Gesundheit

Kneipp's Lehren: Ein Segen bis heute

Bad_Woerishofen_Holzhacken
Ludwig Holly
am Donnerstag, 01.04.2021 - 16:37

Als Pfarrer Sebastian Kneipp vor rund 170 Jahren Krankheiten mit ganz natürlichen Methoden kurierte, gefiel das Schulmedizinern gar nicht. Doch Kneipps Lehren zum Gesundbleiben und -werden sind bis heute gefragt.

Wenn Menschen über die Philosophie von Kneipp sprechen, dann denken sie in erster Linie an Wasseranwendungen wie Wassertreten und Güsse. Doch das ist nur eine von insgesamt fünf Säulen seiner Lehre:

1. Hydrotherapie

Ein historisches Bild in schwarz-weiß: Ein Mann liegt in der Badewanne im Hintergrund. Im Vordergrund wird ein nackter Mann von einem Pfleger mit einem Schlauch Wasser auf den Rücken gespritzt.

„Wenn es für mich ein Heilmittel gibt, dann wird es das Wasser sein“, sagte Sebastian Kneipp. So ist das Wasser mit rund 120 unterschiedlichen Anwendungen ein zentraler Bestandteil seiner Heilbehandlung und wohl auch deshalb so bekannt. Dabei werden Wechselgüsse, Bäder, Wickel, Waschungen und Packungen speziell auf die Bedürfnisse jedes Einzelnen abgestimmt. Ziel ist, den Kreislauf, den Stoffwechsel und die Durchblutung anzuregen. Durch den Wechsel von kaltem und warmem Wasser werden vor allem auch die Abwehrkräfte gestärkt.

 

2. Phytotherapie

„Das Wasser sei des Schöpfers erste Apotheke, die Heilkräuter die zweite“, wird Kneipp zitiert, der auch als „Kräuterpfarrer“ bezeichnet wird. Kneipp nutzte die Heilwirkung von Pflanzen, um krankmachende Stoffe im Körper aufzulösen und auszuleiten und den gesamten Organismus zu kräftigen. Mit rund 60 Kräutern in Form von Tees, Tinkturen, Säften, Badezusätzen, Salben oder Tabletten werden vielerlei Beschwerden wie Durchblutungsstörungen oder Hautleiden gelindert.

 

3. Ernährungstherapie

Viele Zivilisationskrankheiten haben ihre Ursache in einer ungesunden Ernährung. Die Ernährung passt, wenn sie den täglichen Kalorienbedarf deckt und die notwendigen Nährstoffe und Vitamine in ausreichender Menge und dem richtigen Verhältnis enthält. Deshalb steht eine hochwertige, möglichst naturbelassene Vollwertkost mit viel Obst und Vollkornprodukten im Mittelpunkt der Therapie. So kann der Körper gesund und widerstandsfähig bleiben.

 

4. Bewegungstherapie

„Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für seine Krankheit opfern.“

Sich täglich ausreichend zu bewegen und sich auch regelmäßig mehrmals in der Woche sportlich zu betätigen, ist nicht nur ein ganz bedeutender Bestandteil der klassischen Naturheilverfahren, sondern es wird auch in der Schulmedizin als Präventivmaßnahme dringend empfohlen. Als günstige Form der Bewegung und einfache Abhärtungsmethode hat Kneipp das Barfußlaufen im flachen Wasser, auf taufrischen Wiesen und im Schnee empfohlen.

Wichtig dabei ist aber nicht so sehr was man macht, sondern dass man sich überhaupt täglich ausreichend bewegt. „Sportarten sind ideal, bei denen möglichst viele Muskelgruppen gleichzeitig in Aktion sind, wie Rudern, Joggen, Nordic Walking, Radfahren oder Ski-Langlauf. Dabei sollte man persönliche Vorlieben beachten, denn eine Sportart, die keinen Spaß macht, wird wahrscheinlich weder regelmäßig noch langfristig betrieben. Es kommt aber vor allem immer darauf an, dass man maßvoll trainiert, das heißt langsam beginnt und die Anforderungen allmählich steigert. Darüber hinaus lohnt es sich, möglichst viel Bewegung in den häuslichen und beruflichen Alltag zu integrieren, zum Beispiel indem man Treppen steigt und das Auto stehen lässt und zu Fuß geht oder mit dem Rad fährt“, empfiehlt die Ärztegesellschaft für Präventionsmedizin und klassische Naturheilverfahren, Kneippärztebund e. V. Gegründet im Jahr 1894 als „Internationaler Verein Kneipp’scher Ärzte“ ist er heute ein Zusammenschluss von (vorwiegend deutschen) Ärzten mit Tätigkeitsschwerpunkt im Bereich der Naturheilkunde mit Sitz in Bad Wörishofen.

 

5. Ordnungstherapie

Mit ihr hat Kneipp den Weg zu einer bewussten, die Gesundheit erhaltenden Lebensweise vorgeschlagen. „Alles zu seiner Zeit und alles im rechten Maß“, mit diesem Satz spricht Kneipp im hektischen und überzogenen Leben unserer Zeit die Menschen besonders an. Körper, Geist und Seele müssen in einem harmonischen Gleichgewicht sein. Kneipp definierte es als innere Lebensordnung und empfahl einen angemessenen Wechsel von Ruhe und Anstrengung.

 

Risikofaktoren minimieren

Das Vermeiden von Risikofaktoren für Krankheiten, Genussgiften und Reizüberflutung ist dabei ebenso bedeutsam wie das Wiedererlangen des seelischen Gleichgewichts. Dazu eignen sich die bekannten mentalen Stärkungstechniken wie Autogenes Training, Yoga, Qi Gong oder Atemtherapie. Aktive Lebensgestaltung statt sich treiben zu lassen, führt nicht nur zu körperlichem Wohlbefinden, sondern zu mehr Lebensfreude.

Eine besondere Anerkennung erfuhren die weit über Deutschland hinaus verbreiteten Kneipp‘schen Naturheilverfahren, als sie im Jahr 2015 von der Deutschen Unesco-Kommission in das Bundesweite Verzeichnis des immaterielles Kulturerbes aufgenommen wurden.

 

Einfach umzusetzen, aber regelmäßig und dauerhaft anwenden

„Natürlichkeit und Einfachheit sind die Hauptsache.“

„Natürlichkeit und Einfachheit sind die Hauptsache“, fasste Kneipp seine Naturheillehre zusammen. Er sprach stets volksnahe Empfehlungen aus und wollte, dass jeder aktiv für seine Gesundheit etwas tut. Seine Ideen sind relativ einfach umzusetzen, aber man muss sie leben, regelmäßig und dauerhaft – die Motivation dafür hat Pfarrer Kneipp so ausgedrückt: „Wer nicht jeden Tag etwas Zeit für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für seine Krankheit opfern.“

Viele der von Sebastian Kneipp zusammengetragenen Erfahrungen wurden wissenschaftlich überprüft und in ihrer Wirksamkeit bestätigt. Die Kneipp-Therapie kann oder soll mit anderen medizinischen Verfahren kombiniert werden. Somit versteht sich die Kneipp’sche Heilbehandlung nicht als Gegensatz zur wissenschaftlichen Medizin, sondern als Ergänzung.

„Die Kneipp-Therapie ist ganzheitlich und zielt darauf ab, Körper, Geist und Seele in Einklang zu bringen. Leben nach Kneipp ist einfach, kostet fast nichts und bringt den Menschen in Bewegung. Sie macht gesund oder noch gesünder, bewirkt ein hoch wirksames Immunsystem, umfassende Fitness und eine überdurchschnittliche Stressresistenz.“ So fasst der Kneipp-Bund die Lehre des Wasserdoktors zusammen. Mit rund 550 Vereinen und über 160 000 Mitgliedern ist der Kneipp-Bund übrigens die größte private deutsche Gesundheitsorganisation.

 

Kneippen ist mehr als Wasserpritscheln

Eine junge Frau läuft durch ein Wasserbecken in der Natur. Sie hält sich an jeweils einem Holzgeländer links und rechts davon fest. Die Hose hat sie hochgestülpt bis übers Knie. Das eine Bein ist gerade im Wasser, das andere Bein über dem Wasser. Sie trägt eine oragene Jacke und hat blonde Haare.

Ein großer Vorteil des Kneippens ist, dass man viele kleinere Anwendungen leicht erlernen und ohne großen Aufwand auch selber durchführen kann. Im Folgenden ein paar Beispiele für Wasseranwendungen. Grundsätzlich setzt die Wassertherapie genau dosierte Kälte- und Wärmereize ein, um den Organismus positiv zu stimulieren. Wie bei allen Ratschlägen von Kneipp geht es nicht um extreme, sondern sanfte Methoden – immer orientiert am Befinden des betreffenden Menschen. Wer beispielsweise merkt, dass ihm kaltes Wasser generell nicht guttut, sollte Anwendungen mit warmem Wasser machen. Für alle Kaltreize gilt: lieber zu kurz als zu lang.

  • Wassertreten: In kaltem Wasser im Storchengang gehen, also bei jedem Schritt das Bein komplett aus dem Wasser heben. Das Wasser sollte so tief sein, dass es ungefähr eine Handbreit bis unter die Kniekehle reicht. Damit man dabei das Gleichgewicht nicht verliert, sind Kneipp-Becken mit einem Handlauf versehen, eine Runde reicht! Danach das Wasser nur von der Haut streifen; für die Kaltwasseranwendung gilt generell, dass das Wasser nach dem letzten Guss nur abgestreift und nicht frottiert wird. Wassertreten ist eine Wohltat an einem heißen Sommertag oder wenn man müde, schwere Beine hat; es regt den Kreislauf an. Zum Wassertreten braucht es keine besondere Vorrichtung, auch ein Bach, das seichte Ufer eines Sees oder der Wassergrand im Hof laden dazu ein.
  • Wechselarmbad: Zwei Wannen mit Wasser vorbereiten, eine mit einer Temperatur von 36 bis 38 °C, eine mit kaltem Wasser unter 18 °C. Zunächst die Arme fünf Minuten bis zur Mitte der Oberarme in das warme Wasser tauchen, anschließend 10 bis 15 Sekunden ins kalte Wasser. Zwei- bis dreimal wiederholen, mit dem kalten Wasser aufhören, dann die Arme abfrottieren. Das Wechselarmbad regt die Durchblutung an und hilft gegen innere Anspannung und Kopfschmerzen.
  • Tautreten: Barfuss drei bis fünf Minuten in taufeuchtem Gras gehen, dann in warme Socken schlüpfen und einige Runden gehen, das fördert die Durchblutung der Füße.

 

Stimme aus der Praxis

Ein Porträt von Dr. Michaela Moosburner

Dr. Michaela Moosburner, ärztliche Leiterin am Krankenhaus für Naturheilweisen, München:

"Unser Krankenhaus setzt auf ein integratives Therapiekonzept. Wir behandeln überwiegend chronisch kranke Patienten. Gerade deshalb spielen bewährte Therapieverfahren aus der Naturheilkunde in Ergänzung zur klassischen Schulmedizin eine wichtige Rolle. Ein zentraler Bestandteil sind dabei die „5 Säulen der Gesundheit“ nach Kneipp. Die Kneippschen Wasseranwendungen sind die wohl bekannteste Komponente. Wir verordnen sie häufig, beispielsweise in Form von Güssen, Teilbädern und Auflagen, je nach Erkrankung und Zielsetzung.

Positive Effekte auf das autonome Nervensystem, die Schmerzwahrnehmung und das Immunsystem sind wissenschaftlich gut belegt. Gleiches gilt für die Bewegungs- und Ernährungstherapie und die Behandlung mit Arzneipflanzen, also die Phytotherapie. Auch die Ordnungstherapie mit dem Ziel, den Patienten einen gesunden Lebensstil zu vermitteln, ist in unsere individuellen Therapiekonzepte integriert."

 

Das bewegte Leben von Sebastian Kneipp

Ein altes Porträt von Sebastian Kneipp in Schwarz-weiß.

Geboren wurde Sebastian Kneipp am 17. Mai 1821 in Stephansried, heute ein Ortsteil von Ottobeuren im Landkreis Unterallgäu. Er wuchs in sehr bescheidenen Verhältnissen auf und hatte schon früh den Wunsch, Geistlicher zu werden. Doch seine Eltern verdienten als Hausweber nicht genug, um seine Ausbildung zu finanzieren. Aber Kaplan Dr. Matthias Merkle, ein entfernter Verwandter, unterstützte Kneipp sehr, verhalf ihm zum Besuch des Gymnasiums und schließlich zum Theologie-Studium.

Doch dann traf ihn ein Schicksalsschlag, der ihn beinahe das Leben kostete und zum Anfang eines bewegten und berühmten Lebens wurde. Der junge Kneipp erkrankte im Jahr 1846 schwer an Tuberkulose und sein Arzt machte ihm keine große Hoffnung auf Heilung. Doch dann entdeckte Kneipp beim Studium in der Klosterbibliothek ein Buch von Johann Siegmund Hahn (1696 bis1773) mit dem Titel „Unterricht von der Heilkraft des frischen Wassers“. Die beschriebenen Anleitungen probierte er in der eiskalten Donau aus und wurde wieder gesund. Dieses Erfolgserlebnis überzeugte ihn von der heilsamen Wirkung von Wasseranwendungen und er entwickelte sein heute weltweit bekanntes Gesundheitskonzept.

Im Jahr 1852, inzwischen vollständig von der Tuberkulose geheilt, wurde er zum Priester geweiht und kam im Jahr 1855 als Pfarrer und Beichtvater an seine berühmte Wirkungsstätte, das Kloster der Dominikanerinnen im schwäbischen Wörishofen. Dort war Kneipp nicht nur als Seelsorger tätig, sondern kümmerte sich auch um viele Arbeiten rund um das Kloster. Er befasste sich mit seinen Wasserkuren und studierte auch die Heilkraft der Pflanzen. Wörishofen wurde zum Ursprungsort seiner bekannten Therapie.

Seine Erfahrungen beschrieb Kneipp in seinem ersten Buch „Meine Wasserkur“, das ihn schnell sehr bekannt machte. Immer mehr Patienten suchten seine Hilfe. Sein zweites Buch „So sollt ihr leben“ enthielt dann bereits sein ganzheitliches Gesundheitssystem mit den fünf Säulen: Wasser, Kräuter, Ernährung, Bewegung und innere Ordnung.

Sein erfolgreiches Wirken machte ihn weltbekannt. Doch er musste sich auch gegen Kritiker wehren, war er doch in den Augen der etablierten Ärzte und Apotheker ein Kurpfuscher, denn er hatte ja keine medizinische Ausbildung. Ihnen missfiel vor allem auch, dass Kneipp Kranken schnell und kostenlos half. Sie kritisierten ihn und zerrten ihn auch vor Gericht.

Am 17. Juni 1897 starb Sebastian Kneipp im Alter von 76 Jahren im Dominikanerinnenkloster in Wörishofen. Er hinterließ ein weltweit anerkanntes und einzigartiges Naturheilkonzept.

 

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