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Zukunft der Landwirtschaft

Junglandwirte: Die Politik lässt uns hängen

Agra-Europe
am Donnerstag, 04.08.2022 - 15:25

Die Vorsitzende des BDL äußert sich kritisch zur Umsetzung der Ergebnisse aus der Zukunftskommission Landwirtschaft und übt Kritik an Landwirtschaftsminister Özdemir sowie der Ampelkoalition.

BDL_TheresaSchmidt

Seit dem 1. Mai ist Theresa Schmidt die neue Bundesvorsitzende des Bundes der Deutschen Landjugend (BDL). Im Interview mit dem Agrar-News-Dienst „Agra-Europe“ fand die 25-jährige Agrarstudentin aus Hessen nun klare Worte. Sie spricht über nicht erfüllte Erwartungen, ihre Zukunftspläne in der Interessenvertretung und die Zukunft der Ernährung.

Frau Schmidt, Sie äußerten sich kürzlich enttäuscht zur bislang nicht erfolgten Umsetzung der Ergebnisse, die von der Zukunftskommission Landwirtschaft (ZKL) erarbeitet worden sind. Was hatten Sie erwartet?

Ich hätte mir gewünscht, dass die Koalition konkrete Vorhaben benennt und angeht, die im Abschlussbericht der Zukunftskommission beschrieben werden. Der Umbau der Tierhaltung ist ein Beispiel. Ich kann bisher nicht erkennen, dass dies geschieht. Ich habe immer mehr das Gefühl, der wertvolle Konsens, den die ZKL erreicht hat, wird zerredet, anstatt ihn beherzt mit Leben zu füllen.

Immerhin haben sich der Minister und Koalitionspolitiker wiederholt zu den Ergebnissen der ZKL bekannt …

Das ist definitiv zu wenig. Gerade Junglandwirtinnen und Junglandwirte müssen wissen, was auf sie zukommt, wenn sie ihre Betriebe weiterentwickeln. Wertschätzung und Zuspruch, wie wichtig wir alle sind, helfen da nur bedingt. Das würden wir gern einmal dem Minister persönlich sagen.

Es gab noch keinen direkten Kontakt mit Minister Cem Özdemir?

Wir hatten eine Online-Anhörung der Jugendverbände mit ihm. Das wissen wir zu schätzen, aber wir erwarten dann auch, dass uns der Minister Rede und Antwort steht und nicht die Abteilungsleiter des Bundeslandwirtschaftsministeriums. Das ist nicht zu viel verlangt, wenn gesagt wird, Jugendvertreter sollen mehr Gehör finden. Leider hat es noch keinen Gesprächstermin mit dem Minister gegeben.

Was würden Sie ihm sagen?

Dass es nicht reicht zu sagen, wie toll es ist, wenn junge Menschen aus voller Überzeugung in der Landwirtschaft arbeiten möchten. Die wollen auch wissen, auf was sie sich einstellen müssen. Die Zukunftskommission gibt eine Richtung vor. Aber geht die Politik in diese Richtung? Wir wissen es nicht so genau. Das würden wir gern mal mit dem Minister besprechen. Dabei würden wir ihn auffordern, mutig voranzugehen und Projekte aufzulegen, die zeigen, dass was passiert. Zum Beispiel, um die regionale Erzeugung zu stärken. Warme Worte allein reichen nicht, es müssen auch Taten folgen. Als Bundeslandwirtschaftsminister muss man kämpfen.

Wie ist gegenwärtig die Stimmung unter den Junglandwirtinnen und -landwirten?

Trübe! Im Hinblick auf die Politik herrscht großer Unmut, weil es an Klarheit fehlt und wir nicht gehört werden. Viele fragen sich, ob Landwirtschaft hier bei uns überhaupt noch gewollt ist. Ich kann nur wiederholen: Ideen und Konzepte für eine zukunftsfähige Landwirtschaft liegen auf dem Tisch. Warum nutzt man sie nicht oder nur halbherzig? Es kostet eben auch etwas, Landwirtschaft zu erhalten und nicht zuzulassen, dass die Erzeugung abwandert. Das ist in der Politik offenbar nicht klar. Ich denke an die FDP. Bestimmt haben junge Menschen in der Landwirtschaft die FDP gewählt und jetzt lässt sie uns hängen, wenn es um die Finanzierung des Umbaus der Tierhaltung geht. Das verstehen die meisten nicht. Sie verstehen auch nicht, dass die Grünen einerseits eine Ernährungswende fordern, andererseits nichts unternommen wird, um den heimischen Obst- und Gemüseanbau zu stärken.

Der Anteil der Veganer und Vegetarier liegt bei Jugendlichen deutlich höher als bei Älteren. Was bedeutet das für Sie?

Den Trend zu stärker pflanzenbetonter Ernährung werden wir nicht umkehren können. Umso wichtiger ist, darin Chancen für neue Betriebskonzepte zu erkennen und umzusetzen. Ich denke, gerade junge Betriebsleiterinnen und Betriebsleiter gehen da ganz anders ran als ihre Eltern. Nicht eine Entwicklung beklagen, sondern mutig nach vorne gehen und innovativ sein. Dafür steht meine Generation.

Wissenschaftlich abgesichert ist, dass wir aus Klimaschutzgründen weniger Tiere halten sollten. Wir wollen aber niemandem vorschreiben, wie und was er zu essen hat. Und es ist allemal besser, Fleisch zu essen, das in Deutschland zu hohen Standards erzeugt wird, als Produkte, die billig eingeführt wurden und von denen wir vermuten können, dass sie diese Standards nicht erfüllen. Ganz zu schweigen von den Klimawirkungen, die mit dem Transport einhergehen.

Wie viele Stunden pro Woche investieren Sie in den BDL-Vorsitz?

Es ist mehr als ein Halbtagsjob. Nicht selten sind es sogar mehr als 40 Stunden, Wochenenden eingerechnet. Das Landwirtschaftsstudium in Göttingen ist gerade noch so parallel zu bewältigen.

Warum tut sich eine junge Frau das an?

Weil die Landjugend meine Leidenschaft ist. Ich bin aufgewachsen mit der Landjugend, in der sich meine Eltern kennengelernt haben und sie aktiv waren. Landjugend macht Spaß. Meine Leidenschaft gilt auch der Landwirtschaft. Ich würde auf die Barrikaden gehen, damit Junglandwirte eine Zukunft haben und sie gehört werden.

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