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Ratgeber für Eltern und Jugendliche

Ausziehen mit 16: Gut beraten Kisten packen

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Sigrid Tinz
am Freitag, 26.08.2022 - 09:30

Ausziehen mit 16: Ein Traum für manche Jugendliche und oft auch eine Notwendigkeit. Besonders auf dem Land. Denn spezielle Ausbildungsstellen oder weiterführende Schulen sind oft weit entfernt von daheim. Wie gelingt´s?

Wenn Kinder erwachsen werden, sind Eltern noch mehr gefordert. Sie wollen unterstützen, sollen loslassen, und tragen doch noch viel Verantwortung, vor allem wenn der Nachwuchs eine eigene Wohnung will oder braucht. Laut Gesetz müssen Jugendliche nicht zu Hause wohnen bis sie 18 Jahre alt geworden sind. Alleine leben dürfen sie, wenn sie 16 sind, allerdings nicht gegen den Willen der Sorgeberechtigten. Bis zur Volljährigkeit haben diese das sogenannte „Aufenthaltsbestimmungsrecht“ und können entscheiden, wo das Kind wohnt. Einfach den Nachwuchs vor die Tür setzen, so lange er noch nicht volljährig ist, ob er will oder nicht, das dürfen die Eltern allerdings auch nicht.

Bei Konflikten hilft die Erziehungsberatung

Das heißt: Soll oder will ein Kind mit 16 Jahren ausziehen, geht das nur einvernehmlich als Familie. Sind die Eltern dagegen, heißt das nicht, dass ein Auszug nicht möglich oder nicht nötig sein kann. Konflikte können nicht nur zwischen den Generationen, sondern auch zwischen Elternteilen verlaufen. Von denen das eine Elternteil einverstanden ist und das Kind unterstützt und das andere Elternteil dagegen ist, weil es sich Sorgen macht oder nicht mehr Unterhalt für eine zusätzliche eigene Wohnung bezahlen möchte.

„Gut begleitet kann auch das gut werden“, sagt Dorothea Jung, Sozialpädagogin und Leiterin der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung. Zum Beispiel kann eine professionelle Mediation die starren Fronten zwischen den Eltern lockern; die Jugendlichen selbst können sich beim Jugendamt oder auch in einer Beratungsstelle Hilfe holen.

Und wenn es „hart auf hart“ kommt, entscheidet ein Familiengericht über das Aufenthaltsbestimmungsrecht sowie darüber, was dem Wohl des Kindes am besten entspricht; und auch das Finanzielle lässt sich so regeln. „Solche Fälle würden wir allerdings an die entsprechenden Stellen weitervermitteln“, sagt Dorothea Jung.

Dorothea Jung und ihre Kollegen und Kolleginnen in den Beratungsstellen sind für die Fälle zuständig, in denen es Gesprächsbereitschaft gibt. Oder besser gesagt: für die, die auf der Suche nach einer einvernehmlichen Lösung sind. Kompliziert genug für die jeweilige Familie ist es ja oft trotzdem.

Kinder vom Land müssen häufiger, früher ausziehen

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Und das kommt durchaus häufiger vor. Gerade auf dem Land hat ein Kind nach dem mittleren Abschluss wenig Auswahl an Schulen, Lehrstellen oder Einsatzorten für ein Freiwilligenjahr. Der öffentliche Nahverkehr ist bescheiden; jeden Tag vom abgelegenen Hof in die Kreisstadt zu kommen, um dort zur Berufsschule oder in die Lehre zu gehen, dauert Stunden.

Lehrstellen zum Beispiel in einem trendigen Frisörgeschäft gibt es nicht unbedingt, wenn es denn überhaupt einen Frisör gibt. „Mein Sohn wollte auf die Fachoberschule für Design in der benachbarten Großstadt, anderthalb Autostunden vom Hof entfernt, und dort mit einem Freund, der die gleichen Pläne hat, in einer WG leben“, sagt die Mutter von Nico; der hier so heißen soll, weil weder Mutter noch Sohn mit ihrer Geschichte in der Zeitung stehen möchten.

„Wir wollten ihm das gerne ermöglichen. Es ist doch toll, wenn ein Kind so konkrete Pläne hat und sich das zutraut. Aber ich hatte Ängste“, erinnert sie sich. Nico sei anfällig und schnell erkältet; was, wenn er an die falschen Leute gerate oder die Nachbarn sich beschweren, weil er zu laut Musik höre oder überall Altglas und Müll herumstehen lasse?

Außerdem sei er Langschläfer, wie soll er alleine pünktlich in die Schule kommen? „In meinem Kopf kreisten Horrorszenarien.“ Wollte sie mit ihrem Sohn darüber sprechen, habe er sie angeschaut und gesagt: „Ey, Mama, das sind aber jetzt echt deine Probleme.“ „Und dann hatte ich ein schlechtes Gewissen, dass ich ihm meine Ängste aufbürde und genau deswegen alles schief gehen wird.“

Wie den Umzug des Kindes finanziell schaffen?

In anderen Familien kommen die Bedenken vor allem aus finanzieller Sicht. Ein Zimmer zu mieten für die Lehre beim coolen Großstadtfrisör kostet in der Großstadt schlicht viel Geld.

Prinzipiell seien die Eltern zwar zum Unterhalt verpflichtet, heißt es beim Familienministerium, und dazu, das Kind entsprechend zu unterstützen. Aber sie müssen das Geld natürlich auch haben.

Geht das gar nicht, kann der Staat einspringen: von Wohngeld bis Berufsausbildungsbeihilfe gibt es verschiedene Möglichkeiten. Die sind zwar etwas bürokratisch verschachtelt und aufwendig zu beantragen, aber es lohnt sich, sich zu informieren und zur Not durch die Anträge hindurch zu hangeln oder sich auch hier gut beraten zu lassen.

Wie sieht ein Auszug Minderjähriger rechtlich aus?

Sind die Eltern einverstanden und das Finanzielle geklärt, kommt noch das Rechtliche: 16-Jährige dürfen zwar offiziell alleine wohnen, aber sind offiziell noch nicht geschäftsfähig. Das heißt, die Erziehungsberechtigten müssen Verträge unterschreiben, für Wohnung, Wasser, Strom und Heizung, die Schulanmeldung, den Lehrvertrag, das Smartphone; und das Einverständnis geben für einen eventuellen Nebenjob.

Dorothea Jung empfiehlt außerdem, am neuen Wohnort einen Vertrauten zu gewinnen, ob Lehrer oder Lehrherr, Verwandte oder neue Nachbarn; idealerweise diese Person auch mit einer Vollmacht auszustatten. „Da kann das Kind dann schnell hin, wenn es krank ist oder andere Sorgen und Nöte hat.“

Auch die Gesundheitssorge liegt bei 16-Jährigen noch bei den Erwachsenen. Routinetermine beim Zahnarzt oder sich Verhütungsmittel verschreiben zu lassen, können die Teenies zwar autark erledigen. Aber bei einem Unfall etwa muss jemand erreichbar sein. Ähnliches ist im Fall der Fälle, wenn die Polizei das vielleicht über die Stränge geschlagene Kind eingesammelt hat und irgendwo abliefern möchte.

Auszug der Kinder: Eltern müssen lernen loszulassen

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Bei den Themen, die Eltern wie Nicos Mutter im Kopf kreisen – gesundes Essen, Schlafenszeiten, Haushalt – empfiehlt Dorothea Jung: Loslassen. Statt Putzpläne zu verordnen und vorgekochtes Essen mitzugeben und regelmäßig Kontrollanrufe zu tätigen, sollten Eltern ihr Kind fragen, was es selbst meint zu brauchen. Wo es schwierig werden könnte, wo es gerne Unterstützung hätte. Dann kommt man ins Gespräch und kann gemeinsam planen.

Dass es ein bisschen ruckelt, wenn das Leben in den nächsten Gang schaltet, ist nicht nur ein Spruch, sondern Tatsache. Irgendwann läuft es dann wieder rund. Wenn das Kind zu Hause Bad und Küche im Chaos hinterlässt, bedeutet es nicht, dass es in seiner eigenen Wohnung im Chaos ersticken wird. Es wird alles schon irgendwann selber machen, wenn ihm niemand mehr hinterher räumt. Oder es lebt halt in einem gewissen Chaos. Das ist seine Sache.

Kompromissen im Alltag finden

Bei Nico erwies sich tatsächlich das Aufstehen als Problem. Kurz vor den Herbstferien rief die Schule an wegen dauernden Zuspätkommens. „Danach saß ich dann jeden Morgen wie auf Kohlen“, erinnert sich seine Mutter. „Oft hab ich ihn angerufen, zur Kontrolle, dann gab es Streit.“ An Weihnachten hat sich die Familie zusammengesetzt, so wie Dorothea Jung es empfiehlt, und „Sorgen und Wünsche ausgetauscht, erzählt und nachgefragt.“ Ergebnis: Wir senden Nico jeden Morgen ein Bild vom Hund. „Den habe ich früher immer in sein Zimmer geschickt, wenn Aufstehzeit war.“ Werden die Häkchen in der App blau, ist alles gut. „Wenn nicht, darf ich ihn anrufen.“

Gerade hat Nico seinen 17. Geburtstag gefeiert und, so erzählen es die Eltern, ihnen die Tür zum Kaffee-und-Kuchen-Besuch geöffnet mit den Worten: „Schuhe ausziehen, bitte. Ich habe gerade erst gewischt und gesaugt. Heute kommen noch Gäste.“ Die Mutter lacht: „Dass er so schnell erwachsen wird, das hätte ich wiederum nicht gedacht.“

Mehr Infos

Bei der Onlineberatung der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung, kurz bke, kann man sich per Mail oder Chat vertraulich und vor allem zeit- und ortsunabhängig beraten lassen, zu allen Themen und Problemen, die es im Familienleben so gibt – und natürlich auch zum Thema „Ausziehen“.

Erste Antworten gibt’s sehr schnell; alles weitere wird dann passgenau abgestimmt und geplant. Eltern und Jugendliche können sich unabhängig voneinander beraten lassen, jeweils unter www.bke-elternberatung.de bzw. www.bke-jugendberatung.de. Unter den Adressen lassen sich auch Beratungsstellen vor Ort finden.

Unter www.arbeitsagentur.de/bildung/ausbildung/berufsausbildungsbeihilfe-bab gibt es alle Infos zur staatlichen finanziellen Unterstützung bei einer Berufsausbildung. Unter www.bafög.de findet sich alles übers Bafög, speziell für Schülerinnen und Schüler unter www.xn--bafg-7qa.de/bafoeg/de/das-bafoeg-alle-infos-auf-einen-blick/_documents/bafoeg-fuer-schuelerinnen-und-schueler.html.

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