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Weihnachtsgeschichte: Wie das Glück schmeckt

Weihnachtsgeschichte-Illustration-Schneemänner
Katharina Gerwens
am Samstag, 25.12.2021 - 10:00

Eine Weihnachtsgeschichte für Erwachsene von Bestseller-Autorin Katharina Gerwens.

Cover-Katzenpfötchen-im-Schnee-Katharina-Gerwens: Buchcover mit Füßen in Stricksocken und einer Katze, die nach oben blickt.

"Weihnachten, wie war das doch schön, als ich noch ein Kind war!“ Lorenz bückte sich, griff in den Schnee und formte einen Schneeball. Er warf ihn in die Luft. „Aber später war der Glanz irgendwie weg.“
Irene verstand so gut, was er meinte und verspürte eine plötzliche Wehmut. „Mit dem Erwachsenwerden verschwinden die Wunder der Kindheit. Das ist die Natur der Dinge. Man sollte sie sich zurückholen.“
„Wie denn?“, hilflos hob Lorenz seine inzwischen schneebedeckten Schultern. „Wie denn und – wozu?“
Irene trat nun auf ihn zu. „Darf ich?“ Sie wischte ihm den Schnee von der Kleidung.
Er ging in die Hocke und formte noch einen Schneeball. Um sie herum riefen sich die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Tierheims Anweisungen zu, um die Stände des Weihnachtsmarktes wieder abzubauen. Akkuschrauber wurden eingesetzt, Bretter wurden gestapelt, auf Sackkarren geschichtet und in Nebengebäude verfrachtet. 
Trotz all des Lärms hatte Irene das Empfinden, sich gemeinsam mit Lorenz auf einer Insel der Gelassenheit zu befinden und von einer eigenartigen Ahnung der Zufriedenheit erfüllt zu sein. Oder war es sogar schon Glück? Fühlte sich etwa so Glück an?
„Wir könnten einen Schneemann bauen“, schlug Lorenz nun vor. „Wann haben Sie das zuletzt gemacht?“
„Noch nie“, gestand sie nach kurzem Nachdenken. „Als ich ein Kind war, gab es nicht so viel Schnee.“
„Tatsächlich nicht?“ Er hob die Augenbrauen, holte tief Luft und fragte dann: „Morgen?“
„Was meinen Sie damit?“
„Morgen treffen wir uns und bauen einen ganz großen Schneemann. Oder auch zwei. Allerdings habe ich keine Möhren. Kohlen schon, denn ich habe ja einen Grill. Also, was meinen Sie?“
„Hmm“, sie sah zur Seite. Er sollte nicht erkennen, wie sehr sie sich freute. „Ja“, murmelte sie dann verhalten.
„Super.“ Nun formte er zwei Schneebälle und begann damit zu jonglieren. Es klappte nur zwei oder dreimal. „Ich bin einfach nicht für den Zirkus gemacht.“
Im Foyer des Tierheims wurde ziemlich laut „Leise rieselt der Schnee“ angestimmt.
„So viel Gemütlichkeit ist ja kaum auszuhalten“, gestand Lorenz nach einer Weile und schüttelte sich.
„Vielleicht sind wir es nur nicht mehr gewohnt?“, fragte sie dagegen.
„Mag sein. Wann hatten Sie denn zuletzt ein richtig schönes Weihnachtsfest, so mit allem Drum und Dran?“ Wollte er darauf wirklich eine Antwort? Irene dachte nach. „Vor einem halben Jahrhundert? Ich war noch ein Kind. Da habe ich vermutlich zum letzten Mal an das Fest der Liebe geglaubt.“
„Das Fest der Liebe…“ Lorenz wiederholte ihre Worte und sah in die dicht fallenden Schneeflocken. „Ich muss da auch noch ein Kind gewesen sein. Soweit ich mich erinnern kann, haben meine drei jüngeren Geschwister und auch meine Mutter ständig auf meinen Vater gewartet. Oft auch zu Weihnachten. Als Lastwagenfahrer war der viel unterwegs. 
Aber einmal saß er zwischen uns und hatte für jeden ein Geschenk. Nur Kleinigkeiten, aber dennoch … Damals bekam ich von ihm zwei Rötelstifte, einer hell- und einer dunkelbraun. Und einen Zeichenblock. So fing alles an. Ja, da fühlte ich mich geliebt. Und ….“ Er schwieg.
„Und?“, wiederholte Irene und wartete ab. Seine Stimme zitterte ein wenig als er zugab: „Geliebt und anerkannt. Von ihm. Ich war erst acht oder neun Jahre alt, aber damals wusste ich, wie das Glück schmeckt. Und ich nahm mir ganz fest vor, es mir zu merken. Gehen wir wieder rein?“
Irene schwieg. Mit abwesenden Vätern kannte sie sich aus.
Gemeinsam betraten sie das Foyer, in dem Edda Kallmayer, die Leiterin des Tierheims, flankiert von Ehemann und Kindern, ziemlich lautstark noch immer den rieselnden Schnee besang. Die vier hatten das offensichtlich zu Hause geübt und legten eine perfekte Vorstellung hin. 
Lorenz und Irene suchten sich einen Platz am Tisch und umrundeten dafür den Tannenbaum sowie den ziemlichen Berg an Tiergeschenken, die dort am Boden lagen: Tiernäpfe, Dosenfutter, Katzenklos, Hundehalsbänder, Kratzbäume, Hundesofas und Katzenhöhlen. Irene fragte sich, ob Edda Kallmayer alle 130 Katzen sowie die zehn Hunde vor den mit roten Kugeln und weißen Engelchen behängten Weihnachtsbaum setzte und wusste im gleichen Moment, dass das keinem der Vierbeiner gefallen würde. Besser, sie fragte nicht danach oder sie erkundigte sich bei den Katzen, sobald das Weihnachtsfest vorbei war. Die Tierpflegerin Tessa trat vor und sang mit wunderbarer Altstimme das Lied: „Maria durch ein Dornwald ging.“
„Du solltest eine Gesangsausbildung machen“, regte Eddas Mann an. 
„Mach ich schon.“ Die Mitarbeiterin des Quellenhofs nickte geschmeichelt. „Früher habe ich nur meinen Katzen vorgesungen, aber jetzt singe ich manchmal schon vor Leuten. Früher hätte ich mich nie unter so viele fremde Menschen getraut.“ In einer Mischung aus Schüchternheit und Stolz sah sie zu Boden.
Irene schluckte. ‚Unter die Menschen trauen‘, wie sich das anhörte – und wie gut sie es verstand! 
Unmittelbar darauf erhob sich der allwissende Eckhard Lüthus von seinem Stuhl und wusste wortreich zu berichten, dass dieses Lied mit dem Wunder des blühenden Dornwalds aus der Wandervogelbewegung kam.
Mit großen Augen sah Regina zu ihm hoch. „Mein Gott, Sie sind ja ein wandelndes Lexikon!“
„Als solches verstehe ich mich auch“, bekannte er und dozierte vor einem stiller gewordenen Publikum über das Lied, das er mit dem Lukasevangelium in Beziehung setzte. „Wie sich ein jeder von uns denken kann, ist das Motiv des verdorrten Waldes ein Sinnbild der Unfruchtbarkeit und des Todes. Doch sobald Maria mit dem göttlichen Kind unter ihrem Herzen dort vorüber geht, erblühen die Rosen. Die Zeilen, die uns gerade so schön vorgesungen wurden, beschreiben somit das Geheimnis und das Wunder der Menschwerdung. Im Grunde genommen also das weihnachtliche Mysterium.“
Es war Lorenz, der nach diesem Vortrag zu klatschen begann. Er fühlte sich heute so wohl, dass er Eckharts eitle Schwäche schon fast sympathisch fand. Irene fiel in den Applaus ein und alle anderen zogen nach.
Der Redner verbeugte sich und ließ sich betont lässig neben Regina Schlössl auf seinen Stuhl fallen. 
„Unglaublich“, wiederholte die. „Sie sind so klug.“
„Das ist mein Hobby“, gestand er und die ihn bewundernde Frau an seiner Seite gefiel ihm von Minute zu Minute mehr. „Ich will nun mal immer alles wissen.“
Sie nickte und murmelte: „Tja, das Weltwissen der 70-jährigen“, denn letzte Woche hatte sie im Bus ein Mädel gesehen, das sich in „Das Weltwissen der Siebenjährigen“ vertieft hatte.
„Ja, aber alles weiß auch ich nicht“, gestand Eckhard und klang dabei so gar nicht bescheiden. Regina reagierte richtig: „Das kann ich mir nun gar nicht vorstellen.“
Irene und Lorenz lauschten dem Gespräch.
„Ich kann zum Beispiel weder singen noch Orgel spielen. Und backen oder kochen kann ich auch nicht.“
„Oh je, und was machen Sie denn da?“
„Es gibt ja CDs.“
„Aber die können Sie doch nicht essen.“
„Das stimmt. Aber ich kann Dosen öffnen und mir was aufwärmen. Denn ich hab eine Mikrowelle – und auch eine Kühltruhe. Für alles ist gesorgt.“ 
Irene sah richtig, wie es in Regina arbeitete. Und tatsächlich, schon fragte die Frau an Eckhards Seite: „Wollen Sie damit etwa sagen, dass es in Ihrem Haus keine Küche gibt?“ 
„Doch, natürlich. Aber ich weiß nicht, was ich darin machen soll.“
„Ich könnte es Ihnen zeigen.“ Sie sah ihm in die Augen.
Er blickte sie an und sein Herz klopfte schneller. „Gerne“, hörte er sich sagen und warf dabei all seine Überzeugungen über Bord, vor allem die Devise, niemals eine fremde Frau in sein Haus zu lassen. Aber waren nicht alle Frauen erst einmal fremd und wurden dann mit der Zeit vertraut? War nicht auch der Kater Nelson, damals, als er plötzlich in Eckhards großer Diele stand und fordernd miaute und ein ganzes Glas Leberpastete in sich hineinschlang, ein Fremder gewesen, der sich mit ihm vertraut machte?
Wollte sich diese Regina etwa mit ihm vertraut machen? Was für ein Abenteuer. Und das in seinem Alter. Aber warum eigentlich nicht.
Lorenz wandte sich an Irene: „Also, wie machen wir das morgen? Haben Sie Zeit? Es ist immerhin ein Montag.“
Sie räusperte sich. „Doch, ich kann mir meine Zeit einteilen.“ Vorsichtshalber vergewisserte sie sich. „Sie meinen das mit den Schneeskulpturen?“
„Na ja, das klingt arg hochgegriffen. Ich dachte eher an einen klassischen Schneemann, oder auch zwei.“
„Oder Schneeeulen, Schneebären und weiße Drachen.“
„Wie wäre es mit einer kleinen Armee, die in Reih und Glied vor uns steht. Und dann sinken alle in sich zusammen. Sobald sie von einem Sonnenstrahl getroffen werden. Sie fallen sozusagen vor uns auf die Knie. Aber vorher putzen wir sie richtig raus! Ich hole Sie um halb zehn ab, einverstanden?“
Irene hörte, wie Eckhard zu seiner Tischnachbarin sagte: „Ich ruf mal meinen Nachbarn an, er hat gesagt, dass er mich abholt. Wir könnten Sie dann auch nach Hause fahren.“ Er legte sein Handy auf einen grünen Tannenzweig. So verlieh er dem ganzen Gespräch einen Hauch von Feierlichkeit.
Regina wurde rot. „Ich weiß nicht, ob ich das annehmen kann. Dann muss der ja einen Umweg fahren.“
„Ach, das macht er gerne“, trompetete Eckhard. 
Währenddessen betrachtete Lorenz gedankenversunken den großen und festlich geschmückten Tannenbaum. „So was würde ich auch gern mal wieder haben“, gestand er. „Es erinnert an die Zeit der Wunder. Aber wer stellt schon für sich alleine einen Baum auf. Und schleppt ihn vorher auch noch 93 Stufen hoch?“
Mit einem Mal hielt er inne. „Und wie ist es bei Ihnen? Stellen Sie sich einen Weihnachtsbaum auf?“
Irene hätte fast laut gelacht. Nicht einmal in den Jahren mit ihrem Ehemann hatte es einen Baum gegeben. Zuletzt in der elterlichen Wohnung und das war schon Ewigkeiten her. „Nein“. Sie schüttelte den Kopf. „Und was soll ich dann ganz alleine davor sitzen?“
Zögernd sprach er das aus, was ihm vorhin durch den Kopf gegangen war. „Und wenn ich nun einen Baum aufstellen würde und Sie dann zu mir einladen würde, würden Sie dann kommen?“
Ganz schön viel „würde“, dachte Irene aber die Würde als solche war ja durchaus nicht zu verachten. „Ich allein?“ schoss es aus ihr heraus.
„Na ja, wir könnten ja noch die beiden hier dazu einladen.“ Er wies auf Eckhard und Regina.
„Ehrlich gesagt, je länger ich darüber nachdenke, umso besser gefällt mir die Idee. Was meinen Sie?“
Er beobachtete das ihnen gegenübersitzende Paar. Von beiden wusste er, dass sie alleine lebten und er ahnte, dass nicht einmal Regina für ihre Katze Luna einen Tannenbaum aufstellte und Eckhard sich vermutlich lieber mit der Geschichte des Tannenbaums befasste, als sich einen ins Haus zu holen.
„Vier ältere Herrschaften und ein äußerst seriöses Fest“, lächelte er. „Und Kater Bruno ist natürlich auch dabei. Also ich würde den Baum besorgen und dann gerne mit Ihnen zusammen dekorieren. Und Sie kümmern sich um den Rest, vor allem um die zwei zusätzlichen Gäste. Die kennen Sie ja besser als ich.“
Irene sah ihn lange an. „Ist das wirklich Ihr Ernst?“
Insgeheim wartete sie auf sein Lachen und sein Geständnis: „Natürlich nicht. Warum sollte ich mich auf so einen Kinderkram einlassen?“
Aber er nickte und in seinem Lächeln schwang eine freudige Erwartung mit.
„Okay“, sagte sie dann. „Wenn das so ist, dann gehen wir es an.“

Mit Material von dem Buch „Katzenpfötchen im Schnee“ von Katharina Gerwens, 320 Seiten, Verlag: Piper.
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