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Ratgeber

Der Weg zum nachhaltigen Kleiderschrank

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Maria Burkhardt
Maria Burkhardt
am Dienstag, 15.03.2022 - 10:00

Weniger Waschen, weniger Kaufen: Zwei wichtige Faktoren für nachhaltigen Kleiderkonsum. Das ist aber noch lange nicht alles. Hauswirtschafts-Expertin Elke Messerschmidt gibt Tipps zum Neukauf von Recycling-Fasern, Gütesiegeln, Waschhäufigkeit, Altkleidersammlungen und Second Hand.

Ein Porträt der Frau. Sie trägt Brille, knapp schulterlange blonde Haare und einen pinken Pulli.

Mal ehrlich: Wie viele Kleidungsstücke hängen ungetragen in jedem Kleiderschrank? Und wieviele Kleidungsstücke kauft sich jeder jährlich neu, obwohl der Kleiderschrank voll ist. Nachhaltig geht anders. Aber wie?

Jeder Bundesbürger kauft im Jahr 60 neue Kleidungsstücke und gibt dafür 780 € aus – das ist natürlich ein Durchschnitt. Doch die Kauflust führt dazu, dass vier von zehn T-Shirts, Hosen oder Jacken selten oder fast nie getragen werden. Kleidung, die unter großem Aufwand und unter Einsatz vieler Ressourcen erzeugt wurde. Das war der Anlass für das Kompetenzzentrum Hauswirtschaft (KoHW), den „nachhaltigen Kleidungskonsum“ zum Jahresthema 2022 zu machen, unter dem Motto „Geht᾽s noch... etwas nachhaltiger?“.

Im Hinblick auf den Welthauswirtschafttag am 21. März haben wir mit Elke Messerschmidt vom KoHW gesprochen und um ein paar nachhaltige Handlungstipps zum Kleidungskonsum gebeten.

Wochenblatt: Was ist ein nachhaltiges Kleidungsstück?

Messerschmidt: Die Frage ist nicht eindeutig zu beantworten. Denn jedes Kleidungsstück benötigt in der Erzeugung Ressourcen. Baumwollkleidung steht wegen des hohen Wasserverbrauchs der Pflanze und des Chemikalieneinsatzes im Anbau in der Kritik. Polyesterkleidung wird aus Erdöl hergestellt und ist somit für einen großen Teil der CO₂-Freisetzung im Textilsektor verantwortlich. Beim Waschen entsteht Mikroplastik, das ungefiltert in die Gewässer gelangt. Die Herstellung erfolgt vor allem in Asien unter überwiegend ungünstigen Arbeitsbedingungen. Die Näherinnen erhalten oft nur sehr geringe Löhne.

Auf die Frage, welches Kleidungsstück ist nachhaltig, heißt die Antwort eigentlich: Jedes nicht gekaufte Kleidungsstück bzw. jedes Kleidungsstück, das Sie (schon) haben und gerne weiterhin tragen. Mein Tipp lautet daher: Überlegen Sie beim Einkauf genau, brauche ich das Kleidungsstück wirklich, habe ich Kleidung, die sich kombinieren lässt, kann ich es für eine einmalige Feierlichkeit eventuell auch ausleihen oder gibt es eine Möglichkeit im Secondhandladen einzukaufen.

 

Schritt für Schritt zu mehr Nachhaltigkeit

Swap-Party-Kleidertauschparty: Illustration von zwei Frauen, die ihre überflüssigen Kleider aus ihren jeweiligen Kleiderschrank tauschen.
  • Erst mal nachschauen, was im Kleiderschrank ist: So manches Kleidungsstück ist in Vergessenheit geraten und lässt sich vielleicht neu kombinieren.
  • Lieblingsstücke reparieren (lassen): Mit Fantasie und etwas Geschick können kleine Löcher im Pulli und ein kaputter Reißverschluss in der Jeans ausgebessert werden.
  • Upcycling: Kleidung ändern oder etwas Neues daraus zu schneidern, setzt etwas mehr Nähkenntnisse voraus, kann aber viel Spaß machen.
  • Sachen weitergeben: Über Kleidungsstücke, die nicht mehr gefallen, können sich durchaus andere freuen. Außer im Bekanntenkreis gibt es auch in Second Hand-Läden oder auf dem Flohmarkt Abnehmer.
  • Kleidung tauschen oder leihen: Es muss nicht alles neu sein, Kleidung auf Kleidertauschpartys, unter Freundinnen tauschen oder in speziellen Läden zu leihen, ist gerade bei der jüngeren Generation sehr beliebt und voll im Trend.
  • Den eigenen Stil finden: Beim Neukauf auf Siegel und Materialien zu achten, ist das eine, entscheidend ist aber immer, worin man sich wohlfühlt und was einem gefällt, damit die Kleidung auch wirklich gern, viel und lang getragen wird.

 

Wochenblatt: Das Angebot an Kleidungsstücken aus recycelten Materialien nimmt zu. Wie sieht es da mit Nachhaltigkeit aus?

Messerschmidt: Recyceln reduziert den Erdölbedarf in der Polyestererzeugung etwas. Aber Recyceln hat seine Grenzen. Denn eine Faser aus recyceltem Material ist nicht so fest wie die ursprüngliche. Daher wird recyceltes Material immer nur zugesetzt, aber nicht ausschließlich verwendet. Achten Sie genau auf die Werbeaussagen am Kleidungsstück. Die Aussage „aus 20 % recyceltem Material“ heißt eben 80 % ist herkömmlich erzeugt.

Um Kleidungsstücke später überhaupt recyceln zu können, müssen Sie beim Einkauf darauf achten, ein reines Gewebe zu kaufen. Das finden Sie im Handel kaum. Das meiste ist aus Mischgewebe, das sich (noch) nicht recyceln lässt.

Wochenblatt: Nachhaltigen Kleidungskonsum kann ich also nur über die Einkaufsschiene beeinflussen: Reines Gewebe kaufen, weniger kaufen und Einkaufssiegel beachten.

Messerschmidt: Das sind wichtige Faktoren in der Beschaffung. Zusätzlich haben Sie während der Nutzungszeit Ihrer Kleidung viele Chancen, die Tragedauer der Kleidung zu verlängern. Eine wichtige Stellschraube ist das Waschen: Waschen Sie Ihre Kleidung nicht zu häufig. Lassen Sie sie auch mal auslüften. Wählen Sie die richtigen Waschmittel und Waschtemperaturen, und sortieren Sie Ihre Wäsche vor. So vermeiden Sie Waschunfälle, wie verfärbte T-Shirts oder eingegangene Pullover. Und nehmen Sie sich die Zeit, kleine Fehler wieder selbst zu reparieren. Eine Naht lässt sich ausbessern, ein Knopf wieder annähen.

Grüner-Knopf: Logo auf Stoffuntergrund

Wochenblatt: Sie haben mit den Arbeitsbedingungen der Näherinnen die soziale Dimension der Nachhaltigkeit angesprochen. Kann ich die denn durch mein Verhalten als Verbraucher beeinflussen?

Messerschmidt: Auf diese Dinge können wir Einfluss nehmen. Es gibt einige textile Einkaufssiegel, die die Arbeitsbedingungen der Erzeugerländer im Fokus haben. Dazu zählt der „Grüne Knopf“, das GOTS-Zeichen oder „Cotton Made in Africa“. Sie legen unterschiedliche Schwerpunkte, aber setzen sich ein für faire Löhne, verbieten Kinderarbeit und legen Wert auf eine gesundheitsschonende Produktion.

Wochenblatt: Irgendwann möchte ich aber ein Kleidungsstück, das noch gut ist, loswerden. Was halten Sie von Altkleidersammlungen?

Messerschmidt: Mehr als eine Million Kleidungsstücke werden jedes Jahr in Deutschland in die Altkleidersammlung gegeben. Leider landet nur ein kleiner Teil bei Bedürftigen hierzulande. Rund 40 Prozent werden nach Afrika, Lateinamerika oder Asien verkauft. Dort ist der Markt inzwischen auch gesättigt. In Chile lagern in der Wüste große Mengen an Kleidung, die regelmäßig verbrannt werden, um neuen Platz zu schaffen. Auch in Deutschland wird ein großer Teil der abgegebenen und gesammelten Kleidung inzwischen verbrannt. Denn die günstig gekauften Kleider haben oft nicht die beste Qualität. Das Mischgewebe kann nicht recycelt werden oder ist kaputt und muss entsorgt werden. Mehr Sinn ergibt es, wenn Sie nicht mehr benötigte, gut erhaltene Kleidung zum Beispiel an Freunde oder an Hilfsorganisationen weitergeben oder über Second Hand-Läden, Flohmärkte oder das Internet verkaufen. Mit den nötigen Kenntnissen lassen sich aus alten Textilien zum Teil auch neue gestalten.