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Schöner Bauernhof

Traditionelle Hofbegrünung als blühende Visitenkarte

2-Kletterrose
Bärbel Steinberger
am Montag, 16.05.2022 - 14:15

Die Hofstelle blüht und grünt, lockt Insekten, schafft Lebensräume. Damit können Bäuerinnen und Bauern auf ihrem Grundstück zeigen, dass sie nachhaltig mit der Natur umgehen. Das ist die beste Visitenkarte.

Hier ist die nackte Wand der großen Maschinenhalle zu sehen, dort ragt das Grau des Güllebehälters unbegrünt in die Landschaft. Die Maschinenstellfläche ist verunkrautet und entlang des Stalls erstreckt sich ein Schotterband. Keine schönen Bilder. Ein allzu ausgeprägter Ordnungssinn – gepaart mit der Angst vor allzu viel wilder Natur – haben aus manchen Hofstellen öde, naturferne Betriebsstätten gemacht. Leider bleibt die traditionelle Begrünung der Hofstellen auch unter zunehmendem wirtschaftlichen Druck und aufgrund wachsender Betriebsgrößen immer wieder auf der Strecke.

Das muss nicht sein! Man kann den eigenen Betrieb zumindest an einigen Stellen wieder zum Grünen und Blühen bringen. Wie viel Zeit und Aufwand man dafür verwenden kann und möchte, ist immer eine individuelle Entscheidung. Deshalb gibt das Wochenblatt hier Gestaltungstipps, die mehr oder weniger pflegeaufwendig sind. Wir erklären die Grundgedanken guter Gestaltungslösungen, denn diese sind meist nicht ohne weiteres erkennbar. Sie drängen sich nicht auf. Aber der Betrachter empfindet deutlich die Harmonie. So ist schön, was natürlich ist und nicht dekorativ aufgesetzt. Schön ist, was nicht übertrieben ist, was absichtslos erscheint. Die Ästhetik der Natur wird meist als schön empfunden und kann auch bewusst eingesetzt werden.

1. Kiesflächen, Brachflächen, Streifen zwischen Hauswand und Straße, Holzlagerstätten:

1-Silberling-Strassenstreifen

Eine besondere Aufmerksamkeit haben die sogenannten Ruderalflächen verdient. Diese offenen Stellen entstehen überall dort, wo die ursprüngliche Vegetation zuvor ge- oder zerstört wird, also durch Bauarbeiten, Abstellen von schweren Geräten oder Überlagerung mit Erde oder Holz.

Wenn anschließend keine Nutzung oder Pflege stattfindet, bleibt die Natur auf diesen Flächen sich selbst überlassen. Ohne menschliches Zutun siedeln sich hier im Laufe der Zeit sogenannte Pionierpflanzen an – was an sich nicht schlecht ist, oft aber nicht geduldet wird. Greift man von Anfang an ein und gestaltet die Wiederbesiedlung bewusst und mit den gewünschten Pflanzen, können gerade solche Brachflächen zu versteckten Paradiesen werden. Insbesondere durch Pflanzenarten, die Rohböden besiedeln, können manche Hofbereiche zu Inseln voller Leben werden, wenn sie nicht falsch verstandener Ordnungsliebe zum Opfer fallen.

1-Goldnessel

Oft genügt es schon, die Erde leicht aufzukratzen und Einsaaten auszubringen. Gut dafür geeignet sind selbst gesammelte Samen allerlei Wildblumen der Wiesen- und Saumflora wie Andorn, Wilder Majoran, Herzgespann, Skabiosen-Flockenblume, Wiesensalbei, Königskerze und Natternkopf. Es gibt auch fertige Mischungen einheimischer Pflanzenarten – sogenanntes Regiosaatgut – die von bestimmten Firmen angeboten werden (siehe Ende des Beitrags).

Auch viele Pflanzen der einstigen Bauerngartenflora wie Vexiernelke, Judassilberling, Färberkamille, Nachtviole und Stockrose sind bestens geeignet, das Hofumfeld zu begrünen. Sie sind hervorragend an häufige Störungen angepasst und ihre Überlebensstrategie ist es, Lücken zu finden. Die Pflanzen verhalten sich, haben sie sich erst mal etabliert, wie Vagabunden: Sie erscheinen mal hier und mal da und überraschen den experimentierfreudigen Gärtner jedes Jahr aufs Neue.

1-Akelei-Margarite

Dies ist eine sehr naturnahe Variante das Gärtnerns, da sowohl eine große Vielfalt als auch gesunde Pflanzen – es überleben nur die Harten – dabei herauskommen. Zum anderen ist die Methode relativ preisgünstig und mit sehr wenig Pflegeaufwand verbunden.

Eine andere Möglichkeit ist das Setzen von Initialpflanzen. Darunter versteht man selbstversamende oder ausläufertreibende Mutterpflanzen, deren Kinder sozusagen die Flächen erobern sollen. Gerade auf ehemaligen Holzlagerstätten oder Moderplätzen, lassen sich durch das Pflanzen von einigen wenigen, standortgeeigneten Stauden wahre Oasen schaffen. Ohne viel Aufwand lassen sich mit Beinwell, Goldnessel oder Steinsame diese oft vergessenen Winkel, die nicht bewusst genutzt werden zu artenreichen, lebendigen und gleichzeitig ansprechenden Biotopen entwickeln.

2. Nackte Wände von Stall und Maschinenhalle sowie Mauern von Güllebehältern:

1+3-Faerberwaid-Hainbuche

Für diese Problemzonen, aber auch für enge Hof-stellen sind Kletterpflanzen die erste Wahl. Ist wenig Platz vorhanden, bietet sich an, die dritte Dimension einzubeziehen. Kletterpflanzen sind wahre Multitalente und können nicht nur Bausünden zum Verschwinden, sondern ganze Fassaden zum Blühen bringen. Neben der ästhetischen Wirkung bindet das Blätterwerk der Fassadenbegrünung große Mengen an Staub und trägt mit seiner Verdunstungsrate zur Verbesserung des Kleinklimas am Hof bei. Schnellwüchsige Kletterer, die keine Rankhilfe benötigen – wie der Dreispitzige Wilde Wein – begrünen in Rekordzeit hohe Gebäude und sind oft die einzige Chance, rein funktionale Architektur zu überdecken. Viele langsam wachsende Kletterpflanzen wie Kletterrose, Trompetenblume, Geißblatt oder Clematis brauchen zwar ein Rankgerüst, zieren dafür aber mit prächtigem Blütenschmuck.

Um die geeignete Kletterpflanze auszuwählen, müssen unbedingt deren Wuchseigenschaft (Selbstklimmer, Gerüstkletterer), deren Standortansprüche (Sonne, Schatten) und das Ziel der Begrünung (immergrün, blühend, schnell) beachtet werden. Dann kann aus einer tristen Mauer eine lebendige Pflanzenwand werden.

3. Ecken von Maschinenhallen, Fahrsilos und Wände von besonders großen Gebäuden:

2+3-Efeu-Holunder

Wer an die richtige Stelle kleine Gehölzgruppen pflanzt, kann damit Maschinenhallen, Fahrsilos und andere optisch wenig attraktive Bereiche verstecken. Ein wichtiger Grundsatz ist: Klotzen statt Kleckern. Große Gebäude und viel Platz fordern großzügige Bepflanzungen statt Detailverliebtheit.

Was wo gepflanzt wird, sollte gut überlegt werden. Nicht alle Pflanzen eignen sich gleichermaßen. Ausladende oder überhängende Äste stören beim Maschineneinsatz und werden oft unschön zurückgeschnitten, was dann einen unguten Effekt hat.

Lange blickdicht sind Gehölze, die früh austreiben und ihr Laub spät im Jahr abwerfen (Hainbuchen, Birken, Holunder und Flieder). Strauchgruppen aus landschaftstypischen Wildgehölzen wie Holunder, Hasel, Schlehe, Kornelkirsche und Wildrose gliedern lange Gebäudefronten oder verdecken unschöne Stellen, wie Güllebehälter und alte Scheunen. Sie wirken wie Weichzeichner, runden eckige Gebäude ab, schaffen Verbindungen und lenken Blicke.

Gute Gründe für einen schönen Hof

Wenig Aufwand, viel Wirkung: Auf landwirtschaftlichen Betrieben ist ein großes Potenzial, der Natur ein wenig mehr Platz als bisher einzuräumen. Mit etwas Geschick lassen sich viele, oft als Problemzonen angesehene Flächen, relativ einfach beseitigen. Denn mitunter sind es nur Kleinigkeiten, die eine 08/15 Hofstelle in ein Naturparadies verwandeln. Wer die entsprechenden Pflanzen dem Standort angemessen auswählt, wird wenig Arbeit mit ihnen und viel Freude an ihnen haben.

Positive Öffentlichkeitsarbeit: Bäuerinnen und Bauern können auf den eigenen Grundstücken zeigen, dass sie es wirklich ernst meinen mit dem verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und so auch eine günstige und effektive Öffentlichkeitsarbeit betreiben.

Schön für Gäste und für sich selbst: Gerade für Betriebe mit Hofladen oder Feriengästen hat eine extensive Hofbegrünung wie diese eine ganz besondere Bedeutung. Ein derart grün gestalteter Hof unterstreicht das Image der Naturnähe und ist ein Aushängeschild. Doch auch allen anderen Höfen steht mehr Grün gut. Schließlich ist der Hof nicht nur Arbeitsplatz, sondern gleichzeitig Wohnumfeld. Und wer liebt es nicht, in schöner Umgebung zu leben und zu arbeiten?!

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