Landjugend

Das Land ist lebenswert für die Jugend

Stadt-Land-Wo-KLJB-Studie-Bilder (2)
Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Freitag, 12.02.2021 - 08:00

Die KLJB Bayern hat in ihrer Studie „Stadt.Land.Wo?“ untersucht, warum junge Menschen im ländlichen Raum wohnen wollen oder aus der Stadt zurückkehren. Die wichtigsten Ergebnisse.

Fakten zur Studie

  • Projketträgerin von „Stadt.Land.Wo? Was die Jugend treibt“ ist die KLJB Bayern.
  • Ziel war es, die Motive junger Menschen zu erkennen, warum sie in den ländlichen Kommunen Bayerns wohnen bleiben oder zurückkehren wollen. Darauf aufbauend sollten Handlungsempfehlungen für kommunale Akteure und die Jugendarbeit erarbeitet werden, um die Bleibebereitschaft zu erhöhen.
  • Die Studie wurde unterstützt vom Institut für Stadt- und Regionalmanagement (ISR) in München, unter der Leitung von Prof. Dr. Joachim Vossen.
  • Die Abteilung für Nachhaltige Entwicklung in Kommunen, des Bayerischen Staatsministeriums für Umwelt und Verbraucherschutz, hat die Studie gefördert.
  • Rund 600 junge Menschen zwischen 16 und 27 Jahren wurden in persönlichen- und Onlinebefragungen, Einzelinterviews sowie in Workshops befragt. Diese fanden von Sommer 2017 bis Ende des Jahres 2019 statt.
  • 15 Orte wurden als Untersuchungskommunen definiert: Lks. Regensburg (Barbing, Laaber, Mintraching, Obertraubling, Sinzing), Lks. Deggendorf (Aholming, Hengersberg, Metten, Moos, Niederalteich), Bayerischer Wald (Schönthal und Chamerau im Lks. Cham, Arnbruck im Lks. Regen sowie Röhrnbach und St. Oswald-Riedlhütte im Lks. Freyung-Grafenau).
  • Drei Kategorien wurden definiert: Die Region Bayerischer Wald als „Teilraum mit besonderem Handlungsbedarf“, die Region Deggendorf-Plattling als „ländlicher Raum mit Verdichtungsansätzen“ und das Regensburger Umland als „Verdichtungsraum“.

 

Warum diese Jugendstudie?

Wie kann es gelingen, ländliche Lebensräume für die junge Generation attraktiv zu gestalten? Wie können Dörfer und Gemeinden verhindern, dass immer mehr Jugendliche in die Stadt ziehen wollen? Diese und weitere Fragen stellen sich Politik, Verbände, die Dörfer und ihre Bewohner schon seit Jahren. Die Katholische Landjugendbewegung (KLJB) Bayern hat einen ersten Schritt zur Beantwortung dieser Fragen gewagt und die Studie „Stadt.Land.Wo? - Was die Jugend treibt.“ durchgeführt.

Ziel dieses Forschungsprojekts war es, Erkenntnisse über die Motive junger Menschen zu gewinnen, warum sie in ländlichen Kommunen dauerhaft wohnen bleiben oder nach einem Umzug wieder zurückkommen wollen. Daraus sollen dann Handlungsempfehlung erarbeitet werden, wie kommunale Akteure und Jugendarbeiter der Jugend Bleibeperspektiven bieten können.

 

Die Befragten leben gerne am Land

Der junge Mann hält ein Schild mit seinem Statement hoch.

Eine entscheidende Frage mit eindeutigem Ergebnis war: „Lebst Du gerne an Deinem jetzigen Wohnort?“ Knapp 81 % beantworteten dies mit Ja. Etwa ein Zehntel ist unentschlossen und nur 1,4 % der Befragten sind nicht mit ihrem Wohnort zufrieden. Etwa 5 % enthielten sich. Die Befragten nehmen ihren ländlichen Wohnort als besonders familienfreundlich, sicher, naturnah, lebenswert und landschaftlich wahr. Weniger gut bewertet wurde das Land hinsichtlich Toleranz. Außerdem empfinden viele ihren Wohnort als altmodisch, rückständig und weltfremd. Die Jugendfreundlichkeit beurteilten sie mit der Note 2,5.

 

Die Ortsverbundenheit ist enorm hoch

Herausragend ist die hohe Wertschätzung der Ortsverbundenheit. Nahezu alle schätzen die große Bedeutung von Familie und Freunden an ihrem Wohnort. Laut den Aussagen einiger Befragten bestehen Freundschaft oft schon über Generationen hinweg und „jeder kennt jeden“. Die sozialen Beziehungen entstehen in verschiedenen Vereinen oder in der Dorfgemeinschaft. Sie machen den Wohnort attraktiv. Somit gelten soziale Beziehungen als größtes Bindeelement zum ländlichen Wohnort.

 

Große Identifikation mit dem „Ländlichen“

Der junge Mann hält ein Schild mit seinem Statement hoch.

Ein weiteres Bindeelement ist das Zugehörigkeitsgefühl. Schon die gemeinsame Sprachfärbung der teils individuellen bayerischen Dialekte fördert die Gruppenidentität. Dazu leisten auch die gelebten Traditionen und Erlebnisse einen Beitrag. Sie sorgen für Vertrautheit mit dem Ort und den Menschen, die dort leben. Oft ist auch der Satz „Ich bin da verwurzelt“ gefallen – was nochmal bildliche die tiefe Verbundenheit mit dem Wohnort verdeutlicht.

 

In die Stadt ziehen wollen nur wenige

Müssten die Befragten ihren aktuellen Wohnort verlassen, so würde der Großteil (44,4 %) nur in die nähere Umgebung umziehen. Mit Abstand der nächstgrößere Teil (15 %) würde „irgendwo auf dem Land“ wohnen wollen. 13,5 % würden auch in das nähere Umfeld einer Stadt ziehen. Weitere 14,8 % könnten sich vorstellen in die Stadt zu ziehen. Am beliebtesten (6,4 %) ist dabei eine mittlere Stadtgröße mit 20 000 bis 100 000 Einwohnern. Ins Ausland ziehen würden nur 4 %.

 

Mehr Vielfalt und Toleranz nötig

Die junge Frau hält ein Schild mit seinem Statement hoch.

Leider fiel bei den Befragungen auch der Satz „Wenn einer anders ist, hat er es schwer“. Die Intoleranz und die fehlende Anonymität machen es manchen Menschen schwer in der Gemeinschaft aufgenommen und anerkannt zu werden. Faktoren für eine Ausgrenzung können beispielsweise sein: Persönlichkeit, Temperament, Geschlecht, sexuelle Orientierung oder Religion. Das wird in der Studie als Schwäche bewertet und das Image, dass das Land „weniger weltoffen“ ist bleibt. Die Studie zeigte auch, dass sich die jungen Menschen ein ausgeglicheneres Freizeitangebot wünschen. Denn oft sind diese immer noch überwiegend für die Bedürfnisse junger Männer ausgerichtet, als auf die von jungen Frauen.

 

Gender in der Pampa?

Sabine Härtl ist Soziologin und Autorin des Beitrags „Gender in der Pampa“ im Buch zur Studie. Sie plädiert dafür, dass auf individueller Ebene, jede junge Frau und jeder junge Mann frei entscheiden können soll, ob sie oder er Hausfrau oder Hausmann, Mutter oder Vater, Karrierefrau ohne Kinder, Karrieremann ohne Kinder und so weiter sein will.

Härtl stellte allerdings auch fest, dass unsere Gesellschaft noch nicht so weit ist. Die Geschlechternormen sehen immer noch „(ausschließlich) eine fürsorgende, häusliche, zurückhaltende Rolle“ für eine Frau vor. Dagegen sollen Männer eine „starke, erwerbsorientierte, dominante“ Rolle einnehmen.

Genau diesen Belastungen und Unsicherheiten muss auch die Landjugend begegnen. Die KLJB Bayern will mit ihrer Jugendarbeit dahingehende ein gutes Vorbild sein.

 

Was macht den ländlichen Wohnort so attraktiv?

Viele junge Menschen, mit bayerischer Tracht sitzen auf einem Feld auf Siloballen.

Bei der Frage nach den Kriterien, die den eigenen Wohnort attraktiv machen, liegt ein Faktor gleichauf mit den sozialen Kontakten und Beziehungen als Bindeelement: Die Landschaft und die Natur (mit 3,5 von 4 Punkten). Weitere wichtige Punkte – mit je einer Bewertung von 3,3 – sind die stimmigen Wohn- und Lebenserhaltungskosten, die Einkaufsmöglichkeiten in der näheren Umgebung und die Straßenverkehrsanbindung. Danach werden die ärztliche Versorgung als Attraktivitätsfaktor für den Wohnort sowie die Einkaufsmöglichkeiten im Ort und die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr angegeben. Keiner dieser Punkte wurden von den Befragten als unwichtig eingestuft.

Hinsichtlich der sozialen Kultur, Infrastruktur und den räumlichen Gegebenheiten ist jedes Dorf, jede Kommune und jede Region anders. Die Ländlichkeit, und das daraus resultierende Lebensgefühl haben sie aber fast alle gemein. Dieses Gefühl steht vor allem in Zusammenhang mit der hohen Lebenszufriedenheit, der starken Bindung an die Heimatgemeinde und den sozialen Beziehungen in der Familie und im Dorf. Selbst bei vielen Abgewanderten existieren diese starken Bindungskräfte an den Heimatort. Somit sollte nicht nur eine Bleibeperspektive geschaffen, sondern auch eine attraktive Rückkehrchance gegeben werden.

 

Das fordert die KLJB Bayern

  • In der Verantwortung der Politik steht die Schaffung von räumlicher Gerechtigkeit. Da gibt es Entwicklungsbedarf hinsichtlich der Infrastruktur, Mobilität, Arbeitsplatzangebote, Bildungsmöglichkeiten oder Wohnraumplanung. Gerade bei kleinen und strukturschwachen Kommunen besteht hier großer Unterstützungsbedarf.
  • Ein weiteres Handlungsfeld stellt die Etablierung von vielfältigen Partizipationsformen dar, also der Teilhabe, Mitwirkung, Mitsprache und Mitbestimmung junger Leute. Es soll laut KLJB Bayern von politischen Institutionen initiiert werden und die Jugendarbeit steht dann in der Pflicht, dies methodisch zu gestalten und fachlich zu begleiten. Darüber hinaus will die KLJB Bayern an alle jungen Menschen appellieren, ihr Recht auf Partizipation einzufordern und wahrzunehmen.
  • Im ersten Schritt sollten die Kommunen alle kulturellen, sozialen und politischen Interessen und Bedürfnissen ihrer Gesellschaft sowie die ökonomischen Voraussetzungen vor Ort genau anschauen. Daraus lassen sich dann die Zukunftsvorstellungen der jungen Menschen gemeinsam mit ihnen zusammen ermitteln und planen.
  • Die vielfältigen Lebens- und Familienformen und die Pluralisierung, die sich in den ländlichen genauso wie in den städtischen Gesellschaften vollziehen, sollten ernstgenommen werden. Letztlich werden nur die Dörfer zukunftsfähig sein, welche die unterschiedlichen Menschen mit ihren Plänen und Zielen in das gesellschaftliche Leben integrieren.

 

Top Themen:
  • Alois Glück: Anregung für Junglandwirte
  • Energie: Wärme braucht ihren Preis
  • Lenksysteme: Wie von Geisterhand
  • Geld: Hilft die Bank in der Krise?
  • Landfrauentag: Digitaler Volltreffer
  • Biomarkt: Weiter wachsende Zahlen
Kostenfreies Probeheft Alle Aboangebote