Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Gartenkolumne

Glück soll man teilen – Pflanzen auch!

Gartenkolumne-Stauden-teilen
Bärbel Steinberger
am Donnerstag, 06.10.2022 - 13:00

Der Oktober ist ideal zum Pflanzentauschen. Darauf sollten Hobbygärtner beim Teilen ihrer Stauden achten.

Egal, ob der Oktober golden wird oder nicht, er ist in jedem Fall die Zeit des Pflanzentausches. Da heißt es dann Glockenblume gegen Taglilie, Aster gegen Sonnenhut und Knöterich gegen Chinaschilf. Pflanzen wegzuwerfen ist zu schade und neue sind meist doch recht teuer.

Die Pflanzenbörse ist eröffnet!

Bei einer Pflanzenbörse kann jeder seine überzähligen Gartenschätze mitbringen und im Gegenzug neue Errungenschaften mit nach Hause nehmen. Für Gartenanfänger eine tolle Sache, aber manchmal so etwas wie ein Blind-Date. Denn manche der bereitwillig abgegebenen Teilstücke entpuppen sich als wildwuchernde Monster oder hemmungslose Samenschleudern. Manchmal sind sogar versteckte Dreingaben mit dabei, die im Jahr darauf als Giersch oder Zaunwinde identifiziert werden. Damit wird der aufkeimende Gartenenthusiasmus arg auf die Probe gestellt.

Völlig anders gestaltet sich der Pflanzentausch unter Gartenfreaks. Da ist der Herbst die Zeit der einzulösenden Versprechen. Und nirgendwo wird wohl so viel getauscht und verschenkt, wie in der Gartenszene: Eva will unbedingt einen Ableger von der Rotstiel-Funkie, Katrin äußerte schon im Juni den Wunsch nach ein paar Würzelchen von den Maiglöckchen mit dem gestreiften Laub und der Herr Maier von der Gartengesellschaft verguckte sich bei einem Gartenrundgang in meine Indigolupine ‘Purple Smoke’ und erhofft sich seitdem ein Miniexemplar davon.

Die Schätze aus dem Garten wertschätzen

Solche Bitten abzuschlagen, käme mir nicht in den Sinn. Erstens widerspräche das dem ungeschriebenen Moralkodex des Gartlers. Zweitens sind sowohl meine wunderbaren Lenzrosen als auch mein Scheinhanf aus den Gaben befreundeter Gärtner erwachsen. Auch sie hatten damals das Leuchten in meinen Augen gesehen und im Herbst großzügig zum Spaten gegriffen, um meine Gärtnerseele zu beglücken. Da gibt es auch noch diese Kirgisische Goldgarbe. Ich erhielt einen Ableger von einem befreundeten Staudengärtner, der sie von einem Pflanzensammler bekam, der sie wiederum vom in Kirgisistan selbst gesammelten Samen gezogen hatte. Da geht doch jedem Gartenfreund das Herz auf.

Oder die alte, zartrosa blühende und herrlich duftende Pfingstrose. Ihre Spenderin ist schon vor Jahren verstorben und ihren Garten gibt es nur noch in der Erinnerung, aber ich denke jedes Jahr zur Blütezeit an sie. Besonders gefällt mir der Gedanke, dass ihr ganzer Stolz nicht nur in meinem Garten weiterblüht, sondern auch bei Christina und Erika und wie sie alle heißen, die alle von mir wieder einen Ableger davon erhalten haben und hoffentlich ihrerseits das Spendenkarussell in Gang halten.

Beide Seiten sollen vom Tausch profitieren

Es versteht sich ja von selbst, dass Gartler untereinander nicht Gilbweiderich und Frauenmantel tauschen, sondern jene Gewächse, die was Besonderes sind. Wenn man davon etwas abgibt, hat das manchmal etwas von einer Opfergabe. Man fühlt sich fast so edel wie Sankt Martin, wenn man mit einem gezielten Spatenhieb ein Stück von der geliebten Trauerglocke absticht, um es dem Gartenfreund zu überlassen. Und so gibt es für wahre Pflanzenmenschen fast nichts Schlimmeres, als wenn sie erfahren, dass die Schätze, die sie abgaben, zwecks falscher Pflege ihr Leben ausgehaucht haben.

Sollte man vielleicht zur Frustbegrenzung zukünftig einen Eignungsnachweis verlangen? So was wie einen Grünen-Daumen-Abdruck?

Ihr Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
blw digital iphone blw digital macbook
Hefttitelbild Printausgabe Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt