Rollenbilder

Aus der Zeit und Rolle gefallen

Ein Kind spielt mit bunten Bausteinen aus Holz auf einem Tisch.
Maria Burkhardt
Maria Burkhardt
am Freitag, 09.04.2021 - 15:50

Jungen sind mutig, wild und stark. Mädchen sind hübsch, lieb und nett. Diese Rollenbilder stammen aus einem anderen Jahrhundert und spielen doch auch heute noch eine Rolle. Doch was jemand ist und kann, hat nichts mit seinem Geschlecht zu tun.

Michael ist ein Bücherwurm. Er sitzt stundenlang auf dem Sofa und liest Kriminalgeschichten, während seine beiden Schwestern am liebsten draußen im Garten spielen und mit den Förmchen im Sandkasten nicht nur Kuchen backen, sondern die wildesten Burgen bauen. Jeder hat seinen Spaß, und doch sorgt es in ihrem Umfeld für Verwunderung. Sind nicht Buben die Baumeister und Mädchen Leseratten?

 

Was ist typisch Mädchen, typisch Junge?

Ein Mädchen im Kindergartenalter steht mi einem rosa Kleid und einer Schubkarre für Kinder im Garten und formt mit ihren Händen Schlammklumpen.

Jeder hat eine Vorstellung verinnerlicht, was typisch Mädchen und typisch Junge ist, und verhält sich oft auch unbewusst nach diesen Denkmustern. Mit kleinen Mädchen wird sanfter umgegangen, Jungen wird mehr zugetraut, beobachten Erziehungswissenschaftler immer wieder in Studien. Fair ist das nicht. Denn unterschiedliches Verhalten prägt die Kinder von klein auf. „Wie sehr Sexismus in die Wiege gelegt wird“, thematisierte ein Online-Vortrag des Hamburger Vereins Femlab, der für mehr Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichkeit im Alltag sensibilisieren will. Es ging um die Wurzeln von Rollenbildern und warum es so schwer ist, sie abzulegen.

 

Feste Rollenbilder aus dem 18. Jahrhundert?

Wer einen Blick in ein deutsches Lexikon aus dem 18. Jahrhundert wirft, wird schnell fündig. Hier werden den Geschlechterrollen Verhaltensweisen zugeschrieben, wie sie von Mann und Frau gesellschaftlich erwartet wurden. Die Eigenschaften sind dabei grundverschieden und sollten sich ergänzen.

  • So war der Mann für das öffentliche Leben bestimmt. Energie, Tapferkeit und Willenskraft sein Wesen. Vernunft und Verstand seine Stärke und selbstständiges, zielgerichtetes Handeln und Denken sein angestammtes Metier.
  • Die Rolle der Frau wurde dagegen im häuslichen Leben gesehen, mit Bescheidenheit und Hingabe als Tugend. Emsig, bewahrend, empfangend und angepasst im Tun, und mit viel Gefühl und Verständnis als Talent.

Auch wenn sich über die Jahrhunderte einiges getan hat, so steckt doch noch viel von diesen Rollenbildern in den Köpfen und wird meist unbewusst weitergegeben.

 

Es beginnt schon vor der Geburt

Das beginnt häufig schon vor der Geburt, wenn je nach Wölbung des Schwangerschaftsbauchs auf das Geschlecht des Babys getippt wird. Dass die Form des Bauches mehr mit dem Körperbau der Schwangeren oder der Lage des Babys zusammenhängt, wird dabei völlig außer Acht gelassen. Stattdessen gilt schon hier, spitzer Bauch typisch Junge, runder Bauch typisch Mädchen, schreibt der Journalist Nils Pickert in seinem Buch Prinzesinnen-Jungs.

Überhaupt spielt die Frage, „Was es wird?“ von Anfang an eine große Rolle. Schon in der Schwangerschaft geht es los mit den Rollenklischees. Mädchen kommen dabei oft weniger gut weg. Sie rauben ihren Müttern die Schönheit, um selbst hübsch zu werden, heißt es. Jungen dagegen bringen ihre werdenden Mütter zum Strahlen, weil sie eben schon im Mutterleib an schönen Frauen Gefallen finden, so die Mär.

 

Die Spielzeugwelt verstärkt Rollenbilder

Ein Junge im Kindergartenalter rennt mit einem rosanen Puppenwagen, indem eine Puppe liegt, über einen gepflasterten Weg.

Kaum auf der Welt, kommen die Farben Rosa und Hellblau bei der Kleider- und Spielzeugwahl ins Spiel. Das lässt Kindern wenig Spielraum, anders sein zu dürfen, als es von ihrem Geschlecht erwartet wird.

Seit die Spielzeughersteller in den 1990er Jahren das Gendermarketing für sich entdeckt haben, sind Spielsachen noch stärker geschlechtsbezogen. Dabei ging es der Branche in erster Linie um mehr Umsatz. Bei sinkenden Geburtenzahlen mehr Spielzeug zu verkaufen, das funktionierte am einfachsten, indem aus der einen Zielgruppe Kinder, zwei Zielgruppen wurden, nämlich Mädchen und Jungen. Die Farben Rosa und Blau sind wichtiger geworden als das Spielzeug an sich, weil jeder glaubt, Kinder seien glücklicher, wenn sie das Spielzeug bekommen, das zu ihrem Geschlecht passt.

Die Spielzeugwelt trennt nach Geschlechterrollen und verstärkt sie damit. Während Babys noch alles toll finden, lassen sich schon Kleinkinder von geschlechtsbezogenen Farben stark beeinflussen. Studien zeigen, wie schnell Kinder das Interesse verlieren oder sich gar nicht erst für eine Sorte Spielzeug interessieren, wenn es für das andere Geschlecht gemacht ist. Das ist schade. Denn durch unterschiedliche Spielsachen lernen Kinder verschiedene Fähigkeiten. Mit Bausteinen spielen fördert die Kreativität und stärkt das logische und räumliche Denken sowie die Feinmotorik. Beim Spiel mit Puppen reden die Kinder mehr und üben ihr Sozialverhalten.

Während sich Mädchen durchaus für Baukästen interessieren, können sich Buben seltener für das Spiel mit Puppen begeistern, wenn die Farbe Rosa dominiert.

 

Rosa war nicht immer die Farbe für Mädchen

Dabei war Rosa ursprünglich eine Farbe für Jungen. Das kleine Rot galt jahrhundertelang als starke, männliche Farbe. Rot symbolisiert Macht. Könige und Päpste trugen Mäntel in Purpur. Blau dagegen war in der christlichen Tradition und Symbolik die Farbe der Muttergottes Maria. So war Hellblau, fein und elegant zugleich, lange Zeit Mädchen vorbehalten.

Erst zu Beginn des 20.Jahrhunderts drehte sich die Farbzuordnung allmählich um, nachdem die Arbeitskleidung in Fabriken und Marineuniformen blau waren. Fortan stand blau für Stärke, Kraft, Leistung und Erfolg. Und Rosa wurde mit der Zeit zur Mädchenfarbe, die heute alle mit Eigenschaften wie sanft, zart und lieblich verbinden.

Diesem Farbschema können sich Kinder kaum entziehen. Sie wollen dazu gehören, nicht auffallen und nicht anders sein als andere Kinder. Jungen, die auch Rosa schön finden, haben es da schwer, genauso wie Mädchen, die laut und rebellisch sind. Denn starre Rollenbilder vermitteln ihnen das Gefühl, nicht richtig zu sein.

 

Was lässt sich ändern?

Wer Rollenklischees überdenkt, dem fällt es leichter, sich davon frei zu machen. Eltern haben dabei nach wie vor den größten Einfluss, welche Werte Kinder verinnerlichen und als wichtig empfinden, betonen die Referentinnen Lisa Hartmann und Leonie Ruhland von Femlab. Sie können im Alltag vorleben, wie Aufgaben gerechter verteilt werden und ihre Kinder darin unterstützen, sich in ihrer Persönlichkeit frei zu entwickeln.

Sich von Rollenbildern zu lösen, bedeutet nicht etwa Gleichmacherei. Im Gegenteil. Es geht darum, vielseitiger und auch anders sein zu dürfen. Jedes Kind, so wie es ist und sein will. Mädchen genauso wild und mutig, Jungen auch sensibel und empathisch, ohne als Zicke oder Weichei abgestempelt zu werden. Denn wie jemand ist und was jemand kann, hat nichts mit seinem Geschlecht zu tun.

 

Was ist Sexismus?

In dem Wort Sexismus steckt das Wort sex, was auf Englisch Geschlecht bedeutet, also männlich und weiblich.

Sexismus ist jede Form von Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts oder Eigenschaften, die dem gesellschaftlich erwarteten, typischen Rollenbild von männlich oder weiblich, nicht entsprechen.

 

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