Eis

Gletscher in Bayern: Schnee von gestern

Der Fedtschenko Gletscher
Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Sonntag, 03.01.2021 - 08:20

Wie viele Gletscher gibt es in Bayern? Warum schmelzen sie so schnell und welche Folgen hat das? Nachgefragt bei Gletscher-Forscher Christoph Mayer.

Wochenblatt: Viele der älteren Leser des Wochenblattes erinnern sich gerne an die Jahre mit weißer Weihnacht zurück. Heuer blieb es in den meisten Gebieten Bayerns wieder grün. Woran liegt es, dass es um Weihnachten immer seltener schneit?

Dr. Christoph Mayer: Diese Frage muss man differenziert betrachten: Denn einerseits haben Menschen eine Wunschvorstellung von weißer Weihnacht und diese festigt den Eindruck, dass es das früher sehr häufig gegeben hat. Statistisch gesehen war die Wahrscheinlichkeit aber auch früher schon hoch, dass es bei uns in Bayern an Weihnachten grün blieb. Es stimmt aber, dass die Frequenz zugenommen hat. Das bedeutet, dass es früher in zehn Jahren vielleicht viermal grüne Weihnachten gab, heutzutage haben wir im gleichen Zeitraum siebenmal grüne Weihnachten. Im Wesentlichen ist der Grund dafür, dass es wärmer geworden ist und sich dadurch die Schneefallgrenze nach oben verschoben hat.

Wochenblatt: Hat auch der Niederschlag im Dezember abgenommen?

Mayer: Beim Niederschlag ist das nicht so einfach zu beantworten wie bei der Temperatur. Eigentlich sehen wir nicht, dass der Frühwinter trockener geworden ist. Es gibt sogar die Beobachtung, dass die Winterperioden bei uns feuchter werden. Um hier einen Trend erkennen zu können, braucht es aber noch etwa zehn Jahre an Beobachtung.

Wochenblatt: Wirkt sich der Temperaturanstieg auch auf unsere bayerischen Gletscher aus?

Mayer: Ja. Entscheidenden Einfluss haben aber weniger die wärmeren Winter, sondern vor allem die höheren Temperaturen im Sommer. Für den Gletscher ist weniger relevant, ob es im Winter –10 °C oder –8 °C kalt ist. Dafür ist ein Unterschied von 15 °C zu 19 °C im Sommer für die Schmelze des Gletschers sehr bedeutend.

 

Zugspitze-Gletscher

                

Wochenblatt: Wie groß sind unsere Gletscher noch und wie groß waren sie mal?

Mayer: Heute haben unsere fünf bayerischen Gletscher eine Gesamtfläche von etwa 42 ha. Um 1850, als sie ihren letzten, neuzeitlichen Höchststand hatten, waren alle Gletscher zusammen etwa 4 km² groß. Seit dieser Zeit sind 90 Prozent der Fläche abgeschmolzen.

Wochenblatt: Welche Auswirkungen hat dieser Rückgang?

Mayer: In vielen Regionen der Welt haben Gletscher eine wichtige Funktion als Wasserspeicher und Wasserspender: Das Eis schmilzt, wenn es dort heiß und trocken ist, das Wasser ist für die dortige Natur und die Menschen überlebenswichtig. Selbst in Österreich gibt es mehrere inneralpine Trockentäler. Zum Beispiel ist es im Hinteren Ötztal im Sommer häufig sehr trocken. Bei stabilen Hochdrucklagen regnet es oft gar nicht. Dafür stellt dort die Gletscherschmelze den weitaus größten Teil der Wasserführung in der Ötztaler Ache, ein Nebenfluss des Inns, bereit. Wenn es die Gletscher dort nicht mehr gibt, sitzen sie im Ötztal im Sommer auf dem Trockenen.

 

Gletscher-Hahnenfuss

                   

Wochenblatt: Muss man solche Folgen auch in Bayern befürchten?

Mayer: Wir in Bayern sind nicht auf das Schmelzwasser unserer Gletscher angewiesen. Unsere klimatische Situation beschert uns meistens sowieso feuchtere Verhältnisse. Außerdem sind die bayerischen Gletscher viel zu klein, als dass sie bei uns im hydrologischen Gesamtkreislauf eine Rolle spielen würden. Ein Vergleich: Das gesamte Volumen an Wasser, das noch in den bayerischen Gletschern steckt, ist in etwa so viel, wie die Stadt München in zehn Tagen verbraucht.

Wochenblatt: Hätte es denn überhaupt Konsequenzen für Bayern, wenn unsere Gletscher schmelzen?

Mayer: Gletscher sind auch Lebensräume und Ökosysteme. Wenn der Höllentalferner, einer der Gletscher an der Zugspitze, nicht mehr da wäre, dann würde sich das Ökosystem im oberen Höllental völlig verändern. Das betrifft die Vegetationsbedeckung und verschiedene Arten, die nur in kalten Klimaten existieren können. Man kann das bereits beobachten: Mit der zunehmenden Erwärmung des Klimas sterben kälteliebende Pflanzen in tieferen, wärmeren Regionen aus und wandern in höhere Regionen. Unsere Berge sind aber nach oben hin endlich. Sind diese Arten am Gipfel angekommen, dann ist ihre Wanderung zu Ende.

 

Gletscher-Abdeckung

                     

Wochenblatt: Gibt es auch Folgen für den Winter- und Bergsport?

Mayer: Wäre der Nördliche Schneeferner abgeschmolzen, dann könnte die Zugspitzbahn nicht mehr mit einem Gletscherskibetrieb werben. Ein für den Tourismus ebenfalls wichtiger Aspekt sind die Zugänge auf die Gletscher. Der Weg auf die Zugspitze durch das Höllental führt über den Höllentalferner. Der Übergang vom Gletscher in den Felsen wird in den letzten Jahren für Bergsteiger immer schwieriger, weil die Gletscheroberfläche absinkt und der Weg an einer fast senkrechten Felswand liegt. Hier muss immer wieder neues Eisen für den Klettersteig angebracht werden. Außerdem darf man nicht vergessen, dass die schönen, von Gletschern bedeckten Berge auch eine optische Anziehungskraft haben.

Wochenblatt: In vielen Bergregionen kam es in den letzten Jahren zu massiven Felsstürzen, weil der Permafrostboden dort auftaut. Könnte das in Bayern ein Problem werden?

Mayer: Bei uns gibt es in der Zugspitze Permafrost. Das bedeutet, dass der Gipfel der Zugspitze im Inneren dauerhaft gefroren ist. Aber auch diese Permafrostlinse wird immer kleiner. Wenn das Eis die Felsen nicht mehr zusammenhält, können auch an der Zugspitze potenziell Instabilitäten auftreten und es kann sein, dass Gestein nach unten fällt.

 

Christoph-Mayer

                       

Wochenblatt: Kann man die Gletscher schützen?

Mayer: Eigentlich nicht. In manchen Skigebieten werden einzelne Stellen von Gletschern abgedeckt, weil sonst der Fels durch das Eis dringen würde, was für den Skibetrieb schwierig wäre. Grundsätzlich sind Gletscher zu groß, als dass das für ihre Gesamtfläche praktikabel wäre. Ein Gletscher ist ein Natursystem. Es macht keinen Sinn, ihn künstlich in einer Umgebung zu erhalten, in der er nicht existieren kann. Die einzige Maßnahme wäre, dass die Menschheit ihren CO2-Abdruck vermindert.

Wochenblatt: Das könnte unsere Gletscher retten?

Mayer: Kurzfristig leider nein. Diese Maßnahme kommt für unsere Gletscher in den Alpen zu spät. Sie sind heute so weit aus ihrem natürlichen Gleichgewicht, dass bis zum Jahr 2050 mehr als die Hälfte des Eisvolumens aller Alpengletscher geschmolzen sein wird. Selbst, wenn wir das Ziel, die Erwärmung des Klimas auf 1,5 °C zu begrenzen, erreichen würden, werden bis zum Ende des Jahrhunderts 90 Prozent der Alpengletscher verschwunden sein. Deshalb sollte man die Gletscher genießen, solange es sie noch gibt.

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