Eigenorganisierter Ausstieg

Selbst aus der Sucht kommen

Rauchen aufhören: Auf schwarzen Hintergrund streckt jemand seine Hand nach oben mit der er eine Zigarettenschachtel zerdrückt.
Elisabeth Jahrstorfer Porttait 2019
Elisabeth Jahrstorfer
am Montag, 06.09.2021 - 14:22

Ob Alkohol, Nikotin oder Glücksspiel: Süchte gibt es viele. Von ihnen wieder loszulassen, ist schwierig. Trotzdem gelingt es vielen, ohne fremde Hilfe auszusteigen. Das ist eine große Leistung und viel zu wenig bekannt.

Die verbreitetsten Genussmittel hierzulande sind Alkohol und Nikotin. Beide Substanzen sind gesundheitsschädlich. Bei unkontrolliertem Konsum haben sie verheerende Folgen. Laut Statistik rauchen etwa 20 Millionen Deutsche. In der Bevölkerungsgruppe der 18- bis 64-Jährigen gibt es zudem etwa 1,7 Millionen alkoholabhängige Menschen, zudem sind 2,3 Millionen Deutsche medikamentensüchtig, 300 000 süchtig nach illegalen Drogen und 100 000 bis 400 000 Menschen glücksspielsüchtig.

Der Wunsch von der Sucht loszukommen

Spielsucht: Ein Spielautomat im Casino, in bunten leuchtenden Farben.

Dass die Sucht nicht gesund ist und eventuell verheerende finanzielle sowie familiäre Folgen hat, bemerkt auch der Süchtige selbst. Irgendwann kommt bei jedem der Wunsch auf, von der Sucht loszukommen. Weil das nicht so einfach ist, gibt es Angebote wie Entziehungskuren oder Antirauchertherapien. „Doch die wenigsten nehmen diese Angebote in Anspruch“, sagte der Soziologe Harald Klingemann in einem Vortrag, veranstaltet von der Bayerischen Akademie für Sucht- und Gesundheitsfragen. Stattdessen stiegen die meisten Süchtigen ohne Hilfe von außen aus. „Das ist wenig bekannt, da es über den selbstorganisierten Ausstieg aus der Sucht keine Statistik gibt“, fuhr der Suchtforscher fort.

Doch der selbstorganisierte Ausstieg aus der Sucht ist alltäglich. Dies zeigt sich am einfachsten beim Rauchen. Man braucht nur im Bekanntenkreis bei den Ex-Rauchern herumzufragen, wie sie aufgehört haben. Dann bekommt man oft Antworten wie diese: „Ich habe einfach aufgehört – von einem Tag auf den anderen.“ Viele haben es einfach so geschafft, andere haben sich eine „Ausstiegshilfe“ geschaffen: Die einen haben ein Nikotinpflaster zu Hilfe genommen, andere haben eine Wette abgeschlossen. „Dabei ist Nikotin eine der härtesten Drogen, die es gibt“, betont Klingemann und ergänzt: „Das zeigt, dass es auch bei harten Drogen so etwas wie Selbstheilung gibt.“ Der Soziologe weiß, dass selbst bei harten Drogen wie Heroin der Ausstieg ohne Entzugsklinik möglich ist und häufiger stattfindet als gedacht.

Die Kontrolle wieder erlangen

Sucht bedeutet, dass der Mensch die Kontrolle über etwas verloren hat. Deshalb gehen Fachleute davon aus, dass sich ein Süchtiger nicht selbst heilen kann. „Das wäre die Quadratur des Kreises“, sagt der Suchtforscher. Trotzdem kann man die Selbstheilung in der Praxis beobachten: „Das ist möglich, wenn der Suchtkranke die Kontrolle nicht total verloren hat, sondern diese nur mehr oder weniger eingeschränkt ist. Der Kontrollverlust ist nicht null oder eins, sondern ein Kontinuum“, sagte Klingemann. Dies bedeute, dass die Faktoren, die in einer Therapie problemlösend und damit suchtlösend wirken, auch im normalen Leben existieren und wirken.

Weil die Selbstheilung aus der Sucht so wenig untersucht ist, ist der Soziologe, der in der Schweiz arbeitet, selbst aktiv geworden. Um herauszufinden, wie häufig eine „Selbstheilung“ bei Sucht vorkommt, hat er vorhandene Untersuchungen ausgewertet. Dabei galten Personen als geheilt, die es geschafft haben, mindestens ein Jahr lang ohne Droge zu leben oder den Konsum unter Kontrolle zu haben. Eine Untersuchung aus den USA zeigt, dass Drogenkonsum sehr stark von den Lebensbedingungen abhängt. So hat sich bei Vietnamveteranen das Suchtverhalten nach ihrer Rückkehr in die Heimat in den meisten Fällen gebessert.

Suchtverhalten schwankt

Alkoholsucht: Jemand versucht einen Drink mit einer abwehrenden Handgeste gegen das gefüllte Glas abzulehnen.

Zudem hat der Forscher eigene Untersuchungen durchgeführt: Weil man betroffene Personen aber über keine Institution findet, hat Klingemann mit einem Inserat in einer großen schweizerischen Tageszeitung Menschen gesucht, die bereit waren, über ihre Selbstheilung zu sprechen. Die Resonanz war überraschend groß. Eine Auswertung der vielen Interviews zeigte, dass die Selbstheilung die Regel ist, nicht die Ausnahme.

Außerdem zeigten die Lebensgeschichten, dass das Suchtverhalten im Laufe des Lebens stark schwankte – übereinstimmend mit guten und schlechten Lebensphasen. „Das erklärt, dass eine Behandlung nicht so leicht etwas ändern kann“, sagte Klingemann. Bei Sucht ist die Rückfallquote trotz Therapie hoch.

Wenn es um Sucht geht, stimme laut Klingemann das klassische Bild nicht: So denke man bei Alkoholabhängigkeit immer an die Schwerstabhängigen und als Lösung an die Totalabstinenz. In Wirklichkeit gebe es viele Arten von Alkoholabhängigkeit. Die meisten Menschen mit riskantem Konsum wünschten sich, den Konsum wieder kontrollieren zu können. Es gehe ihnen nicht darum, abstinent zu werden. „Für diese Menschen gibt es im Therapiesystem gar keine Therapie“, kritisierte der Soziologe.

Sucht ist immer mit Stigma verbunden

In seiner Untersuchung wollte der Forscher von den ehemals Süchtigen erfahren, warum sie für ihren Ausstieg keine Therapie in Anspruch genommen haben. Das Ergebnis: Ein Drittel kannte die Angebote nicht. Ein Drittel lehnte sie ab, weil damit ein soziales Stigma verbunden ist, oder weil sie glauben, dass die Sucht doch nicht so schlimm sei, oder weil sie kein Vertrauen in die Therapie haben. Ein weiteres Drittel sagte, dass es das, was sie brauchen, nicht gibt.

Sucht ist eine der Erkrankungen, die in der Gesellschaft mit einem Stigma verbunden ist. Deshalb spricht nicht jeder, der es geschafft hat, darüber. Ex-Raucher reden ohne Probleme über ihre Selbsttherapie, bei den Alkoholkranken hält es ein Viertel geheim, bei Heroin wird gar nicht darüber gesprochen und wenn, dann wird die Selbstheilung von vielen Mitbürgern aufgrund des gesellschaftlichen Stigmas nicht als Leistung anerkannt. Das ist schade, weil die Anbieter von Hilfsangeboten, aber auch andere Süchtige von den Selbstheilern lernen könnten, und die Betroffenen zu wenig Anerkennung erfahren.

Klingemanns Forderungen: Zum einen müssen die Therapieangebote an die Bedürfnisse der Süchtigen angepasst werden. Zum anderen müssen die Selbstheiler unterstützt werden. Das könne eine Gesellschaft, die an die Selbstheilung glaube und Süchtige nicht stigmatisiere, sondern wie andere chronisch Kranke behandle.

 

Wie funktioniert Selbstheilung?

Die Befragung von Selbstheilern im Forschungsprojekt von Harald Klingemann beantwortet auch die Frage, wie Menschen es schaffen, sich selbst aus ihrer Sucht herauszuholen. 

1 . Motivation für Selbstheilung

  • Am Anfang steht immer der Entschluss. Ausgelöst wird dieser häufig durch eine negative Motivation. Zum Beispiel, dass der Süchtige durch die Sucht an einem Tiefpunkt angelangt ist: Das Geld ist weg, der Partner ebenso. Das kann zur Einsicht führen, dass sich etwas ändern muss. Ein anderes Beispiel ist ein abschreckendes Schicksal im Freundeskreis, wenn z. B. der spielsüchtige Freund Haus und Hof verzockt hat. Dann weiß der Süchtige, dass ihn irgendwann ein ähnliches Schicksal trifft, wenn er sein Leben nicht ändert. 
  • Andere Süchtige wiederum reagieren auf Druck, z. B. wenn das Kind zum Schulpsychologen eingeladen wurde, weil es aufgrund der Situation zu Hause Schulprobleme bekommen hat. Er fühlt, dass er den Autoritäten nicht mehr auskommt und auch dem Kind zuliebe etwas ändern muss.
  • Auch positive Motivationen sind möglich, wenn sich das Leben verändert, z. B. durch eine neue Partnerschaft oder eine Schwangerschaft. „Manche Selbstheiler reifen aus der Sucht heraus, ohne dass ihnen der Ausstieg bewusst wird. Im Nachhinein sagen sie, die Sucht hat nicht mehr hineingepasst“, berichtet Klingemann. 

2. Methoden zur Selbstheilung

Sucht ist wie eine heftige Liebesbeziehung. Man braucht heftige Gründe, um damit aufzuhören. Deshalb ist das leider nicht immer so einfach. Aber Selbstheiler sind erfinderisch. „Sie haben einen Werkzeugkasten an Methoden, um aus ihrer Sucht herauszukommen, der Therapeuten neidisch machen kann“, erzählt der Forscher und nennt einige, die ihm die Selbstheiler erzählt haben.

  • Ablenkung: Diese Personen ändern ihr Verhalten, suchen sich ein Hobby, betreiben Sport oder legen sich beispielsweise einen Hund zu.
  • Distanz herstellen: Diese Personen gehen heraus aus ihrer Sucht-Clique oder aus dem Ort, der sie verführt. Sie gehen nicht mehr in ihre Kneipe oder stellen das Bier in den Keller, sodass es mit Aufwand verbunden ist, es zu holen.
  • Ersatz schaffen: Hier hat z. B. eine Person den Alkohol durch eine kosmisch-ökologische Ernährungsdiät ersetzt, aber es gibt auch viele andere Möglichkeiten.
  • Der Flaschentrick: Eine Frau hat den Whiskey in der Flasche zunehmend mit Wasser verdünnt, bis am Schluss nur noch Wasser in der Flasche war. Dabei ging sie so vor: Sie hat jeden Tag ein Gläschen aus der Whiskeyflasche getrunken und danach ein Gläschen Wasser in die Flasche gegeben. So hat sie den Whiskey langsam verdünnt.
  • Selbstbeobachtung: Manche Patienten führen Buch darüber, wie sich ihr Verhalten verändert.
  • Belohnung: Zum Beispiel kommt das Geld für jede nicht gerauchte Zigarettenschachtel in ein Sparschwein.

Erreichtes bewahren

Ist der Ausstieg geschafft, geht es darum, das Erreichte zu sichern. 

  • Selbsthärtung: Eine Person erzählt: „Ich bin bewusst in die gleiche Bar gegangen, habe mir aber nur Kaffee bestellt.“
  • Abwägung: Bei Versuchung führt man sich vor Augen, was man gewonnen hat und was man verlieren würde, wenn man wieder anfängt.
  • Zum Helfer werden: Manche machen eine Ausbildung und arbeiten dann im Suchtbereich. Diese Ex-Süchtigen kennen sich dann wirklich aus. 
  • Selbstbeobachtung fortführen: Wichtig für den Erfolg ist die Selbstbeobachtung. Am besten ist es, ein Ausstiegstagebuch zu führen. Hilfreich können auch Gesundheits-Apps sein, mit denen man alles in Zahlen ausdrücken kann. In den USA gibt es die Bewegung Quantify itself.
  • Wieder und wieder versuchen: Der langfristige Erfolg bei Selbstheilung ist sehr groß, am besten bei Heroin. Allerdings haben es die meisten nicht beim ersten Anlauf geschafft, sondern zwei bis drei Versuche mit verschiedenen Strategien ausprobiert. Die befragten Personen haben nicht von Entzugserscheinungen gesprochen.

Die Tricks zum Ausstieg sind vielfältig. Sicher ist: Es gibt mehr als eine Lösung.

 

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