Zeitempfinden

Zeit unterscheidet sich darin, wie wir sie empfinden

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Pfarrerin Christel Mebert, Kissingen
am Donnerstag, 25.10.2018 - 09:03

Gott hat mir meine Lebenszeit gegeben. Ich kann sie nach meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten gestalten.

Ein ausländischer Geschäftsmann reist nach Irland. Am Bahnhof von Dublin will er sich nach der Uhrzeit erkundigen. Er sieht vor sich vier Uhren. Aber alle zeigen eine unterschiedliche Zeit an. Empört wendet er sich an einen Angestellten: „Sagen Sie, was sollen denn vier Uhren, die alle unterschiedliche Zeiten anzeigen?“ Der Mann entgegnet: „Was für einen Sinn sollen denn vier Uhren haben, die alle die gleiche Zeit anzeigen?“

Mit der Zeit ist es so eine Sache. Noch bis Ende des 19. Jahrhunderts hatte fast jedes kleine Fürstentum seine eigene Zeit, die sich am Stand der Sonne orientierte. Und dabei blieb man keineswegs im Stundentakt. Zum Beispiel gab es in Bayern die sogenannte „Münchner Ortszeit“, in Preußen die „Berliner Zeit“ – und das bedeutete: Die Preußen waren den Bayern sieben Minuten voraus. Dann baute man überall auf der Welt die Schienennetze aus. Und es wurde bald klar: Wir brauchen endlich eine einheitliche Zeit. Allein für die Fahrpläne. 1884 wurde deshalb in Washington die Einteilung der Welt in vierundzwanzig Zeitzonen beschlossen.

Ganz egal, was die Uhr uns aber auch anzeigen mag, die Zeit unterscheidet sich immer darin, wie wir sie empfinden. Dem einen vergeht sie wie im Flug, dem anderen scheint sie zu kriechen. Keine Zeit zu haben oder zumindest zu wenig, gilt heute als normal. Gefühlter Zeitmangel ist eine Volkskrankheit. Demgegenüber möchte ich das Zeitempfinden des Glaubens stellen: In der Bibel liest man: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Psalm 31, 15 – 16) Das heißt: Gott hat mir meine Lebenszeit gegeben. Ich kann sie nach meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten gestalten. Damit werde ich befreit von dem Druck, meine Zeit vollzustopfen, aber auch von der Enttäuschung darüber, dass mir die Zeit zwischen den Fingern zerrinnt.

Dass Gott die Zeit in seinen Händen hält, bedeutet, dass er die Stunden trägt, die sich hinziehen und auch die, die zu schnell vergehen. Bei ihm sind sie gut aufgehoben. An diesem Wochenende ist die Zeit wieder einmal Thema. Sie wird wohl zum letzten Mal bei uns umgestellt von Sommer auf Winterzeit. Genießen Sie die geschenkte Stunde einmal ohne Blick auf die Uhr nur für sich.