Bildungsberatung

Ohne Druck auf beiden Seiten

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Sophia Gottschaller
Sophia Gottschaller
am Dienstag, 25.05.2021 - 16:55

Wie schaffen es Eltern, ihren Nachwuchs für den Beruf des Landwirts zu begeistern? Und das, ohne den Kindern oder sich selbst zu viel Druck aufzubauen. Wir haben bei einem Bildungsberater nachgefragt.

Bildungsberater-Guenther-Rehm

Die meisten Eltern, die selbst Landwirte sind, wünschen sich, dass eines ihrer Kinder den landwirtschaftlichen Betrieb übernimmt. Von vielen Seiten heißt es, die Eltern hätten es selbst in der Hand, ob ihre Kinder Lust haben, in die Landwirtschaft einzusteigen. Doch können Eltern diese Entscheidung ihrer Kinder wirklich beeinflussen und ist das eine gute Idee?

Wir haben bei Günther Rehm vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten nachgefragt. Er ist dort seit dem Jahr 2011 als Bildungsberater für die Ausbildung zum Landwirt und zur Landwirtin zuständig. Rehms Aufgabengebiet umfasst die Landkreise Oberallgäu, Ostallgäu, Lindau sowie die kreisfreien Städte Kaufbeuren und Kempten. Das Amt in Kempten betreut die höchste Zahl an angehenden Landwirten von allen Berufsbildungsämtern in Bayern.

Selbst gerne Landwirt zu sein wirkt ansteckend

„Die beste Voraussetzung, die Freude an der Landwirtschaft an die Kinder weiter zu geben, ist, selber gerne Landwirt oder Landwirtin zu sein“, ist der Bildungsberater überzeugt. „Das lässt sich in vielen verschiedenen Lebensbereichen beobachten: „Wenn jemand etwas gerne macht, dann strahlt diese Person das aus. Das kann ansteckend wirken, auch auf den Nachwuchs.“

Die Kehrseite ist jedoch: Wenn die Eltern nur noch die Schwierigkeiten ihres Berufs sehen und sie sich nicht mehr auf die positiven Aspekte fokussieren können, kommt auch das bei den Kindern an und prägt ihre Einstellung zur Landwirtschaft. Denn auch diese Einstellung, dass alles nur anstrengend, schlecht oder negativ ist, strahlen Menschen aus.

Auch Schwierigkeiten gehören zum Alltag

Eltern müssen sich aber keinen Druck machen, ständig die perfekten Vorbilder zu sein und ihren Kindern nur die positiven Seiten der Landwirtschaft aufzuzeigen. Das ist nicht authentisch, denn zum (Berufs-)Alltag gehören auch schwierige Phasen. Rehm betont, dass es dabei wichtig ist, diese Schwierigkeiten als Familie zu besprechen. „Es darf durchaus vor den Kindern zur Sprache kommen, dass es Probleme gibt, selbst wenn es schwerwiegende Dinge sind, und dass man sich mit diesen auseinandersetzt“, meint der Bildungsberater und ergänzt: „Nur wenn man offen über Schwierigkeiten spricht, können Kinder bei konstruktiven Problemlösungen von den Eltern lernen.“

Ein weiterer Pluspunkt: Als Familie kommt man bei Schwierigkeiten häufig auf ganz andere Lösungen, als dies im Alleingang möglich wäre. „Ich denke das ist sogar eine der Kernkompetenzen von erfolgreichen Familienbetrieben“, betont Rehm. „Sie haben es geschafft eine Basis zu finden, gemeinschaftlich Probleme anzugehen und zu lösen.“

Sollen Eltern ihre Kinder in Richtung Landwirtschaft lenken?

Doch sollen Eltern ihre Kinder nun in Richtung Landwirtschaft „lenken“ oder nicht? „Eltern sollten ihren Kindern bei der Frage, welchen Beruf sie lernen wollen, den Freiraum einräumen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen. Und diese respektieren“, unterstreicht der Bildungsberater. Freilich müssen Eltern ihren Wunsch nicht verschweigen – sie dürfen offen sagen, dass sie sich freuen würden, wenn die Kinder in die Landwirtschaft einsteigen möchten.

Wenn Kinder sich vor dem Hintergrund dieses Freiraums für die Landwirtschaft entscheiden, einfach weil sie es selber wollen, dann steht einem erfolgreichen Weg in Richtung Ausbildung und Betriebsnachfolge nichts mehr im Weg. Aber wenn Eltern bemerken, dass sich die Kinder beruflich in eine andere Richtung entwickeln, sollten sie keinen Druck aufbauen. Aus seiner Erfahrung finden einige Kinder sogar zur Landwirtschaft zurück, nachdem sie erst einen anderen Beruf gelernt haben.

Wenn sich die Kinder trotz aller Bemühungen nicht für den Beruf des Landwirts entscheiden, sind viele Eltern traurig. Sie machen sich Vorwürfe, fühlen sich gar als Versager. Wie findet man damit seinen Frieden?

Eltern dürfen stolz auf ihr Lebenswerk sein

Der Bildungsberater rät, sich im ersten Schritt ehrlich einzugestehen, dass man sich wirklich gefreut hätte, wenn der Nachwuchs den Hof übernommen hätte. Im zweiten Schritt könne man lernen trotzdem zuzulassen, dass sich die Kinder anders entschieden haben. „Die Eltern tragen in diesem Fall nicht die Verantwortung dafür oder haben etwas falsch gemacht. Sondern die Kinder gehen einfach ihren eigenen Weg“, verdeutlicht Rehm. Kinder haben nicht die Aufgabe, das Lebenswerk der Eltern weiterzuführen, so schwer diese Erkenntnis ist. Eltern dürfen trotzdem stolz auf ihren Betrieb, auf sich und ihr Lebenswerk sein. Und genauso auf ihre Kinder, die selbstbestimmt eigene Entscheidungen treffen.

Eine Fortbildung ermöglichen

Bildung ist ein lebenslanger Prozess, auch in der Landwirtschaft. Eltern sollten daher ihren Kindern ermöglichen, (berufliche) Fortbildungen zu besuchen, zum Beispiel an den Meister-, Techniker- oder Höheren Landbauschulen. „Die Herausforderungen an Betriebsleiter sind in der heutigen Zeit sehr hoch. Deshalb ist es entscheidend, dass sie gut ausgebildet und vernetzt sind“, betont Günther Rehm, Bildungsberater am AELF Kempten.

Der Mehrwert von beruflichen Fortbildungen, persönlichkeitsbildenden Angeboten wie den Grundkursen oder sogar Auslandspraktika ist vielfältig: Junge Menschen können über ihren eigenen Tellerrand hinausschauen, sie lernen dort Betriebsleiter aus anderen Regionen und erfolgreiche Betriebskonzepte kennen. Solche Maßnahmen helfen den jungen Leuten dabei, auch in der Zukunft im betrieblichen und privaten Rahmen handlungsfähig zu bleiben.

Freilich ist es manchmal nicht so leicht, für die jungen Leute diesen Zeitraum „freizuschaufeln“ und solche Phasen im Betrieb zu überbrücken. Vor allem, wenn auf dem Betrieb eine hohe Arbeitsbelastung vorhanden ist. „Hier kann zum Beispiel ein starker Familienverbund ins Spiel kommen“, zeigt Rehm auf. Bei solchen Fragen sollte sich die Familie zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie sie diese Zeit gut überbrücken kann. „Es ist natürlich praktisch, wenn Familienangehörige in dieser Zeit aushelfen können.“ Manchmal sei auch das Generationenintervall enger und rüstige Austragler, die die Arbeit gerne machen, können noch mithelfen und sich einbringen.

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