Ernährung

DGE Ernährungsbericht: Normal ist unnormal

Nahrungsmittel, die zu einem Kreis-Diagramm zusammengelegt wurden: Obst und Gemüse, Kohlehydratreiche Lebensmittel wie Nudeln oder Brot,  Eiweißhaltige Lebensmittel wie Fleisch und der kleinste Teil sind Süßigkeiten.
Anja Kersten
am Freitag, 15.01.2021 - 10:30

Die Deutschen werden immer dicker. Und das, obwohl sie mehr Gemüse essen und statt Bier mehr Tee oder Wasser trinken. Ein Bericht.

Alle vier Jahre gibt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) einen Überblick über die Ernährungssituation in Deutschland. Kürzlich wurde der 14. Bericht veröffentlicht. Eine Trendwende in Sachen Gewicht ist nicht in Sicht. Oder wie es Prof. Dr. Helmut Heseker, Chefredakteur des DGE-Ernährungsberichts ausdrückte: „Die normalgewichtige Frau und noch mehr der normalgewichtige Mann sind die Ausnahmen und zwar in allen Altersklassen.“

 

Männer sind häufiger übergewichtig als Frauen

"Die normalgewichtige Frau und der normalgewichtige Mann sind die Ausnahmen und zwar in allen Altersklassen." sagt Prof. Dr. Helmut Heseker

Im Alter zwischen 18 und 65 Jahren sind fast 60 % der Männer und zirka 37 % der Frauen übergewichtig. Der Grund dafür ist relativ einfach: „Wenn wir über unsere Nahrung mehr Energie aufnehmen, als wir brauchen, macht der Körper Fettzellen daraus. Das ist der Fluch unserer steinzeitlichen Gene“, erklärt Prof. Heseker.

Die Wahrscheinlichkeit an Gewicht zuzulegen, steigt mit zunehmendem Alter: Bei den Senioren über 65 Jahre sind bereits fast 70 % der Männer und zirka 56 % der Frauen übergewichtig, 21 % der Männer und fast 20 % der Frauen sind sogar fettleibig (adipös). Das heißt, sie haben einen Body-Mass-Index (BMI) von über 30.

 

Der BMI gibt Auskunft

Der BMI ergibt sich durch die Berechnung Körpergewicht in Kilogramm geteilt durch die Körpergröße (in Metern) zum Quadrat. Wer einen BMI zwischen 18,5 und 24,9 hat, gilt als normalgewichtig. Auch mehr und mehr hochbetagte Menschen sind adipös, deutliche Steigerungen finden sich in der Altersgruppe 75 Jahre und älter. Für Pflegende und für pflegende Angehörige bedeutet das eine deutlich höhere Belastung.

 

Übergewicht in der Schwangerschaft

"Normalgewicht vor und in der Schwangerschaft ist ein entscheidender Faktor für die Gesundheit von Mutter und Kind." sagt Prof. Dr. Helmut Heseker

Auch immer mehr Schwangere sind bei der Erstuntersuchung übergewichtig mit Folgen für Mutter und Kind, wie Prof. Heseker betont. Der Energiebedarf wird von vielen Schwangeren deutlich überschätzt. Die empfehlenswerte Gewichtszunahme in der Schwangerschaft beträgt 10 bis 16 kg, bei übergewichtigen Schwangeren sollten es nicht mehr als 10 kg Gewichtszunahme sein. Adipositas in der Schwangerschaft bedeutet für die Mutter ein erhöhtes Risiko für Stoffwechselerkrankungen, beispielsweise Schwangerschaftsdiabetes, aber auch für Bluthochdruck.

Auch das Kind hat später ein erhöhtes Risiko übergewichtig zu werden. Eine zu hohe Gewichtszunahme in der Schwangerschaft erhöht darüber hinaus das Risiko des Kindes für Herz-Kreislauferkrankungen, Diabetes mellitus Typ 2 sowie Bluthochdruck. „Normalgewicht vor und in der Schwangerschaft ist ein entscheidender Faktor für die Gesundheit von Mutter und Kind“, fasst Prof. Heseker die Ergebnisse zusammen.

 

Kinder und Jugendliche sind weniger stark betroffen

Wenn es etwas Erfreuliches in punkto Gewicht gibt, dann, dass sich der in den früheren Jahren zu beobachtende Anstieg übergewichtiger bzw. fettleibiger Kinder und Jugendlicher nicht mehr erhöht hat. Er bleibt allerdings auf einem hohen Niveau. Und: Aus über der Hälfte der 3- bis 6-jährigen Kinder mit Übergewicht bzw. Adipositas werden übergewichtige oder adipöse Jugendliche.

 

Die Ernährungssituation in Deutschland

Die Ernährungssituation in Deutschland hat sich in einigen Punkten verbessert, zeigt die Trendanalyse zum Lebensmittelverbrauch. „Es wäre aber sehr zu begrüßen, wenn der Verbrauch an Gemüse, Obst, Kartoffeln und Getreide ein konstant höheres Niveau erreicht als der Verbrauch von tierischen Lebensmitteln“, so Prof. Dr. Helmut Heseker. „Damit wir das Ziel einer pflanzenbetonten Ernährungsweise erreichen können, muss der Verbrauch von Gemüse inklusive Hülsenfrüchten, Obst, Getreide, Kartoffeln und Nüssen noch deutlich steigen und der Verbrauch von tierischen Lebensmitteln stark sinken“, fasst Prof. Dr. Kurt Gedrich, TU München, die Ernährungssituation in Deutschland zusammen. Er hat die Daten der Agrarstatistik für die DGE ausgewertet.

Diese Lebensmittel essen wir (weniger)

  1. Obst, Getreideerzeugnisse, Kartoffeln: Der Verbrauch ist rückläufig. Äpfel und frische – unverarbeitete – Kartoffeln sind bei den Deutschen nicht mehr so beliebt wie in den Jahren davor. Äpfel sind die „Verlierer“ beim Obst.
  2. Fleisch: Der Fleischverbrauch liegt seit Jahren weitgehend unverändert bei etwa 60 kg pro Kopf und Jahr. Bei Schweinefleisch ist der Verbrauch rückläufig, der Verbrauch von Rind- und Kalbfleisch sowie Geflügel hat dagegen zugenommen. Der Verbrauch von 60 kg Fleisch pro Kopf und Jahr ist aus gesundheitlicher Sicht nach Aussage der DGE „immer noch zu hoch“.
  3. Gemüse: Der Verbrauch steigt weiter an und lag 2018 bei 104 kg pro Kopf und Jahr. Vor allem Tomate ist noch beliebter geworden. Wie bereits in den vorangegangenen Ernährungsberichten gab es außerdem signifikante Zuwächse bei Möhren und Roten Rüben sowie Zwiebelgemüse. Auch Hülsenfrüchte steigen in der Gunst der Verbraucher, sowohl frisch als auch getrocknet.
  4. Milch und Milchprodukte: Die Verbrauchsmengen sinken, am stärksten ist der Rückgang bei Milch; nur der Verzehr von Käse ist weiter angestiegen.
  5. Fisch verbrauchen die Deutschen in den letzten zehn Jahren relativ stabil: Durchschnittlich landen etwa 14 bis 15 kg pro Kopf und Jahr auf den Tellern.
  6. Getränke: Die Nachfrage nach Mineralwasser ist gestiegen und lag 2018 bei 154 Liter pro Kopf und Jahr. Auch Kräuter- und Früchtetee sind beliebter geworden. Der Anstieg beim Verbrauch von Erfrischungsgetränken dagegen ist gestoppt und zeigt nur noch eine schwache positive Tendenz. Alkoholische Getränke wurden weniger getrunken; am deutlichsten ist hier das Bier vom Rückgang betroffen.