Obstbau

Obstbäume veredeln - genial kombiniert

1-Kopulation-Schnitt-Edelreis
Helga Gebendorfer/SG
am Freitag, 04.12.2020 - 06:41

Obstbäume veredeln – was für eine tolle Technik: Die besten Eigenschaften von zwei Sorten werden dabei kombiniert. Wir stellen Veredelungsmethoden für den Winter und fürs Frühjahr vor und bieten reichlich Praxistipps.

Einfach mal ausprobieren! Dieses Motto gilt beim Veredeln von Obstbäumen. Viele Hobbygärtner trauen sich nicht an diese Technik heran, denn sie gilt in Gartenkreisen als hohe (handwerkliche) Kunst. Sicherlich braucht es dafür Übung und Erfahrung, aber beides kann man sich aneignen. Jetzt kommt die Zeit, die Edelreiser zu gewinnen und die Schnitte zu üben. Später im Winter geht es dann richtig los.

Alte Sorte erhalten oder alten Baum neu veredeln

Prof. Dominikus Kittemann lehrt an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf Obstbau und gibt regelmäßig Seminare für Hobbygärtner zum Veredeln von Obstgehölzen. Er kennt mehrere gute Gründe, Obstbäume zu veredeln:

  • Meistens geht es darum, die Früchte einer gewünschten Sorte an dem Edelreis mit der definierten Wuchsstärke der Unterlage zu kombinieren (siehe Kasten).
  • Die Veredelungsunterlage beeinflusst Fruchtqualität, Höhe und Stabilität des Ertrages sowie die Zeit, bis der Baum überhaupt Früchte trägt. Außerdem bestimmt die Unterlage, wie robust der Baum gegen Krankheiten ist und ob er sich für den Standort eignet.
  • Im Hobbybereich wird häufig veredelt, um eine alte Sorte zu erhalten, indem sie auf eine neue Unterlage veredelt wird (Kopulation, Pfropfen).
  • Eine andere Möglichkeit ist, einen gesunden und gut gewachsenen Obstbaum, dessen Früchte aber nur mäßig schmecken, mit einer neuen Sorte umzuveredeln. So stellt sich schneller wieder hoher Ertrag ein als mit einem neuen Baum (Pfropfen).

Kopulation für neue Obstbäume sinnvoll

Die Kopulation ist die einfachste Veredlungsmethode (Bilder links).

Voraussetzungen: Die beiden Veredelungspartner sind gleich stark oder das Edelreis ist etwas schwächer, aber nie stärker als die Unterlage. Bei beiden löst sich die Rinde nicht. Veredelt wird noch während der Vegetationsruhe.

Schnitttechnik: „Beim Veredelungsschnitt kommt es darauf an, eine möglichst große Verwachsungsfläche zu schaffen“, schickt Kittemann vorweg. Deshalb ist die Schnittfläche schräg. Den Kopulationsschnitt führt man mit einem scharfen Kopuliermesser jeweils am oberen Ende der Unterlage und am unteren Ende des Edelreises durch. Die Veredelungshöhe an der Unterlage sollte auf etwa 20 cm liegen, das Edelreis wird in Teilstücke geschnitten und sollte zur Veredelung noch drei bis vier Augen besitzen.

Die Schnitttechnik für Rechtshänder funktioniert folgendermaßen: Das Edelreis in der linken Hand waagerecht in Bauchhöhe eng am Körper festhalten. Das Veredlungsmesser in der rechten Hand halten und mit der Klinge möglichst parallel zum Reis gegenüber von einem Zugauge (!) ansetzen. Nun den Schnitt in einem Zug waagerecht zum Körper durchziehen. Um einen geraden und glatten Schnitt zu erzielen, sollte dabei das Handgelenk möglichst steif gehalten werden. Sowohl Edelreis als auch Unterlage werden auf diese Weise zurecht geschnitten.

Aufmacherbild-Kopulation-schnitt-der-partner

Veredeln: Anschließend legt man die Schnittflächen so aufeinander, dass sich mindestens auf einer Seite die dünnen, grünlichen Kambiumschichten von Reis und Unterlage decken. Dies erreicht man, indem beide auf mindestens einer Seite bündig aneinander liegen. Zum Schluss verbindet man die beiden Teile mithilfe eines Veredelungsgummis oder Isolierbandes. Die Zugaugen an der Rückseite der Schnittflächen sollten dabei nicht eingewickelt werden; sie fördern das Anwachsen beider Veredelungspartner. Die Veredelungsstelle sowie die Schnittstelle oben am Edelreis werden mit Baumwachs verstrichen.

Danach wird das veredelte Bäumchen getopft und im Frühjahr ausgepflanzt. Wenn das Edelreis im Frühjahr 20 bis 30 cm austreibt, war die Veredlung erfolgreich. Blüten am Edelreis sollten im ersten Jahr möglichst früh entfernt werden.

Verbessert: Kopulation mit Gegenzunge

Die Kopulation mit Gegenzunge ist eine verbesserte, aber auch schwierigere Schnitttechnik (Bilder oben). Die zusätzlichen Schnitte vergrößern die Zone, in der sich das Kambium überlappt. „Unterlage und Edelreis werden außerdem fester zusammengefügt“, erklärt Kittemann.

Schnitttechnik: Die Veredelungsschnitte setzt man wie bei der Kopulation. Dann wird im oberen Drittel jeder Schnittstelle parallel dazu ein Schnitt gesetzt, der etwa bis zum Anfang des Kopulationsschnittes reicht.

Veredeln: Die dadurch entstandenen Zungen schiebt man nun vorsichtig ineinander, ohne dass sich dabei die Rinde löst. Die Veredelung mit Veredelungsgummi oder Isolierband fixieren.

Obstbäume veredeln – so geht's

Pfropfen hinter die Rinde von bestehenden Bäumen

9-Pfopfen-fertig

Das Pfropfen eignet sich für das Umveredeln bestehender Bäume.

Voraussetzungen: Man pfropft hinter die Rinde, wenn die Unterlage – in dem Fall ein bestehender Ast – deutlich dicker ist, als die Edelreiser. Die Edelreiser werden ebenfalls bereits im Winter geschnitten. Den Veredelungszeitpunkt wählt man jedoch so, dass sich die Rinde der Unterlage bereits löst. Das ist etwa zum Zeitpunkt der Blüte der Fall, wenn die Blütenblätter abzufallen beginnen.

Schnitttechnik: Der zu veredelnde Ast wird mit einer Säge auf Veredelungshöhe – etwa 20 cm von der letzten Verzweigung entfernt – in einem sauberen Schnitt abgesägt. An der Schnittstelle (Pfropfkopf) sollte der Ast zwischen 3 und 6 cm stark sein. Die Schnittstelle schneidet man nochmal mit einem scharfen Messer glatt. Die Veredelungsstelle am Pfropfkopf liegt am besten auf der Astoberseite oder – wenn mehrere Reiser veredelt werden sollen – zusätzlich seitlich am Ast. Man setzt für jedes Reis einen etwa 3 bis 4 cm langen, senkrechten Schnitt durch die Rinde der Unterlage, wobei das Holz darunter nicht verletzt wird.

Nun erhält das Edelreis zuerst den klassischen Kopulationsschnitt. Anschließend setzt man seitlich an der langen Seite der Schnittfläche einen zweiten keilförmigen Schnitt, der schwächer ausfällt. Tipp: Veredelt man auf einen Propfkopf mehrere Edelreiser, sollte man den keilförmigen Schnitt bei jedem Reis immer an der gleichen Seite setzen.
Veredeln: Nun hält man das Edelreis mit der großen Schnittfläche zum Pfropfkopf zeigend: Wurde der seitliche Schnitt links gesetzt, löst man mit dem Messer den rechten Rindenlappen und schiebt das Edelreis so hinter die Rinde, dass der seitliche Schnitt links an der Rinde andockt. Die Veredelung mit einem Gummi verbinden und die Veredelung sowie den Pfropfkopf mit Baumwachs verstreichen.
Gut zu wissen: Man könnte das Edelreis auch nur mit dem Kopulationsschnitt zuschneiden, beide Rindenflügel lösen und das Reis so einsetzen. Mit der verbesserten Methode löst man nur einen Rindenflügel und verringert so die Verletzung am Baum.