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Obstgarten

So pflegt man Obstbäume optimal

Mulchen-Baumscheibe-Obstbaum: Um dein Baumstamm eines Obstbaums ist trockener Grasmulch angehäuft.
Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Montag, 23.05.2022 - 16:25

In dem einen Jahr ist man froh um jeden Apfel, im nächsten schwimmt man in Obst. Wie viel Früchte man erntet, kann man selbst regulieren. Hubert Siegler, Obstexperte an der Bayerischen Gartenakademie, erzählt wie das geht.

Hubert-Siegler

Was sich bei Gemüse und Stauden bewährt, gilt auch im Obstgarten: Je mehr Pflege man den Pflanzen widmet, desto stabiler wird der Ertrag, desto besser schmecken die Früchte, desto gesunder ist der Baum oder Strauch. Welche Arbeiten sich hier wirklich lohnen und wie gravierend die Wirkung mancher Pflegemaßnahmen ist, ist leider noch viel zu wenig bekannt. Hubert Siegler, Obstexperte an der Bayerischen Gartenakademie, teilt seine langjährigen Erfahrungen und sein Wissen mit dem Wochenblatt.

Was ist der wichtigste Tipp, den Sie Hobbygärtnern für die Pflege ihres Obstgartens mitgeben können?

Viele Gärtner legen sich Obstbäume zu, denken dann aber, dass sie Selbstläufer sind und kümmern sich wenig um die Pflege. Besser widmet man Obstbäumen aber jedes Jahr ein Minimum an Pflege, als dass man nur alle fünf Jahre oder noch seltener etwas unternimmt. Denn dann ist man oft vor vollendete Tatsachen gestellt, an denen man nichts oder nur sehr wenig und mit viel Aufwand etwas ändern kann. Das Obstgehölz kommt dann aus seinem Gleichgewicht.

Viele Bäume tragen ein Jahr besser, ein Jahr schlechter. Warum ist das so?

Das liegt an der Alternanz. Alternanz heißt, dass Obstbäume jährlich abwechselnd sehr stark oder weniger blühen und fruchten. Man kann sich das so erklären: Obstbäume legen bereits im Juni/Juli die Blüten für das nächste Jahr an. Hängen nun in einem Jahr die Bäume übervoll, legen sie wenig Blüten fürs nächste Jahr an, weil sie die ganze Kraft in die momentan vorhandenen Früchte stecken. Es bleiben keine Reserven für die Blütenanlage. In Streuobstwiesen kann man dieses Phänomen besonders stark beobachten, da die stark wachsenden Veredlungsunterlagen von Halb- und Hochstämmen dies verstärken. Alternanz ist nicht auf ein konkretes Jahr bezogen, sondern zeigt sich bei jedem Baum individuell. Bei manchen Sorten tritt sie stärker auf als bei anderen, und extremer Blütenfrost kann den zweijährigen Zyklus durcheinanderbringen.

Tritt Alternanz bei allen Obstarten auf?

Alternanz tritt besonders bei Äpfeln und Birnen auf sowie bei späten Zwetschgensorten. Anderes Obst wie Beerenobst und Kirschen ist bis Juli meist schon abgeerntet. Der Baum hat sich also seiner Früchte entledigt und hat nun im Sommer noch Zeit, seine Kräfte in die Bildung neuer Blüten zu stecken. Äpfel und Birnen hängen dagegen – je nach Sorte – bis September/Oktober am Baum.

Kann man die Alternanz beeinflussen?

Alternanz ist nichts, was man als Hobbygärtner hinnehmen muss, sondern man kann etwas gegen sie tun. Das bedeutet, dass man seine Obstbäume so pflegen kann, dass man jedes Jahr einen relativ stabilen, gleichmäßigen Ertrag bekommt. Bei kleinkronigen Bäumen dünnt man den Fruchtbehang aus, bei großkronigen Bäumen regelt man den Behang über den Schnitt. Dieses Wissen ist ein Pluspunkt für viele Gärtner: In dem einen Jahr leidet man unter einer wahren Obstschwemme und weiß nicht, wie man das Obst verwerten soll. Wohingegen man im nächsten Jahr froh um jeden Apfel ist, den man ernten kann.

Was muss man beim Schnitt beachten?

Trägt mein großkroniger Apfelbaum im Jahr 2022 viel, wird er – gemäß der Alternanz – für 2023 wenig Blüten anlegen. Beim Winterschnitt geht man deshalb verhalten vor, um dem Baum möglichst wenig der spärlich angelegten Blüten zu nehmen. Umgekehrt: Wenn der Baum 2022 wenig trägt, legt er heuer viele Blüten für 2023 an und man schneidet im Winter intensiver.

Bei dieser Maßnahme blutet vielen Gärtnern das Herz, aber sie hat große Vorteile: Der Baum hat jedes Jahr regelmäßigen Ertrag, die Alternanz bleibt aus. Bei Überbehang hat man sehr viele kleine Früchte mit wenig Geschmack und weniger wertvollen Inhaltsstoffen. Ernährt der Baum weniger Früchte, schmecken sie besser und sind größer. Zudem stresst der Überbehang den Baum, durch die Ausdünnung entlastet man ihn. Das ist wichtig, weil Obstbäume in den letzten Jahren durch starke Trockenheit und Einstrahlung übermäßigem Stress ausgesetzt sind. Ein weiterer Vorteil: Hängen die Früchte nicht in Büscheln, sondern stehen einzeln, werden sie deutlich weniger von Krankheiten wie Fruchtfäulen, die Monilia, befallen und stecken sich nicht gegenseitig an.

Obstbaum-Ausduennung-Apfel: Auf dem linken Bild hängen vor der Ausdünnung an einem Ast 5 Äpfel. Am rechten Bild, hängt am geleichen Ast nur noch 1 Apfel. Die Äpfel sind noch nicht reif, sondern noch sehr grün.

Wie geht man bei der Fruchtausdünnung vor?

Fruchtausdünnung ist sinnvoll bei kleineren Obstbäumen wie Spindeln, Säulen oder Spalieren. Ist der Behang zu voll, dünnt man auf eine Frucht pro Büschel aus. Wichtig ist, die Fruchtausdünnung wirklich bis Mitte Juni zu machen und nicht später, weil der positive Effekt der Fruchtausdünnung sonst nicht eintritt. Mit dem Fingernagel zwickt man die überschüssigen Früchte einfach aus oder nimmt sich eine kleine, spitze Schere zur Hilfe.

Welche Pflegemaßnahmen sind noch wichtig?

Meiner Erfahrung nach ist die Pflege der Baumscheibe sehr wichtig und wird häufig unterschätzt. Wachsen Obstbäume nicht als Spalier, stehen sie meistens einfach mitten in einer Wiese. Für die Bäume ist das aber nicht optimal: Jeglicher Bewuchs der Baumscheibe steht in unmittelbarer Konkurrenz mit dem Baum, sowohl um Nährstoffe, aber auch um Wasser. Je kleiner die Bäume sind, desto stärker kann sie das schwächen. Deshalb: Die Baumscheibe sollte unbepflanzt bleiben. Bei Jungpflanzen rechnet man einen Durchmesser von 60 bis 80 cm, bei größeren Bäumen 2 m. Die Grasnarbe kann man auch nachträglich noch entfernen. Wächst die Wiese wieder in den Baumscheibenbereich, entferne ich sie. Eine freie Baumscheibe ist besonders wichtig in Regionen mit leichten Böden mit wenig Wasserspeicherkraft und in Regionen mit langen Trockenphasen wie in Nordbayern.

Und die Baumscheibe bleibt dann das ganze Jahr offen?

Nein, im Sommer wird die freie Fläche dünn mit angewelktem Rasenschnitt gemulcht. Das vermindert die Verdunstung und unterdrückt Unkräuter. Nach der Obsternte im Herbst entfernt man den Mulch wieder, damit keine Mäuse angelockt werden. Auf keinen Fall mulcht man mit Rindenmulch oder Holzhäckseln. Diese Materialien binden Stickstoff, der dann den Bäumen fehlt. Mir ist klar, dass diese Arbeiten Zeit kosten, sie sind aber für gesunde und ertragreiche Bäume absolut empfehlenswert.

Brauchen Obstbäume Düngung?

Das Mulchen mit Rasenschnitt liefert bereits Nährstoffe. Zusätzlich freuen sich auch Obstbäume über eine Düngung mit Kompost, genauso wie Beerenobst oder sogar Hecken. Die Faustregel sind 3 l Kompost pro Quadratmeter. Bei größeren Bäumen kann man auch 5 oder sogar 10 l geben. Man düngt ab Ende März die Bäume einmal pro Jahr. Den Kompost arbeitet man leicht in den Boden ein.

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