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Interview

Late Night Church: Gottesdienste so bunt wie Pizza

Late-Night-Church-Ben-Herzog-ELJ: Verschiedene Fotos aus einem Videostudio, das eingerichtet ist mit vielen Lichtern und christlichen Symbolen. In der Mitte sitzt ein Mann, der mit seinen Händen zum Himmel deutet.
Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Freitag, 03.06.2022 - 09:20

Landjugendpfarrer Ben Herzog gründete die „Late Night Church“ – ein spirituelles Talkformat für junge Erwachsene auf Youtube. Im Interview spricht er über neue Ideen für Gottesdienste, Erfahrungsräume und Jesus als Flexitarier.

Er trägt gerne T-Shirts mit tiefgründigen Sprüchen darauf, predigt mit Flip-Flops und kurzer Hose in einem alten Bioladen im mittelfränkischen Langenaltheim und hält Gottesdienste für Jugendliche und junge Erwachsene auf Youtube: Der evangelische Landjugendpfarrer Ben Herzog will Kirche neu denken und gründete die Late Night Church. Darin spricht er mit interessanten Gästen über Gott und die Welt und hält Online-Gottesdienste in neuer Gestalt.

Ben, warum hast Du die Late Night Church ins Leben gerufen?

Wir wussten von vorne herein der Titel Gottesdienst funktioniert nicht, weil man da mit falschen Erwartungen rein geht. Also mussten wir ein neues Format schaffen und Gottesdienste neu denken. Mit einer offiziellen Eröffnung schaffen wir dabei einen geistlichen Rahmen. Die Gebete haben wir so gestaltet, dass immer eine Interaktion dabei war. Das ist anders als beim normalen Gottesdienst, denn da steht der Pfarrer, die Pfarrerin vorne und betet für mich. In unserem digitalen Format gibt es zwar klassische Elemente aus einem Gottesdienst, diese haben wir aber mit vielen Talk-Elementen ergänzt.

Über welche Themen habt ihr im Gottesdienst gesprochen?

Bei unserem ersten Gottesdienst auf der Grünen Woche, waren vor allem grüne Themen dabei. Wir hatten das Thema überschrieben als die „aEHRE“. Da ging es um die Ähre und gleichzeitig darum Gott die Ehre zu erweisen. Auch dieses Jahr haben wir die Grüne Woche wieder zum Anlass genommen und den Gottesdienst rund um das Thema „Auf dem Boden der Tatsachen“ gestaltet.

Wie wichtig ist es, aktuelle Themen im Gottesdienst aufzugreifen?

Jeder Gottesdienst sollte an sich eigentlich immer den Anspruch haben lebensnah zu sein. Die Geschichten, die in der Bibel stehen, wurden zwar vor Tausenden von Jahren geschrieben, sie sind aber immer noch brandaktuell. Diesen Bezug muss man also sowieso immer herstellen. Unser zweites Format innerhalb der Late Night Church ist der Pfarrer und Poet-Podcast. Hier wollen wir nochmal besonders auf Themen eingehen, welche die jungen Leute gerade beschäftigen. Etwa: Wie ist es, wenn man aus der Kirche austritt? Oder: Wie läuft das mit Individualität in der Kirche? Da hatten wir eine Pfarrerin eingeladen, die Metal-Rock hört und Tattoos hat. Oder auch die ganzen ökologische Themen. Gerade da haben wir diesen biblischen, ethischen, moralischen Bezug mit drin.

Was muss die Kirche tun, damit die Jugendlichen bleiben?

Glaube ist nicht gleichzusetzen mit in-die-Kirche-gehen. Wenn man sich aktuelle Studien anschaut, dann weiß man, dass über die Hälfte der Jugendlichen noch glauben, aber in die Kirche gehen sie nicht. Ich bin der Meinung, es gibt für alle den richtigen Ort. Und da müssen wir als Kirche auch hin. Wir müssen Orte schaffen, wo genau solche religiösen, aber auch nicht-religiösen Erfahrungen möglich sind. Wir in der Jugendarbeit wollen solche Räume schaffen und die Kirche muss lernen, dass die bisherigen Räume nicht mehr funktionieren.

Wie könnte so ein Ort aussehen?

Das ist erst mal relativ banal ein Raum mit vier Wänden. Zusätzlich braucht es aber auch Erfahrungsräume, dafür reichen die vier Wände nicht aus. Darin können die Jugendlichen Lernerfahrungen machen und dort passiert Persönlichkeitsentwicklung. Gerade jetzt nach Corona wird noch einiges auf uns zukommen, weil viele dieser Erfahrungen zwei Jahre auf Eis lagen. Wir als Kirche müssen das wahrnehmen. Die Frage ist nur: Gestalten wir es mit oder nicht? Corona hat uns auch gelehrt, dass wir den digitalen Raum nutzen können. Die Kirche sollten den Wandel nicht als notwendiges Übel sehen, sondern als Chance.

Wie werden die christlichen Inhalte von Jugendlichen angenommen?

In der Anfangszeit von Corona haben wir eine Online-Video-Stunde angeboten. Einmal in der Woche haben wir uns zu einem festen Abend getroffen und dafür ein Programm zusammengestellt. Das lief dann 15 Wochen erfolgreich. Bereits in der zweiten Woche haben die Jugendlichen gesagt: „Hey Ben, magst Du uns zum Abschluss noch einen kleinen Gedanken mitgeben, einen Impuls, eine Andacht?“ Der Glaubensinhalt wurde also explizit von ihnen eingefordert.

Du sprichst auch mit jungen Landwirten, inwieweit spielt da Landwirtschaft im Zusammenhang mit Glauben eine Rolle?

Ich diskutiere oft mit Landwirten bei uns am Bildungszentrum. Beispiel Tierwohl: Das steht so erstmal nicht in der Bibel. Die Leute in der Bibel haben in einer anderen Zeit gelebt und sind auch anders mit Lebensmitteln umgegangen. Jesus sagt aber, „Liebe Gott und Deinen Nächsten wie dich selbst.“ Doch wer oder was ist denn der Nächste? Hier kommt die Verlinkung zu der Schöpfungstheologie hinzu: Wenn Jesus recht hat, dann ist mit dem Nächsten nicht nur mein Nachbar gemeint, sondern alles: Der Wald, die Pilze, der Boden, die Kohle, das Erdöl und auch die Tiere. Und wenn ich meinen Nächsten lieben soll, dann kann ich ihn nicht schlecht behandeln. Und wenn Glaube bei mir selber anfängt, dann muss auch Liebe bei mir selbst anfangen, damit Hoffnung wachsen kann.

Wie würde Jesus zum aktuell enormen Fleischkonsum sagen?

Wir müssten schauen, wie wir uns und die Bevölkerung auf dieser Erde künftig ernähren können. Und wenn alle so viel Fleisch essen wollen, wie es der Durchschnitt der Menschen jetzt tut, dann haben wir ein Problem.

War Jesus also Veganer?

Jesus war kein Veganer, er war Flexitarier. Denn er hat das genommen, was da war. Quasi das, was zu ihm kam, theologisch betrachtet, das was ihm sein Vater, Gott, hat zukommen lassen.

Warum hält die Kirche noch an den traditionellen Gottesdiensten fest?

Es gibt schon überall Aufbrüche, egal in welcher Kirche. Es gibt aber immer noch welche, die sagen „das haben wir schon immer so gemacht“ Auch in der Landjugend erlebe ich das oft. Natürlich schafft Tradition Sicherheit und Identität. Gleichzeitig muss man sie aber erneuern, damit die Identität nicht verloren geht. Das ist ein Paradoxon, wo auch Kirche sich schwer tut. Man muss sich das vorstellen wie eine Pizza: Wie fad ist eine Pizza, wenn immer das Gleiche drauf ist. Eine Kirche, die im Alltag der Menschen eine Rolle spielt, muss bunt sein, im Sinne des Glaubens. Auch eine gute Pizza ist bunt, da liegt alles aufeinander und untereinander. Nur die Mischung gibt der Pizza diesen unvergleichlichen Geschmack. Und da müssen wir hin. Die Grundlage, der Pizzaboden, den bildet all das, was in diesem dicken Buch, die Bibel, steht.

Was legst Du in Deinen Gottesdiensten auf Deine Pizza drauf?

Für mich sind vor allem Musik, Gemeinschaft und Natur wichtig. Ich mag es wenn der Gottesdienst Pepp hat, man sich bewegen kann oder er draußen im Grünen stattfindet. Auch die Late Night Church bietet da ein großes Lernfeld. Einerseits für mich persönlich, andererseits für die Kirche. Wir müssen hinhören und wahrnehmen.

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