Ausbildung

Was Gscheids gelernt

Anja Kersten
am Donnerstag, 05.12.2019 - 15:36

Landwirt ist ein vielseitiger Beruf mit guten Perspektiven. Deshalb lohnt sich die Ausbildung nicht nur für Hofnachfolger.

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Wer den Betrieb übernimmt, darf Landwirt lernen. Die restlichen Geschwister oder Jugendliche, die nicht vom Hof kommen, müssen eine andere Ausbildung machen. Auch dann, wenn sie sich keinen schöneren Beruf vorstellen können. Was früher quasi ungeschriebenes Gesetz war, stimmt zum Glück schon lange nicht mehr. 

Etwa 10 % der landwirtschaftlichen Auszubildenden, so schätzt Bildungsberater Heinz Merklein vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (AELF) Nördlingen, haben in seinem Dienstgebiet in Nordschwaben keinen Hof daheim. Im Gebiet von Bildungsberater Walter Lilly im Raum Ansbach sind es mittlerweile sogar schon zirka 20 %. Tendenz eher steigend, wie sie berichten.

„Die landwirtschaftliche Ausbildung ist eine Grundlage, auf der man gut aufbauen kann“, betont Reiner Luber vom Landwirtschaftsministerium. Er ist dort zuständig für die Aus- und Fortbildung. So gäbe es in Bayern vielfältige Fortbildungen für Landwirte. Darüber hinaus ist der Schulbesuch an diesen staatlich finanzierten Schulen, egal, ob Landwirtschaftsschule mit Höherer Landbauschule oder Technikerschule, kostenlos. Das ist keine Selbstverständlichkeit, wenn man den Blick in andere Berufsgruppen, beispielsweise das Handwerk, wirft, erklärt Luber. Und diese Fortbildungen lohnen sich, denn die Perspektiven auf dem landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt sind sehr gut. 

Perspektiven sind gut

Hinter dieser Aussage stehen Zahlen, wie Friedrich Gronauer-Weddige, Leiter der Landwirtschaftlichen Lehranstalten Triesdorf und Wolfgang Stützle, Leiter der Technikerschule in Landsberg am Lech bestätigen. Ganz nebenbei: Die Technikerschulen in Triesdorf und Landsberg können gar nicht alle Schüler aufnehmen, die sich bewerben. So musste die Technikerschule nach Aussage von Gronauer-Weddige im letzten Jahr etwa 50 Bewerbern absagen. „Hatten wir in den letzten Jahren etwa 50 bis 60 Stellenangebote, sind es mittlerweile 100“, berichtet der Schulleiter, und fügt hinzu: „Und das bei 80 Absolventen.“

An der Technikerschule in Landsberg ist es nicht anders. „Arbeitgeber suchen händeringend nach guten Absolventen“, erzählt Stützle. Als Indiz nennt er den jährlich stattfindenden Arbeitgebertag an der Technikerschule, bei dem sich mögliche Arbeitgeber vorstellen. Darunter sind viele Firmen aus der freien Wirtschaft wie Landtechnikfirmen, Stallbau­firmen, die BayWa, Maschinenringe, Landeskuratorien (LKV, LKP), Bauernverband oder landwirtschaftliche Buchstellen, um nur einige zu nennen. „Diese Firmen würden sicher nicht einen ganzen Tag mit ein oder sogar zwei Leuten kommen, wenn sie auf ihrem Schreibtisch eine Vielzahl von Bewerbungen hätten“, bringt es Stützle auf den Punkt. Haben sie aber nicht. Deshalb machen die Firmen an diesen Tagen gerne Werbung in eigener Sache und konkurrieren sogar um die Absolventinnen und Absolventen.

Eigener Hof nicht erforderlich

Dass es bei Eltern und auch in der Gesellschaft immer noch relativ unbekannt ist, dass eine landwirtschaftliche Ausbildung auch ohne Hof sinnvoll ist, liegt auch daran, dass beim Arbeitsamt kaum freie Stellen gemeldet sind. „Das Arbeitsamt gewinnt dadurch natürlich den Eindruck, dass es, anders als im Handwerk, mit der Landwirtschaft ‚bergab‘ geht“, erklärt Luber. Das liegt aber eben nicht daran, dass es keine freien Stellen gibt, sondern dass sich mögliche Arbeitgeber gleich im vornherein an die entsprechenden landwirtschaftlichen Schulen wenden und dort nach künftigen Mitarbeitern suchen. Genau wie es die beiden Schulleiter berichten. So kommt es, dass fast alle Absolventen bei der Abschluss­feier bereits einen Arbeitsvertrag in der Tasche haben, berichtet Stützle. Mehr noch: Bereits nach Ende des dreiwöchigen Praktikums am Ende des 1. Semesters fragen viele Arbeitgeber an, ob der Praktikant nach seinem Abschluss nicht gleich bei ihnen anfangen wolle, weiß Stützle von den Erfahrungen seiner Studierenden.

So wie sich die Agrarbranche seit den 60iger Jahren immer weiterentwickelt hat und die Anforderungen für erfolgreiche Landwirte immer höher wurden, so werden auf die Landwirtschaft auch in Zukunft neue Herausforderungen zukommen. Zum einen wird die Landwirtschaft immer spezialisierter, zum anderen werden die Auflagen immer höher, wie beispielsweise beim Tierwohl oder dem Wasserschutz. Vor ein paar Jahren hätte es diese Aufgabengebiete noch gar nicht gegeben, jetzt aber brauche es dafür gut ausgebildete Landwirte, sind sich Bildungsberater und Schulleiter einig. Gronauer-Weddige bekräftigt: „Ohne zu übertreiben und mit gutem Gewissen kann ich sagen: Wer Landwirtschaft lernt, der wird gebraucht.“