang des Jahres an einen Forstbetrieb in München als Einsatzleiterin abgeordnet. Da wurden wir bei Fällarbeiten immer wieder mal von Spaziergängern beschimpft, wir würden den Wald zerstören. Selbst als ich den Leuten erklärt habe, dass ein Baum nur wachsen kann, wenn er genügend Licht hat und wir Bäume entnehmen müssen, dass der Bestand vital und stabil ist, wollten sie es einfach nicht hören. Wir Forstleute zerstören nicht den Wald, wir bewirtschaften ihn fachgerecht. Genauso wenig wollen die Leute verstehen, dass Holz ein nachwachsender Rohstoff ist und schon immer als Baustoff und Energiequelle genutzt wird. Deshalb mag ich den Wald und die Bäume so gern: Bäume können nicht schimpfen und schreien.

Du bist jeden Tag im Wald und siehst jeden Tag, was der Klimawandel für Auswirkungen hat. Machst Du dir Sorgen um die Zukunft des Waldes?

Ich mache mir schon Sorgen, wie es mit dem Wald weitergeht. Was Trockenheit für den Wald bedeutet sieht man in Franken, wo es sehr viel trockener als bei uns in Mittelschwaben ist. In trockenen Sommern kann sich der Borkenkäfer stark ausbreiten. Deshalb freue ich mich auch immer für den Wald, wenn es regnet. Der viele Regen im letzten Jahr hat dem Wald sehr gut getan. Auch bei uns werden die Stürme immer heftiger. Ich hoffe, dass wir so einen heftigen Sturm wie Vivian und Wiebke 1990 nie mehr erleben müssen. Um in der Zukunft einen stabilen, vitalen und gemischten Wald zu haben, sollten wir unsere Fichtenreinbestände in Mittelschwaben so umbauen, dass sich viele heimische Mischbaumarten natürlich ansiedeln können und angepflanzt werden können. Alternativen zur Fichte sind beispielsweise Buche, Lärche, Douglasie.

Was sollten private Waldbesitzer dabei beachten?

Jeder Waldbesitzer sollte seinen Wald erziehen, indem er früh mit der Pflege beginnt, diese mäßig ausführt und regelmäßig wiederholt. Wenn ich vom Staatswald in einen Privatwald gehe, dann fällt mir oft auf, dass es dort dunkler ist und ich mir denke, da könnte man auch noch etwas machen. Ein Baum braucht zum Wachstum Licht und wenn er seine Krone nicht richtig ausbilden kann, dann sind auch seine Wurzeln nicht richtig ausgebildet. Ich bin seit Anfang 2021 selbst stolze Waldbesitzerin von 1,2 Hektar. Im Sommer kontrolliere ich meinen Wald regelmäßig auf Borkenkäferbefall. Die Triebe meiner Naturverjüngung schütze ich mit Schafwolle. Gerade teste ich, wie es sich auswirkt, wenn ich Schafwolle mit ins Pflanzloch gebe.

Viele Leute erholen sich im Wald, du arbeitest im Wald. Was machst du, um dich zu erholen?

Ich bin zwar gern im Wald, aber ich gehe ganz selten dort spazieren. Wenn ich mich erholen will, gehe ich im Sommer ins Schwimmbad. Dort arbeite ich in den Sommermonaten auch zusätzlich als Rettungsschwimmerin. Oft bin ich nach meiner Arbeit noch sehr motiviert und betätige mich mit einer Carvingsäge künstlerisch. Momentan schnitze ich beispielsweise an einem Kuhkopf.

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