Saatgut

Neues Gemüse, neuer Geschmack

Viele Beutel mit Saatgut hängen an einem Verkaufsständer
Marianne Scheu-Helgert / Bayerische Gartenakademie
am Freitag, 22.01.2021 - 15:30

Was gibt’s Neues im Saatgut-Sortiment beim Gemüse? Marianne Scheu-Helgert, Leiterin der Bayerischen Gartenakademie, hat sich einen Überblick verschafft und gibt Tipps zum Anbau.

Die Corona-Pandemie hat uns gezeigt: Unser Garten war nie so wertvoll wie heute! Bietet doch die „eigene Scholle“ ungeahnte Freiheit, außerdem locken uns die Saatgutanbieter zu immer neuen Experimenten im Garten – und dann in der Küche.

Bewährte Sorten und neue Experimente mixen

In dieser Saison berichten viele Saatgutanbieter von einem starken Anstieg der Saatgutbestellungen. Trotzdem sollte man sich nicht zu unnötig schnellen Käufen verleiten lassen und auch bei der Auswahl des Saatgutes auf anbausichere und robuste Sorten setzen. Ich persönlich kombiniere diese gerne mit speziellen Sorten mit dem „Hinguckeffekt“, die trotzdem einigermaßen guten Ertrag liefern.

Übrigens: Werden Sorten im Sortiment als „neu“ bezeichnet, soll dies vor allem unsere Neugier wecken. Häufig sind dies uralte, teils wenig bewährte Sorten, die vielleicht nur neu im Sortiment einer Firma aufgenommen wurden. Oder es handelt sich um Sorten, die neuerdings bei einem Anbieter in Bioqualität erhältlich sind. Sorten wie die Gurke ‘Vorgebirgstraube’ (krankheitsanfällig), die Markerbse ‘Wunder von Kelvedon’ (kleines Korn) oder Zuckermais ‘Golden Bantam’ (nur einfach süß) überspringe ich schnell. Es gibt aber auch heuer einige, überwiegend als „neu“ angebotene Sorten, die mich wirklich neugierig gemacht haben.

Bingenheimer Saatgut mit Tomate, Chili und Gurke

Verschiedenes Gemüse

Wie alle Firmen führt auch Bingenheimer Saatgut ein riesiges Angebot an Fruchtgemüsen in allen Farben und Formen. Bei den meisten Sorten empfehle ich: Einfach ausprobieren. Bei Fruchtgemüse kann man problemlos mehrere Sorten kaufen, das Saatgut hält mehrere Jahre.

Besonders aufgefallen sind mir hier die rot-gelb geflammte Roma-Tomate ‘BSAG-TOT-SPR’ (1) oder das ‘Gelbe Rüsselchen’ (2), eine gelbe, mittelscharfe Chili. Auch auf die neue Einlegegurke ‘KS-GU-CN-ROM’ (3) bin ich neugierig – ich will prüfen, ob sie mit den Hybridsorten mithalten kann.

Spannend finde ich ‘Wasabino’ (4), einen Asia-Salat mit kräftigem Wasabi-Aroma (auch bei Dreschflegel erhältlich). Wasabi ist bei uns als „Japanischer Meerrettich“ bekannt und schmeckt genauso. Ich rate dazu, Asia-Salate bereits früh im März anzubauen und dann erst wieder im September, weil sie in trockenen Jahren unter dem Befall von Erdflöhen leiden. Als späte Kultur passt auch der Pak Choi ‘Yorokobi’. Man setzt die Jungpflanzen Mitte/Ende August auf die Beete und kann – mit schützendem Vlies – bis in den Winter hinein ernten.

Möhren stehen in meiner Familie im Verzehr ganz vorne. Für eine komplette Versorgung damit fehlt mir aber der Platz, deshalb baue ich sehr gerne als Farbtupfer kleine Mengen besonderer Sorten an. Heuer sind das ‘Weiße Küttiger’, eine traditionelle Schweizer Sorte, und ‘KS-MOG-TH-PURP’ (5), eine schnellwüchsige, spitz zulaufende Sorte mit leuchtend violetter Haut und einem Fleisch, das farblich von hell- bis dunkelorange spielt.

Möhren, Kichererbsen und Soja bei Dreschflegel

Erdbeere Rügen

Zum Experimentieren lockt im Angebot von Dreschflegel die Möhre ‘Colorada’. Sie verspricht ein imposantes Farbspiel von weiß über orange bis violett außen und innen. Sie wird nur für späte Saaten im Juni empfohlen. Bei uns wird als Hauptsortentyp bei Möhren die walzenförmige Nantaiser-Möhre angebaut. Im weltweiten Anbau stehen jedoch kürzere, konische Formen im Vordergrund. Ich liebe hier die Sorten ‘Chantenay’, ‘Duwicker’ (auch für schwerere Böden), ‘Gonsenheimer Treib’ und ‘Gelbe Gochsheimer’ (Lagermöhre). Sie sind bei verschiedenen Saatgutanbietern erhältlich.

Vor zwei Jahren stellte ich in diesem Rahmen die sensationelle Gemüsesojabohne ‘Green Shell’ von Bingenheimer Saatgut vor. Dreschflegel hat jetzt neu im Sortiment die kleinkörnige, dafür sehr robuste Sojabohne ‘Funke’ im Sortiment. Diese sät man ab Anfang Juni in die Beete, wenn sich der Boden ausreichend erwärmt hat.

Gut gelingen bei uns auch Kichererbsen, die ich nicht ausreifen lasse, sondern zumeist unreif als Brockelerbsen ernte. Dafür lassen sich beliebige unbehandelte Kichererbsen aussäen. Apart aber sind die samtschwarzen Körner der Sorte ‘Black Kabuli’, die man Ende April in den Garten sät.

Unter den Fruchtgemüsen reizt mich bei Dreschflegel die Marktomate ‘San Berao’. Das ist eine Kreuzung aus der alten, extrem robusten und starkwüchsigen Baumtomate ‘De Berao’ (ebenfalls erhältlich) und der Romatomate ‘San Marzano’. Eine ebenso starkwüchsige Cocktailtomate ist ‘Cerise rot’ – sie erreicht eine Höhe von bis zu 80 cm.

Wer Salsa oder Chutney aus grünen Tomaten liebt, wird Freude an ‘Purple di Milpa’ haben, einer violettfruchtigen Tomatillo. Diese Kultur ist verwandt mit der Andenbeere, die bei uns als Physalis bekannt ist. Hier findet sich mit ‘Schönbrunner Gold’ (6) die Auslese mit den größten Früchten aller Sorten im Sortiment (auch bei Bingenheimer Saatgut erhältlich).

Ein schönes „Zuckerl“ haben wir auch in unserem Schaugarten in Veitshöchheim. Dort bücken sich unsere Besucher seit Jahren immer gerne nach unserer attraktiven Beetumrandung: der Erdbeere ‘Rügen’ (7) (auch bei Gärtner Pötschke erhältlich). Die Sorte lockt mit den Walderdbeeren ähnlichen Früchten, erspart aber lästige Ausläufer. Ganz ähnlich gedeiht die Sorte ‘Weiße Erdbeere’ mit orangegelben, aromatischen Früchten. Nach Voranzucht ab Ende Februar blühen und fruchten die Pflanzen noch im gleichen Jahr.

Brokkoli und Aubergine bei Wolfgang Nixdorf

Aubergine und Brokkoli

Auch Wolfgang Nixdorfs Gemüsefachhandel hat ein sehr breit gefächertes Sortiment an Fruchtgemüsen. Hier fiel mir die violett-weiß geflammte Aubergine ‘Lucilla F1’ (8) auf, die sich sehr gut für die Kultur in Kübeln am Haus eignet (auch bei Kiepenkerl erhältlich).

Beim Kohl sind zwei Profisorten neu und vielversprechend: der Brokkoli ‘Agassi F1’ (9) mit hoher Hitzetoleranz und der Kohlrabi ‘Lech F1’, der sehr selten aufplatzt. Eine Profisorte ist auch die Kartoffel ‘Agria’. Sie ist eine der Hauptsorten für Pommes und andere Verwertungsprodukte.

Gärtner Pötschke mit violetten Möhren

mehrere romanasalate

In heißen Sommern bewähren sich Romana-Salate im Garten sehr gut: Der Miniromana der Sorte ‘Xanadu’ (10), den Gärtner Pötschke in seinem Sortiment hat, stammt ebenfalls aus dem Profianbau. „Vorsicht Kleckergefahr“ heißt es bei der tiefvioletten, schlanken Möhre ‘Purple Sun F1’ (auch bei Kiepenkerl und Sperli erhältlich). Interessant: Wird in der Zutatenliste von Kirsch- oder Erdbeerjoghurt Möhrensaft als Bestandteil angegeben, handelt es sich um Auszüge aus solch kräftigen Farbsorten.

Sperli hat Chinakohl und Wintersalat im Sortiment

Eine Bohne und ein Kopfsalat

Sperli hat mit ‘Emiko F1’ einen neuen Chinakohl im Sortiment. Ich rate dringend dazu, Chinakohl und andere Herbst- und Wintersalate anzubauen. Sie bedecken auch in den späteren Jahreszeiten die Beete im Garten, nehmen restlichen Stickstoff auf und liefern oft bis ins neue Jahr frisches und gesundes Grünzeug. Gepflanzt oder gesät im August, sollte er – wie alle Kreuzblütler – zunächst mit Kulturschutznetz gegen Erdflöhe abgedeckt werden.

Superglatte und zarte Rettiche ergeben folgende Sorten: ‘Lancelot F1’, ein langer, milder, „japanischer“ Typ und der halblange, pikante ‘Lorenz F1’ mit „bayerischer“ Schärfe. Beide eignen sich für die Aussaat im April oder August. Spannend könnte auch die Mini-Pflaumentomate ‘Umamini F1’ sein. Sie vereinigt wohl wie viele dattelfrüchtige Sorten die pikante Fruchtsäure der Minis mit dem festeren Fleisch der länglichen Sorten.

Eigentlich liebe ich ja die großkörnige und somit schnell auspalbare Puffbohnen-Sorte ‘Hangdown grün’. Ich will aber die ebenso grünkernige ‘Perla’ (11) mit feinerem Korn ausprobieren (erhältlich auch bei Kiepenkerl).

Von Überwinterungssalaten habe ich bis vor einigen Jahren abgeraten. Mit den immer milderen Wintern lohnen sich aber wieder Experimente mit dieser alten Anbauform. Sperli bietet dazu den Winter-Butterkopfsalat ‘Nansen‘s Noordpool’ (11) an. Am sichersten gelingen solche Salate mit Direktsaat ab August bis September, geerntet wird dann ab März.

Kiepenkerl bietet Mairübe und Rettich

Ein Bund Mairübe

Zart und mild im Geschmack ist die schneeweiße Mairübe ‘Tokyo Top F1’ (13) von Kiepenkerl. Sinnvoll ist, Mairüben früh anzubauen, am besten sät man sie bereits Anfang April – auch im Gewächshaus. Anschließend empfehle ich die Aussaat erst wieder im August für den Herbstanbau. Ähnlich im Aussehen, aber pikanter im Geschmack ist der Rettich ‘Runder Weißer’, er kann etwas früher ausgesät werden. Bei beiden Kulturen empfiehlt sich in der kühlen Jahreszeit ein Vlies, im Sommer schützt man sie mit einem Kulturnetz.

Bezugsquellen Saatgut

Die im Text genannten Gemüsesorten kann man bei folgenden Firmen beziehen:

Bingenheimer Saatgut AG: Tel. 06035-1899-0; www.bingenheimersaatgut.de.

Dreschflegel GbR: Tel. 05542-5027-44; www.dreschflegel-shop.de.

Wolfgang Nixdorf: Tel. 09343-3465; www.garten-wn.de

Gärtner Pötschke: Tel. 01805-861-100 (kostenpflichtig); www.poetschke.de

Sperli: Tel. 02582-670-900; www.sperlishop.de.

Kiepenkerl: Tel. 02661-94052-84; www.shop.nebelung.de.

Wissenswertes über Hybrid-Saatgut

Bitterfreie Gurken, ebenmäßig geformte Brokkoli und glatt ausgeformtes Wurzelgemüse ist uns heute als Konsumenten in Supermärkten selbstverständlich geworden. Sehr häufig sorgt die Hybrid-Züchtung für diese küchenfreundlichen Gemüse.

Die meisten Erwerbs-Bioanbauer säen zumindest teilweise auch Hybridsorten aus. Auch die meisten Bio-Kunden greifen lieber zu gleichmäßig ausgeformten Möhren oder Rettichen als zu solchen mit putz-unfreundlichen Rillen oder vielen Wurzelansätzen. Zudem lassen sich gleichmäßiger abreifende Sorten mit wesentlich geringerem Arbeitsaufwand ernten: Es macht einen Unterschied, ob das Brokkolifeld in zwei, drei Durchgängen oder aber in mehr Arbeitsgängen abgeerntet werden kann.

Weil Hybrid-Züchtung äußerst aufwändig ist, konzentrieren sich die Arbeiten dazu in wenigen Firmen weltweit. Hybridzüchtung heißt, es werden über mehrere Generationen Reinzuchtlinien hergestellt, aus denen dann durch eine gezielte Kreuzung die Filial-Generation (F1, siehe Vermerk auf den Saatguttütchen) hergestellt wird. Durch viele Vorversuche lassen sich so zuverlässig immer die gleichen, vorteilhaften Eigenschaften in einer Kultur sicherstellen.

Im Bioanbau im deutschen Sprachraum ist man bestrebt, die Züchtung standortangepasster Sorten in Europa zu belassen. Daher ist jeder Bioanbauer angehalten, bei vergleichbarer Qualität vorzugsweise samenfeste Sorten anzubauen, die es bei vielen Kulturen auch gibt. Nur so lässt sich diese regionale Züchtungsarbeit aufrecht erhalten. Unter anderem die Firmen Bingenheimer Saatgut und Dreschflegel bieten ausschließlich Nicht-Hybrid-Saatgut an.

Aus samenfesten Sorten kann der Hobbygärtner eigenes Saatgut nachziehen. Aussaaten von Gemüsehybriden spalten sich auf, sie können andere Eigenschaften als ihre Eltern haben.

Bei Blattsalaten (allen Kopfsalat-Verwandten), Bohnen, Erbsen, Lauch, Zwiebeln oder Mangold sind keine Hybridsorten erhältlich. Von Sellerie, Fenchel, Radicchio, Zuckerhut, Radies, Rettich, Roten und Gelben Rüben, Kürbis, Tomaten, Paprika haben viele Anbieter Hybrid- und samenfeste Sorten nebeneinander im Programm.

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