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Familienleben

Ein warmes Willkommen für die Schwiegertochter am Hof

Schwiegertochter-Schwiegermutter-Bauernhof: Zwei Frauen, jung und alt, gehen eingehängt an den Armen über den Hof.
Helga Grömer - Ländliche Familienberatung im Bistum Passau
am Dienstag, 07.06.2022 - 16:15

Entscheidet sich eine junge Frau, auf einen Betrieb zu ziehen, ist das ein großer Schritt. Insbesondere die Schwiegermutter kann hier positiv einwirken und der jungen Frau herzlich einen Platz auf dem Hof anbieten.

Hoffentlich versteh ich mich gut mit meiner künftigen Schwiegermutter! Das wünschen sich wahrscheinlich die meisten jungen Frauen, wenn es mit dem Partner ernster wird. Besonders relevant ist dieser Wunsch allerdings, wenn man als Frau auf einen landwirtschaftlichen Betrieb zieht – denn dort ist die Schwiegermutter in den meisten Fällen die Nachbarin oder wohnt sogar im gleichen Haus. Diese räumliche Nähe bietet Vorteile – sofern man sich gut versteht. Ist dies nicht der Fall, kann sie zu vielen Reibereien und Problemen führen.

Frauen haben oft eigenes Berufsleben

In erster Linie sind es in Bayern immer noch die Frauen, die auf den Hof zu ihren Männern ziehen. Mittlerweile haben fast alle Frauen, die auf einen Betrieb einheiraten, eine Berufsausbildung: Laut der Bäuerinnenstudie haben 30 % einen Abschluss in der Hauswirtschaft und 10 % in der Landwirtschaft. Alle weiteren Frauen haben andere Berufe erlernt und sind häufig auch nach der Einheirat darin tätig.

Das allein unterscheidet sie wesentlich von der Generation ihrer Schwiegermütter, auf die sie auf den Höfen treffen. Diese sind geprägt vom Aufbau nach dem Weltkrieg und dem massiven landwirtschaftlichen Strukturwandel in den letzten Jahrzehnten. Hier war in den immer größer werdenden Betrieben vor allem die körperliche Arbeit gefragt und anerkannt. Auch wenn viele dieser Frauen darunter gelitten haben, haben sie es hingenommen.

Die rüstige Bäuerin, die mit ihrer Schwiegertochter nicht zufrieden ist, sagte in der Beratung:

Früher war es schon manchmal zum Davonlaufen, aber geschadet hat es uns auch nicht. Ich verstehe wirklich nicht, warum sie (die Schwiegertochter) jetzt auch noch zusätzlich in die Arbeit rennen muss?!“

Von der älteren Generation gibt es Anerkennung für Fleiß, Arbeitsleistung und vorzeigbare Ordnung. Hier setzt die jüngere Generation andere Schwerpunkte. Zudem wünschen sich die jungen Frauen – auch das unterscheidet sie meist von der vorherigen Generation – ein Leben jenseits von Hof und Arbeit: Freundeskreis pflegen, Sport treiben, verreisen, ehrenamtlich tätig sein. Die junge Bäuerin meinte:

„Mir taugt es, dass ich meinen erlernten Beruf weiter ausüben kann, eigenes Geld dazu verdiene und andere Kontakte und Abwechslung erlebe. Sonst fällt mir hier die Decke auf den Kopf. Und mein Mann stemmt den Betrieb draußen eh ganz gut. Aber meine Schwiegermutter findet das nicht so gut. Ich glaube, sie meint, dass es normaler wäre, wenn ich daheim bleibe.“

Oft braucht es Öffnung für neue Lebensentwürfe

Solche Veränderungen und die Öffnung für neue Lebensentwürfe brauchen gerade in der Landwirtschaft viel Zeit. Das sieht man gut an einigen bäuerlichen Leitsätzen, die häufig zu „Leid-Sätzen“ werden. Sie sollen eigentlich das Zusammenleben und die Kommunikation zwischen den Generationen regeln, erleichtern es aber nicht wirklich. Leitsätze wirken in vielen bäuerlichen Familien immer noch, egal ob ausgesprochen oder nicht, z. B.:

  • „Das ist halt so.“
  • „Das war (bei uns) schon immer so.“
  • „Das schaffen wir schon selber!“
  • „Das geht niemand was an!“
  • „Nix g’sagt, is g’lobt gnua!“

In der Landwirtschaft gelten oft noch eigene Regeln

Eine Frau, die – bevor sie auf einen Betrieb einheiratete – vorher weder Landwirtschaft noch Dorfleben kannte, wunderte sich in einer Beratung. Die Regeln, die in der Landwirtschaft zu gelten scheinen, waren ihr fremd. Sie selber fühlte sich als Fremdkörper und war sich unsicher, wie sie sich verhalten sollte, damit die Familie sie annimmt und mag. Sie stellte kopfschüttelnd fest:

„Ich glaub’, ich bin in einer anderen Welt gelandet!“

Doch nichts muss so bleiben, wie es schon immer war. Überlieferten Traditionen und Regeln auf den Grund zu gehen und sich zu fragen, was davon in der Familie „automatisch“ wirksam ist, kann manches Aha-Erlebnis hervorrufen: „Das war mir gar nicht so bewusst!“

Wer sich auf die neue Frau am Hof einlässt, kann nur gewinnen

Die Einheirat einer jungen Frau, die einen frischen, unverstellten Blick mitbringt, kann hier ein großes Geschenk sein. Denn wer die Bereitschaft mitbringt, zuzuhören und sich auf eine Rückmeldung einzulassen, kann nur gewinnen. Auf diese Weise findet man gemeinsam zu (neuen) Sichtweisen und Vereinbarungen, die das Verständnis zwischen alter und junger Generation stärken und so von vorn herein mögliche Konflikte reduzieren.

In der Beratung blickte eine Bäuerin zurück:

„Nachdem es vorher im Leben für mich eh nicht so einfach war, war ich froh, dass mich die Familie meines Mannes so freundlich aufgenommen hat. Das war für mich so wichtig, dass ich gar nicht darauf geachtet habe, wie es bei denen läuft und was wir vielleicht gleich am Anfang hätten regeln müssen. Mit meiner Schwiegermutter verstand ich mich eigentlich gut.

Aber heute denke ich mir, wohl nur, weil ich mich untergeordnet habe. Sie ist die Herrin im Haus geblieben. Wir haben den Haushalt miteinander gemacht. Dann hab ich meinen Mann unterstützt und im größer werdenden Betrieb auch einiges übernommen: Stallarbeit, Buchführung, Bestellungen, Anträge, da gibt es ja viel so Sachen. Und die vier Kinder dazu ...

Es ging eigentlich eh lange, bis mich alles mehr und mehr aufgeregt hat und ich nicht mehr schlafen konnte und ich nur noch genervt war. Ich hab beschlossen: Nein, so geht das nicht weiter!“

Besser spät als nie hat die Bäuerin mit gut 50 Jahren erkannt, dass sich endlich was ändern muss, um nicht ganz unter die Räder zu kommen.

Vorstellung von jung und alt sind oft ungleich

In der Beratung hat sich gezeigt, dass man eine Regelung, die man nicht gleich bei der Übergabe oder Einheirat getroffen hat, nur begrenzt nachholen kann. Wenn die junge Bäuerin auf einmal ausspricht, was sie für Vorstellungen hat und was sie will bzw. nicht mehr will, stößt das bei der älteren Generation nicht auf Begeisterung. Einer der Gründe dafür ist, dass diese Generation nie gelernt hat, die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen. Für viele der Senioren stand und steht auch heute noch der Betrieb an erster Stelle (siehe Wochenblatt 14, S. 57 – 60).

Und selbst wenn Vereinbarungen getroffen wurden, kann es Zeit brauchen, bis alle Beteiligten am Hof sich damit zurechtfinden: In einer Familie wurde mehrmals besprochen, dass die junge Frau sich um die Pflanzen am Hof kümmert. Trotzdem konnte es die Seniorin nicht lassen, Verblühtes herauszuzupfen und ohne Auftrag die Tomatentöpfe zu gießen. Von der jungen Bäuerin darauf angesprochen, fragte sich die Austragsbäuerin:

„Was hat sie denn? Ich misch mich doch eh nimmer ein ... Ich meins doch nur gut – die Jungen haben doch eh so viel Arbeit.“

Was will man darauf antworten? Lieber erst einmal so stehen lassen und geduldig sein. Mit nur einem Gespräch wird es sowieso nicht getan sein. Veränderung braucht Zeit, Geduld und Ausdauer.

Durch ständige Beobachtung wächst Unsicherheit

Leider entspricht die Auserwählte häufig bereits von Beginn an nicht dem Wunschbild der Schwiegereltern, und das lassen sie sie auch spüren: Ob die (zu uns) passt? Welches Bild von einer Bäuerin haben die Schwiegereltern? Was ist „normal“? Statt einem „Willkommen bei uns!“ erlebt die Frau oft ein kritisch abwartendes „Schau’n ma mal ...“

Die Frau fühlt sich unter ständiger Beobachtung, die Unsicherheit wächst: „Mach ich es ihnen schon recht? Was erwarten die wohl von mir? Ich bin das ganz anders gewohnt!“ Nicht wenige versuchen, sich „irgendwie“ anzupassen und zu gefallen, um von der neuen Familie angenommen und geliebt zu werden. Statt darüber nachzudenken, was sich die anderen denken könnten, ist es hilfreich, miteinander zu reden und nachzufragen.

Hat die Skepsis etwas mit Wunschdenken zu tun?

Dabei dürfen sich alle, denen ihr Sohn seine Zukünftige vorstellt, freuen, dass er überhaupt eine Lebenspartnerin, die einheiraten will, gefunden hat. Vielleicht hat die Skepsis der Senioren mit dem Loslassen eigener Wunschbilder zu tun, gewiss aber mit dem Loslassen des geliebten Kindes und des bisherigen Status am Hof.

In einer Beratung beschwerte sich die Schwiegermutter:

„Seit sie (die Schwiegertochter) jetzt ganz aufm Hof da ist, ist der Bua ganz anders geworden. Ich kann sagen, was ich will, der hört ja grad noch auf sie. Ich kenn ihn gar nimmer!“

Und im Einzelgespräch berichtet die Schwiegertochter:

„Ich kann tun, was ich will, der (die Schwiegermutter) kann ich es eh nicht recht machen. Sie ist da immer noch die Chefin! Mir kommt’s vor, als ob ich ihr ihren geliebten Bubi weggenommen hätt’, der ihr jetzt nicht mehr folgt, wie sie sich das vorstellt!“

Hier scheint die Abnabelung des Sohnes von der Mutter gelungen zu sein, die spätestens bei der Entscheidung für eine Lebenspartnerin geschehen muss. Das bedeutet: Wenn es Spannungen zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter geben sollte, darf und kann sich der junge Übernehmer nicht raushalten, nur weil man(n) vielleicht Konflikte scheut und es sich mit keiner der beiden wichtigen Frauen verscherzen will!

Das ist eine Herausforderung, keine Frage, aber nur der junge Übernehmer kann zwischen den beiden Frauen immer wieder Brücken bauen. Ein Problem, das in gegenseitiger Achtung angegangen und bearbeitet wird, ist immer eine Chance. Auseinandersetzungen, die unter den Teppich gekehrt werden, können zu einem kalten Dauerkonflikt werden, der unterschwellig das Klima versaut und trennende Wirkung hat.

Nicht zu viele Veränderungen auf einmal

Wichtig ist auch, sich bewusst zu machen, dass für die junge Frau, die auf den Betrieb zieht, viele Veränderungen auf einmal anstehen. Der junge Mann bleibt dagegen in der Regel am Hof wohnen und muss nicht umziehen. Ebenso wenig seine Eltern, die „schon immer“ auf dem Hof daheim waren und bei der Übergabe oft sogar im Betriebsleiterhaus wohnen bleiben. Ausräumen, Umräumen, Umziehen in eine andere Wohnung würde den Senioren helfen, die veränderten Verhältnisse und die neue Lebensphase besser zu realisieren.

Manchmal tut es auch gut, sich als künftige Austragsbäuerin, Schwiegermutter, Oma daran zu erinnern, wie das für sie war, als sie vor Jahrzehnten selber auf den Hof gekommen ist. Eine Bäuerin betonte:

„Ich hab gleich gesagt: So wie das für mich damals war, wünsch ich es keiner! Drum bemüh ich mich wirklich und halt mich raus. Die machen das ganz anders, das wird schon passen!“

Wie gut, wenn das jemand so sagen kann.

Offen und Wertschätzend miteinander umgehen

Von Anfang an klar, offen und wertschätzend Sachen auf den Tisch legen und Regelungen ausmachen – das stößt nicht immer gleich auf positive Resonanz und löst Freude aus. Langfristig aber werden sie das (Zusammen-)Leben für alle erleichtern und reicher machen. Das Verständnis füreinander wächst und damit die Freude am Leben auf dem Hof, aber das geschieht trotz gutem Willen nicht von selbst. Wer mit Ausdauer dranbleibt, gewinnt Sicherheit und entdeckt die Vorzüge und den Mehrwert des landwirtschaftlichen Familienbetriebs.

Vor der Einheirat: Die richtigen Fragen stellen

Wer in einen Betrieb einheiratet, braucht Mut zur Entscheidung und die Fähigkeit, Fragen zu stellen. Die Frau entscheidet sich nicht nur für den Lebenspartner, sondern für einen Familienbetrieb mit seinen eigenen Regeln, Grundsätzen und Traditionen. Nicht selten prallen da ganz unterschiedliche Vorerfahrungen und Vorstellungen aufeinander.

Übernehmende sollten sich früh genug damit auseinandersetzen, wie man sich das Leben als Paar, als (junge) Familie und das Zusammenleben und Arbeiten in der Großfamilie auf dem Hof vorstellt. Dasselbe gilt für die Übergebenden. Beide Generationen brauchen Antworten auf diese Fragen:

  • Wie stellen wir uns unser Leben vor? Was haben wir im Sinn? Was wollen wir (nicht)?
  • Wie stellen wir uns den Arbeitsalltag in Haus und Hof konkret vor?
  • Was müssen wir mit der anderen Generation alles besprechen und ausmachen, damit wir gut miteinander auskommen?
  • Welche Grenzen und Zuständigkeiten müssen wir verhandeln und festlegen?

Die Frauen sind in dem Bereich Lebensgestaltung, Veränderungen und Kommunikation meist sensibler und haben weitaus höhere Erwartungen als die Männer. Das zeigt schon die Tatsache, dass ca 80 % der Anfragen für Beratung von Frauen kommen. Wenn der Druck (zu) groß wird, ergreifen sie die Initiative und wollen über Gefühle, Bedürfnisse, Kränkungen und Abwertungen reden und (endlich) gehört werden.

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