Das ist ein Artikel vom Top-Thema:

Wissenswert

Die faszinierenden Tricks der Spinnen

29_Zebraspringspinne auf einer Pflanze, in Nahaufnahme
Ilka Mittendorf, BLW
am Montag, 25.07.2022 - 16:10

Ihre genialen Netze faszinieren seit jeher. Aber Spinnen haben Fähigkeiten, die weit darüber hinaus gehen. Staunen Sie mit uns über diese Künstler, die auf den Bauernhöfen ihre besonderen Lebensräume finden.

Ein haarfeiner Faden weht über das Gesicht. Es sind junge Spinnen, die unterwegs sind. Ballooning nennen das die Forscher. Haben die Flugkünstler eine windexponierte Stelle gefunden, trippeln sie wie auf Zehenspitzen und schießen aus ihren Spinnwarzen am Hinterleib einen Fächer von Fäden in die Luft. Das Segel hebt die Spinne bis in mehrere Kilometer Höhe und trägt sie über weite Entfernungen, sogar über Ozeane hinweg. Es sind in der Regel die zierlichen Männchen auf der Suche nach paarungswilligen Weibchen und neuem Lebensraum.

Mit dem Wind fliegen? Das können viele. Aber die achtbeinigen Flugtalente nutzen seit Millionen von Jahren auch den Strom: Ein Forscher-Team aus England fand heraus, dass Spinnen mit ihren Sinneshaaren am Körper elektrische Felder erkennen und sich von diesen in die Luft heben lassen.

Zu Land, zu Luft und unter Wasser unterwegs

Was aber ist, wenn der kilometerweite Flug im Gartenteich oder See endet? Kein Problem für Spinnen – sie besitzen wasserabweisende Haare, die eine Luftblase um den Körper bilden, gehen also nicht unter. Mit unterschiedlichen Strategien können die Schiffbrüchigen ihren Weg auf dem Wasser fortsetzen.

Einige Spinnen strecken ihre Beine in die Höhe und segeln so über das Wasser. Aber auch die Kopf-über-Methode ist vielversprechend: Dabei recken sie den Hinterkörper als Segel in die Höhe, fast als ob es ein Handstand wäre. Wieder andere trippeln auf der Wasseroberfläche mit flinken Schrittchen vor dem Wind her. Manch achtbeiniger Segler wirft mit der Spinnenseide eine Art Anker, der die Geschwindigkeit bremst. Jedoch gibt es auch Spinnen, die sich einfach totstellen – offensichtlich, um nicht durch das Zappeln Fische und andere Fressfeinde anzulocken.

Entspannt dürfte die Wasserspinne die Akrobatik ihrer Artgenossen beobachten: Sie ist die einzige unter Wasser lebende Spinne weltweit und in bayerischen Mooren, Seen und Teichen nur noch sehr selten anzutreffen. Erst 2011 fanden Forscher heraus, wie der wegen seiner Behaarung auch Silberspinne genannte Sonderling unter Wasser atmet.

Unter einem dicht gesponnenen Netz sammelt die bis zu 15 Millimeter große Wasserspinne in einer Art Taucherglocke Atemluft, indem sie ihren Hinterleib aus dem Wasser hält und dann blitzschnell eintaucht. Dabei nimmt sie eine Luftblase, die sich an den Haaren verfangen hat und den Hinterleib umschließt, mit nach unten. Die Wand der Taucherglocke ist zudem sauerstoffdurchlässig und deckt den Bedarf eines Tages. Damit muss die Wasserspinne nur einmal am Tag auftauchen und bleibt für ihre Fressfeinde weitgehend unsichtbar.

Anstatt wie ihre Artgenossen durch die Luft zu segeln und auf Entdeckungstour zu gehen, verbringt sie ihr ganzes Leben in einer ihrer Taucherglocken, befestigt in der Uferzone. Wasserspinnen legen unter Wasser mehrere glockenförmige Netze mit unterschiedlichen Funktionen an: Auf dem Rücken schwimmend pendeln sie so zwischen Wohn-, Ernährungs- und Eiglocke.

Ins Netz gegangen: Was Spinnen erfolgreich macht

spinnennetz mit Spinne im weizenfeld

Spinnentiere sind echte Überlebenskünstler und älter als Dinosaurier. Seit 380 Millionen Jahren optimieren die Krabbeltiere mit acht Beinen ihre Tierklasse. Mit mehr als 46 000 Spinnenarten, davon 1016 in Deutschland, zählen sie zu den erfolgreichsten Tiergruppen. Am wichtigsten war dabei die Entwicklung von Spinndrüsen und Seidensekret. Sie verschafften den Spinnentieren einen evolutionären Vorteil bei der Nahrungssuche gegenüber ihren Konkurrenten.

Neben den unregelmäßigen Raumnetzen, wie sie beispielsweise eine Zitterspinne in Haus und Hof webt, ist es das kunstvoll gewebte Radnetz der Gartenkreuzspinne, das beeindruckt. Hauptsächlich schwebt das meisterhafte Zuhause der weiblichen Kreuzspinne in halbschattigem und offenem Gelände in Gärten, Streuobstwiesen und auch an Hauswänden in zwei Meter Höhe über dem Boden. Mit rund 20 Meter Spinnfaden hat sie das Bauwerk in etwas weniger als eine Stunde fertiggestellt.

Zunächst produziert die Spinne einen Brückenfaden, der vom Wind bis zu einem Zweig weitergetragen wird. In der Mitte des Fadens setzt sie einen weiteren Faden an, der nach unten führt. Zwischen diesen Punkten spinnt sie die Rahmenfäden sowie die Radialspeichen, die von der Netzmitte zu den Rahmenfäden führen. Von der Netzmitte aus wird die Hilfsspirale und vom Rand hin zur Mitte die Fangspirale gesetzt, die mit Klebetröpfchen besetzt ist. Die Hilfsspirale wird anschließend aufgefressen. Jeden Morgen repariert die Kreuzspinne das Kunstwerk, weil zappelnde Beute das Netz beschädigt hat.

Die Spinnenseide ist unübertroffen

Das Baumaterial ist einzigartig und äußerst verschieden zugleich: Einzigartig, weil es jeden menschlichen Baustoff übertrifft, verschieden, weil die Tiere unterschiedliche Fäden verwenden. Grundgerüst und Haltepunkte, mit denen das Netz festgemacht ist, sind durch besonders reißfeste, dicke Fäden gesichert. Die Spiralfäden dagegen sind besonders elastisch und klebrig. Einen vergleichsweise weichen Faden verwendet die Spinne, wenn sie Beutetiere einwickelt oder aber einen Kokon für ihre Eier spinnt. Während Halte- und Spiralfäden kleben, kann sich die Spinne auf den anderen Fäden fortbewegen. Spinnfäden bestehen hauptsächlich aus Eiweißen. Geringe chemische Unterschiede schaffen verschiedene Eigenschaften.

Spinnenseide ist viermal so stark wie ein gleich dicker Strang aus Stahl, elastischer als Gummi und wird von Bakterien und Pilzen kaum angegriffen. Künstliche Spinnenseide wird in der Medizin als Trägermaterial zum Beispiel für Knochenzellen verwendet. Die Kreuzspinne nutzt die Spinnenseide nicht nur, um Beute zu fangen. Das Netz leitet jede Veränderung des Luftdrucks durch Schallwellen weiter und dient so der Spinne als riesiges Trommelfell: sie hört quasi Beute oder Fressfeinde frühzeitig näher kommen.

Neben dem Radnetz gibt es unter den Spinnengeweben das vielleicht nicht so kunstvolle, aber häufig anzutreffende Baldachinnetz. Mit über über 260 Arten gehören die tagaktiven Baldachinspinnen hierzulande zur artenreichsten Spinnenfamilie. Das Netz der nur 1,5 bis 3 mm großen Spinnen ist leicht gewölbt und hängt in Bodennähe in Wiesen und Sträuchern. Kopfüber lauert die Spinne auf der Unterseite und wartet auf ihre Beute, die in den klebrigen Fäden hängen bleibt. Insbesondere an warmen Herbsttagen glitzern an den Baldachine und Flugfäden die anhaftenden Tautropfen bei sonnigem Wetter in den Morgenstunden und erinnern an silbergraues Haar. Dann ist Ähnl- oder Altweibersommer.

Die einen fast blind, andere rundumsichtig

29_Krabbenspinne auf einer Pflanze mit einem Schmetterling

Ganzjährig gut beobachten lässt sich hingegen der Beutefang der dicken, haarigen Hauswinkelspinnen in Kellern, Garagen und Wohnungen – sofern man sie gewähren lässt. Sie sitzen in einem ausladenden Gespinst, das eine Art Trichter bildet, der nach hinten in die Wohnröhre mündet. Oft sieht man von der bis zu zehn Zentimeter großen Spinne nur die Vorderbeine, wenn sie auf Beute lauernd in ihrem Trichter sitzt. Die Winkelspinne ist, wie die überwiegende Mehrheit der Spinnen nachtaktiv und sehr kurzsichtig.

Ganz anders ist das bei der Familie der Springspinnen: Neben einem besonders großen, nach vorne gerichtetem Augenpaar sorgen sechs weitere Augen für eine hervorragende Rundumsicht. Die schöne, bis zu sieben Millimeter kleine Zebraspringspinne ist ebenfalls in Häusern und in Gärten auf Beutefang und in Bayern weit verbreitet. Dabei braucht sie kein Spinngewebe.

Als Lauerjäger schleicht sie sich langsam an Fliege, Käfer oder Stechmücke bis auf wenige Zentimeter an, springt blitzschnell und treffsicher los, umgreift die Beute und zieht sich mithilfe eines Rettungsfadens wieder auf ihre Ausgangsposition zurück. Mit gleicher Fangtechnik jedoch ausgefeilter, sichert sich die weit verbreitete Veränderliche Krabbenspinne ihre Beute: Sie setzt sich hauptsächlich auf weiße oder gelbe Blüten und wartet darauf, dass ein Insekt vorbeikommt. Die Chancen stehen dabei gut, denn sie kann ihre Körperfarbe zwischen Grün, Gelb und Weiß wechseln. Gut getarnt greift sie in Millisekunden mit ihren langen Vorderbeinen zu.

Den Blumen ist das recht: Zwar fängt die Krabbenspinne Bestäuberinsekten, jedoch befreit sie die Pflanzen auch von lästigen Fressfeinden. Aus diesem Grund locken Pflanzen mit einem Duftstoff die kleine Krabbenspinne an.

Die pure Gier: 800 Millionen Tonnen Beute

Wie erfolgreich Spinnen beim Beutefang sind, erklärt ein Vergleich, den ein Schweizer Expertenteam angestellt hat: Aus Hochrechnungen kommen sie auf einen jährlichen Fang der globalen Spinnengemeinschaft von 400 bis 800 Millionen Tonnen Beute pro Jahr. Zum Vergleich: Die gesamte Menschheit verspeist jährlich 400 Millionen Tonnen Fisch und Fleisch.

Spinnen tragen wesentlich zur Aufrechterhaltung des ökologischen Gleichgewichts der Natur bei – und das nicht nur in unseren eigenen vier Wänden, wenn sie lästige Fliegen und Stechmücken vertilgen. Zoologen der Universität Basel haben herausgefunden, dass Spinnen in Wäldern und im Grasland große Mengen an Schädlingen töten und zusammen mit den übrigen Insektenfressern den Schädlingsbefall stark reduzieren.

Das Weibchen frisst ihr Männchen

Spinnen selbst dienen Reptilien, Fledermäusen und Vögeln als Nahrung. Manche Insekten wie Libellen und Wegwespen fressen ebenfalls Spinnen. Und auch Spinnen fressen die eigenen Artgenossen: Manche Spinnenweibchen, wie die der einheimischen Kreuzspinne, fressen das viel kleinere und weniger aggressive Männchen nach der Paarung. Nur manchmal kann sich das Männchen durch einen Katapultsprung retten.

Erwischt das Weibchen den Paarungspartner doch, beißt die Spinne in die Beute und injiziert gleichzeitig ein Gift. Die Nahrung wird durch Verdauungssäfte vor dem Mund verflüssigt und dann aufgesogen. Spinnen verdauen ihre Nahrung außerhalb des Körpers. Diese Art der Verdauung teilen Spinnen mit manchen Insekten wie dem Laufkäfer.

Spinnentiere sind keine Insekten. Im Gegensatz zu Insekten haben Spinnen keine Fühler oder Flügel. Zudem haben sie immer zwei Körperabschnitte, den Vorder- und Hinterkörper die durch sogenannte Stielchen miteinander verbunden sind. Spinnen haben immer acht Beine im Gegensatz zu Insekten mit sechs Beinen. Und während Insekten mit Facettenaugen auskommen müssen, ist die Sehqualität bei den achtbeinigen Krabblern mit acht einzelnen Linsenaugen wesentlich besser. Gemeinsam haben sie die Art zu überwintern. Wie bei den Insekten gibt es auch winteraktive Spinnenarten und andere, die in einem geschützten Quartier in Kältestarre verfallen.

Überwintern unter Rinde, Laub und Altholz

Die Körpertemperatur der wechselwarmen Spinnen passt sich an die Außentemperatur an. Je kälter es wird, desto langsamer werden die Tiere. Manche Spinnen können Temperaturen bis –20 Grad Celsius überleben. Ihr körpereigenes „Frostschutzmittel“ lässt die Körperflüssigkeit nicht unter null Grad sinken. Bei den erwachsenen Kreuzspinnen ist das anders: Nur die im Sommer gelegten Eier überleben den Winter. Die Jungspinnen schlüpfen in der Wärme des nächsten Frühjahrs.

Rund 80 Prozent der heimischen Spinnen suchen jedoch im Boden Schutz vor dem Winter. Wer den Nützlingen helfen will, spart sich ein wenig Gartenarbeit, indem er im Herbst Laub, Baumrinden und Altholz als Rückzugsort liegen lässt. Spinnen, die sich im Herbst ins Haus flüchten, sollte man wieder ins Freie setzen: Trockene Heizungsluft und ohne Wasser trocknen sie aus.

Über den Reichtum an Spinnenarten brauchen sich die bayerischen Bäuerinnen und Bauern nur wenig Sorgen machen. Die vielen Ecken in ihren Scheunen und auf den Hofstellen, ihre Wiesen, Feldraine und Hecken bieten Lebensraum für die faszinierenden achtbeinigen Netzspinner und Überlebenskünstler.

Ihr Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt
blw digital iphone blw digital macbook
Hefttitelbild Printausgabe Bayerisches Landwirtschaftliches Wochenblatt