Radioaktivität

Sind Pilze durch Tschernobyl-Katastrophe weiter belastet?

Pilz
Ulrich Graf
Ulrich Graf
am Montag, 18.10.2021 - 13:22

Das LGL stellt kaum erhöhte Gehalte von radioaktivem Cäsium-137 bei Zucht- und Wildpilzen fest. Das Bundesamt für Verbraucherschutz kommt zu einem anderen Ergebnis.

Im Herbst ist Pilzsaison – aber wie steht es um die beliebten Pfifferlinge, Steinpilze und Co. in Bezug auf mögliche radioaktive Rückstände 35 Jahre nach der Nuklearkatastrophe von Tschernobyl? Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) resümiert: Zuletzt wurden kaum erhöhte Gehalte von radioaktivem Cäsium-137 bei Zucht- und Wildpilzen festgestellt. Zu einem prüfenden Blick rät das LGL dennoch, vor allem in Bezug auf die Frische von Wildpilzen im Handel.

    Kaum Grenzwertüberschreitungen

    Grundsätzlich können bayerische Wildpilze aufgrund des Reaktorunglücks in Tschernobyl bis heute erhöhte Cäsium-137-Werte aufweisen, da sie die radioaktive Substanz aus dem Waldboden aufnehmen können. Alleine 2019 wurden 163 Wildpilzproben auf radioaktive Rückstände hin untersucht, 142 davon stammten aus bayerischen Wäldern. Lediglich zwei einheimische Semmelstoppelpilzproben überschritten den EU-Radiocäsiumgrenzwert von 600 Becquerel pro Kilogramm.

    Walter Jonas, Präsident des LGL, gibt auch bezüglich der aktuellsten Untersuchungsergebnisse Entwarnung: „Von Januar 2020 bis September 2021 hat das LGL erneut mehr als 160 handelsübliche Pilzproben aus heimischen Wäldern und dem Ausland auf Radioaktivität geprüft. Dabei stellten wir in 2020 nur eine und 2021 bislang keine einzige Überschreitung des Grenzwertes von 600 Becquerel pro Kilogramm fest.“

      Gefahren lauern andernorts

      So spricht zunächst grundsätzlich nichts gegen das Sammeln von Wildpilzen, eine gewisse Vorsicht ist dennoch angeraten: „Jeder, der Pilze sammelt, sollte die Pilzarten gut kennen und vor allem in der Lage sein, giftige Pilze zu erkennen. Bestimmte Wildpilze unterliegen zudem dem Artenschutzrecht und dürfen deshalb nur in geringen Mengen für den eigenen Bedarf  gesammelt werden. Und es ist trotz der zuletzt erfreulichen Untersuchungsresultate auch nicht auszuschließen, dass weiterhin erhöhte Cäsium-137-Werte bei Wildpilzen vorkommen können“, mahnt Walter Jonas.

      Abschließend weist das LGL auf die Situation bei Handelsware im Hinblick auf die Verzehrfähigkeit, Frische und Kennzeichnung hin. Diese ist bei Zuchtpilzen insgesamt gut. Walter Jonas rät dennoch dazu, genauer hinzusehen: „Pilze sind leicht verderblich und die Frische kann sowohl durch lange Transportwege als auch durch längere und ungekühlte Standzeit leiden. Vor dem Kauf lohnt daher vor allem bei Wildpilzen ein kritischer Blick, z. B. sollte man auf Verfärbungen, Fäulnis oder Schimmelbefall achten“, schließt Jonas. 

      Weiterführende Informationen zum Thema sind auf der Webseite des LGL abrufbar: 

      Bundesamt für Verbraucherschutz (/BVL) mit komplett anderslautender Einschätzung

      Laut BVL sind Wildpilze noch immer strahlenbelastet. Eine aktuelle Auswertung der übermittelten Lebensmittelkontrollergebnisse der Länder durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit zeigt, dass in den Jahren 2015 bis 2021 70 von 74 überprüften Wildpilzproben radioaktiv belastet sind.

      Vor allem in Süddeutschland treten in Wildpilzen immer noch erhöhte Konzentrationen von Radiocäsium (Cäsium-137) in als Folge der Atomreaktorkatastrophe von Tschernobyl im Jahr 1986 auf. Im Vergleich zu landwirtschaftlichen Produkten sind wildwachsende Pilze immer noch höher kontaminiert. Wegen des sehr wirksamen Nährstoffkreislaufs in Waldökosystemen ist zu erwarten, dass die Aktivitäten auch in Zukunft nur sehr langsam zurückgehen (Quelle: BfS).