Interview

Von der Schuppe bis zur Krone

Die Karpfenkönigin Svenja Viertel mit Krone und Schärpe sowie einem frischen Karpfen in der Hand vor einem Holzstapel
Interview: Anja Kersten
am Montag, 21.12.2020 - 17:00

Die Fränkin Svenja Viertel liebt und schätzt Karpfen, deshalb ist sie seit letztem Jahr auch amtierende Karpfenkönigin. Uns erzählt sie im Interview interessante Legenden und Fakten über den Fisch und spricht über die Probleme in der Teichwirtschaft.

Steckbrief

Wie heißt Du? Svenja Viertel

Wie alt bist Du? Ich bin 21 Jahre alt.

Was treibst Du? Ich arbeite als Verwaltungsfachangestellte in Höchstadt, helfe im elterlichen Teichwirtschafts-Betrieb mit und bin seit letztem Jahr die Karpfenkönigin.

Wo wohnst Du? Ich komme aus Schwarzenbach bei Höchstadt im Landkreis Erlangen-Höchstadt, einem Dorf, wo es mehr Karpfen als Einwohner gibt.

 

Svenja Viertel im Interview

Wochenblatt: Die Schuppe eines Karpfens, aufbewahrt im Geldbeutel, soll dazu führen, dass der Geldbeutel im neuen Jahr niemals leer wird. Hast du eine Karpfenschuppe im Geldbeutel?

Svenja: Ja klar! Nicht nur ich als Karpfenkönigin, sondern meine ganze Familie hat eine im Geldbeutel. Das haben wir schon als Kinder gemacht.

 

Wochenblatt: Und hat es was gebracht?

Svenja: Bis jetzt ja.

 

Wochenblatt: Woher stammt diese Legende?

Svenja: Die Legende stammt aus Tschechien. Dort wird traditionell an Weihnachten Karpfen mit Kartoffelsalat gegessen. Vom Karpfen wandert dann eine getrocknete Schuppe in den Geldbeutel. Wenn die Schuppe getrocknet ist, schimmert sie ein bisschen und sie hat die Form einer Münze.

 

Svenja mit grinst mit einem frischgefangen Karpfen in der Hand. Sie steht im Teich und trägt eine weiße Blume im Haar, ein blass-rosa Dirndl, das nass und beschmutzt ist und pinke Gummihandschuhe.

        

Wochenblatt: Warum ist der Beginn der Karpfensaison für Dich so besonders?

Svenja: Das ist ähnlich wie beim Spargel: Wenn im September die Saison eröffnet wird, dann freut man sich sehr aufs erste Karpfenessen. Bei uns gibt es dann immer gebackenen Karpfen, frisch aus der Fritteuse. Der erste Karpfen ist natürlich immer der Beste. Die Regel hat damit zu tun, dass früher die Fische nicht so gut gekühlt werden konnten wie heute und deshalb nicht in der heißesten Jahreszeit gefischt wurden. Im September sind die Karpfen ausgewachsen und haben mit 1,25 bis 1,5 Kilogramm genau die richtige Größe für den Verzehr. Es sind dann sogenannte „K 3“, das heißt, sie haben drei Sommer gelebt.

 

Wochenblatt: Zu der Zeit werden dann alle Karpfen abgefischt?

Svenja: Ja, da hilft die ganze Familie zusammen. Nicht nur meine Eltern, Geschwister und ich, sondern auch meine Cousins. Für das Abfischen mit einem Netz braucht man mindestens acht Leute, das ist körperlich ziemlich anstrengend und nass wird man auch. Da darf man nicht empfindlich sein. Der Karpfen wird lebendig über einen Fischhändler vermarktet. Im Herbst und Winter haben viele Gasthäuser traditionell Karpfen auf ihrer Speisekarte, nicht nur gebacken oder blau, sondern auch ganz neu interpretiert.

 

Svenja mit einem Karpfen in der Hand, den sie sich zwischen Brust und Kinn hält. Sie trägt ein nasses, schmutziges rosa Dirndl, pinke Gummihandschuhe und ist durchnässt. Hinter dem rechten Ohr trägt sie eine weiße Blume.

            

Wochenblatt: Was darf man sich darunter vorstellen?

Svenja: Karpfen hat ein festes Fleisch, das sich gut für Karpfentartar oder Karpfenmousse eignet. Auch Karpfen asiatisch, süß-sauer zubereitet, schmeckt toll. Dann gibt es beispielsweise noch Karpfenburger oder Karpfennuggets.

 

Wochenblatt: Um auch junge Menschen für Karpfen zu begeistern?

Svenja: Ja, aber auch um zu zeigen, wie vielseitig Karpfen zubereitet werden kann. Und für Leute, die sich an den Gräten stören. Ich sage zwar immer durch die Gräten isst man den Karpfen langsamer und kann ihn mehr genießen, aber wer lieber schnell isst, sollte Karpfenfilet bevorzugen. Karpfen ist regional, nachhaltig und frisch. Es gibt ihn quasi nicht abgepackt. Jeder der Karpfen kauft und isst, tut auch etwas für die Teichwirtschaft. So bleibt unsere Landschaft, wie wir sie kennen und mögen, erhalten.

 

Wochenblatt: Warum gibt es in Franken so viel Teichwirtschaft?

Svenja: Unsere Böden sind sehr lehmig und damit wasserbeständig. Deshalb sind sie gut für die Teichwirtschaft geeignet. Das wussten schon die Mönche, die in der Blütezeit der Teichwirtschaft – um das 16. Jahrhundert – viele Teiche rund um die Klöster anlegten: denn Karpfen durften sie auch in der Fastenzeit essen.

 

Wochenblatt: Wie siehst du die Zukunft der Teichwirtschaft?

Svenja: Die zunehmende Trockenheit im Sommer macht uns sehr zu schaffen. In unserem Betrieb konnten wir deswegen in diesem Jahr ein Drittel unserer Teiche nicht besetzen. In den letzten Jahren mussten wir aufgrund der Trockenheit auch immer wieder notfischen, das heißt die Fische bereits Ende Juli/Anfang August aus den Teichen holen. Das sind Umwelteinflüsse, dagegen können wir nichts tun. Hohe Verluste hat die Teichwirtschaft aber auch durch Kormorane, Biber und neuerdings auch den Fischotter, der sich immer weiter ausbreitet. Dagegen könnte die Politik durchaus etwas tun. Die Vermarktung und der Absatz unserer Aischgründer Karpfen ist gut. Die Verbraucher schätzen unseren Karpfen, egal ob sie ihn selbst zubereiten oder in den Gasthäusern essen. Was die Vermarktung angeht, sehe ich deshalb positiv in die Zukunft.

 

Wochenblatt: Deine Krone besteht aber nicht aus Karpfenschuppen?

Svenja: Nein, aber vorne drauf ist ein Fisch zu sehen und ich trage eine Kette mit einem Karpfen um den Hals.

 

Die junge Frau trägt ein rosafarbenes Drindl mit einer Schärpe darüber. Darauf steht: Aischgründer Karpfenkönigin Svenja I.. Auf ihrem Kopf trägt sie eine silberne Krone auf der vorne in der Mitte ein Karpfen in Silber eingearbeitet ist. Um den Hals trägt sie eine silberfarbene Kette mit Karpfenanhänger.

                                  

Wochenblatt: Was war bis jetzt besonders schön in deinem Amt?

Svenja: Jeder Termin macht Spaß. Für mich ist das Amt wie ein Hobby, denn alle meine Termine finden am Nachmittag nach meiner Arbeit oder am Wochenende statt. Vor jedem Termin bin ich zwar noch ein bisschen aufgeregt, aber mit der Zeit wird das immer besser. Es ist ein schönes Gefühl und ich bin stolz, dass ich die Leute über ein so gutes und nachhaltiges Produkt wie den Karpfen informieren darf. Ein Highlight meiner jetzigen Amtszeit war der Neujahrsempfang mit Markus Söder in der Residenz in München.

 

Wochenblatt: Jetzt hast du uns viel Appetit auf Karpfen gemacht. Wenn man nicht aus Franken oder der Oberpfalz kommt, wo bekommt man Karpfen?

Svenja: Wie gesagt, frisch schmeckt Karpfen am besten. Und Franken hat nicht nur Karpfen zu bieten. Es ist auch sonst schön. Deshalb mein Rat: Einfach mal zu uns nach Franken kommen und Karpfen essen.

 

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