Agrarstudium

Studenten: Anpacken in der Krise

Sophia-Kremser
Sophia Gottschaller Portrait 2019
Sophia Gottschaller
am Donnerstag, 07.05.2020 - 12:32

Hochschulen gelten im Allgemeinen nicht als besonders spontan. Die Hochschule Weihenstephan-Triesdorf beweist gerade das Gegenteil: Sie bietet neue Wahl-module an, in denen Studierende Landwirten in der Coronakrise helfen können.

Hopfen hochbinden als Wahlfach, anstatt eine Online-Vorlesung zu besuchen. Dieses Angebot kam für Sophia Kremser überraschend, aber gelegen. Die 26-Jährige studiert Landwirtschaft im achten Semester an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT), am Standort Freising. „Neben meiner Bachelorarbeit fehlt mir für den Abschluss des Studiums noch ein Wahlfach. Dafür hätte ich wegen der Corona-Pandemie eine Online-Vorlesung belegen müssen“, berichtet sie. Nicht ganz einfach, mit der schlechten Internetverbindung in ihrer Heimat Irschenberg (Lks. Miesbach). „Ich bin begeistert, dass die Hochschule mit der Zeit geht und für uns Studierende so schnell dieses neue Lehrangebot geschaffen hat!“

Studierende lernen mit Krisen umzugehen

Seit Anfang April bietet die Hochschule je nach Standort ein bis zwei neue Module für verschiedene Studiengänge an. Die Inhalte für das Modul „Landwirtschaftliche Betriebsorganisation in Krisenzeiten“ fasst Prof. Dr. Martina Hofmann so zusammen: „Auf den landwirtschaftlichen Betrieben fehlen Erntehelfer und Saisonarbeitskräfte. Einen Teil ihrer Arbeit können Studierende übernehmen.“ Die Beauftragte für das Praxissemester im Studiengang Landwirtschaft am Standort Freising hat diese Module zusammen mit einer Kollegin und den Studiendekanen innerhalb weniger Tage erarbeitet.

„Unser Ziel ist, dass die Studierenden in der besonderen Krisenzeit des Coronavirus Einblicke in die organisatorischen und praktischen Abläufe auf landwirtschaftlichen Betrieben bekommen“, erläutert sie. Dabei vertiefen die Studenten soziale Kompetenzen wie Team- und Kommunikationsfähigkeit, in einem Praxisbericht sollen sie ihre Erfahrungen reflektieren. „In diesem Modul können sich die Studierenden solidarisch mit der Gesellschaft zeigen. Sie lernen, dass es immer wieder Krisensituationen gibt und wie man mit ihnen umgeht,“ betont Hofmann.
Das Angebot kommt an, wie die hohen Anmeldezahlen beweisen – bisher haben sich am Standort Freising insgesamt gut 130 Studierende für eines der beiden Module entschieden.

Den Landwirten helfen und etwas dazu verdienen

Auch das Fazit von Sophia Kremser nach vier Tagen Arbeit auf dem Hopfenbaubetrieb in Schweitenkirchen (Lks. Pfaffenhofen a. d. Ilm) ist positiv: „Für mich ist das Aufbinden von Hopfen eine komplett neue Aufgabe. Freilich ist die Arbeit eher monoton und körperlich fordernd. Aber ich freue mich, dem Betrieb helfen zu können und gleichzeitig mein Studium zu finanzieren.“

Der Blick hinter die Kulissen sei ebenfalls interessant für die Studentin: Sie bekommt hautnah mit, wie die Familie mit der Krisensituation umgeht und die Arbeit unter den neuen Helfern einteilt. „Eigentlich beschäftigt der Betrieb neun polnische Arbeiter. Die Familie hat sich aber dagegen entschieden, sie einfliegen zu lassen“, erzählt sie. „Das hätte sich nicht gelohnt.“ Jetzt helfen auf dem Betrieb 15 Menschen – Studenten, Nachbarn und Bekannte. Beim Arbeiten sei es einfach, den Sicherheitsabstand einzuhalten, beim Mittagessen eher eine Herausforderung.
Für Sophia und zwei weitere Helfer wurden außerdem separate Übernachtungsmöglichkeiten geschaffen, alle anderen Helfer pendeln zum Betrieb. Die Studentin reflektiert: „Die Familie muss momentan mit vielen Unsicherheiten kämpfen und ich finde es beeindruckend, wie sie das Beste daraus macht. Ich lerne gerade wirklich viel!“ Sophia Gottschaller

Inhalte der neuen Module der HSWT

  • Die beiden neuen Module der HSWT, Standort Freising, heißen „Landwirtschaftliche Betriebsorganisation in Krisenzeiten“ für landwirtschaftliche Betriebe und „Unternehmensorganisation in systemrelevanten Brachen in Krisenzeiten“ für Betriebe im vor- und nachgelagerten Bereich der Landwirtschaft.
  • Die Module richten sich an die Studiengänge Landwirtschaft, Wirtschaftsingenieurwesen Agrarmarketing und Agrarmanagement sowie Management Erneuerbarer Energien.
  • Die Studierenden melden sich bei der Hochschule für das Modul an. Betriebe finden sie über persönliche Kontakte oder über die beiden Online-Portale daslandhilft.de und saisonarbeit-in-deutschland.de.
  • Die Studierenden kümmern sich selbstständig um Verträge mit den (landwirtschaftlichen) Betrieben und arbeiten dort – je nach Studienordnung – 50 oder 60 Stunden. Sie müssen die Arbeitsleistung bis 30. Juni 2020 erbringen.
  • Teil des Moduls ist ein abschließender Projektbericht mit einem Umfang von fünf Seiten. In dem Bericht soll darauf eingegangen werden, mit welchen besonderen Herausforderungen der jeweilige Betrieb durch die Corona-Pandemie konfrontiert war und wie er damit umgegangen ist. Wichtig ist außerdem, welche Faktoren in dieser Krisenzeit von besonderer Bedeutung für die Aufrechterhaltung der Unternehmensabläufe waren. Zudem sollen die Studierenden in einem persönlichen Fazit reflektieren, wie diese Krise sie selbst emotional beeinflusst hat und was sie aus dieser Zeit für die Zukunft mitnehmen.
  • Je nach Studienordnung bekommen die Studierenden für das Modul 2,5 oder 3 Credits. SG