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Kirche und Glaube

Glauben junge Menschen noch an Gott und die Kirche?

Kirche: Auf einer Holzpalette steht eine Jesusfigur mit Wackelkopf und daneben hängt ein Kreuz, das hell leuchtet.
Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Freitag, 03.06.2022 - 13:00

Die Zahl der Kirchenaustritte steigt, gleichzeitig kommen die spirituellen Angebote christlicher Jugendverbände weiterhin sehr gut an. Was muss geschehen, damit die jungen Leute in der Kirche bleiben?

Christen glauben wie Juden und Muslime an einen einzigen Gott. In der bildhaften Vorstellung ist das meist ein weißer Mann mit Bart. An diesem Bild knüpft die Katholische junge Gemeinde (KJG) an. Sie wollen künftig von „Gott*“ sprechen – quasi Gott mit Gendersternchen. Der KJG zufolge seien immer mehr Gläubige von der Vorstellung eines männlichen patriarchalen, weißen Gottesbildes befremdet, das vor allem jungen Menschen den Zugang zu Gott erschwere. Sie schreiben: „Die Möglichkeiten der Gottesbilder sind vielfältig.“

Gottesbild und Kirche im Wandel

Mitteilungen wie diese zeigen: Das Gottesbild ist vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Wandel. In den letzten Monaten war die Kirche wieder häufiger in den Schlagzeilen – wenn auch negativ aufgrund der Aufarbeitung von Missbrauchsfällen innerhalb der Kirche. Anfang des Jahres wurde ein Gutachten veröffentlicht, welches das Bistum München-Freising in Auftrag gab. Es zeigt, dass hunderte Fälle von sexuellem Missbrauch in der Diözese über Jahrzehnte nicht angemessen behandelt worden waren. Auch der mittlerweile emeritierte Papst Benedikt XVI. habe sich demnach falsch verhalten.

Diese Krise macht sich deutlich in den Kirchenaustritten bemerkbar. Allein in München hat sich die Zahl der Austritte seit Anfang des Jahres, im Vergleich zum Vorjahr, beinahe verdoppelt. Auch in Passau, Regensburg und Würzburg sind die Entwicklungen ähnlich. Gleichzeitig oder gerade deshalb wird aber in der Gesellschaft auch wieder mehr über Kirche und Glaube geredet. Nicht selten hört man dabei jedoch die Aussage „Ich brauche keine Kirche, um zu glauben!“ Ist das so?

Glaube an Gott ist nicht Kirchenzugehörigkeit

Eine repräsentative Insa-Umfrage (2021) im Auftrag für die Bild-Zeitung hat genau das herausgefunden: Das Ergebnis zeigt: 64 % der unter 30-Jährigen glauben noch an Gott. Von denjenigen, die angaben, nicht an Gott zu glauben, zweifelt aber immerhin jeder Vierte (23 %) , ob es Gott nicht doch gibt. Insa-Chef Hermann Binkert fasste gegenüber der Bild-Zeitung zusammen: „Gottesglaube und Kirchenzugehörigkeit gehören nicht mehr zwingend zusammen.“

Es ist sogar von Patchwork-Religiosität die Rede. Das fand eine Studie der Universität Münster heraus. Demnach kommt es bei etwa einem Fünftel der Deutschen zur spirituellen Sinnsuche und dem Kombinieren einzelner Elemente aus verschiedenen Religionen. Die Zuwanderungen aus aller Welt machen Weltreligionen wie das Judentum, den Islam, den Hinduismus und den Buddhismus wieder bekannter in Deutschland.

Christliche Jugendverbände probieren neues

Das Wochenblatt hat über das Thema Kirche und Gott mit jungen Gläubigen aus der evangelischen und katholischen Landjugend, einem katholischen Jugendreferenten aus der Oberpfalz und einem evangelischen Pfarrer aus Mittelfranken gesprochen. Ihre Aussagen gehen alle in eine ähnliche Richtung: Viele Inhalte, wie etwa der Zölibat, die Ehe für homosexuelle Paare oder die Priesterweihe, seien heutzutage zu starr gefasst. Manche wünschen sich auch einen aktiveren Einsatz in Sachen Klimaschutz. Auch auf die Form der Gottesdienste komme es an, so seien die typischen Sonntagsgottesdienste nicht mehr ansprechend.

Die bayerischen christlichen Jugendverbände probieren sich bereits bei einer alternativen Gottesdienstgestaltung aus. Landjugendpfarrer Ben Herzog von der Evangelischen Landjugend (ELJ) hat etwa die „Late Night Church“ gestartet, wo er neue Gottesdienstmodelle auf Youtube ausprobiert (siehe Interview). Auch der katholische Jugendreferent Simon Schmucker hat den Rahmen für Gottesdienste angepasst: Er hat Glaubensimpulse mit Sport verbunden. Im Regensburger Land verleiht er zusammen mit dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) Stand-up-Paddling-Boards an Jugendgruppen (siehe S. 54). So hat es auch schon Gottesdienste mitten im See gegeben.

Jugendliche fordern ein Umdenken der Kirche

Kirche- Halleluja-Late-Night-Church: Auf einem Radio steht in einem hölzernen Schriftzug das Wort Halleluja.

Auch weltweit betrachtet sind die Forderungen der Jugendlichen an die Kirche ähnlich. 2018 verfassten über 15 000 Jugendliche einen „Kompass“ bei der weltweiten Bischofskonferenz in Rom. In einem 13-seitigen Dokument fassten die jungen Gläubigen ihre Wünsche und Forderungen an die Kirche zusammen. Darin bemängeln sie auch, dass die Kirche die Logik des „Das-war-schon-immer-so“ endlich überwinden müsse. Unter anderem forderten sie auch eine „echte Diskussion“ über die Rolle der Frau in der Kirche sowie eine Änderung oder zumindest eine bessere Erklärung der traditionellen kirchlichen Morallehren im Bezug auf Empfängnisverhütung, Abtreibung, Homosexualität, Zusammenleben unverheirateter Paare, Hochzeit und die Wahrnehmung des Priesteramts. Auch mehr Transparenz und Offenheit fordern sie von kirchlichen Amtsträgern sowie eine Null-Toleranz-Politik gegenüber sexuellem Missbrauchs. Abschließend wünschen sich die Jugendlichen mehr Mitspracherecht in der Kirche – angefangen in der Pfarrei, etwa im Pfarrgemeinderat, bis hin auf nationaler und internationaler Ebene sowie bezogen auf die katholische Kirche, im Vatikan selbst.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Junge Menschen glauben noch an Gott, die Kirche rückt aber immer weiter in den Hintergrund. Sowohl ELJ-Pfarrer Ben Herzog als auch BDKJ-Jugendreferent Simon Schmucker betonen: Wir haben ein Angebot für Jugendliche in unseren Verbänden geschaffen, bei dem die Gottesdienst-Elemente explizit von den Jugendlichen selbst eingefordert wurden. Sie wünschten sich Glaubens-Impulse und kurze Andachten.

Was müsste sich in der Kirche ändern?

Wir haben junge Christinnen und Christen gefragt, was sich in der Kirche ändern müsste, damit junge Leute auch weiterhin noch in der Kirche bleiben. Die Gründe sind vielfältig, aber oft ähnlich: 

Katharina-Müller-KLJB: Porträt einer jungen Frau, sie lächelt in die Kamera.

Katharina Müller aus Weiler-Simmerberg (Lks. Lindau), Sprecherin der Verbandszeitschrift „kontakte“ der KLJB Augsburg:

„Ein erster wichtiger Schritt wäre es, dass die Kirche offen mit den Vorschlägen junger Menschen umgeht. Situationen, in denen junge Menschen, die etwas in der Kirche bewegen wollen, ausgebremst werden, sollten verhindert werden. Da denke ich spontan an die General-Ausrede: „Das war schon immer so“, welche bestimmt jeder schon in der eigenen Kirchengemeinde gehört hat. Oder an die eingefahrenen Regelungen unserer Kirchenoberhäupter wie beispielsweise der Zölibat. Die Bereitschaft, neue Wege einzuschlagen, wäre eine Möglichkeit, die Begeisterung junger Menschen in der Kirche zu steigern.“

Dominik-Dietz-AK-Löve-Sprecher-2021: Porträt des jungen Mannes im Sommer vor einer grünen, Pflanzenwand. Er trägt ein dunkelblaues T-Shirt, eine Brille mit runden Gläsern und getönten Scheiben, in der rechten Hand hat er einen Stift. Am linken Arm sieht man eine Tätowierung.

Dominik Dietz aus Schweitenkirchen (Lks. Pfaffenhofen an der Ilm), Sprecher AK Löve, AK Glaube und Leben der KLJB Bayern:

„Was hält mich eigentlich noch in der Kirche? Da ist die erste Antwort ganz klar: Die KLJB und dass ich Christ bin. Was muss sich für mich ändern? Ändern muss sich für mich eine ganze Menge. Da wäre einmal die Transparenz der Kirche. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, in dem die Kirche alles tun und lassen durfte. Die Kirche muss mit maximaler Transparenz die Missbrauchsfälle lückenlos aufklären, nicht schweigen, verleugnen und abwarten. Die Zeit zum Handeln ist schon lange da und Handeln ist längst überfällig. Genauso muss die Kirche auf ihre Gläubigen zugehen und einen längst überfälligen Wandel einläuten, der sich in Bewegungen wie Maria 2.0 und dem Synodalen Weg klar zeigt. Die Kirche muss liberal, offen, frei und modern werden. Das heißt ganz klar auf Menschen der LGBTIQ+ Bewegung zugehen und sich nicht aus Angst vor ihnen verschließen. So muss für mich der Weg in alle Ämter für Menschen jeglichen Geschlechts offen sein. Der Zölibat darf nur noch eine freiwillige Basis für Menschen im Priestertum sein, aber kein Zwang.“

anna-lena-maier-KLJB: Eine junge Frau mit kurzen Haaren lächelt in die Kamera.

Anna Lena Maier aus Pfarrkirchen (Lks. Rottal-Inn), KLJB-Diözesanvorsitzende Passau:

„Den Satz „Glauben kann ich auch ohne Kirche“ können vielleicht viele junge Menschen so unterschreiben, aber wir als KLJB-ler erleben, wie bereichernd das Leben in der Kirche über diesen Glauben hinaus sein kann. Klimawandel, Queerness und Gleichberechtigung – das sind Themen, die für die Jugend relevant sind und zu denen sie klare Meinungen hat. Junge Leute müssen diese Themen in der Kirche wiederfinden – und sie sind alle mit der Lehre unseres Glaubens vereinbar! Ein aktiver Einsatz für Klimaschutz und eine zeitgemäße Positionierung zu gleichgeschlechtlicher Liebe kann mit dem Gemeinschaftsgefühl, das Kirche bietet, Jugendlichen wieder einen Mehrwert im Leben in der Kirche erkennen lassen. Sie muss veraltete Ansichten hinter sich lassen; solange jedoch Machtstrukturen vorherrschen, in denen Einzelpersonen Fortschritt ausbremsen können, sehe ich dafür schwarz.“

Michael-Dendorfer-ELJ: Ein junger Mann lächelt in die Kamera.

Michael Dendorfer aus Weiden in der Oberpfalz, Landesvorsitzender der Evangelischen Landjugend:

„Aus meiner Sicht muss die Kirche für die jungen Leute attraktiver werden. Denn wir sind die Zukunft unserer Kirche. Viele bisherigen Angebote und Strukturen sind nicht auf die Bedürfnisse der jüngeren Generationen ausgerichtet, weil sie zu selten in die Planungen mit eingebunden werden und sich somit auch nicht angesprochen fühlen. Um das zu ändern, müssen viel mehr junge Leute in Entscheidungsprozesse innerhalb der Kirche miteinbezogen werden. Außerdem sollten ihnen Räume und Angebote zur Unterstützung zur Verfügung gestellt werden.“

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