Kunst der Handschrift

Schreiben will gelernt sein

Schrift
Carmen Knorr
Carmen Knorr
am Freitag, 04.12.2020 - 15:22

Wer hat die Schrift erfunden? Wie hat das Wochenblatt zur Bildung auf dem Land beigetragen? Eine kurze Kulturgeschichte.

Ganze 17 Gelenke und 30 Muskeln in Fingern, Hand und Arm gleichzeitig nutzen wir, wenn ein Stift Buchstaben auf ein Blatt Papier schreibt. Auch unser Gehirn leistet Höchstarbeit: Zwölf Gehirnareale arbeiten zugleich, um die Hand zu steuern. Doch das lohnt sich, denn die Schrift ist entscheidend im Alltag und für die Entwicklung der Menschheit.

Seit Jahrtausenden nutzen Menschen die Schrift als kulturelles Werkzeug, um ihr Wissen zu speichern: Mit Hammer und Meißel in Stein, mit Gänsefeder und Tinte auf Papier oder mit Bleistift in Tagebüchern. Manche Aufzeichnungen überdauerten Jahrhunderte und so begann mit der Entwicklung der Schrift auch die Geschichtsschreibung.

Viele Mythen beschreiben das Entstehen der Schrift

Über die Entstehung der Schrift gibt es unterschiedliche Geschichten – aber fast immer ist sie die Angelegenheit eines Gottes. In Ägypten war es Thot, Gott der Weisheit und des Schreibens, bei den Nordgermannen war es Odin, der Schöpfer der Runen. Um das lateinische Alphabet rankt sich mehr als eine Geschichte: Der Gott Merkur und sein Sohn Evander streiten sich um die Ehre. Bei den Hebräern soll Gott selbst der Schöpfer der „heiligen Schrift“ sein – als er Mose die zwei Stein­tafeln mit den zehn Geboten übergab.

Wer die Schrift nun wirklich erfand, wird wohl nie gelöst werden. Der Grund für die Entstehung ist gewisser. Aus Jägern und Sammlern wurden Bauern und Händler. Aus Siedlungen wurden Dörfer und Städte. Die Menschen brauchten Verwaltung und Organisation.
Die mündliche Überlieferung und das menschliche Gedächtnis reichte nicht mehr aus. Aus dieser Notwendigkeit heraus entwickelte sich das Schreibwesen. Auch die Religionen spielten eine große Rolle. Über Jahrhunderte hinweg kamen die meisten Schreibkundigen aus religiösen Gemeinschaften. Erst als sich Lese- und Schreibfähigkeiten in der breiten Gesellschaft ausbreiteten, schrumpfte die Bedeutung und der Einfluss der Kirche.

Die beliebtesten Schreibgeräte der Mönche im Mittelalter waren Gänse- oder Truthahnfedern. Bis ins 19. Jahrhundert tauchten die Schreiber sie in die Tintenfässer. Der Verbrauch war immens. Etwa 50 Millionen Federkiele sollen in Deutschland pro Jahr verbraucht worden sein. Da pro Tier nur zehn bis zwölf gute Federkiele gewonnen werden konnten, mussten jährlich etwa vier bis fünf Millionen Gänse in Deutschland ihr Federkleid lassen.

Das Wochenblatt half das Land zu alphabetisieren

Auch das Bayerische Landwirtschaftliche Wochenblatt trug Anfang des 19. Jahrhunderts dazu bei, die Schrift zu den Bauern und in die Dörfer zu bringen. Zu Beginn hatten es noch Pfarrer und Lehrer vorgelesen. Obwohl im Kurfürstentum Bayern bereits im Jahr 1802 die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde, brauchte es noch einige Jahrzehnte bis diese auch Anklang fand. Besonders die Landbevölkerung widersetzte sich mehrmals mit heftigen Protesten: In den kleinbäuerlichen Betrieben brauchte man die Arbeitskraft der Kinder. Diese wurde als wichtiger angesehen als deren Schulbildung.

Zudem gab es auch noch kein flächendeckendes Schulsystem. Es fehlten Schulgebäude, Lehrer und vor allem eine staatliche Kultusbürokratie. Im Jahr 1919 schrieb die Weimarer Verfassung dann die allgemeine Schulpflicht für ganz Deutschland fest. Erst 1978 kamen die Regelungen zur Schulpflicht, wie wir sie heute kennen.

Von Kurrent über Koch zur vereinfachten Schrift

Unsere Schreibschrift basiert auf der sogenannten Kurrentschrift aus dem 16. Jahrhundert. Daraus entwickelte sich dann die deutsche Schrift. Sie wurde 1911 von Ludwig Sütterlin erstellt, deswegen nennt man sie auch oft Sütterlin-Schrift. Ab 1924 wurde sie immer mehr zum Standard.

Weil Sütterlins-Schrift nicht ganz so leicht von der Hand ging, wurde gegen Ende der 1920er Jahre der Typograf Rudolf Koch beauftragt, eine neue Schreibschrift zu entwerfen. Sie sollte sowohl gut mit Griffel und Schiefertafel, als auch mit einer feinen und breiten Stahlfeder auf Papier geschrieben werden können. Man nannte Kochs Schrift auch die Offenbacher Schreibschrift oder Koch-Kurrent. Diese Schrift gab es erstmals nicht nur als deutsche Schrift, sondern auch als Variation für das lateinische Alphabet. Beide Versionen wurden an den Schulen gelehrt.

Mit dem sogenannten Bormann-Erlass von 1941 haben die Nationalsozialisten das Ende der deutschen Schrift besiegelt. Demnach sollte fortan nur noch die lateinische Schreibschrift in den Dorf- und Volksschulen gelehrt werden. Sie wurde von den Nationalsozialisten auch als „Normalschrift“ bezeichnet. Die deutsche Schrift durfte laut dem Erlass nicht als solche bezeichnet werden, weil sie von „Juden­lettern“ abstamme.

Heutzutage ist die lateinische Schreibschrift, die weltweit am weitesten verbreitete – sofern überhaupt noch eine Schreibschrift geschrieben wird. Denn erst zu Beginn der 1970er Jahre experimentierte man wieder mit einer neuen Schreibschrift. Heraus kam die vereinfachte Ausgangsschrift. Außerdem wurde das Unterrichtsfach Schönschreiben vom Lehrplan gestrichen. Der optische Aspekt der Schulschrift wurde somit zurückgestellt. Stattdessen stand das leichte Erlernen und die einfache Anwendung im Vordergrund. Seit Ende der 1980er Jahre lernen Schülerinnen und Schüler gleichzeitig auch die Druckschrift. Nachdem es lange Zeit ruhig um die Schrift war, wurde 2011 die Grundschrift an deutschen Schulen eingeführt. Sie vereint den Stil der Schreibschrift und der Druckschrift.

Die Handschrift wird immer mehr vergessen

Gleich geblieben ist: Zum Schreibenlernen braucht jeder Mensch Zeit. Manchen Menschen genügt es dann, dass ihre Schrift gerade so für sie selbst lesbar ist. Andere bevorzugen ein besonders schönes Schriftbild. Heutzutage leidet die Handschrift aber zusätzlich unter den vielen technischen Neuerungen wie Computer, Tablets oder Smartphones. Handschriftliche Briefe werden kaum noch geschrieben.

Besonders in der Arbeitswelt werden fast ausschließlich elektronische Nachrichten gesendet. Ein Selfie über WhatsApp verschickt, ersetzt Urlaubspostkarten. Tagebücher nennen sich heute Blogs oder Vlogs und werden online gepostet.

Die Handschrift scheint heutzutage nur noch wichtig zu sein, wenn wir etwas Persönliches ausdrücken möchten, zum Beispiel eine Widmung, einen Dank oder einen lieben Gruß. Die meisten Menschen nutzen ihre Handschrift allerdings vorwiegend nur noch als Gebrauchsgegenstand für einen Einkaufszettel oder einen Eintrag in den Kalender.

Wie wäre es diesen Text als Anlass dafür zu nehmen, wieder einmal einen Brief statt einer Chatnachricht zu verschicken, eine herzlich gestaltete Weihnachtskarte zu verschenken und in der Schule oder der Universität öfter wieder mit der Hand mitzuschreiben. Das hat zugleich den Vorteil, wie eine Studie aus dem Jahr 2014 beweist: Wir verstehen komplexe Sachverhalte leichter, wenn wir mit der Hand mitschreiben, statt auf einer Tastatur mitzutippen.