Allerseelen

Letzte Hilfe leisten

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Anna Knon
Anna Knon
am Freitag, 30.10.2020 - 14:22

Was „Erste Hilfe“ ist, weiß jeder: Alles tun, damit Menschenleben gerettet wird. Genau so wichtig ist „Letzte Hilfe“: Einem Sterbenden beistehen. Viele wollen das, aber trauen sich nicht. In einem Kurs bekommt man das Rüstzeug.

In bäuerlichen Familien ist es Gang und Gäbe die Altenteiler daheim zu pflegen, bis zum Sterben – unabhängig von Verfügungen im Übergabe-Vertrag. Doch jeder kennt Familien, die jahrelang liebevolle Pflege geleistet haben, gestorben ist der greise Vater letztlich im Krankenhaus, obwohl genau das keiner gewollt hat.

Die Vorstellung, dass die geliebte Oma oder der betagte Vater, die das ganze Leben auf dem Hof verbracht haben, in irgendeinem Krankenhauszimmer einsam sterben, ist unerträglich. Gerade in Zeiten von Corona mit eingeschränkten Besuchsregeln sind solche Sorgen ganz nah.

Aber wenn der Kranke über Tage hinweg Essen und Trinken verweigert, immer schwächer wird und dann auch noch die für die letzte Phase typische Rasselatmung einsetzt, werden viele Angehörige panisch. Sie meinen es gut: Vater soll nicht ersticken müssen, nicht verhungern oder gar verdursten… Der Notarzt wird gerufen, und dem bleibt qua Amt nichts anderes übrig, als den Transport ins Krankenhaus zu veranlassen.

Wenn der Organismus schwächer wird

„Man stirbt nicht, weil man aufhört zu essen und zu trinken, sondern man hört auf zu essen und zu trinken, weil man stirbt.“ Solche Sätze lernt man im Letzte-Hilfe-Kurs und bekommt dazu die Erklärung: Die Organfunktionen werden schwächer, der Körper braucht keine Energie mehr. Alles, was ihm von außen zugeführt wird, irritiert die natürlichen Abläufe und zieht den Sterbeprozess unnötig und qualvoll hinaus.

So wie ein Ersthelfer Herz-Druck-Massage kennen muss und wie eine Blutung gestoppt werden kann, lernt der Letzthelfer, was er gegen Mundtrockenheit des Sterbenden tun kann, wie er erkennt, ob der Sterbende die körperliche Nähe und Berührung mag oder nicht, was Aromatherapie bewirken kann, wie wichtig Ruhe im Raum ist, wann der Tod unmittelbar bevorsteht...

Begleiten bis zum letzten Atemzug

Hilfsbereitschaft, Liebe, Einfühlungsvermögen, menschliche Wärme – das sind die Grundvoraussetzungen, um bei einem Menschen bis zum letzten Atemzug zu bleiben und auszuhalten, dass er geht. Aber es gibt Wissen um den Sterbeprozess, das diese Begleitung leichter macht und gleichzeitig im Blick hat, was der Sterbende braucht und was er nicht (mehr) braucht. Dieses Wissen bekommt man im Kurs „Letzte Hilfe“.

Die Idee stammt von Dr. Georg Bollig. Der Palliativmediziner hat vor gut zehn Jahren ein Konzept entwickelt, um medizinischen Laien zu helfen, einen Menschen bis zum Ende zu begleiten und zu verstehen, wie das Sterben abläuft. Letzte Hilfe sollte in der Gesellschaft genau so etabliert werden wie Erste Hilfe, ist die Überzeugung von Bollig.

Angesichts der Diskussion um Hilfe bei Suizid oder Tötung auf Verlangen ist es mehr als eine Randnotiz, sondern wichtige Feststellung Bolligs: Letzte Hilfe ist keinesfalls Sterbehilfe, sondern Beistehen und Umsorgen im Sterben.

Außer ganz konkreten Ratschlägen zur Begleitung Sterbender, gibt es eine zweite Zielrichtung der Kurse, nämlich Impulse zu geben, über die Endlichkeit unseres Daseins nachzudenken. Der dreistündige Kurs vermittelt Basiswissen über Palliativversorgung, gibt Orientierung und zeigt einfache Handgriffe. Die Kursinhalte sind in vier Module eingeteilt: Sterben als Teil des Lebens, Vorsorgen und Entscheiden, Lindern körperlicher, psychischer, sozialer und existenzieller Nöte, Abschied nehmen.

Über das Sterben reden

Die Kurse werden in Deutschland seit einigen Jahren flächendeckend angeboten, die Nachfrage ist groß. Das bestätigt, was eine Umfrage vor drei Jahren ergab: Viele Menschen in Deutschland wünschen sich eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Thema Sterben und vermissen konkrete Informationen. Sie wissen wenig über den Sterbeprozess, auch wenig über Hospiz- und Palliativversorgung.

Das ist letztlich der Grund, warum sich Menschen die Betreuung eines Sterbenden (in der Familie, in der Verwandtschaft, Bekanntschaft, Nachbarschaft) nicht zutrauen, obwohl sie diesen Dienst eigentlich leisten möchten.

Wenn ein Mensch stirbt, ist das für alle Angehörigen eine Grenzerfahrung, eine ganz außerordentliche Situation: Inmitten der eigenen Angst und Trauer klaren Kopf zu behalten und zu wissen, was zu tun ist, geht nur, wenn man sich beizeiten vorbereitet.

Doch wann will man übers Sterben reden? Wann nimmt man sich schon Zeit, die letzten Dinge zu regeln? Gehört es sich überhaupt, angesichts eines kranken Familienmitglieds über das Sterben zu sprechen? Ja. Man redet damit den Tod nicht herbei, sondern bricht die eigene Lähmung auf, die aus der Angst vor dem Ungewissen entsteht.

In der Familie sich zu besprechen gibt kraft

Es gibt Kraft, wenn in der Familie alles besprochen wird, was man regeln kann, was jeder wissen muss:

  • Wie wechseln wir uns in der Pflege und Betreuung ab?
  • Wo können wir Hilfe bekommen?
  • Wo gibt es in der Nähe Ansprechpartner der Hospiz- und Palliativbewegung? Wer nimmt Kontakt auf?
  • Was tun wir, wenn der Sterbende Schmerzen bekommt oder sehr unruhig wird?
  • Wie ist der Hausarzt erreichbar?
  • Will der Sterbende geistlichen Beistand – alleine oder zusammen mit der Familie?
  • Was machen wir, wenn wir merken, dass der Tod unmittelbar bevorsteht. Wer wird von wem verständigt?
  • Welche Kleidung soll der Tote tragen? Will jemand aus der Familie das letzte Einkleiden übernehmen?
  • Wieviel Zeit bleibt uns zum Abschied nehmen?
  • Wen müssen wir verständigen, wenn der Tod eingetreten ist?

Man kann und soll über den Tod reden, aber Gewissheiten gibt es wenige. Jeder Tod ist anders: Der des greisen Vaters, der über Jahre hin immer schwächer wird, der der krebskranken Frau im „besten Alter“, die den Kampf zurück ins Leben verloren hat, der der dementen Oma, die schon Jahre in die Leere starrt und scheinbar nichts mehr mitkriegt, der des schwerkranken Kindes, für das es keine Rettung gibt.

Einen geliebten Menschen gehen zu lassen ist schwierig

Einen geliebten Menschen gehen zu lassen, ist immer schwer, selbst dann, wenn der Tod die so oft zitierte „Erlösung“ ist. Der Tod wird begreifbarer, wenn man die letzte Szene einer Beziehung zu einem Menschen miteinander erlebt. Es hat seinen Grund, warum bei plötzlichem unerwarteten Tod, bei Unfällen und Unglücksfällen die Hinterbliebenen mit diesem „Filmriss“ in der Beziehung zu einem Menschen oft nicht klarkommen.

Erste Hilfe zu leisten, ist in unserer Gesellschaft Pflicht. Unabhängig davon, dass man in Deutschland wegen unterlassener Hilfeleistung bestraft werden kann, braucht es eine gewisse Grundhaltung zum Helfen, als Ersthelfer aber auch als Letzthelfer. Diese Grundhaltung kann um so selbstverständlicher werden, je weniger das Helfen als Sache der Profis gilt, sondern in der Gesellschaft als Wert ganz oben steht.
Der Tod ist die einzige Gewissheit in unserem Leben. Es sollte Teil der Allgemeinbildung sein, zu wissen, was im Sterben abläuft, ist die Überzeugung von Dr. Georg Bollig: „Ethisch und moralisch betrachtet gibt es keinen Unterschied zwischen Erster und Letzter Hilfe, denn im Grund verpflichtet uns unser Menschsein alleine dazu, Anderen beizustehen und zu helfen.“ Im Leben und im Sterben.