Familie

Kind sein in Coronazeiten

Sigrid Tinz
am Freitag, 19.02.2021 - 08:08

Auch Kinder leiden unter der Coronakrise. Wie können sie unbeschwert aufwachsen? Und wie schaffen es Eltern, sich dabei selbst nicht zu überlasten?

on_Kinder und Corona Sigrid Tinz - Maske tragen ist jetzt Gewohnheit (7)

Eine Infektion mit dem Coronavirus macht Kinder meist nicht viel kränker als ein Schnupfen. Körperlich. Psychisch sieht es allerdings anders aus. Ein knappes Jahr nach Beginn der Corona-Pandemie zeigt fast jedes dritte Kind psychische Auffälligkeiten – das ist das Ergebnis der Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf, die gerade eben vorgestellt wurde.

Mehr Kinder als sonst sind unruhig, nervös oder ängstlich, sie sind gereizter, aggressiver, weinerlicher und wütender. Sie essen weniger, können sich nicht so gut konzentrieren und viele haben nach dem Pippi-Langstrumpf-Leben der ersten Lockdown-Wochen Schwierigkeiten, mit dem geregelten Homeschooling-Alltag klarzukommen.

Andere haben körperliche Symptome wie Übelkeit, Bauchweh oder Kopfschmerzen oder verfallen in frühere Entwicklungsschritte: Sie nässen ein, wollen den Schnuller zurück, nicht allein zu Hause bleiben.

Sicherer Rahmen wird schwieriger

Ältere Kinder und Jugendliche vermissen vor allem ihre Freunde und die gemeinsame Freizeit, hadern mit den Kontaktbeschränkungen und leiden zunehmend unter psychosomatischen Beschwerden. Sie machen sich Sorgen um ihre Zukunft.

Viele sind auch frustriert von den Erwachsenen. Von denen sie sich wahlweise als vergnügungswütige Virenschleudern behandelt oder als betreuungsbedürftige Schüler wahrgenommen fühlen, aber so gut wie nie als junge Menschen, die sich entwickeln wollen.

Die Eltern haben es unter Coronabedingungen noch schwerer, ihrer intuitiv zugeschriebenen Rolle, den Jungen einen sicheren Rahmen zum Aufwachsen zu geben, gerecht zu werden.

Wer ein offenes Ohr für die Heranwachsenden hat, kann das auch im eigenen Bekanntenkreis mitbekommen. „Das war schon vorher so“, so drückt es die 13-jährige Lara aus: „Die Erde schmilzt und zu Hause machen sie sich Sorgen wegen einer drei in Englisch.“

Probleme verstärken sich

Corona verstärkt, was vorher bereits da war. Wer Schulschwierigkeiten hatte, hat jetzt noch größere. Wer keine Freunde hat, merkt die Einsamkeit stärker, weil auch Alltagskontakte wegfallen.

Gefährlich ist die Krise auch für alle mit psychischen Vorerkrankungen. Sie werden durch die allgemeine Stimmung und die Einschränkungen verstärkt. Und: Beratungen und Behandlungen fallen weg, wegen Lockdown und Quarantänen.

Ähnlich ist es bei häuslicher Gewalt, auch die verschärft sich in der Regel in stressigen Situationen. „Ich bin früher immer zu meiner Oma gegangen, wenn bei uns dicke Luft ist“, sagt der 12-jährige Jan. „Das geht jetzt nicht so gut, weil ich Angst habe, dass ich Oma anstecken könnte.“

Mehr gemeinsam gemacht

on_Kinder und Corona Sigrid Tinz - so viel Alltag wie möglich (3)

Genauso aber gibt es gute Beispiele: Der vor der Corona-Pandemie massiv schulunlustige und sich komplett verweigernde 15-jährige Tom hat wochenlang das gemacht, was er immer wollte: Pennen, Zocken und sonst nichts. „Jetzt ist er irgendwie durch damit“, sagt seine Mutter. „Er hat Zukunftspläne und ist nah dran, seinen Realschulabschluss zu schaffen.“

Jugendliche registrieren, wenn Eltern für sie mehr Zeit haben. Tonis Papa guckt nicht mehr so viel Fußball im Fernsehen, sondern spielt öfter eine Runde mit seinem Sohn. Das bringt Struktur in den Tag, die ein bisschen fehlt, nachdem Tonis Fußballtraining weggefallen sind.

Das berichten viele Familien: Wir haben mehr gemeinsam gemacht. Es gab und gibt Spaziergänge und Bastelnachmittage, es wurde mehr gebacken und zusammen gekocht.

Kinder passen sich an Eltern an

Auch das ist ein generelles Ergebnis der Studien: Wer familiäre Ressourcen hat, kommt gut durch die Krise. Oder besser: Ist gut durch die erste Welle gekommen. Denn die meisten Ergebnisse stammen von Daten im Frühjahrslockdown. Ein Hauch von Abenteuer und ewig langen großen Sommerferien lag da in der Luft.

Jetzt hat sich die Hoffnung, nach ein paar Wochen mit allem durch zu sein, längst zerschlagen. Durchhalten und weitermachen – zumindest wie das geht, wissen wir alle jetzt ein bisschen genauer.

Kinder sind anpassungsfähig und sie gewöhnen sich ans Maske-Tragen genauso wie ans Zähneputzen, Händewäschen und Bitte und Danke sagen.

Was sie stresst, sind gestresste Eltern. Was ihnen Angst macht, sind ängstliche Eltern. Was sie traurig macht, sind traurige Eltern. Um so mehr, je weniger sie sich die Gründe erklären und etwas dagegen tun können.

Mit Vorbild vorangehen

Deswegen gilt in familiär und global turbulenten Zeiten das Gleiche wie bei Turbulenzen im Flugzeug. Wenn die Crew ruhig bleibt, überträgt sich das auf die Passagiere. In diesem Bild sind Eltern die Stewardessen und die Kinder die Passagiere. Deshalb sollten Eltern – um im Bild zu bleiben – sich als erstes die Rettungsweste anziehen und gut für sich selbst sorgen. Wie gelingt das?

  • Wer immer auf dem neuesten Stand zu sein versucht, konfrontiert sich pausenlos mit oft auf Klicks und Quote angelegten Berichten, Bildern und Mutmaßungen. Zu festen Zeiten die Fakten checken, ist besser. Die frei gewordene Zeit nutzen Sie für Dinge die guttun, egal ob Sie lieber Musik hören, ein Buch lesen oder mit den Kindern einen Film anschauen.
  • Versuchen Sie sich mit Entspannungstechniken, seit Corona gibt es so viele Angebote online wie nie. Sie helfen dabei, Gedanken auch ziehen zu lassen. Je besser man das kann, desto leichter kann man im Alltag Grübeleien und Sorgen verabschieden, statt sie in Dauerschleife und die ganze Nacht im Hinterkopf zu haben.
  • Werfen Sie zusätzliche Belastungen aus ihrem Leben: Falsche Freunde, ungesunde Gewohnheiten, überzogene Erwartungen. Seelisch gut durch die Pandemie zu kommen, ist das Wichtigste.
  • Lenken Sie den Blick aufs Positive, den nächsten Schritt, das Machbare. Dafür kann man ein Notizheft anlegen und sich einmal am Tag hinsetzen und aufschreiben, was gut war. Wem das nicht gelingen mag, der schreibt erst mal hin, was ihm einfällt. Und versucht es dann, im zweiten Schritt umzuformulieren.

All das verändert natürlich nicht die Gesamtsituation, gibt aber Energie und macht Eltern belastbar. Und je weniger Schaden die Kinder nehmen, um so stärker sind sie, wenn alles vorbei ist. Dann können sie die Welt wieder entdecken, erobern – oder retten.

-----------------

Mit Struktur und Routine fällt der Familienalltag leichter

Hühner füttern

Feste Strukturen und Routinen braucht das Familienleben. Vergessen wird dabei oft, dass das nicht nur fürs Zähneputzen und die Hausaufgaben gilt, sondern auch für all das, was das Leben schön macht – für Zeiträume, die das Kind nur zum Entspannen und Spielen nutzt. Zwei Stunden für Hausaufgaben und Lernen muss reichen. Was in dieser Zeit nicht erledigt ist, muss warten.

  • Klare Grenzen zwischen einzelnen Lebensbereichen lassen sich nicht nur durch Uhrzeiten setzen. Gute Erfahrungen haben Familien mit der Trennung von Schulmedien und Zuhausemedien gemacht: Das Laptop gibt es fürs Lernen, das iPad zum Spielen. Das klärt den Übergang zwischen beiden Welten; und auf dem Schullaptop tauchen nicht ständig Nachrichten von Freunden auf oder Hinweise vom Onlinespiel.
  • Dass die Kinder nicht nur in digitalen Welten unterwegs sind, ist auch jetzt wichtig. Gleichzeitig ist gerade bei größeren Kindern das gemeinsame Online-Spielen eine wichtige Möglichkeit, Sozialkontakte zu halten.
  • In Landfamilien ist ein gewisser Rhythmus durch die Arbeit in Haus und Hof oft vorgegeben. „Verdonnern“ Sie die Teenies ruhig zum Mithelfen. Beim gemeinsamen Kartoffelschälen, Stallausmisten oder Wäschezusammenlegen redet es sich oft viel beiläufiger und zugleich intensiver als in extra anberaumten Gesprächen. Erzählen Sie von sich, ihren Sorgen und Hoffnungen, und selbst wenn das Kind nichts sagt und nur zuhört, wird es etwas daraus mitnehmen.
  • Achten Sie auf gute Ernährung. Schmecken soll es den Kindern natürlich auch. Man kann fast jedes Essen mit Rohkost, Obst und Kräutern in eine gesunde Mahlzeit verwandeln. Gerade im Winter auf eine gute Vitamin-D-Versorgung achten.
  • Genug Schlaf für alle: Möchte das Kind wieder im Elternbett schlafen, kann man es ruhig gewähren lassen. Erholsame Nächte sind wichtiger als vermeintliche Erziehungsgrundsätze.
  • Kinder haben oft noch kein Zeitgefühl. Zwei Wochen Quarantäne, oder in einem Monat darf ich Oma wiedersehen – was ist das? Hier hilft ein Abstreichkalender, wie im Advent. Wenn Sie kleine Alltagsaufgaben für jeden Tag verteilen, wie ein Bild für Oma malen, das Lieblingsessen kochen, wird es sogar ein lustiges Beschäftigungsspiel.

-----------------