Schöpfung

Die Schöpfung auf einem Tuch

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Dekan Helmut Müller, Haundorf
am Donnerstag, 22.11.2018 - 09:50

Eine alte Frau bestickt ein großes weißes Tuch mit buntem Garn und goldenen Fäden.

Ich sehe es vor mir, als hätte ich es gestern erlebt, in einer Stube mit einem kranken Mann im Bett und seiner ebenfalls betagten Frau, die am Tisch sitzt und ein großes weißes Tuch bestickt: mit bunter Wolle und goldenen Fäden.

Als ich Wochen später das fertige Kunstwerk abhole, erzählt sie mir, wie sie zuerst die ganze Fläche mit einem goldenen Kreuz geschmückt und dann mitten hinein die Sonne gestickt hat, wie eine leuchtende Blume. Und dann die ganze Schöpfung: Pflanzen und Früchte, Blumen und Bäume, Gras und Korn, Bananen und Trauben. Mond und Sterne. Fische im Wasser, Vögel, die sich in die Luft erheben.

Jetzt war die Schöpfung beinahe vollständig, und die Arbeit der Frau fast getan. Nur wir Menschen fehlten noch und unsere Gefährten: die Tiere, die auf der Erde leben. Also stickte sie nun noch Käfer und Schmetterlinge, Reh und Hase dazu. Und: zwei Menschen, eine Frau und einen Mann. Und das heißt doch, auch dich und mich – jeden und jede von uns als Gottes Geschöpf, das er geschaffen hat und liebt und selig machen will.

Als sie fertig ist mit ihrem bunten Tuch, betrachtet sie es lange und freut sich daran. Und holt die Bibel, in die sie Lesezeichen hineingelegt hat, dort, wo Gott für seine wunderbare Schöpfung gelobt wird. Quer durch die Bibel liest sie die schönen Verse. Aber weit kommt sie nicht, denn jetzt stöhnt ihr kranker Mann wieder so arg. Schnell geht sie zu ihm ans Bett und kümmert sich um ihn.

Da liegt nun das schöne Tuch mit all den bunten Farben, aber hauchdünn liegt jetzt auch ein Schatten darüber – von Krankheit und Tod, Angst und Leid. Schmerzen und Tränen.

Die Frau, die es bestickt hat, hat das übrigens als Geschenk für eine neue Kirche in der Steppe Tansanias getan. Und den Jubel werde ich nie vergessen, in den die vielen dunkelhäutigen Menschen dort ausbrachen, als ich mit der Geschichte von diesem Tuch und seiner Künstlerin fertig war, und es feierlich an den Altar gehängt wurde.