Schön im Tod

Stauden im Herbst: Der Zauber des Vergehens

Gefrorene Stauden in Nachaufnahme. Man sieht die Eiskristalle.
Bärbel Steinberger
am Freitag, 22.10.2021 - 10:00

Jetzt neigt sich die Waagschale im Garten: Weg von Blütenfülle und Leben, hin zu absterbendem Laub und Samenständen. Trist sind sie keineswegs, sondern sie schmücken auf ganz besondere Art. Wir stellen die Favoriten vor.

Stauden-Herbst-Silberblatt-Gartenszene

Mit dem Herbst ist die Zeit des Absterbens in die Garten gekommen: Die Kapuzinerkresse hängt matschig herum, die Funkien sind zu unansehlicher Masse zerfallen – dann räumen die meisten Gärtnerinnen richtig auf. Alles Verblühte wird ordentlich zurückgeschnitten, alles Tote und Unordentliche weggeputzt. Das Gartenjahr ist für Viele zu Ende und das Wohnzimmer im Grünen soll fein, sauber und ordentlich sein.

Dabei sind Altwerden und Tod unumgänglich und gehören zum Leben – auch zum Leben der Pflanzen. „Damit Neues werden kann, muss Altes vergehen“, sagt man. Warum sollte man das nicht sehen wollen? Wenn man anfängt, Pflanzen aus diesem Blickwinkel zu betrachten, entdeckt man, dass Blüten nicht alles sind und manche Gewächse gerade im Vergehen besonders reizvoll aussehen.

Mit dem Raureif "erblühen" die Stauden erneut

Sonnenhut-Raureif_B

Ein Musterbeispiel ist hier das Brandkraut. Im Sommer zieren gelbe Blütenquirle die robuste Staude, doch wenn sie im Raureif „erblüht“ ist sie nochmal so schön. Etliche Staudenarten bewahren ihr schönes Äußeres, auch nachdem sich das Leben aus ihnen zurückgezogen hat. Es zeigen sich Fruchtstände, die sich voneinander ebenso unterscheiden, wie die Pflanzen selbst. Da gibt es Dolden und Köpfchen, Kapseln und Ähren, Wedel und Rispen.

Wenn die Farben verschwinden, gewinnen die Strukturen an Bedeutung. Vor allem, wenn die Sonne tief steht, haben manche Staudenbeete einen ganz eigenen ästhetischen Reiz von dahingegangener Blütenpracht. Auch Tau, Nebel, Wind, Raureif und Schnee schaffen interessante Bilder. Wer die Stauden zu früh abschneidet, bringt sich selbst um all diese wunderbaren Eindrücke.

Staudenstängel bringen mehr als Insektenhotels

Eryngium-Strandflieder

Vielleicht erfordert es anfangs etwas Mut, die anscheinende Unordnung und Wildnis im Garten zuzulassen. Doch wer es schafft, der bekommt nicht nur eine neue Sichtweise, sondern tut auch etwas für die Natur. Zahlreiche Vögel finden einen reich gedeckten Tisch und viele Insekten ein optimales Winterquartier, denn zuviel Ordnung stört die Natur. Der schönste Strukturreichtum im Naturgarten nützt eben nichts, wenn er zum Winter hin radikal abgeräumt wird. Stehengelassene Stängel bringen wesentlich mehr als gutgemeinte Insektenhotels, die oft gar nicht von den Tierchen angenommen werden.

Sicher, nicht alle Samenstände präsentieren sich über Wochen hinweg im prächtigen Gewand. Wind und Wetter setzen manchen Frucht- und Samenständen zu, tragen fedrige Samen fort und lassen schwache Stängel einknicken. Das Geheimnis des herbstlichen Schauspiels liegt in der Verwendung geeigneter Stauden. Stauden, die auch am Vegetationsende wie skulpturale Elemente stehen, Regen, Wind und Eis trotzen und in Schönheit sterben.

Jätearbeit im Folgejahr ist überschaubar

Kandelaber-Ehrenpreis

Hat man Bedenken, dass das herbstliche Stehenlassen der Samenstände im Folgejahr mit Jätearbeit bezahlt werden muss, wird man schnell feststellen, dass nur wenige Stauden das Potenzial zur Plage haben und der Ziereffekt bei weitem überwiegt.

Viele Stauden bilden hierzulande keine fruchtbaren Samen aus oder sind steril. Andere, wie Eisenkraut, Fingerhut und Brandkraut dürfen sich ruhig aussamen, denn von ihnen kann man nie genug haben. Sollten Silberling oder Federgras sich wirklich durch Selbstaussaat vermehren, freuen sich Gärtnerkollegen über ein Mitbringsel aus dem eigenen Garten.

Morbide Schönheiten bis ganz zum Schluss

Viele der bekannten Gartenstauden machen wirklich bis zum Schluss eine gute Figur, wenn man sie stehen lässt. Sie werden zu markanten Blickpunkten im Garten und vermögen wie die Vielzahl an herbstfärbenden Pflanzen die Blicke auf sich zu ziehen.

  1. Köpfchen und Quirle: Die Bekanntesten sind sicher die mit Köpfchen. Das sind zum Beispiel die Samenstände der Sonnenhüte, der Kugeldistel oder auch der Witwenblume und der Indianernessel. Übereinander aufgereihte Quirle bieten das Brandkraut und der Andorn.
  2. Dolden und Scheiben: Ganz wichtig sind auch die robusten Skelette einiger Doldenblütler. Hier beweist die Echte Engelwurz, dass sie nicht nur im Sommer eine beeindruckende Gestalt im Beet ist, sondern auch im Herbst. Kaum weniger imposant aber fast gänzlich unbekannt ist der Riesen-Haarstrang, der selbst im Winter noch absolute Präsenz zeigt. Auch Bronze-Fenchel und Pastinake bilden feine, aber robuste Schirme aus. Die Samen, die sich aus den Blüten entwickeln, sind erst grün, dann braun und bleiben bis in den Winter hinein erhalten. Eher flache Scheiben bilden die Trugdolden der Goldgarbe und der Fetthennen.
  3. Aufrecht und ährenförmig: Aufrechte und ährenförmige Blütenstände bringen die Vertikale ins Beet, geben dem Garten Höhe und sind ein guter Gegensatz zu allen überhängenden Gartengestalten. Die Blütenkerzen von einigen Duftnessel-Arten, Lanzen-Eisenkraut, verschiedenen Fingerhut-Arten und der Prachtscharte streben himmelwärts, lassen sich nicht von der Witterung beeinflussen und beeindrucken eine lange Zeit mit ihrem straff aufrechten Wuchs. Auch die schlanken und eleganten Blütenähren der Silberkerzen sind absolut standfeste Elemente im Beet.
  4. Stacheliges und plüschiges: Ganz wichtige Strukturgeber sind bei den Disteln zu finden. Die Elfenbeindistel bildet silbrig-grüne Blütenkegel aus, die allmählich trocken und braun werden, aber nie ihre Schönheit verlieren. Ebenso wie die Wilde Karde trotzt sie Eis und Schnee und verzaubert besonders im weißen Kleid des Raureifs. Im Gegensatz zu diesen stacheligen Gesellen überzeugen Herbstanemonen, Wasserdost und Weidenröschen mit wattig-weißen Fruchtständen. Sobald diese eintrocknen, quellen aus ihnen Samen mit flauschig-wuschligen Anhängseln hervor.
  5. Fein und ausgefallen: Manche Pflanzen sind im Herbst auch für Überraschungen gut. So bleiben vom Silberling, nachdem Samen und Fruchtblätter abgefallen sind, nur noch die fast durchsichtigen, seidig schimmernden Scheidewände über. Grund genug, diese Einjährige und ihre ausdauernde Verwandte, die Mondviole im Garten auszusiedeln. Auch die Übelriechende Schwertlilie blüht den Sommer über relativ unauffällig. Im Herbst jedoch, wenn die Samenkapseln trocken werden und aufspringen, zieren plötzlich orangefarbene Samen die dürre Pflanze.

Gräser sind ein Muss im Herbst- und Wintergarten

Miscanthus-sinensis-malepartus

Gräser wie Chinaschilf, Federborstengras und Ruten-Hirse gesellen sich zu all diesen Stauden dazu und bestimmen neben den Frucht- und Samenständen der Stauden das herbstliche Bild. Sie bilden mit ihren warmen Farbtönen den ruhigen Hintergrund zu den starken Strukturen von Disteln, Sonnenhut und Co.

In dem Maße, wie sich das Grün aus den Blättern zurückzieht, wird die Gärtnerin sanft auf den Winter vorbereitet. Wenn Tautropfen an den feinen Wedeln der Gräser hängen, glitzert es durch das morbide Braun, wenn Raureif die Halme überzieht, ergeben sich Bilder, die eine ganz eigene Atmosphäre in den Garten zaubern.

Viele Gräser scheinen geradezu auf Eis und Frost gewartet zu haben und zelebrieren die vierte Jahreszeit im Garten. Versinkt der Garten auch unter einer weißen Schneedecke, lassen sich ihre biegsamen Halme nicht unterkriegen und zieren als Grasskulptur die Gartenlandschaft.

Dann muss man diese Schönheit einfach nur in Ruhe auf sich wirken lassen, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass im Garten alles seine Zeit hat. Nicht nur das Wachsen und Erblühen, sondern auch das Absterben und Vergehen. Wie im richtigen Leben eben.