Gesundheit

Riskante Körperkunst

Anja Kersten
am Freitag, 24.09.2021 - 12:47

Noch vor ein paar Jahren war es etwas Anrüchiges, Tattoos zu tragen. Heute sind sie überall zu sehen. Körperkunst ist voll im Trend und Ausdruck eines Lebensgefühls. Über die Risiken macht sich kaum jemand Gedanken.

Tattoo

Tätowierungen oder Tattoos sind längst in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Nicht nur Sportler, Künstler oder Schauspieler zieren ihre Körper mit der Kunst. Mehr als jeder fünfte Deutsche ist laut einer Umfrage tätowiert, darunter besonders viele junge Leute. Bei Frauen zwischen 25 und 34 Jahren ist es sogar jede zweite.

Über Risiken, mögliche Komplikationen oder die Frage, was ist, wenn das Tattoo nicht mehr gefällt, machen sich die meisten keine Gedanken. Die wenigsten wissen, dass die Krankenkassen bei Folgeschäden die Kosten nicht übernehmen. Ein Tattoo ist eine Entscheidung fürs Leben.

Hautinfektionen, Abszesse, Gewebeentzündungen – die Folgen des Tätowierens sieht Dr. Michaela Knestele, Chefärztin des Wundzentrums in Kaufbeuren, an den Patienten in ihrer Praxis. „Die Zahl derer, die ärztliche Hilfe brauchen, hat in den letzten Jahren stetig zugenommen“, berichtet die Ärztin. Tattoostudios klären manchmal nur unzureichend über mögliche Komplikationen auf. Tätowieren ist eine Körperverletzung und kann deshalb, wie jede andere Verletzung auch, dem Körper schaden.
Weil Tätowieren rein rechtlich eine mutwillige Körperverletzung ist und damit eigentlich strafbar wäre, muss jeder vorher seine Einwilligung geben, genauso wie bei einer Operation, zieht Dr. Knestele einen Vergleich. Ein Vergleich, der einem klar die Tragweite des Eingriffs vor Augen führt.

Selbst für die Folgen verantwortlich

Anders als bei einer notwendigen Operation ist der Tätowierte aber selbst für die Folgen verantwortlich. Treten durch das Tätowieren Komplikationen auf, müssen die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen und können sogar das Krankengeld für die Dauer dieser Behandlung ganz oder teilweise versagen oder zurückfordern. Das gleich gilt, wenn man die Körperkunst, die man mit 20 vielleicht cool, mit 40 aber eher peinlich findet, ganz oder teilweise wieder entfernen will.

Nicht nur Tattoos altern und können durch Sonneneinstrahlung ausbleichen, auch die Spannkraft der Haut lässt mit zunehmendem Alter nach. Irgendwann bildet die Haut Falten und damit auch das Tattoo. Will man das Tattoo entfernen lassen, muss man die Kosten selbst tragen.
Der erste Stich sollte deshalb gut überlegt sein. Tätowierer ist kein staatlich anerkannter Ausbildungsberuf, im Grunde kann jeder ein Studio eröffnen. Zwar zählt auch bei einem Tattoostudio der erste Eindruck, zusätzlich sollte man aber die Hygienestandards genau prüfen.
Mangelnde Hygiene beim Tätowieren kann HIV-, Hepatitis- oder andere Infektionen auslösen. Deshalb, so die Ärztin, sollte der Hygienestandard in Tattoostudios genauso hoch sein wie in Arztpraxen. Dazu gehört, dass Verkaufsraum und Behandlungsraum getrennt sind, die Liegen mit Einwegtüchern und abwischbaren Oberflächen ausgestattet sind, die Nadeln steril und sachgemäß verpackt sind und nicht mehrmals verwendet werden.
Der Tätowierer sollte einen Mundschutz und Einmalhandschuhe tragen, die Farben in sterile Kunststoffbehälter träufeln und diese nach Gebrauch nicht wiederverwenden. Das Wasser zum Verdünnen der Farbe sollte ebenfalls aus sterilen Einwegverpackungen stammen, so die Verbraucherzentrale.
Wer eine Latexallergie hat, sollte nachfragen, aus welchem Material die Handschuhe sind. Denn beim Tätowieren können kleinste Latexpartikel in die Haut eindringen und damit eine Allergie auslösen. Wenn auch nur eines der Kriterien nicht eingehalten wird, sollte man auf ein Tattoo in diesem Studio verzichten. Das gilt auch, wenn einfach ein ungutes Gefühl übrig bleibt.

18 000 Nadelstiche pro Minute

Tattoo

Beim Tätowieren wird die Haut verletzt. Mit einer Nadel oder einem Nadelbündel wird 18 000 Mal pro Minute in die Haut gestochen. Weil die Haut unterschiedlich dick ist und man nicht in die Oberhaut, sondern in die darunter liegende Lederhaut sticht, kann die Tiefe zwischen 0,3 mm bis 1,5 mm betragen. „Im Grunde macht man damit nichts anderes als der Haut eine Wunde zuzufügen“, bringt es Dr. Knestele auf den Punkt. Mit dem einen Unterschied, dass man zusätzlich in die Wunde noch Fremdstoffe, unter anderem Farbpigmente einbringt. Weil das Tattoo strahlen soll und die Farben möglichst lange halten sollen, muss zum einen viel Farbe unter die Haut gespritzt werden, zum anderen müssen spezielle Farben, die wasserunlöslich sind, verwendet werden.

Die Farben, die für Tattoos verwendet werden, kommen unter anderem aus der Autoindustrie, wo sie für Lacke verwendet werden. Es gibt zwar eine Tätowiermittelverordnung, in der unter anderem krebserregende Azofarbstoffe verboten sind, aber es „werden viele Pigmente eingesetzt, für die keine Risikobewertung vorliegt“, so Dr. Knestele. Deshalb sollte man sich in dem Tattoostudio bestätigen lassen, dass die eingesetzten Farben der deutschen Tätowiermittelverordnung und dem Anhang XVII der REACH-Verordnung (Registrierung, Bewertung und Zulassung von Chemikalien) entsprechen, so der Tipp der Verbraucherzentralen. Die Farben sollten darüber hinaus mindestens Namen und Anschrift des Herstellers, Chargennummer, Angabe der einzelnen Inhaltsstoffe und ein Mindesthaltbarkeitsdatum haben. Bei eventuell auftretenden Allergien erleichtert das die Diagnose.
Für den Körper sind die Pigmente und die Bestandteile von Farbstoffzubereitungen Fremdstoffe. Sie können Allergien auslösen, zum Beispiel in Form eines allergischen Hautauschlags über das gesamte Tattoo oder auch nur dort, wo eine bestimmte Farbe aufgetragen ist.
Am häufigsten kommt das bei der Farbe Rot vor. „Diese Farbe ist der häufigste Auslöser für Unverträglichkeitsreaktionen“, so die Erfahrung der Ärztin. Nicht der ganze Farbstoff, sondern nur 30 % bleiben in der Lederhaut, der Rest wird durch das Blut und die Lymphbahnen abtransportiert und zum Teil in den Lymphknoten gespeichert, schildert Dr. Knestele die Vorgänge im Körper.

Wunde gut schützen

Neben Allergien sind auch akute und chronische Infektionen möglich, wenn Bakterien in die Hautverletzungen eindringen. Deshalb sollte nach dem Tätowieren bereits im Studio ein antiseptisches Gel aufgetragen werden und die Wunde mit einem sterilen, luftdurchlässigen Verband abgedeckt werden. Ein Folienverband bleibt etwa zwei Tage auf dem Tattoo. Grundsätzlich sollte etwa zwei bis drei Tage ein steriler Verband zum Schutz der Wunde getragen werden. Nimmt man den Verband ab, sollte die Hautstelle mit antibakterieller Seife und viel Wasser gewaschen werden, so die Empfehlung der Ärztin.

Nach Entfernen des Verbands lässt man das Tattoo ohne Abdeckung heilen und trägt weiterhin ein Wund- und Heilgel auf. Fettige Cremes sind nicht geeignet, weil sie sich wie ein undurchlässiger Film über die Haut legen. Sauna, Schwimmbad, Vollbäder, stark schweißtreibender Sport, direkte Sonneneinstrahlung und parfümierte Duschgele sind, bis die Wundheilung etwa nach drei bis vier Wochen abgeschlossen ist, tabu. Doch nicht für alle verläuft die Heilung wie gewünscht. Einer Studie der Universität Regensburg zufolge haben 6 % aller Tätowierten bleibende Gesundheitsschäden.
Ein Tattoo bleibt einem ein Leben lang, denn die Entfernung ist schwierig. Ein Arzt kann sie zwar herausschneiden, aber das geht nicht ohne Narben. Von flüssigen Tattoo-Entfernern, wie sie auch in Internetforen empfohlen werden, rät die Ärztin ab. „Das sind Säuren, die unter die Haut gespritzt werden, Verätzungen oder Narben können die Folge sein.“ Selbst die Entfernung durch Laserstrahlung, momentan die beliebteste, aber auch eine sehr teure Methode, bleibt nicht ohne Folgen. Denn um die Farbe zu entfernen, spalten die Laserstrahlen die Farbteilchen. Diese zerfallen in zum Teil krebserregende Stoffe wie Blausäure, einem Zellgift, und verbleiben im Körper, wo sie Allergien auslösen können.
Auch deshalb sollte man sich das Stechen eines Tattoos sowie das Motiv gut überlegen oder wie Dr. Knestele sagt: „Think before ink“.

Checkliste fürs Tattoo-Studio

  • Verkaufsraum und Tätowierraum sind getrennt
  • Liege/Stuhl mit abwischbaren Oberflächen und Einwegtüchern
  • sauberer Arbeitsplatz
  • Desinfektionsmittel
  • Verwendung von sterilen Nadeln
  • kleine Einmalbehälter für die Farben
  • Tattoofarben mit Etiketten
  • kein Essen, keine Tiere, keine Zigaretten
  • Der Tätowierer trägt Einmalhandschuhe und Mundschutz
  • Ich werde über Risiken aufgeklärt, nach Allergien gefragt, Fragen werden beantwortet.

Wann ist der beste Zeitpunkt?

Im Schwimmbad, beim Sport oder bei Festen – das ist die Jahreszeit, in der man ein Tattoo am besten zeigen kann. Deshalb ist der Sommer auch so beliebt, um ein Tattoo stechen zu lassen. Besser sind aber die anderen Jahreszeiten – Frühling, Herbst, Winter. Denn im Sommer schwitzt man, man will zum Baden und kann direkte Sonneneinstrahlung nicht immer vermeiden. Genau das sollte man aber, solange die Wundheilung nicht abgeschlossen ist.

Wann wird abgeraten?

Strikt abgeraten von Tattoos wird bei:

  • Schwangerschaft
  • Erkrankungen des Immunsystems
  • Einnahme von Antibiotika
  • Herzerkrankungen
  • Diabetes mellitus
  • Blutgerinnungsstörungen
  • Allergikern
  • Patienten mit offenen Wunden.