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Wild Schwimmen

Wildes Schwimmen: So badet man sicher in der Natur

See-Weiher-Schwimmen-Kinder
Sigrid Tinz
am Mittwoch, 08.06.2022 - 15:30

Jetzt zieht es wieder viele zum Schwimmen an die Seen, Weiher und Flüsse. Freibäder sind oft überfüllt, umso schöner ist Baden inmitten der Natur. Für Leute auf dem Land ist wild schwimmen nichts Neues. Aufpassen muss man trotzdem.

Baden, Planschen, Wasserspaß – das ist nicht ungefährlich, im Gegenteil. In Deutschland sterben jedes Jahr rund 500 Menschen beim Schwimmen. Bei Kindern ist es sogar die häufigste Todesursache. Die meisten ertrinken in Flüssen und Seen, die wenigsten in Freibädern. Auch hier kommt es durchaus zu Badeunfällen. Aber wenn jemand untergeht, wird es schneller bemerkt. Das Personal ist sofort da, leistet Erste Hilfe und der Krankenwagen kennt den Weg.

Nicht überhitzt direkt in die Fluten springen

Auch Seebäder oder Flussschwimmanstalten sind meistens von Bademeistern oder von der DLRG betreut und die Wasserqualität wird überwacht. Doch es gibt spürbare Unterschiede zum künstlichen und beheizten Freibad. Natürliche Wasserschichtungen bewirken drastische Temperaturunterschiede: Direkt an der Oberfläche ist es lauwarm, einen Meter tiefer kann es eiskalt sein – eine große Belastung für Herz und Kreislauf, die zu Ohnmacht oder Schock führen kann. Ein wichtiger Tipp ist deshalb: Nicht überhitzt von der Radtour zum See direkt in die Fluten springen, sondern ausruhen, am besten im Schatten, und dann erst nach und nach langsam ins Wasser gehen.

Ob im Freibad oder am Strand, Eltern sollten ihre Kinder nie – nie! – nie aus den Augen lassen oder auf einem Wasserspielzeug treiben lassen. Mitnehmen „ins Tiefe“ ist auch keine gute Idee. Kentert dann der rosa Flamingo und das Kind kann noch nicht schwimmen, wird es schnell gefährlich. Selbst wenn das Kind bereits das „Seepferdchen“ hat – es ist nicht sicher genug. Erst das Schwimmabzeichen Bronze ist laut DLRG ein Zeichen, dass das Kind gut schwimmen kann. Freischwimmer hieß das früher treffender. Aktuell können aber immer weniger Kinder gut schwimmen, da zahlreiche Schwimmbäder schließen und in der Coronazeit viele Schwimmkurse für Kinder ausgefallen sind.

Und was ist mit den Teenies, die im Jahr vor Corona noch brav mit Mama und Papa auf der Picknick-Decke saßen und sich beaufsichtigen ließen und nun 14 sind und alleine unterwegs? Die das Eintrittsgeld fürs Freibad lieber in Chips und Energydrinks umsetzen und deshalb da baden, wo es umsonst ist: im Dorfweiher oder Fluss, wie Generationen vor ihnen.

Flüsse mit Schiffsverkehr sind absolut Tabu

Hier ist doppelte Vorsicht geboten: Erst Terrain erkunden, dann reinspringen. Flüsse mit Schiffsverkehr sind tabu, weil lebensgefährlich. Die Schiffe ziehen das Wasser mit einem starken Sog heraus, dann kommt die Welle zurück und zieht den Badenden mit in die Fahrrinne. Lauschig aussehende Buchten bilden oft kräftige Strudel, die man von außen nicht sieht. Auch rund um Brückenpfeiler oder Bäume kann es zu Strömungen kommen.

Ist das Flüsschen eher flach, sind die Gefahren ganz andere: Nicht selten liegen Scherben, Flaschen und scharfkantiger Bauschutt auf dem Grund. Wer darauf landet, tut sich sehr weh.

Auch Kiesteiche oder Baggerseen haben ihre Tücken. Uferböschungen können sowohl oberhalb als auch unterhalb des Wasserspiegels abrutschen, vergessene Baggertechnik kann noch knapp unter der Oberfläche liegen.

 

10 Baderegeln der DLRG

Wildes-Schwimmen-Baggersee: Zwei Kinder gehen vom Ufer aus in den See hinein
  1. Gehe nur baden, wenn du dich wohl fühlst.
  2. Kühle dich ab, bevor du ins Wasser gehst.
  3. Gehe niemals mit vollem oder ganz leerem Magen ins Wasser.
  4. Gehe als Nichtschwimmer nur bis zum Bauch ins Wasser.
  5. Rufe nur um Hilfe, wenn du in Gefahr bist. Hilf anderen, wenn sie Hilfe brauchen.
  6. Überschätze dich und deine Kraft nicht.
  7. Bade nicht dort, wo Schiffe und Boote fahren.
  8. Verlasse bei Gewitter sofort das Wasser und suche ein Gebäude auf.
  9. Aufblasbare Schwimmhilfen bieten keine ausreichende Sicherheit im Wasser.
  10. Springe nur ins Wasser, wenn es frei und tief genug ist.

Bei vielen haben Kraft und Kondition nachgelassen

Nichtschwimmer sollten nur bis zum Bauch ins Wasser. Und die Jugendlichen sollten aufeinander Acht geben, was die anderen können und was nicht. Die eine hat seit ewigen Zeiten ihr Goldabzeichen und krault locker zum anderen Ufer, der andere hat irgendwann mal sein Seepferdchen gemacht oder bekommt Panik, wenn sich Algen um seinen Fuß schlängeln.

Wichtig ist auch, die Gegend jedes Jahr auf‘s Neue zu erkunden. Nur weil der heimische See seit Jahr und Tag zum Baden genutzt wird oder Generationen von der Brücke in den Fluss gesprungen sind, kann das am Urlaubsort oder bei den Verwandten in einer anderen Gegend ganz anders sein.

In jedem Ort gibt es Menschen, die wissen, welche inoffiziellen Badestellen es gibt und auch über Gefahren erzählen können. Und es gibt heute auch das Internet, Instagram und Blogger, die darüber schreiben und posten, wo wildes Schwimmen gut und sicher erlaubt ist.

Einer der bekanntesten Wildschwimmer ist Hansjörg Ransmayr, von Beruf Rettungsschwimmer, Bergwanderführer – und Buchautor: „Wild Swimming Deutschland“ heißt zum Beispiel eines seiner Werke (Verlag Haffmans & Tolkemitt, ISBN 978-3942048514, 22,50 Euro), in dem er mehr als 100 Seen, Flussbadestellen, Wasserfälle oder Küstenteile vorstellt, die besonders sind. Von besonders familienfreundlich bis besonders spektakulär.

Zur Sicherheit im Schlepp-tau eine Schwimmboje

Dazu gibt es auch viele Tipps zur Natur und Sicherheit. Unter anderem empfiehlt Hansjörg Ransmayr Schwimmbrille und Ohrenschützer mitzunehmen; und eine Schwimmboje. Das ist ein luftgefüllter Sack, den man hinter sich herzieht, ohne dass er einen behindert. Damit ist man sichtbar – für Boote oder Surfer. Und falls man mal einen Krampf bekommt, kann man sich daran festhalten.

In Höhenlagen sind die Flüsse oft zu klein, um richtig darin zu schwimmen. Sie warten aber mit einer anderen Attraktion auf: mit Wasserfällen. Für eine kurze Abkühlung auf der Wanderung ist es sehr verlockend hineinzuspringen. Aber auch hier ist Vorsicht geboten, denn auf den feuchten moosigen Steinen im Flussbett kann man leicht ausrutschen. Und wer sich drunter stellen will, unter die Naturdusche, sollte sich klar sein, dass ein kniehoher Kolk auf einmal sehr tief wird, da wo das Wasser stetig aufprallt, und das Wasser sehr kalt und wirbelig und wild ist.

An spektakulären Wasserstellen ist oft viel Trubel

Der Corona-Wandertrend und Nature-Influencer auf Facebook und Instagram haben dazu geführt, dass besonders spektakuläre Wasserstellen regelrecht überlaufen sind und man tatsächlich Schlange steht, um ein Foto machen zu können oder um hinein zu hüpfen. Naturschützer sehen das sehr kritisch. Wenn sich der Menschenandrang auf die eine Stelle beschränkt, mag das noch gehen – im Bergbach lebende Arten weichen auf die vielen anderen Stellen aus. Wichtig ist dann aber, dass die Natur dort ungestört sein kann. Und dass die badelustigen Touristen nicht noch weiter ausschwärmen und noch weiter abgelegene Stellen aufsuchen, fürs ganz persönliche, ganz einzigartige Badeerlebnis.

Baden in ausgewiesenen Naturschutzgebieten ist zwar selten ausdrücklich verboten, aber grundsätzlich nicht erlaubt. Und auch in nicht ausdrücklich unter Schutz stehenden Kiesgruben und Baggerseen leben Vögel, Frösche und Libellen, wachsen Pflanzen und vielleicht sogar seltene Arten, auf die Rücksicht zu nehmen ist. Deswegen vor dem Schwimmen die Lage checken: Brüten hier gerade Vögel? Ist da ein Laichgebiet? Muss ich mich lange durch die Uferstreifen und Blumen und Sträucher schlagen und trample ich dabei alles Mögliche kaputt?

Dann lieber nicht an dieser Stelle die Picknickdecke ausbreiten. Und vor allem: möglichst nicht mit Sonnenmilch ins Wasser gehen. Besser ein Bade-Shirt gegen die Sonne tragen. Die Creme erzeugt einen fettigen Film auf dem Wasser und ihre Inhaltsstoffe bekommen den Mikroorganismen schlecht. Und anders als in Badeanstalten oder Seebädern gibt es in freier Natur keine Müll-Entsorgung. Deshalb unbedingt alles wieder mitnehmen.

Jedes Mal wieder ein einzigartiges Badeerlebnis

Wer all diese Aspekte berücksichtigt, dem beschert Wildschwimmen jedes Mal wieder ein einzigartiges Badeerlebnis, selbst wenn man immer nur im selben Weiher hinterm Dorf schwimmt. Mal ist das Wasser trüber, mal klarer, mal blühen die Schwertlilien, mal das Röhricht. Und statt Sprungturmgeschrei hört man Vogelgezwitscher, statt nach Pommes, Chlor und Lichtschutzfaktor 50 riecht es nach Wasserminze und feuchtem Moos, während man gemächlich seine Bahnen schwimmt durch glitzernde Libellenschwärme.

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