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Gesundheitsgefahr

Durchblutungsstörungen: Mehr als schwere Beine

Druchblutungsstörung-Mensch-Blutgefäße-schwere-Beine: Links ein Bild einer Frau mit Rock, die sich an die Wade fasst. Rechts eine Grafik eines menschlichen Körpers, bei dem die Blutgefäße eingezeichnet sind.
Anja Kersten
am Dienstag, 25.01.2022 - 14:00

Durchblutungsstörungen sollte man ernst nehmen. Sie können Vorbote vieler lebensgefährlicher Krankheiten sein. So sollte man vorsorgen und handeln.

Schaufensterkrankheit, so nennt der Volksmund Durchblutungsstörungen in den Beinen. Weil das Gehen schmerzt, müssen Betroffenen immer wieder stehenbleiben. Doch was so harmlos nach Stadtbummel klingt, ist ein Zeichen dafür, dass die Gefäße nicht mehr richtig durchblutet werden. Die Schmerzen weisen darauf hin, dass die Muskulatur unter Sauerstoffmangel leidet. Und das kann der Vorbote für Herzinfarkt, Schlaganfall und einen plötzlichen Gefäßverschluss sein.

Durchblutung, wie die Wurzeln eines Baumes

Die Durchblutung ist einer der wichtigsten Prozesse in unserem Körper. Denn, wo kein Blut hinkommt, da wird auch nichts versorgt. Vom Herz wird das Blut über die Arterien zu den Organen und Muskeln transportiert. Sind diese Gefäße verengt oder sogar verschlossen, kommen zu wenig Sauerstoff und Nährstoffe in die betroffenen Körperteile.

„Das ist, wie wenn eine Blume oder ein Baum kein Wasser bekommt, erklärt das Dr. Ute Dammer, Leiterin des Gefäßzentrums am Klinikum Kaufbeuren, Fachärztin für Chirurgie und Gefäßchirurgie. Das ist in unserem Körper nicht anders: Je durchlässiger die Gefäße, desto besser kann unser Körper versorgt werden.

Doch mit zunehmendem Alter verlieren die Gefäße ihre Elastizität. Zusätzlich lagern sich in den Gefäßwänden Fett, Kalk und Eiweißbestandteile ab und an, was die Gefäße verengt. Man spricht deshalb auch von Arterienverkalkung und in der Medizin von Arteriosklerose.

Verengte Arterien können Gerinnsel verursachen

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Ablagerungen und damit eine Einschränkung des Blutflusses können alle Arterien betreffen. Brechen diese Ablagerungen an der Gefäßwand auf, kann das dazu führen, dass ein Gerinnsel entsteht und die Arterie verstopft. Oder der Blutstrom reißt das Gerinnsel mit sich und blockiert an einer anderen Stelle im Körper ein Gefäß. Dadurch kann es zu einem Herzinfarkt, einem Schlaganfall oder einem Gefäßverschluss kommen.

Eine Durchblutungsstörung in den Beinen oder wie sie die Mediziner nennen: Periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), ist deshalb immer ein Warnsignal. „Reparieren kann man die Gefäße schon, nur nicht heilen“, bringt es Dr. Dammer auf den Punkt. Dazu müssen aber Risikofaktoren wie Rauchen, Bluthochdruck, erhöhte Blutfettwerte oder Diabetes mellitus behandelt werden, damit man die Gefäße vor einer weiteren Verschlechterung der Durchblutung schützt. Doch weniger als die Hälfte der über 65-jährigen, die gelegentlich Beinbeschwerden haben, gehen überhaupt zum Arzt, so die Deutsche Gesellschaft für Angiologie und Gesellschaft für Gefäßmedizin.

Vorsorge wichtig: Männer trifft es eher als Frauen

Je älter man ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, an Durchblutungsstörungen zu leiden. Männer sind häufiger betroffen als Frauen. An diesen Fakten kann man nichts ändern. Ein deutlich erhöhtes Risiko für Durchblutungsstörungen stellt aber das Rauchen dar. „Man weiß heute, dass bei Rauchern 10 bis 20 Jahre früher Durchblutungsstörungen auftreten.“

43 % aller pAVK-Erkrankten sind Raucher, macht es auch die Deutsche Gesellschaft für Angiologie und Gesellschaft für Gefäßmedizin deutlich. Sie erklärt: Im Tabakrauch seien circa 4 000 gefäßgiftige chemische Substanzen: „Jeder Zigarettenzug verändert im Blut eine Milliarde Sauerstoffmoleküle in freie Radikale, die wie Torpedos die Gefäßwände angreifen und eine Arteriosklerose fördern.“

Die vier Stadien der pAVK

  • Die pAVK macht lange Zeit keine Beschwerden, obwohl im Ultraschall erste Verengungen oder Verschlüsse erkennbar sein können (Stadium I). „Das ist wie bei einem Baum, der ein bisschen zu wenig Wasser bekommt. Er ist nicht optimal versorgt, aber man bemerkt es kaum“, so Dr. Dammer.
  • Schreitet die Verengung weiter voran, können beim Gehen nach einer bestimmten Gehstrecke Schmerzen in den Beinen, in der Wade oder im Oberschenkel auftreten, je nachdem wo die Gefäße verengt sind. Die Schmerzen entstehen deshalb, weil die Muskulatur unter Sauerstoffmangel leidet (Stadium II).
  • Gelingt es nicht, die pAVK zu stoppen oder wird sie nicht behandelt, wird die Durchblutung immer schlechter. Dann schmerzen die Beine auch in Ruhe, besonders nachts, weil der Blutdruck absinkt und sie flach liegen (Stadium III). Ein eindeutiges Zeichen dafür, dass Gewebe bereits geschädigt oder schon abgestorben ist, sind Geschwüre oder schlecht heilende Wunden.
  • Wenn das Gewebe bereits abgestorben ist (Stadium IV) wie zum Beispiel bei einem schwarzen Zeh, bleibt nur noch die Amputation. Die Blutzufuhr kann oft verbessert werden, aber das ist für das abgestorbene Gewebe zu spät.

Deshalb sollte man Schmerzen in den Beinen, selbst wenn sie nur gelegentlich auftreten, nicht einfach abtun, sondern einen Arzt aufsuchen. Je früher man eine pAVK erkennt, desto besser kann man gegensteuern.

Viele Fragen bei früher ärztlicher Vorsorge klären

Um abzuklären, ob es sich vielleicht nicht auch um eine Fußfehlstellung handeln könnte, fragt der Arzt nach Art der Beschwerden. Wo tritt der Schmerz auf? Wird er schlimmer beim Bergaufgehen oder bei Belastung? Lässt der Schmerz nach, wenn man die Beine hochlegt oder ist er besser, wenn man die Beine hängen lässt? Um eine pAVK festzustellen, wird der Arzt den Blutdruck an Armen und Beinen messen, der bei einer pAVK unterschiedlich hoch ist. Bei gesunden Gefäßen ist er gleich groß. Die Ultraschalluntersuchung ist ebenfalls eine gute Methode, um Verengungen und Verschlüsse festzustellen.

Je nachdem wie weit die Durchblutungsstörung schon fortgeschritten und der Patient unter den Beschwerden leidet, richtet sich die Behandlung. Dazu gehört, dass die Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes mellitus und ein erhöhter Cholesterinspiegel medikamentös behandelt werden. Empfohlen wird auch die Einnahme von Thrombosehemmern.

Medikamente und Gehtraining können Schlimmeres verhindern

„In Stadium I reicht im Normalfall eine medikamentöse Behandlung, wenn nur die Beine betroffen sind“, erklärt die Ärztin die Behandlungsmethode. Begleitet wird die medikamentöse Behandlung von einem strukturierten Gehtraining, mit dem die Ärztin sehr gute Erfahrungen gemacht hat und auch die Gehleistung vergrößern kann. In Stadium I ist das auch schmerzfrei.

„Überwachte Trainingsprogramme zur Steigerung der Gehstrecke sind ähnlich effektiv wie Behandlungsverfahren, bei denen verschlossene oder verengte Arterien durch einen Katheter aufgeweitet werden oder chirurgische Maßnahmen an den Gefäßen“, betont die Spezialistin. Das Gehtraining kann einfach im Anfangsstadium durchgeführt werden, vorausgesetzt es liegen keine offenen Wunden vor. Auch die medikamentöse Behandlung muss beibehalten werden. Es versteht es sich von selbst, dass das Rauchen aufgegeben werden sollte und grundsätzlich auf eine gesunde Ernährung und Normalgewicht geachtet werden sollte.

Letzter Ausweg: Operative Behandlung der Gefäße

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Reicht die medikamentöse Behandlung nicht mehr, gibt es weitere operative Behandlungen. Welches Verfahren angewandt wird, hängt vom Ausmaß der Erkrankung ab, wo die Gefäßverengung sitzt und ist eine Nutzen-Risiko-Abwägung.

Eine operative Methode ist das Aufdehnen des verengten Gefäßes und/oder das Setzen eines Stents. Der Stent ist ein Metallgitter, der die verengten Blutgefäße offenhält. Darüber hinaus kann man den Kalk aus den Arterien ausschälen. Bei einer Bypass-Operation wird der Verschluss in den Gefäßen einfach umgangen.

„Mit diesen Behandlungen wird zwar das Problem momentan gelöst, aber eben nicht auf Dauer“, beschreibt Expertin Dr. Dammer die Grenzen der Eingriffe. Das sei, wie wenn man eine Straße mit Schlaglöchern stopfe und dann immer wieder an einer anderen Stelle Schlaglöcher auftauchen würden. Wie lange das Gefäß offen bleibt, hängt davon ab, wie schnell die Arteriosklerose fortschreitet und das wiederum hängt davon ab, wie die Patienten selbst gegen die Risikofaktoren vorgehen und zum Beispiel mit dem Rauchen aufhören.

Arteriosklerose erkennen

Je nach Stadium sind die Anzeichen für Durchblutungsstörungen verschieden. Erste Indizien können Schmerzen beim Gehen in der Wade, Oberschenkel oder im Gesäß sein. Möglich sind auch Schmerzen im Ruhezustand, etwa beim Hochlegen der Beine und bei niedrigem Blutdruck – Linderung bringt Beintiefliegen. Auftreten können Kältegefühle, kühle und blasse Haut hinter der Verengung, schlecht heilende Wunden oder Geschwüre.

Risikofaktoren für Arteriosklerose und Durchblutungsstörungen sind Rauchen, die Zuckerkrankheit Diabetes mellitus, hoher Blutdruck, hohe Blutfettwerte, Übergewicht und Bewegungsmangel.

Die Stadien der Arteriosklerose:

  • Stadium I: Es bestehen Verengungen der Arterien, die noch keine Beschwerden machen.
  • Stadium II: Beim Gehen treten Schmerzen auf, man muss immer wieder stehen bleiben („Schaufensterkrankheit“).
  • Stadium III: Die Beinschmerzen treten nicht nur beim Gehen auf, sondern auch nachts, wenn die Beine flach gelagert sind und der Blutdruck niedrig ist. Der Schmerz lindert sich durch Beintieflage.
  • Stadium IV: Verletzungen, selbst kleine, heilen nur noch schlecht, Geschwüre und Infektionen können auftreten, Gewebe geht zugrunde. In diesem Stadium muss sofort gehandelt werden. Im schlimmsten Fall muss amputiert werden.

Wann sollte man den Notarzt rufen?

Ähnlich wie bei einem Herzinfarkt oder Schlaganfall kann es auch zu einem plötzlichen Verschluss einer Bein- oder Armarterie kommen. Nicht zögern, sondern sofort den Notarzt rufen, wenn bei Betroffenen plötzliche Schmerzen, Blässe und Schwäche auftreten. Weitere Symptome sind Pulslosigkeit, Gefühllosigkeit und Erschöpfung. Bis zum Eintreffen des Notarztes sollte das Bein oder der Arm tief gelagert werden, auf keinen Fall Wärmflaschen benutzen oder Medikamente zur Durchblutungsförderung geben.

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