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Gesundheit

Wie sinnvoll sind Vorsorgeuntersuchungen?

Vorsorgeuntersuchung-Blutdruck-arzt
Christine Schmid
am Mittwoch, 27.04.2022 - 13:20

Ab einem bestimmten Alter bezahlen die Krankenkassen Vorsorgeuntersuchungen. Welche hilft wann und wem und welche nicht? Der erste Teil der neuen Wochenblatt-Serie zu Vorsorgeuntersuchungen.

Oft ist es gar nicht einfach, alle Arzttermine und empfohlenen Vorsorgeuntersuchungen terminlich unterzubringen. Das empfinden viele als lästig, vor allem solange sie keine Beschwerden haben – schließlich würde man doch merken, wenn einem etwas fehlt. Schon ist das Thema nach hinten geschoben – ein unter Umständen fataler Irrtum, denn nicht jedes Organ signalisiert durch Schmerz ein Problem. Herz und Gehirn, Speiseröhre, Leber und Bauchspeicheldrüse senden keinen Schmerz aus, was es bei deren Erkrankungen schwierig macht, sie rechtzeitig zu entdecken und zu behandeln.

Zahlreiche Ärztinnen und Ärzte erinnern mittlerweile ihre Patienten schriftlich an eine anstehende Vorsorgeuntersuchung. Es gibt natürlich vorbildliche Patienten, die den genauen Überblick bewahren, rechtzeitig Arzttermine vereinbaren und jede empfohlene und kostenfreie Vorsorgeuntersuchung nutzen. Dann gibt es die Kandidaten, die grundsätzlich nicht zum Arzt gehen, solange sie den Kopf nicht unter dem Arm tragen.

Und es gibt die traurigen Fälle der Erkrankten, die viel zu früh aus dem Leben gerissen werden – wie Elke S., die sehr gesund lebte, aber nie zum Arzt ging. Erst als ihre Schmerzen längst unerträglich geworden waren. Da war ihr Gebärmutterkrebs so weit fortgeschritten, dass ihr nichts mehr helfen konnte. Sie verstarb mit 50.

Ziel: Krankheiten frühzeitig erkennen

Vorsorgeuntersuchungen können Krankheiten nicht ausmerzen und Todesfälle nicht gänzlich verhindern. Aber sie dienen dazu, sich anbahnende gesundheitliche Risiken, Fehlentwicklungen und bereits bestehende Erkrankungen so frühzeitig zu entdecken, dass Behandlungen die Heilungschancen tatsächlich verbessern. Damit sind diese Untersuchungen ein ebenso wichtiger Bestandteil der Prävention wie gesunde Ernährung, ausreichend Bewegung und Erholung. Unter Umständen helfen sie auch Betroffenen, ihre Lebensweise dem bestehenden Krankheitsrisiko anzupassen.

Gesetzlich Versicherte haben Anspruch auf unterschiedliche Früherkennungsuntersuchungen, die komplett von den Krankenkassen bezahlt werden. Diabetes, Nierenerkrankungen, Herzprobleme oder einige, vor allem langsam verlaufende Krebsarten können bekämpft oder gar geheilt werden, Verläufe gebremst und schwere bis tödliche Auswirkungen verhindert werden, wenn man sie frühzeitig erkennt und rechtzeitig behandelt. Seit Jahrzehnten geht die Krebssterblichkeit kontinuierlich zurück, was nicht nur dem medizinischen Fortschritt, sondern auch verbesserter Vorsorge und Früherkennung zu verdanken ist.

Gesundheitsvorsorge sollte keine Frage der Zeit sein

Vorsorgeuntersuchung-Ultraschall-Arzt: Eine Frau liegt mit hochgeschobenem Pullover auf der Liege eines Arztes. Der Arzt untersucht ihren Bauch mit einem Ultraschallgerät und zeigt die Ergebnisse gleichzeitig auf einem Computer-Monitor.

Berücksichtigt man all dies, sollte es keine Frage mehr sein, ob man sich für eine vorgeschlagene Früherkennungsuntersuchung Zeit nimmt. Eine solche, zeitlich überschaubare Untersuchung sollte im Zeitmanagement genauso ernst genommen werden wie ein wichtiger Arbeitstermin. Oder um Gesundheitspfarrer Sebastian Kneipp zu zitieren: „Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern.“

Von der Untersuchung zur Früherkennung

Der sogenannte Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA), ein Organ der gesundheitlichen Selbstverwaltung, legt

  • die Untersuchungen,
  • das Alter, ab dem eine Untersuchung von der Krankenkasse zu bezahlen ist,
  • die zeitlichen Abstände und
  • Inhalte fest. Er passt die Angebote auch an die Daten der Volksgesundheit an. Beispielsweise, wenn sich das Ernährungs- und Bewegungsverhalten der Bevölkerung ändert. Die genehmigten Früherkennungsuntersuchungen sind generell zuzahlungsfrei. Manche Krankenkassen bieten noch weitere zuzahlungsfreie Untersuchungen an. Nachfragen lohnt sich.

Soweit, so gut, weil hier alles genau geregelt ist. Die meisten Patientinnen und Patienten haben aber schon die Erfahrung gemacht, dass sie noch einen weiteren Abstrich, eine weitere Blutprobe, einen zusätzlichen Ultraschall angeboten oder gar empfohlen bekamen, der nicht von der Krankenkasse bezahlt wird.

Dies sind Selbstzahlerleistungen, sogenannte individuelle Gesundheitsleistungen, kurz IGeL. Sind Leistungen einmal vom G-BA abgelehnt worden, dürfen die gesetzlichen Krankenkassen sie nicht mehr freiwillig bezahlen.

Angesichts der vielfältigen Angebote drängt sich schnell das Gefühl auf, dass es mit der Standarduntersuchung nicht allzu weit her sein kann. Viele wenden deshalb Geld auf, um die vermeintlich bessere Untersuchung, die exakteren Ergebnisse zu bekommen. Dass dem nicht zwangsläufig so ist, zeigen Untersuchungen der Verbraucherzentralen und des Spitzenverbandes der Krankenkassen.

Was steckt hinter den berüchtigten IGeL?

Verschiedene Verbraucherschutzportale im Internet beschäftigen sich mit Sinn und Kosten der IGeL. Feste Preise gibt es nicht. Pauschale Abrechnungen sind unzulässig. Preislisten, die in einigen Arztpraxen aushängen, dienen lediglich zur Orientierung. Das hat zur Folge, dass die tatsächlichen Kosten stark schwanken; sie hängen vom Aufwand und von der jeweiligen Ziffer der ärztlichen Gebührenordnung ab.

So kann beispielsweise eine Glaukomuntersuchung (Augeninnendruckmessung und Sehnervuntersuchung zur Früherkennung von Grünem Star) 20 oder auch 60 Euro kosten. Enthalten sind in der vermeintlich gleichen Untersuchung dann möglicherweise unterschiedliche Leistungen. Für einen Patienten ist es schwierig, das Angebot innerhalb kurzer Zeit in der Praxis zu bewerten.

Um hier ein wenig Verbrauchersicherheit zu geben, sind die Praxen verpflichtet, vor der IGeL einen schriftlichen Kostenvoranschlag zu stellen sowie eine Rechnung. Anders als bei einer Kassenleistung ist bei IGeL also eine schriftliche Behandlungsvereinbarung vorgeschrieben. Die sollten auch Privatversicherte verlangen. Nur so können sie sehen, was sie finanziell erwartet.

Ein Preisvergleich lohnt sich

Ein Preisvergleich des gleichen Angebots verschiedener Arztpraxen kann sich demnach lohnen, ebenso die Nachfrage bei der Krankenkasse, ob sie die Kosten der jeweiligen IGeL tatsächlich nicht übernimmt. Hat der Patient die Rechnung erst einmal bezahlt, erstattet die Krankenkasse die Kosten nicht mehr.

Patienten, die sich frühzeitig informieren, erfahren möglicherweise auch, dass die IGeL gar nicht notwendig ist. Wer unsicher ist, kann die Patientenberatungsstelle der Landesärztekammer anrufen.

Bei den nach der privaten Gebührenordnung abgerechneten IGeL darf eine Gebühr nur zwischen dem Einfachen und dem 2,3-Fachen des Gebührensatzes betragen. Meist wird der 2,3-fache Satz berechnet, also der einfache Gebührensatz mit 2,3 multipliziert.

Die Gebührenordnung erlaubt allerdings auch eine nach oben abweichende Berechnung, über den Steigerungsfaktor 3,5 hinaus. Dafür ist eine besondere Vereinbarung nötig. Wird einem Patienten eine solche vorgelegt, sollte der sich eine Bedenkzeit erbitten und einen Vergleich einholen, bevor es sehr teuer wird. Bei einer Notfallbehandlung oder akuten Schmerzbehandlung ist eine solche abweichende Honorarvereinbarung übrigens nicht zulässig.

Das Portal www.igel-monitor.de gibt praxisnahe Tipps, bewertet einzelne IGeL nach Schaden/Nutzen, gibt den voraussichtlichen Kostenrahmen an und bietet einen Podcast. Infos bietet auch: www.verbraucherzentrale.de.

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