Garten

Blackbox Gardening: Wenn der Zufall gärtnert

Durch einen Zaun fotografiert blickt man auf eine Wiese. Darauf wachsen wilde, bunte Blumen.
Bärbel Steinberger
am Mittwoch, 07.04.2021 - 12:00

Was bereits Generationen von Bäuerinnen in ihren Gärten praktiziert haben, ist heute wieder angesagt, als Blackbox–Gardening. Wir erklären das Konzept und verraten, warum man ihm wieder mehr Aufmerksamkeit widmen sollte.

Was ist Blackbox-Gardening?

Am Eingang einer Maschinenhalle rankt sich an der Wand eine apricot-farbene Stockrose hoch. Im Hintergrund kann man einen Anhänger in der Maschinenhalle erkennen.
  • Als Blackbox, zu deutsch „schwarze Kiste“ bezeichnen Wissenschaftler ein System, in das man etwas hineinsteckt und aus dem man etwas anderes wieder herausbekommt. Man kennt den Einsatz und sieht das Ergebnis – was dazwischen passiert, weiß man nicht und das Ergebnis lässt sich auch nicht vorhersagen.
  • Geprägt wurde der Begriff Blackbox–Gardening durch Jonas Reif und Christian Kreß im gleichnamigen Buch, welches bereits 2014 erschienen ist. Im Englischen trägt das Buch den Titel „Cultivating Chaos“.
  • Das Prinzip wird seit langer Zeit angewendet, weshalb Blackbox–Gardening genau betrachtet nur eine originelle, neue Bezeichnung für eine alte, nachhaltige Art zu Gärtnern ist.

 

Meistens läuft es im Garten so: Man plant ein Beet, besorgt die gewünschten Stauden und Gehölze, pflanzt sie ein und lässt sie wachsen. Einige Pflanzen etablieren sich, andere nicht. Diese werden erneut gepflanzt. Nichts bleibt dem Zufall überlassen.

Als Gegenstück zum Gärtnern nach Plan überlässt das Blackbox–Gardening der Natur die Gestaltung. Der Gärtner muss ihr nur zuhören, sie verstehen und gelegentlich lenkend eingreifen. Generationen von Bäuerinnen haben dieses dynamische, wandelbare System in ihren Gärten bereits praktiziert und damit Blütenfülle und Atmosphäre in ihre Bauerngärten gebracht.

 

Der Wandel ist gewünscht

Auf einer Treppe haben sich bläulich, lilane Glockenblumen ausgebreitet und ranken sich nach und nach die Stufen hoch.

Statt ein Idealbild des Gartens anzustreben, ist Wandel gewünscht. Das geht hervorragend mit Pflanzen, die sich aussäen: In einem Sommer schweben die violetten Blütenschirmchen des Patagonischen Eisenkrauts zwischen den Gräsern im Staudenbeet, im nächsten über den Wegplatten vorm Gewächshaus und im dritten zwischen den Gemüsezwiebeln. Man kann nie vorhersagen, wo, wann und in welchem Umfang die Sämlinge aufgehen werden.

Viele Hobbygärtnerinnen haben heutzutage mit Ein- und Zweijährigen nicht viel am Hut, weil sie sehr auf Stauden fixiert sind und die Aussaat von Pflanzen als sehr aufwendig betrachten. Gleichzeitig haben viele die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise Akelei, Fingerhut oder Lerchensporn im Garten an Stellen erscheinen, wo sie nie gepflanzt wurden.

 

Spezielle Pflanzen nutzen

Eine Tabelle auf der die verschiedenen Pflanzen aufgelistet werden.

Diese Laune der Natur nutzt das Blackbox-Gardening und fördert sie durch verschiedene Maßnahmen. Zum einen durch das Pflanzen von sogenannten Initialpflanzen. Darunter versteht man selbstversamende Mutterpflanzen, die sozusagen ihre Kinder in den Garten streuen sollen. Das sind oft Zweijährige wie Fingerhut, Königskerze und Stockrose oder kurzlebige Stauden wie Akelei und Spornblume.

Zum anderen ist es die direkte Aussaat von standortgeeigneten Ein- und Zweijährigen wie Ringelblume, Kalifornischer Mohn, Natternkopf oder Vergissmeinnicht.

Dann kann das Abenteuer Blackbox-Gardening beginnen. Durch Zufall und Dynamik entstehen jedes Jahr andere Pflanzenbilder. Als streunende Vagabunden ziehen die Pflanzen durch den Garten und erscheinen dort, wo es ihnen passt. Das Prinzip bedeutet aber nicht, alles dem Zufall zu überlassen, was einer allmählichen Verwilderung gleichkommen würde. Man soll durchaus lenkend eingreifen, wenn es hier zu viele Pflanzen sind oder dort etwas mehr sein könnten.

 

Wenig Pflegeaufwand

Der gelbfarbene Färberwaid rankt sich an den Holzwand der Maschinenhalle hoch.

Die Vorteile des Blackbox-Gardenings liegen auf der Hand: Es ist eine sehr naturnahe Variante des Gärtnerns, da sowohl eine große Vielfalt als auch gesunde Pflanzen – nur die Harten überleben – dabei herauskommen. Außerdem ist die Methode preisgünstig und mit wenig Pflegeaufwand verbunden. Als naturnahe und vor allem naturbeobachtende Art des Gärtnerns ist Blackbox-Gardening eine Alternative zu den heute oft sehr durchgeplanten und artenarmen Gärten. Es schafft das Bewusstsein für die Unberechenbarkeit des Gärtnerns, was gerade in Zeiten des Klimawandels wichtig ist. Man kann eben nur mit und nie gegen die Natur gärtnern. Sowieso ist es spannender mit ihr zu spielen, als sie kontrollieren zu wollen. Genau beobachten und experimentieren sind das A und O dieses Konzeptes und genau das ist es ja letztendlich, was Gärtnern so spannend macht.

 

Pflanzenkenntnis nötig!

Zwischen Pflastersteinen am Boden sprießen die Pflanzen heraus.

Notwendig ist bei dieser Art des Gärtnerns aber ein gewisses Maß an Pflanzenkenntnis. Im Vorteil ist, wer die Sämlinge seiner Lieblingspflanzen bereits im Keimblattstadium von lästigem Unkraut unterscheiden kann. Nichts ist ärgerlicher, als wenn man Greiskraut (Senecio vulgaris) bis zur Blüte stehen lässt. Mit der Zeit bekommt man jedoch ein Auge dafür, wie die Jungpflanze welcher Art aussieht, wieviel man davon stehen lassen kann und ob man die übrigen weghackt oder umsetzen kann. Dies ist zum Beispiel bei Fingerhutsämlingen kein Problem, Akeleien dagegen reagieren äußerst beleidigt.

Ein nicht zu verschweigender Nachteil ist auch die begrenzte Planbarkeit, was bei der Gärtnerin doch ein gewisses Maß an Mut, Gelassenheit und Neugierde voraussetzt. Ein exaktes Design nach Farben und Blütenzeiten ist ebenso wenig möglich, wie eine Vorhersage, wie das Beet im nächsten Jahr aussehen wird. Dafür wird man mit botanischen Zufallskompositionen überrascht, auf die man selbst nie gekommen wäre.

 

In der Praxis: Probieren geht über Studieren

Mehr oder weniger freiwillig hat vermutlich schon jede Gärtnerin Erfahrungen mit Pflanzen gemacht, die sich selbst versamen. Wer sich auf wechselnde Gartenbilder freut, neugierig auf Veränderung ist und auch mal etwas Wildnis zulassen kann, für den eignet sich das Konzept Blackbox-Gardening mit sich selbst verbreitenden Pflanzen wunderbar.

Diese Art des Gärtnerns erfordert jedoch für viele ein radikales Umdenken! Weg von der geplanten Sauberkeit, hin zum zufälligen Blütenreigen. Aber man kann sich auch langsam herantasten. Blackbox-Gardening ist fast überall möglich, ob in neu angelegten Gärten oder zur Umgestaltung vorhandener Staudenbeete. Sehr gut geeignet ist es für eher ruderale Flächen, etwa am Stall, an der Scheune, an wenig befahrenen Zufahrten, in Fugen von Mauern und in Ritzen von Pflastern.

Allerdings braucht man dafür ein Konzept:

  1. Vor Beginn sollte man sich Gedanken machen, welche Garten-Vagabunden für den vorgesehenen Standort und zu den bereits vorhandenen Pflanzen passen (siehe Tabelle). Sie werden sich nur dann dauerhaft etablieren, wenn ihnen die Bedingungen vor Ort zusagen. Das heißt, für Fugen, Kies und Splitt in voller Sonne muss man andere Pflanzen auswählen als für schattige, eher nährstoffreiche Standorte.
  2. Der Boden sollte vor der Pflanzung beziehungsweise Aussaat gründlich vorbereitet werden, damit er frei von Wurzelunkräutern ist. Denn gegen Giersch, Quecke & Co. haben auch noch so wuchskräftige Vagabunden kaum eine Chance.
  3. Am Anfang ist weniger mehr: Mit wenigen, gut ausgewählten Initialpflanzen und Samen von nur drei bis vier Pflanzenarten lassen sich schon beeindruckende Gartenbilder erschaffen. Man überfordert aber den eigenen grünen Daumen noch nicht.
  4. Zuerst setzt man die Initialpflanzen ein, im zweiten Schritt sät man die ausgewählten Ein- und Zweijährigen dazwischen. Sehr feines Saatgut mischt man dabei am besten mit Sand oder Sojaschrot, um die Aussaat zu erleichtern.
  5. Wichtig ist, nicht zu dicht zu säen, da sich die Keimlinge sonst zu stark gegenseitig in der Entwicklung behindern. Ansonsten muss man wie bei Gelben Rüben oder Radieschen ausdünnen, also überzählige Jungpflanzen entfernen.
  6. Um ein sicheres Auflaufen zu gewährleisten, sollte das Beet gleichmäßig feucht gehalten werden. Das ist gerade bei Frühjahrsaussaaten sehr wichtig.
  7. Der beste Zeitpunkt für die Aussaat ist im Herbst oder im zeitigen Frühjahr. Dabei stellt sich der größte Keimerfolg ein, wenn man selbstgesammelte Samen gleich nach ihrer Abreife wieder aussät. Was ja genau dem Prinzip in der Natur entspricht.
  8. Ein besonderer Trick ist es, die Initialpflanzen in Kübeln zu setzen und diese genau dorthin zu stellen, wo ihr Aussamen erwünscht ist. Auf diese Weise gelingt es meistens, sogar Plattenfugen, Mauerritzen und sonstige extreme Stellen ohne viel Aufwand erfolgreich zu begrünen.

 

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