Verhütung

Geburtstag für die Antibabypille

Antibabypille: Zwei Packungen in pinker Verpackung liegen auf grauem Untergrund.
Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Mittwoch, 27.10.2021 - 11:20

Die Pille wurde 60 Jahre alt: Ein Rückblick auf die Geschichte der Antibabypille.

Seitdem die Antibabypille 1961 in Deutschland auf dem Markt ist, bleibt umstritten, ob das Medikament mehr zur sexuellen Freiheit beiträgt oder eher eine Hormonbombe ist. Laut BZgA ist die Pille, wie sie vereinfacht genannt wird, mit 47 % neben dem Kondom (46 %) das beliebteste Verhütungsmittel aller sexuell aktiven Erwachsenen. Heutzutage gibt es verschiedene Arten von Antibabypillen. Sie verhindern den Eisprung und/oder das Einnisten einer befruchteten Eizelle in der Gebärmutter. Je nach Art der Antibabypille enthält sie nur ein einziges Hormon oder eine Kombination mehrerer Hormone. Zum Jubiläumsjahr zeigen wir einen Rückblick auf 60 Jahre Antibabypille:

Erste Zulassung in den USA

Margaret-Sanger: schwarz weiß Aufnahme. Die Frau sitzt an einem Tisch mit Dokumenten.

Die erste offizielle Zulassung als Verhütungsmittel erfolgte am 23. Juni 1960 in den USA. Zwei Monate später kam die erste Antibabypille namens „Enovid“ auf den amerikanischen Markt. Frauenrechtlerinnen kämpften für die Einführung der Antibabypille. Die Krankenschwester Margaret Sanger und die Biologin Katharine McCormick gaben den Anstoß. Ihr Ziel war es, mit der Pille die Zahl der illegalen Abtreibungen zu minimieren.

In Deutschland hieß die erste Pille „Anovlar“, der Berliner Schering AG. Sie kam am 1. Juni 1961 auf den Markt. Allerdings wurde sie zu Beginn wenig akzeptiert. Deutsche Ärzte verschreiben die Pille nur mit großer Zurückhaltung und nur zur Behebung von Menstruationsstörungen bei verheirateten Frauen, die ohnehin schon drei bis vier Kinder geboren hatten und über 30 Jahre alt waren. Somit lag der Anteil an Frauen, die Ende 1964 hormonell verhütet haben lediglich bei 0,3 %. Erst durch die vermehrte Presseberichterstattung über die Pille, die Sexualität und zur Empfängnisverhütung im Allgemeinen in der BRD um 1968, wurde die Antibabypille bekannter. Zeitweise war es sogar sehr schwierig für die Frauen, an das Verhütungsmittel heranzukommen. Viele Ärzte kannten sich damals kaum mit hormonellen Verhütungsmethoden aus oder lehnten sie aufgrund medizinischer oder moralischer Bedenken ab.

Der Absatz stieg am Anfang - aktuell sinkt er

Erst nach neuen, positiven Studienergebnissen Ende der 1970er Jahre lockerte die Ärzteschaft ihre restriktive Haltung gegenüber der Pille. Der Absatz stieg und 25,6 % der Frauen verhüteten in der BRD Ende 1971 mit der Pille. 1976 lag der Anteil 32,8 %, der damalige Höchststand. In der DDR wurde die Pille „Ovosiston“ 1965 eingeführt. Ab 1972 wurde sie in der DDR kostenlos ausgegeben.

Aktuell berichten neben dem Deutschen Ärzteblatt verschiedenste Quellen von einem deutlichen Rückgang der Verordnungszahlen der Pille. Laut BZgA verhüteten 2018 47 % aller sexuell aktiven Erwachsenen mit der Antibabypille. 2011 waren es noch 53 %. Die Verhütung mit dem Kondom nahm hingegen um 9 Prozentpunkte zu (2011: 37 %; 2018:46 %). Laut einer Studie der AOK Bayern ist die Pilleneinnahme bei Frauen bis 20 Jahren im letzten Jahrzehnt sogar um 31 % zurückgegangen.

Angst vor Nebenwirkungen

Das kann einerseits auf die Angst vor Nebenwirkungen und andererseits auf ein geändertes Sexualverhalten zurückzuführen sein. Experten gehen aber von einer generell zunehmenden kritischen Einstellung gegenüber hormonellen Verhütungsmitteln aus. Außerdem wächst das Bewusstsein, dass es sich bei der Pille um kein „Lifestyle-Präparat“ handelt, sondern das Mittel stark in den Hormonhaushalt eingreift und Nebenwirkungen hervorruft. Bekannte Nebenwirkungen der Antibabypille sind: Übelkeit, Erbrechen, Gewichtszunahme, Migräne, Spannungsgefühl in den Brüsten, Stimmungsveränderungen und Absenkung der Libido. In seltenen Fällen können schwerere Nebenwirkungen wie Bluthochdruck, Störungen der Leberfunktion und Thrombosen auftreten.

Gerade Stimmungsschwankungen oder sogar Depressionen als Nebenwirkung der Pille werden seit der Einführung vor 60 Jahren diskutiert. Erst 2019 beschloss das Bundesinstitut für Arzneimittel- und Medizinprodukte, dass in den Beipackzetteln aller hormoneller Verhütungsmittel zusätzlich ein Warnhinweis auf ein höheres Risiko für Depressionen sowie ein erhöhtes Suizidrisiko stehen soll. Gerade in der Anfangszeit der Pilleneinnahme kann es zu den psychischen Nebenwirkungen kommen. Im Falle von depressiven Anzeichen sollten die Frauen sich so rasch wie möglich von ihrem behandelnden Frauenarzt medizinisch beraten lassen.

Auch an einer „Pille für den Mann“ wurde geforscht. Bis Mitte 2011 wurde intensiv an der Zulassung für eine Antibabyspritze für Männer gearbeitet. Nach Abbruch eines entsprechenden WHO-Projektes ist fraglich, inwiefern diese Forschungen in Zukunft fortgesetzt und abgeschlossen werden.

 

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