Die Jugend packt an

Der Mann unter den Hoheiten

Anja Kersten
am Mittwoch, 18.08.2021 - 14:30

Nikolaus Fröhlich ist der erste deutsche Baumkönig. Er erzählt von seinem Amt, der Stechpalme als Baum des Jahres und rät zu einer zukunftssichernden Bepflanzung – auch im eigenen Garten.

Steckbrief

Der Baumkönig in seiner Tracht. Es ist ein blaues Cape, eine rostfarbene Weste darunter, ein weißes Hemd und ein blauer Tellerhut. In der Hand hält er einen Holzstab, auf dem oben eine Holzkugel in hellerem Holz angebracht ist.

Wie heißt Du? Nikolaus Fröhlich

Wie alt bist Du? Ich bin 25 Jahre alt.

Was treibst Du? Ich bin der erste deutsche Baumkönig und studiere im Master Naturschutz und Landschaftsplanung an der TU München in Freising.

Woher kommst Du? Aufgewachsen bin ich auf einem Milchviehbetrieb in Neuenried bei Ronsberg (Lks. Ostallgäu).

 

Interview

Wochenblatt: In Bayern kennt man vor allem Produktköniginnen, wie die Milch- oder Spargelkönigin. Von einem Baumkönig haben bisher die wenigsten gehört. Bist du ganz neu in der „Königinnenklasse?“

Nikolaus Fröhlich: Eine Baumkönigin gibt es schon seit 2011. Aber ja, es stimmt, ich bin der erste Mann, der zum Baumkönig gewählt wurde und so viel ich weiß, überhaupt der erste Mann unter den Königinnen. Man konnte sich aber bereits seit 2018 bei der Baum-des-Jahres Stiftung auch als Mann bewerben.

 

Wochenblatt: Wie kommt es, dass jetzt ein Mann gewählt wurde?

Nikolaus: Es geht in erster Linie um fachliche Qualifikation und um Persönlichkeit. Man sollte für das Amt eine Faszination für Bäume mitbringen und das auch nach außen tragen können. Entscheidend ist nicht, ob man eine Frau oder ein Mann ist. Ich finde, das ist durchaus zeitgemäß. Ich bin aber kein Marketingspezialist, so könnte es sein, dass Produktköniginnen bei den Leuten besser ankommen als ein König.

 

Wochenblatt: Wie bist du überhaupt darauf gekommen, dich als Baumkönig zu bewerben?

Nikolaus: Eine Kommilitonin hat mich darauf gebracht. Ich habe damals meine Bachelorarbeit in Landschaftsarchitektur und Landschaftspflege über die Pflege und Entwicklung eines Arboretums geschrieben (Anm. d. Red.: Ein Arboretum ist eine Sammlung verschiedenartiger Gehölze, etwa in einem botanischem Garten). Kurz entschlossen habe ich mich in den Garten meiner Eltern unter den Walnussbaum gesetzt und eine Bewerbung geschrieben. Vor dem Abschicken bemerkte ich auf der Homepage, dass das Amt bisher nur Frauen inne hatten. Hätte ich das früher gesehen, hätte ich mich wohl nicht beworben. Allzu große Chancen rechnete ich mir nicht aus. Zwei Tage später kam dann aber ein Anruf der Stiftung, es folgten weitere Gespräche und schließlich fiel die Wahl auf mich. Der Verein der Stiftung sucht die Hoheit aus. Das Kuratorium wählt den Baum des Jahres.

 

Wochenblatt: Produkthoheiten haben auch immer ein spezielles Outfit. Du auch?

Nikolaus: Es ist tatsächlich so, dass extra für mich ein neues Gewand angefertigt wurde und zwar ein blauer Lodenumhang. Blau deshalb, weil ich nicht aussehen sollte wie ein Jäger oder Förster. Dazu bekam ich einen Stock mit einer hölzernen gedrechselten Kugel aus dem Holz der Stechpalme. Diese Kugel darf ich dann behalten. Sie wird neu aus dem Holz des jeweiligen Baum des Jahres gefertigt. Meine Vorgängerinnen trugen einen Holzhut. Ich habe mir sagen lassen, dass der schwer und unbequem war. Ich trage zwar auch einen Hut, aber einen aus Filz und mein Erkennungszeichen ist der hölzerne Stab.

 

Wochenblatt: Die Stechpalme ist also Baum des Jahres 2021. Was ist das Besondere an ihr?

Nikolaus: Die Stechpalme ist der einzige immergrüne Laubbaum bei uns. Mit ihren sattgrünen, glänzenden Blättern und ihren roten Früchten ist sie eine faszinierende Pflanze. Sie wirkt ein bisschen exotisch. Die Stechpalme hat für den Wald keinen ökonomischen Nutzen, sie kann aber aus ökologischer Sicht zur Vielfalt im Wald beitragen. Früher war das Holz der Stechpalme sehr geschätzt für Werkzeuge und Gebrauchsstücke, die besonders beansprucht werden. Die Blüten der Stechpalme sind Bienennahrung, ihre Früchte Nahrung für Vögel. Für Menschen sind die Früchte allerdings giftig. Der Klimawandel begünstigt ihr Wachstum.

 

Wochenblatt: Woher kommt ihr Name?

Nikolaus: Ihr Name hängt mit der christlichen Tradition zusammen, weil man sie in Mitteleuropa als Ersatz für Palmwedel am Palmsonntag genommen hat.

 

Wochenblatt: Zählt es zu Deinen Aufgaben als Baumkönig, die Stechpalme bekannter zu machen?

Nikolaus: Es sollen jetzt nicht alle Stechpalmen in ihren Garten pflanzen – obwohl ich das schon gemacht habe: Bei meiner Ausrufung im November habe ich drei Stechpalmen in unseren Garten gepflanzt. Außerdem wird jedes Jahr ein Exemplar des Baum des Jahres im Berliner Zoo, zusammen mit der Landschaftsministerin gepflanzt, wenn dieser im November gekürt wird. Das war dann auch mein erster Termin. Hauptsächlich soll über den Wald und den Waldbau nachgedacht werden: Was pflanze ich, damit nachfolgende Generationen Holz ernten können? Denn der Waldbau beruht auf einem großen Vertrauen der Generationen zueinander – was ich pflanze, ernte nicht ich, sondern andere. In diesem Zusammenhang lohnt es sich für Waldbesitzer, nicht nur über die Baumschicht, sondern auch über die Strauch- und Krautschicht im Wald nachzudenken. Jeder Gartenbesitzer kann sich ebenfalls überlegen, was er pflanzt, was in der Gegend Tradition hat, was Insekten nützt, sowohl bei Ziergehölzen als auch Obstbäumen. Man sollte nicht einfach in den Baumarkt gehen und das nehmen, was gerade da ist. Es ist doch auch eine schöne Tradition, wenn man zu bestimmten Festen wie Geburt oder Hochzeit einen Baum pflanzt oder einen verschenkt.

 

Wochenblatt: Du bist auf einem landwirtschaftlichen Betrieb aufgewachsen. Kommt daher auch deine Begeisterung für Pflanzen und Bäume?
Nikolaus: Ich gehe gerne in den Stall, aber noch lieber in den Wald. Ich bin aber keiner, der Bäume umarmt, sondern lieber klettere ich auf sie, weil man die Architektur und Anatomie des Baumes nochmals aus einer anderen Perspektive sieht. Ich mag die Vielfalt der Pflanzen im Wald und die Stimmung dort. Aber auch die Pflanzen im Garten, auf dem Feld und wie alles zusammenhängt mag ich.

Wochenblatt: Was schätzt Du als erster deutscher Baumkönig – wird es künftig neben den Produktköniginnen auch mehr Könige geben?

Nikolaus: Ich kann mir das durchaus vorstellen, warum auch nicht?

 

Sing ein Lied über die Stechpalme

Die Baum-des-Jahres-Stiftung hat sich etwas Besonderes einfallen lassen, um den Baum des Jahres zu bewerben – und hat einen Musik-Wettbewerb ins Leben gerufen. Gesucht wird ein Lied über die Stechpalme. Jeder, der Lust hat, kann mitmachen, egal „ob jung oder alt, alleine oder im Chor, professionell oder spontan“, heißt es im Aufruf der Stiftung.

Jeder Teilnehmer bekommt eine Anerkennung, die drei besten Interpretationen sogar ein Preisgeld. Infos unter baum-des-jahres.de oder per Mail an info@urholz.de.