Landleben

Der Kettensägenkünstler

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Interview: Carmen Vitzthum
am Donnerstag, 09.07.2020 - 15:31

Daniel Sulzberger schnitzt Skulpturen mit der Motorsäge. Im Interview erzählt er, wie es dazu kam, wie er YouTube nutzt und gibt Tipps für Anfänger.

Wochenblatt: Daniel, Du bist Profi im Kettensägenschnitzen und dabei erst 23 Jahre alt. Wie hast Du damit angefangen?
Daniel: Mit 18 habe ich einfach mal zum Ausprobieren ein Schwammerl geschnitzt. Davor habe ich schon immer gern gezeichnet und mich für zahlreiche kreative Bereiche begeistert. Das habe ich dann mit unserer Forstwirtschaft kombiniert. Herausgekommen ist das Motorsägenschnitzen. Am Anfang habe ich nur Figuren für mich gemacht und diese bei uns am Hof aufgestellt. Inzwischen hat sich mein Hobby zu einem Nebenjob entwickelt.
Wochenblatt: Wie hast Du das Schnitzen mit der Motorsäge gelernt?
Daniel: Learning by Doing. Ich habe es mir komplett selbst beigebracht. Zuerst habe ich viel darüber gelesen, der Rest war Übung. Schritt für Schritt habe ich mich an schwierigere Motive gewagt: Vom Schwammerl zum Tannenbaum und dann zum ersten Tier. Durch einen Auftrag einer Gemeinde habe ich später den ersten Menschen geschnitzt – einen Heiligen.
Wochenblatt: Braucht man zum Schnitzen eine besondere Säge?
Daniel: Die Motorsäge ist genau wie die in der Forstwirtschaft. Was anders ist, ist das Schwert und die Kette. Die Kette ist feiner und das Schwert läuft vorne sehr spitz zu. Durch die Spitze gibt es keinen Kick-Back, also Rückschlag, und Details lassen sich besser ausarbeiten. Meine ersten Figuren habe ich aber mit dem normalen Schwert gemacht, das geht im Prinzip auch – gerade für den Einstieg reicht das. Aktuell nutze ich vier: eine große, eine mittlere und zwei kleine Motorsägen.
Wochenblatt: Kann jeder einfach anfangen?
Daniel: Ja absolut. Jeder der einen Grundkurs für die Motorsäge gemacht hat und Schutzkleidung besitzt, kann damit anfangen. Als Anfängerprojekt kann man beispielsweise einen kleinen Fichtenstamm nehmen und einen Pilz, Tannenbaum oder Stern daraus schnitzen.
Wochenblatt: Ist das Schnitzen mit der Motorsäge gefährlich?
Daniel: Ja. Vor allem, wenn man es schon ein paar Jahre macht, gerät das Bewusstsein dafür oft in den Hinterkopf. Da hat man nicht mehr so die Gefahr vor Augen. Aber die Kettensäge ist ein gefährliches Werkzeug. Ich trage immer Schutzausrüstung. Verletzt habe ich mich zum Glück noch nie.
Wochenblatt: Was ist die größte Herausforderung bei Deinen Skulpturen?
Daniel: Oft schnitze ich meine Figuren direkt in einen Baumstumpf, der im Garten eines Kunden steht. Da habe ich nur einen Versuch. Den darf ich nicht verschandeln. Zuerst mache ich mir genaue Gedanken, wie ich es umsetze, und zeichne ein paar Skizzen auf Papier. Da ist räumliches Denken enorm wichtig. Denn der Sprung in den Dimensionen, also von einer 2D-Zeichnung auf eine 3D-Skulptur ist schon anspruchsvoll. Mir ist es aber noch nie passiert, dass eine Figur wirklich gar nichts geworden ist.
Wochenblatt: Wie lange dauert es, bis eine Figur fertig ist?
Daniel: Das ist von der einzelnen Figur abhängig. Die gängigsten Motive, die ich mache, sind Tiere: Eule, Adler und Bär. Dafür brauche ich in etwa fünf bis zehn Stunden. Ich habe aber auch schon Figuren angefertigt, die circa 60 Stunden gebraucht haben oder kleine Figuren, die schon nach einer Stunde fertig waren.
Wochenblatt: Welches Holz ist geeignet zum Schnitzen?
Daniel: Mein Holz nehme ich zu 100 % aus unserem Wald. Am liebsten verwende ich einen gesunden Eichenstamm, weil Eiche am witterungsbeständigsten ist und am wenigsten reißt. Käferholz oder Sturmholz kann ich kaum hernehmen. Sturmholz neigt stärker zur Rissbildung und Käferholz ist außen blau verfärbt.
Wochenblatt: Wie lange hält eine Holzfigur?
Daniel: Figuren aus Eiche halten jahrzehntelang. Man sollte aber immer bedenken, dass Holz arbeitet. Das heißt: Es wird sich mit der Zeit verfärben und kann reißen.
Wochenblatt: Kannst Du kurz erklären, wie eine Figur entsteht?
Daniel: Nachdem ich einen Baum gefällt habe und mir davon ein passendes Stück abgeschnitten habe, stelle ich den Stamm senkrecht mit dem Frontlader auf den Boden. Als erstes entferne ich Rinde und Splintholz. Dann erst sehe ich den Stamm, wie er wirklich ist und wie viel Platz ich für die Figur habe. Als nächstes zeichne ich am Holz die groben Konturen des Motivs auf und schneide grob um die Linienkontur herum. Danach geht es an die Feinheiten. Dafür wechsle ich dann zu den kleineren Maschinen.
Wochenblatt: Du filmst Dich manchmal beim Schnitzen und stellst das auf YouTube. Warum?
Daniel: Zum einen, weil es mir Spaß macht, Videos zu drehen und zu schneiden. Zum anderen ist es auch Werbung für mich. Eigentlich wollte ich potenziellen Kunden auf meiner Webseite www.holz-sulzi.de zeigen, wie eine Figur entsteht. Tatsächlich haben sich meine Videos aber inzwischen so viele Menschen angesehen, dass dadurch auch neue Kunden auf mich aufmerksam werden. Eins meiner Videos, indem ich zeige, wie ich einen großen Bären schnitze, hat 950 000 Aufrufe aus 90 verschiedenen Ländern. Über YouTube habe ich auch schon einen Auftrag aus Sachsen bekommen. Da wollte ein Enkel genau so einen Bären für seinen Opa, einem ehemaligen Forstwirt, haben. Den habe ich ihm dann geschnitzt und per Spedition geschickt.
Wochenblatt: Welches Motiv willst Du unbedingt noch schnitzen?
Daniel: Einen großen Adler mit offenen Flügeln, im Flug. Den will ich demnächst versuchen, denn bisher habe ich nur sitzende Adler mit geschlossenen Flügeln gemacht.

Steckbrief

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Wie heißt Du? Daniel Sulzberger

 

Wie alt bist Du? 23 Jahre

 

Was treibst Du? Ich habe Agrarmarketing studiert. Aktuell mache ich meinen Master in Wirtschaftsingenieurwesen, arbeite im dlv-Verlag und schnitze mit der Motorsäge.