Krankheit

Rheuma: Wenn jeder Griff weh tut

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Anja Kersten
am Sonntag, 16.05.2021 - 07:32

Am Morgen fühlt man sich steif und unbeweglich, Gelenke sind geschwollen, gerötet und/oder überwärmt – das können die ersten Anzeichen für Rheuma sein und sollten Grund genug sein, schnell einen Arzt aufzusuchen.

Rheuma – dahinter verbergen sich viele Erkrankungen, die mit Entzündungen im Bereich der Gelenke, Sehnenscheiden, aber auch der Organe einhergehen. Die rheumatoide Arthritis ist darunter die häufigste. Abwarten und hoffen, dass sich die Beschwerden wieder bessern, ist keine Lösung. Ganz im Gegenteil: Unbehandelt führt die Krankheit zu massiven Schädigungen der Gelenke. Je eher Rheuma erkannt und behandelt wird, desto besser sind die Chancen für eine erfolgreiche Therapie.

Auch wenn man umgangssprachlich vom Rheuma spricht, das „Rheuma“ gibt es nicht, Rheuma ist vielmehr ein Sammelbegriff für über 100 verschiedene Erkrankungen, die alle eines gemeinsam haben: Sie äußern sich in chronischen Schmerzen. Rund um die Krankheit informierte Dr. Miriam Grüninger bei einer Online-Veranstaltung der Landfrauen in Bayreuth. Grüninger ist Fachärztin für orthopädische Rheumatologie im Krankenhaus Hohe Warte in Bayreuth.

Frauen sind häufiger betroffen als Männer

An der rheumatoiden Arthritis (früher: chronische Polyarthritis) erkrankt einer von 100 Erwachsenen und damit mehr als an anderen Formen von Rheuma. Frauen sind dreimal häufiger betroffen als Männer. Grundsätzlich kann die Krankheit in jeder Altersgruppe auftreten, „oft aber tritt sie im Alter zwischen 30 und 50 zum ersten Mal auf“, so die Ärztin.

Einen einzelnen Auslöser gibt es nicht. Ein Zusammentreffen mehrerer Faktoren führt zum Ausbruch der Erkrankung. Man weiß, dass es eine erbliche Veranlagung gibt, erklärte Dr. Grüninger. Wenn die Oma und die Mutter schon Rheuma hatten, bekommt man nicht zwar zwingend Rheuma, aber die Wahrscheinlichkeit ist deutlich erhöht.

Der Körper wendet sich gegen sich selbst

Infografik für Rheumatoide Arthritis

Infektionen, Umwelteinflüsse, Stress und vor allem das Rauchen spielen ebenfalls eine Rolle. Untersuchungen haben gezeigt, dass Rauchen das Krankheitsrisiko erhöht und den Verlauf der Krankheit verschlechtert. Nikotin schädigt nicht nur das Gewebe, es stimuliert auch das Immunsystem und kann damit eine rheumatoide Arthritis auslösen, verdeutlichte die Ärztin.

Denn bei einer rheumatoiden Arthritis ist unser Immunsystem gestört. „Eigentlich ist unsere körpereigene Abwehr, unser Immunsystem, eine gute Sache. Es erkennt Fremdkörper und schützt uns damit vor Krankheiten“, betonte Dr. Grüninger. Bei der rheumatoiden Arthritis aber erkennt der Körper das eigene Gewebe als fremd an und reagiert mit Entzündungen. Man spricht deshalb von einer Auto-Immunerkrankung, weil sich das Immunsystem gegen den eigenen Körper richtet.

Rheumaknoten machen jeden Schritt zur Qual

Je weiter die Entzündungsprozesse voranschreiten, desto mehr spürt und sieht man sie. Die Gelenke schwellen an, werden rot und schwer beweglich. Denn die Gelenkinnenhaut und Sehnenscheidenhaut entzünden sich und wuchern. Das schmerzt nicht nur, sondern das dehnt auch Bänder und Sehnen – soweit, dass die Sehnenstrukturen aus ihrem natürlichen Verlauf abgeleitet werden und das Gelenk eine Fehlstellung aufweist. Zehen oder Finger stehen dann sichtbar schief. Im Verlauf kann das Gelenk sogar zerstört werden. Typisch für rheumatoide Arthritis sind Rheumaknoten, die beispielsweise, wenn sie sich am Fuß befinden, jeden Schritt zur Qual werden lassen.

Selbst innere Organe können betroffen sein, informierte die Ärztin über die massiven Folgen der Krankheit. Umso wichtiger ist es, die Krankheit frühzeitig zu erkennen und zu behandeln: „Die rheumatoide Arthritis ist zwar nicht heilbar, aber die Krankheitssymptome können gut behandelt und damit Spätfolgen abgemildert oder vermieden werden“, lautet Dr. Grüningers beruhigende Nachricht.

Warten macht es keinesfalls besser

Die wichtigste Säule, um die rheumatoide Arthritis zu behandeln, sind Medikamente, informierte die Ärztin. Ziel sei es, die Erkrankung vollständig zu stoppen und damit auch die Beschwerden. Sind bereits Gelenke geschädigt, können diese nicht wiederhergestellt werden, sondern lediglich der Schaden begrenzt werden.

Die Ärztin zeigte viele verschiedene Möglichkeiten auf, wie mit operativen Eingriffen durch Rheuma verursachte Fußfehlstellungen, Rheumaknoten oder beispielsweise Sehnenrisse beseitigt, Gelenke durch Prothesen ersetzt werden können und den Patienten geholfen werden kann. „Die Möglichkeiten, die Beschwerden zu lindern, sind groß“, machte die Ärztin Mut, die Schädigungen nicht einfach hinzunehmen.

Die Medikamente unterdrücken das Immunsystem und damit auch die Entzündungsprozesse. Ihre Wirkung tritt allerdings erst nach Wochen ein. Auch wenn mancher beim Lesen des Beipackzettels das nicht glauben könne, aber „die Medikamente sind gut verträglich“, versicherte die Ärztin. Die Sorge vor Nebenwirkungen sollte niemand veranlassen, die Medikamente zu verweigern. Ohne sie verschlimmert sich die Krankheit. „Für die meisten Patienten findet man zumindest ein gut verträgliches Basismedikament oder man kombiniert mehrere Medikamente“, berichtete die Ärztin von ihren Erfahrungen. Homöopathische Mittel könnten die Basismedikamente auf keinen Fall ersetzen, sie können die Therapie lediglich ergänzen. Weil die Krankheit nicht geheilt werden kann, ist die Therapie eine Dauertherapie.

Biologika als neue Behandlungsmöglichkeit

Eine weitere Behandlungsmöglichkeit sind laut Dr. Grüninger neue, sogenannte Biologika. Sie können mit den klassischen Medikamenten kombiniert werden. Biologika können die Botenstoffe binden, die von den Immunzellen ausgeschüttet werden und unterbinden damit die Entzündungsreaktion im Körper. Man spritzt sie unter die Haut oder gibt sie als Infusion in die Vene. Aber auch diese Medikamente haben Nebenwirkungen wie allergische Reaktionen, Infektionen und Blutbildveränderungen.

Auch auf Kortison zur Behandlung von Rheuma ging die Ärztin ein. Kortison wirke zwar schnell entzündungshemmend und wäre in niedriger Dosierung (weniger als 5 mg/Tag) ein sehr guter Kombinationspartner zu Basismedikamenten. Auf Dauer und in hoher Dosierung hätte es aber sehr viele Nebenwirkungen wie Knochenschwund, Gewichtszunahme, Blutdruckerhöhung oder Blutzuckererhöhung. Um Schmerzen zu lindern, empfahl die Ärztin die Einnahme von entzündungshemmenden Schmerzmitteln wie Voltaren oder Ibuprofen. Sie sollten allerdings sparsam eingesetzt werden.

Viel Bewegung hält die Gelenke fit

Auch wenn Medikamente die Basis der Behandlung bleiben, gibt es Möglichkeiten, die Behandlung zu ergänzen. Dazu gehört vor allem, sich möglichst viel zu bewegen, um die Gelenke fit zu halten und die Muskeln zu trainieren. Dazu gibt es spezielle Bewegungsprogramme (Funktionstraining) für Rheumakranke, Krankengymnastik oder Ergotherapie.

Selbst in einem akuten Fall sollte man die Gelenke nicht völlig ruhig stellen, sondern allenfalls schonen und gelenkbelastende Tätigkeiten unterlassen, sagte Dr. Grüninger. Orthopädische Hilfen wie Gehstützen, Schienen, Einlagen oder Greifhilfen können den Alltag erleichtern. Hat man schon passende Einlagen, sollte man diese nicht nur draußen, sondern auch in den Schuhen im Haus tragen, lautete ein weiterer Tipp von ihr.

Weil jedes Kilo Übergewicht die Gelenke zusätzlich belastet, sollte ein normales Körpergewicht angestrebt werden, vollwertig und abwechslungsreich gegessen und, eigentlich selbstverständlich, das Rauchen aufgegeben werden. Auch Entspannungsübungen wie autogenes Training können helfen, Stress abzubauen und damit die Krankheit besser zu bewältigen.

Bei Rheuma gegen Covid-19 impfen lassen?

Eine Krankenschwester im blauen Kittel impft eine ältere Frau. Sie trägt eine Maske und hat graue, lockige, kurze Haare.

Haben Rheuma-Patienten ein höheres Risiko an Covid-19 zu erkranken? Sollen sie sich impfen lassen? Nach der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) gehören Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen nicht zu den durch Covid-19 besonders gefährdete Gruppen, sofern ihre rheumatische Grunderkrankung medikamentös gut kontrolliert ist.

Menschen mit Rheuma haben weder ein erkennbar erhöhtes Risiko, an Covid-19 zu erkranken, noch dafür, einen besonders schweren Verlauf der Erkrankung zu erleiden. Die Einnahme von immunsupprimierenden Medikamenten (also Medikamenten, die das Immunsystem hemmen) scheint – mit wenigen Ausnahmen – kein wesentlicher Risikofaktor zu sein. Die Voraussetzung ist allerdings, dass die Erkrankung gut kontrolliert wird.

Die DGRh empfiehlt ausdrücklich die Impfung von Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen.

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