Gartenreportage

Naturnaher Nutzgarten

Links ein Porträt einer Frau im grünen Garten. Rechts der Garten der Frau, teils unüberschaubar, weil sehr stark grün bewachsen.
Christine Schmid
am Montag, 09.08.2021 - 17:30

Johanna Kollers Garten in Lam ist vielfältig und üppig. Sie lässt ihn wachsen und gedeihen, fast wie es ihm gefällt. Diese Mentalität entlastet die Bäuerin und schafft gleichzeitig ein naturnahes Paradies für Insekten.

Ausblick von einer Holzbank aus auf einen Berg.

Es surrt und summt, es schwirrt und flattert in Johanna Kollers Garten. Kräuter blühen neben Blumen, Früchten und Gemüse. Gute 100 Jahre alt ist dieser Garten schon. „Angelegt hat ihn die Schwiegermutter meiner Schwiegermutter“, sagt die Bäuerin. Noch heute versorgt er die Familie. Die Kollers, deren Koppenhof auf 650 Metern hoch über Lam im Landkreis Cham liegt, setzen so weit es geht auf Selbstversorgung. Da gehört ein Bauerngarten selbstverständlich dazu. Und der darf gedeihen, fast wie es ihm gefällt.

Seit 1554 ist die Hofstelle in Einzellage nachgewiesen. Heute bewirtschaften Johanna und Wolfgang Koller den Vollerwerbs-Naturlandbetrieb, unterstützt von den erwachsenen Kindern, Maria und Steffi sowie Wolfgang Junior mit Freundin Julia, außerdem begleitet von Seniorbäuerin Maria, Wolfgangs 104-jähriger Mutter. Etliche der Rosen, die in Töpfen oder als Büsche üppig blühen, bekam bereits die Seniorin zu Geburtstagen geschenkt.

Auf der Weide mit Blick auf den Osser stehen die rund 20 Milchkühe mit Nachzucht. Ein wenig Rindfleisch wird direktvermarktet. 130 Hektar Plenterwald und 30 Hektar Grünland werden vor allem von Vater und Sohn, einem Forstwirtschaftsmeister, bewirtschaftet. Ein weiteres Standbein der sportlichen Familie ist die Skischule samt Skiladerl in Lam.

 

Auf Stein gestoßen

In einem alten Granit-Trog mit Wasser schwimmen im Eck vier gelbe Rosen. Darin liegt ein Reisigbesen.

Der Garten liegt neben dem alten Bauernhaus und dem Vollholzhaus, das Wolfgang Koller vor 15 Jahren für seine Familie gebaut hat. Wo es heute grünt und blüht, stand vor gut 100 Jahren eine Scheune. Die hatte Wolfgangs Großvater zugunsten eines Gartens abgerissen. Unter dünner Erdschicht stießen sie auf Gneis. Der gehört wie Glimmschiefer und Quarzit zu den typischen Gesteinen des Lamer Winkels. „Ich habe wohl schon Millionen Steine ausgegraben“, sagt die Bäuerin. „Das war der Schrecken meiner Kindheit. Im Frühjahr haben wir jedes mal eine Woche lang Steine geklaubt.“ Nach dem Winter und allen Bodenarbeiten kämen Brocken an die Oberfläche.

Auf diesem schwierigen Untergrund entstand ein Bauerngarten in Kreuzform mit Brunnen in der Mitte – unverändert bis heute. Im Frühling ist die Anlage gut zu erkennen. Sobald aber alles zu wuchern anfängt, kommt Johanna Koller mit dem Schneiden nicht mehr nach. Dann lässt sie irgendwann fünf gerade sein und ergibt sich: „Wir versuchen, immer weniger zu mähen, auch wenn es unordentlich ausschaut. Dafür haben wir ein Insektenparadies.“ Darüber wacht eine Kapelle aus Holz, die so alt ist wie der Garten.

 

Ruheplätze ohne Ruhe

Links ein Bild von einem Gemüsebeet, rechts Moos am Gehweg und am Hauseck.

Aufgeschüttete Hackschnitzel schaffen Verbindungswege. Hohe Sträucher und Bäume spenden Schatten. Darunter gibt es so manches lauschige Ruheplätzchen, „auf denen bei uns nie jemand sitzt“. Die Bäuerin lacht. Vereinzelt findet sich Deko. Aber eigentlich „hab ich es gern schlicht“, sagt sie. Einzige Ausnahme sind die Sprüche, die sie auf unterschiedlichen Untergründen handschriftlich verewigt.

Zwei wahre Stars im Garten sind die leuchtend pinkfarbene Indianernessel mit ihren zerrupften Blütenblättern und die strahlend gelbe Riesen-Flockenblume, beides Geschenke ihrer Schwägerin Maria. Ansonsten sind es klassische Bauerngarten-Blumen, die von Frühjahr bis Herbst ihre Pracht entfalten. „Der Phlox und die Pfingstrosen waren schon immer da. Jetzt bin ich schon 35 Jahre hier. Die gab es da schon“, stellt die Gartlerin fest. Sie macht wenig Aufhebens um die Auswahl der Blumen – ganz anders als beim Gemüse. Die Biobäuerin schwört auf das biologische Bingenheimer Saatgut, vor allem bei Tomaten und Zucchini. „Das sind samenfeste Sorten, anders als die Hybride aus dem Supermarkt.“

In den Gemüsebeeten baut sie vor allem Salate, Zwiebeln, Karotten, Zuckerschoten, Busch- und Stangenbohnen, Brokkoli, Radicchio, Lauch und Rote Beete an. Josta, rote und schwarze Johannisbeeren, Äpfel, Birnen und Früchte der Felsenbirne werden verarbeitet.

 

Schutz vor Schädlingen

Farbtupfer im Bauerngarten: Pinkfarbene Indianernessel (r.) samt Behausung für Ohrenkneifer. Neben dieser Schönheit gedeiht die Gelbe Riesen-Flockenblume (l.), eine Prachtstaude in Artischocken-Optik.

Schon beim Säen und Pflanzen achtet Koller auf passende Nachbarn, wie Zwiebeln neben Karotten, um die Möhrenfliege abzuwehren. Mit verdünnten, pflanzenstärkenden Jauchen aus Brennnessel, Beinwell oder Zinnkraut gießt sie. Starkzehrer spritzt die Biobäuerin im Sommer mit verdünnter Brennnesseljauche. Im Herbst düngt sie ihren Garten mit abgelagertem Rindermist.

Gegen die unterschiedlichen Schädlingsfliegen nutzt sie außerdem Netze. „Heuer würden die Kohlweißlinge sonst alles auffressen.“ Gegen Schnecken setzt sie Ferramol ein oder sammelt sie ab. In diesem Jahr hat der häufige Regen nicht nur zu heftigem Wachstum, sondern auch zu einer massiven Schneckenplage geführt. „An jeder Kultur sind sie dran. Salat gibt’s keinen mehr.“ Radicchio, Rote Beete, Zucchini haben arg gelitten. Dafür freut sie sich über den Grünkohl, den sie erstenmals gepflanzt hat und der prächtig gedeiht.

Die Biogartlerin kann gut damit leben, dass nicht alles perfekt ist, dass immer irgendeine Gartenarbeit nicht mehr bewältigt wurde. „Freude macht der Garten ja trotzdem“, sagt sie und lacht.

 

Tipps und Rezepte der Bäuerin

Links ein Spruch auf eine verwitterte Baumscheibe geschrieben. Rechts ein Spruch auf eine alte Spitzschaufel geschrieben. Diese ist auf einer Baumscheibe festgemacht und steht vor einem alten Holzstuhl, der mit Blumen dekoriert ist.

Johanna Koller gibt gerne Rezepte und Gestaltungstipps für den Garten weiter. 

 

Kräutersirup und Johannisbeer-Chutney stehen abgefüllt in Glasflasche und Konservenglas auf einem Holztisch im Garten.

Johannisbeer-Chutney

  • 500 g gemischte Johannisbeeren, rot und schwarz
  • 1/2 bis 1 Chilischote, je nach gewünschter Schärfe
  • 2 rote Zwiebeln
  • 1 reife Birne
  • 1 EL Speiseöl
  • 100 ml dunkler Balsamico-Essig
  • 200 g Biorübenzucker
  • Salz

Zwiebeln und Birne würfeln und in erhitztem Speiseöl anschwitzen, mit Balsamico-Essig ablöschen Zucker unterrühren, Beeren unterrühren, köcheln lassen, bis erwünschte Konsistenz erreicht ist. Falls das Chutney zu dick wird, Apfelsaft zugeben. Mit Salz abschmecken

Johanna Kollers Tipp: „Schmeckt wunderbar zu Fleisch oder Käse.

 

Kräutersirup

  • 1 kg Biorübenzucker
  • 2 Biozitronen
  • Kräuter (es eignen sich Pfefferminze, Salbei, Oregano, Zitronenmelisse, Kraut des Gewürzfenchels und wenig Rosmarin)

Die Menge der angesetzten Kräuter ist Geschmacksache: Je mehr Kräuter auf 1 Liter Wasser, desto intensiver wird das Kräuteraroma. Mit 1 Liter Wasser und 1 kg Biorübenzucker einen Läuterzucker = Zuckersirup herstellen: Einrühren, aufkochen, falls nötig abschäumen und einige Minuten köcheln lassen. Vom Herd nehmen, ein wenig abkühlen lassen. Währenddessen die Schale von 2 Biozitronen abreiben. Den Abrieb zur Seite stellen für weitere Rezepte. Getrocknet kann er beispielsweise zum Backen verwendet werden oder Zucker und Salz aromatisieren. Die Zitronen in Scheiben schneiden, mit den Kräutern in eine Schüssel legen und mit dem heißen Läuterzucker übergießen. Über Nacht in den Kühlschrank stellen, danach abseihen und abfüllen. Ein Schuss Kräutersirup in Wasser ergibt ein erfrischendes Sommergetränk.

Johanna Kollers Tipp: „Abfüllen sollte man den Kräutersirup in kleine sterile Flaschen. Wenn mal eins schlecht wird, muss man nicht gleich einen ganzen Liter wegschütten.“

 

Kräuterzucker für Käsekuchen

Frische Zitronenverbene, Zitronenmelisse und Zitronenthymian grob hacken und unter Biorübenzucker mischen. Die Feuchtigkeit der Kräuter lässt den Zucker klumpen, das Aroma zieht in den Zucker. Sobald die Mischung trocken ist, diese fein mahlen bis duftender Puderzucker entsteht. Mit diesem Zucker die Quarkmasse für einen Käsekuchen aromatisieren. Ganz nebenbei bekommt der zitronig duftende Käsekuchen eine sommerlich frische Farbe.

 

Gestaltungstipps für den Garten

Drei Bilder, die Sprüche auf Tafeln zeigen. Sie sind liebevoll in den Garten eingearbeitet und verteilt.

„Ich liebe Sprüche“, sagt die Koppenhof-Chefin, „und das schon lange, bevor es modern wurde.“ An einigen Stellen im Garten entdeckt man die Minitexte, mit denen die Bäuerin ihrer Lebenseinstellung Ausdruck verleiht. Mit weißem Lackstift, der auf vielen Untergründen hält, beschriftet sie im Handumdrehen Fundstücke wie ein rostiges Schaufelblatt oder gläserne Dachziegel und etliches mehr.

 

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