Lebenserfahrung für Studierende

Corona: Aus der Krise lernen

Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Freitag, 06.11.2020 - 18:05

Studierende der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf konnten durch ein neues Wahlmodul Landwirten in der Corona-Krise helfen. Was sie dabei gelernt haben, geht weit über die reine Berufspraxis hinaus.

Einfach mit anpacken, wo gerade Hilfe gebraucht wurde. Das war die Hauptaufgabe der Studierenden der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf (HSWT), als sie im Frühjahr dieses Jahres auf die landwirtschaftlichen Betriebe kamen. Im konkreten Fall hieß das: Hopfen hochbinden, Kartoffeln sortieren, melken, zwischen den Erdbeerpflanzen hacken, ...

In dieser Zeit fehlten auf den Höfen Saisonarbeitskräfte und Erntehelfer, die durch den Lockdown nicht nach Deutschland einreisen durften.

Möglich gemacht hatte die Hilfe die HSWT durch zwei neue Wahl­module für die Studiengänge Landwirtschaft, Wirtschaftsingenieurwesen Agrarmarketing und Agrarmanagement sowie Management Erneuerbarer Energien. Diese wurden von der Fakultät Nachhaltige Agrar- und Energiesysteme am Campus Freising angeboten. Teil dieser Module war auch noch etwas anderes: Die Studierenden sollten in einem Bericht erfassen, mit welchen Herausforderungen die Betriebe durch die Corona-Pandemie konfrontiert waren und wie sie damit umgegangen sind. Sie sollten reflektieren, wie diese Krise sie selbst emotional beeinflusst hat.

Die Studierenden haben so auf den Betrieben, von den Betriebsleitern und den Familien einiges gelernt, das weit über die alltägliche Berufspraxis hinausgeht: Sie duften mitnehmen, wie wichtig es ist, in Krisenzeiten Ruhe und eine positive Einstellung zu bewahren. Dass die Arbeit auf vielen Betrieben nur klappt, wenn die Familie, die Mitarbeiter als Team funktionieren. Und dass es sich meistens lohnt, anderen Menschen eine Chance zu geben und Vertrauen in ihre Fähigkeiten zu haben.
Sophia Gottschaller

Durch Verantwortung gestärkt

Betriebshelfer

Anna Fath, 25 Jahre aus Freising (Lks. Freising), studiert Ökologische Landwirtschaft: „Ich finde es klasse, dass uns die Hochschule in der Corona-Krise die Möglichkeit gegeben hat, auf einem Betrieb zu helfen und dort Erfahrungen zu sammeln. Ich war auf dem Hof der Familie Makary in Kirchdorf an der Iller in Baden-Württemberg. Das ist ein ökologisch bewirtschafteter Milchziegenbetrieb mit Legehennen, Ackerbau und nun einer eigenen Hofkäserei. Durch das Praxissemester kenne ich den Hof und helfe auch so immer wieder dort mit.

Der Betrieb wollte im Frühjahr die Hofkäserei eröffnen – durch die Corona-Krise wurde das zur Herausforderung. Die Phase, in der die Bauarbeiten abgeschlossen werden sollten, fiel genau in den Lockdown. Die Lieferungen des Materials verzögerten sich und es wurde schwierig, für die Monteure Unterkünfte zu finden. Außerdem musste die Familie neben der normalen Betriebsführung ihre drei Kinder betreuen. In dieser Phase habe ich auf dem Hof überall mitgeholfen und bin dort eingesprungen, wo man mich gebraucht hat.

Die Familie ist beeindruckend mit der Situation umgegangen. Sie waren geduldig, wenn etwas nicht wie geplant geklappt hat und haben gleichzeitig schnelle Entscheidungen getroffen. Ich habe von ihnen gelernt, dass man bei wichtigen Entscheidungen einen klaren Kopf bewahren muss und sich nicht an Dingen festbeißen sollte, die man nicht ändern kann. Mir fällt es manchmal gar nicht so leicht, schnell klare Entscheidungen zu treffen. In dieser Zeit durfte ich aber auch selbst auf dem Betrieb mehr Verantwortung übernehmen und fand das sehr positiv. Ich konnte selbst nach Lösungen suchen, Entscheidungen treffen und habe dadurch viel gelernt.“

Offen bleiben für neue Ideen

Corona

Theresa Wachinger, 20 Jahre aus Rieden (Lks. Aichach-Friedberg), studiert Landwirtschaft: „Auf dem Milchviehbetrieb von Anton Breumair mit 50 Kühen und weiblicher Nachzucht in Stätzling bei Augsburg kam es durch den Lockdown zu einer schwierigen Situation: Der Betriebsleiter hat eine kaputte Hüfte und hätte im März operiert werden sollen. Der Operationstermin wurde aber wegen Corona auf unbestimmte Zeit verschoben. Seine Schmerzen wurden dann so schlimm, dass er nicht mehr arbeiten konnte. Weil ich davor schon öfter auf dem Hof geholfen habe, wurde ich über den Maschinenring dort angestellt und konnte dabei auch das Corona-Modul der Hochschule absolvieren.

Antons Sohn Manuel arbeitet morgens vor und abends nach der Arbeit mit auf dem Hof und hat sich nach wie vor um die Feldarbeit gekümmert. Meine Aufgaben waren vor allem das Melken und die Betreuung der Kälber.

Da ich nicht von einem Betrieb komme, habe ich in dieser Zeit wahnsinnig viele praktische Dinge gelernt. Ich habe von Anton auch einiges fürs Leben gelernt. Ich rechne ihm sehr hoch an, dass er mich viele Arbeiten selbstständig erledigen hat lassen.  

Außerdem hat er mir die Möglichkeit gegeben, meine eigenen Ideen einzubringen. Das ist nicht selbstverständlich. Ich habe zum Beispiel vorgeschlagen, die Kälber ad libitum zu tränken – das haben wir im Studium gelernt. Klar war er am Anfang etwas skeptisch und hat sich Sorgen gemacht, dass die Kälber davon Durchfall bekommen. Trotzdem hat er mich diese Methode ausprobieren lassen und inzwischen werden alle Kälber so getränkt. Anton hatte Vertrauen in mich, obwohl ich wenig landwirtschaftlichen Hintergrund habe und noch relativ jung bin.“

Im Berufswunsch Landwirt bestärkt

Betriebshelfer

Adrian Schäfer, 22 Jahre aus Bonfeld (Lks. Heilbronn), studiert Landwirtschaft dual: „Für das Corona-Modul, das die Hochschule angeboten hat, war ich auf dem Bio-Ackerbaubetrieb meines Onkels, Helmut Wacker. Sein Hof liegt in Kraichgau in Baden-Württemberg. Dort werden unter anderem Winterweizen, Winterdinkel, Soja, Öllein und Zuckerrüben angebaut. Ich arbeite in meiner Freizeit oft auf dem Betrieb mit und als im März durch die Corona-Krise der Lockdown kam, hat mich mein Onkel um Unterstützung gebeten.

Der Grund dafür war, dass mein Onkel Asthma hat. Im Alltag ist er dadurch nicht stark eingeschränkt. Wegen Corona wurde er zum Risikopatienten. Wir haben gemeinsam beschlossen, dass mein Onkel für den Notfall alle für den Betrieb wichtigen Daten, Informationen und Erkenntnisse akribisch niederschreibt, wie zum Beispiel die Fruchtfolge. Weil ich den Betrieb nicht allein führen kann, haben wir mit zwei befreundeten Berufskollegen aus dem Nachbarort vereinbart, dass wir uns im Notfall gegenseitig helfen. Damit das Infektionsrisiko möglichst gering ist, wurde der Hof für die Öffentlichkeit geschlossen und wir mussten die Kontakte meines Onkels auf das Minimum reduzieren.

Ich durfte in dieser Zeit auf dem Betrieb viel Verantwortung übernehmen, zum Beispiel beim Anleiten der Mitarbeiter. Freilich habe ich Rücksprache mit meinem Onkel gehalten, aber ich durfte auch selbstständig handeln. Den Umgang mit Personal lernt man erst wirklich, wenn man das selbst macht. Es war eine Wahnsinns Erfahrung zu sehen, dass man dieser Verantwortung gerecht werden kann. Ich habe bemerkt, dass die Landwirtschaft das ist, wofür ich brenne und so wurde ich nochmal in meinem Berufswunsch bestärkt.

In dieser Zeit habe ich einen tiefen Einblick in viele betriebswirtschaftliche Dinge bekommen. Mein Onkel und ich haben uns früh Gedanken darüber gemacht, welche Faktoren grundlegend wichtig sind, um den Betrieb am Laufen zu halten. Ein großer Faktor war der Diesel, der zweite das Saatgut. Deshalb haben wir einerseits die Lagerkapazität von Diesel erhöht und das Saatgut schon deutlich früher bestellt, nämlich im Februar. Dadurch habe ich gelernt, wie wichtig eine langfristige Planung von Arbeitsabläufen auch in der Landwirtschaft ist. Es lohnt sich, Dinge nicht bis zuletzt aufzuschieben – so kann man sich selbst viel Stress ersparen und flexibler reagieren.“

Konventionellen Ackerbau erlebt

Betriebshelfer

Veronika Achter, 23 Jahre aus Rudersberg (Lks. Dachau), studiert Ökologische Landwirtschaft: „Durch das Corona-Modul war ich auf dem Betrieb Kiermeier im niederbayerischen Buchhofen. Der Betrieb produziert Pflanzkartoffeln für die Vermehrung und Verarbeitungskartoffeln, außerdem Zwiebeln für die Verarbeitung und den Lebensmittel­einzelhandel. In der Phase des Lockdowns war Xaver Kiermeier Betriebsleiter, inzwischen hat sein Sohn Michael den Hof übernommen. Wegen der Pandemie war es damals kaum möglich, genug Mitarbeiter für das Sortieren der Kartoffeln beim Auslagern aus dem Lager zu finden. Deshalb stand ich zusammen mit der ganzen Familie an den Sortier- und Beizanlagen. Das Arbeitsklima und der Zusammenhalt waren toll.

Ich komme von einem Bio-Betrieb, der Betrieb Kiermeier wirtschaftet konventionell. Zwischen diesen beiden Bewirtschaftungsformen herrscht oftmals viel Skepsis und es war sehr spannend für mich, Einblicke in den konventionellen Ackerbau zu bekommen. Inzwischen finde ich, dass beide Formen ihre Berechtigung haben und würde mir wünschen, dass auch die Verbraucher ihre Vorbehalte ablegen. Außerdem würde ich meinen Kommilitonen empfehlen, sich trotz ihrer Studienrichtung einen anders wirtschaftenden Betrieb anzuschauen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es lohnt, auf neue Dinge und Situationen nicht voreingenommen zu reagieren, sondern offen zu sein.
Die Zeit auf dem Betrieb hat mir gezeigt, dass die Landwirtschaft eine extrem abhängige Branche ist. In der Krise wurden Konsumkartoffeln für den Lebensmitteleinzelhandel stark nachgefragt. Der Betrieb Kiermeier produziert aber nur Pflanz- und Verarbeitungsware. Es hat mich schockiert, wie die Preise trotz bestehender Verträge nach unten korrigiert wurden. Beeindruckend fand ich, wie sich Xaver Kiermaier mit Ruhe und Nachdruck hinter die Vermarktung geklemmt hat, um einen bestmöglichen Kompromiss für den Betrieb auszuhandeln.“

Respekt vor Saisonarbeitern

Betriebshelfer

Nicholas Krautwurst, 24 Jahre aus Kiel, studiert Wirtschaftsingenieurwesen, Agrarmarketing und Management: „Der Schillerhof liegt in Wisch in Schleswig-Holstein, fast direkt an der Ostsee. Die Familie bewirtschaftet die Flächen ökologisch mit Ackerbau und Erdbeeren, weitere Betriebszweige sind zwei Ferienhäuser und PV-Anlagen. Ich kannte den Betrieb über Freunde und konnte dort das Corona-Modul absolvieren.

Von der Coronakrise waren auf dem Schillerhof der Erdbeeranbau und die Ferienhäuser besonders betroffen. In der Zeit des Lockdowns durften keine Gäste kommen. Außerdem muss die Fläche zwischen den Erdbeerpflanzen per Hand gehackt werden. Das übernehmen eigentlich im Frühjahr polnische Saisonarbeiter. Durch das Einreiseverbot konnten die Arbeiter nicht kommen und es haben dann Leute aus der Region auf dem Betrieb mitgeholfen. Für den Betrieb war es eine große Herausforderung alles zu organisieren und die neuen Helfer einzulernen. Außerdem hatten sie das Risiko, dass die Helfer nach kurzer Zeit wieder abspringen, weil die Arbeit so anstrengend ist. Trotzdem hatte die Familie immer gute Laune, das hat mich beeindruckt.

Wir Helfer waren eine sehr bunt gemischte Gruppe. Dadurch, dass wir zusammen viel Zeit auf dem Feld verbracht haben, haben wir uns gegenseitig gut kennengelernt. Wir wurden ein richtiges Team und das hat Spaß gemacht. Außerdem haben alle wirklich unermüdlich gearbeitet und keiner ist abgesprungen.

Ich habe zwar auch schon vor diesem Modul immer wieder Einblicke in die praktische Arbeit in der Landwirtschaft bekommen, stamme aber selbst nicht vom Hof. Die Zeit auf dem Schillerhof hat mir gezeigt, welch harte Arbeit die Saisonarbeitskräfte bei uns leisten. Ich habe davor großen Respekt. Außerdem konnte ich dort miterleben, wie wichtig es für landwirtschaftliche Betriebe ist, sich verschiedene Betriebszweige aufzubauen. Das minimiert das Risiko in Krisen.“