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Familienberatung

Hofübergabe: Konflikte zwischen Vater und Sohn lösen

konflikt-vater-sohn-landwirtschaft: Vater und Sohn stehen am Feld vor einem Traktor. Ihre Arme sind jeweils verschränkt und sie würdigen sich keines Blickes.
Walter Engeler - Landwirtschaftliche Familienberatung
am Mittwoch, 02.02.2022 - 12:00

Konflikte zwischen Vater und Sohn sind bei der Hofübergabe oft vorprogrammiert. Junge und alte Landwirte erzählen von ihren Erfahrungen und Gefühlen und wie sie sie trotz vermeintlich unlösbarem Streit wieder vertragen haben.

Pfarrer-Walter-Engeler: Porträt eines Mannes mit schon leicht gräulichen Haaren, einem Sakko und helllila Hemd. Er trägt einen Kinnbart und eine Brille. Er steht in einem großen hellen Raum mit großen Fenstern.

Die häufigste Ursache für Unstimmigkeiten zwischen den Generationen ist mangelnde Wertschätzung. Das beginnt schon bei der Frage der Hofnachfolge: Da ist das Übergeberehepaar glücklich, dass sich eines der Kinder für den Betrieb interessiert, die landwirtschaftliche Ausbildung absolviert und auf dem Hof mitarbeitet. Plötzlich stellt man aber fest, dass die Zusammenarbeit nur noch zermürbend ist und das Miteinander stets im Streit endet.

Unterschiedliche Vorstellungen zur Betriebsentwicklung, abweichende Zeiteinteilungen und konträre Wünsche im Privatleben lösen Streit zwischen Jung und Alt aus. Die hohen gegenseitigen Erwartungen, die oft unerfüllt bleiben, führen zu Enttäuschungen und treiben Vater und Sohn immer weiter auseinander. Es kann natürlich auch Konflikte in den anderen Familienkonstellationen geben, die jeweils ihre ganz eigene Dynamik haben.

Unzufriedenheit und Aggressionen zwischen Vater und Sohn

Der Landwirt Karl Kirchdorfer (Name v. d. Red. geändert) erzählt in einem Gespräch mit der Landwirtschaftlichen Familienberatung:

„Das kann es doch nicht gewesen sein! Ich kann so nicht mehr weitermachen, ständig das Gebrüll mit meinem Sohn. Ich hab` schon gar keine Lust mehr in den Stall zu gehen oder mich auf dem Betrieb – meinem eigenen Betrieb! – frei zu bewegen! Ich weiß nicht, was mit meinem Sohn los ist. Manchmal habe ich das Gefühl, dass ihm alles zu viel wird.

Und dabei hatte alles so gut angefangen. Ich hatte mich so gefreut, als er sich damals bereit erklärt hatte, den Betrieb zu übernehmen. Wir haben die Übergabe geregelt und ich habe ihm meine Unterstützung für die Zukunft zugesagt. Es schien alles perfekt. Er hat eine tolle Frau, die auch Landwirtschaft gelernt hat und fleißig im Betrieb mitarbeitet. Wir haben alle zusammen die Wohnung für den Sohn und seine Familie ausgebaut. Da haben auch die Geschwister mitgeholfen. Und jetzt das: diese ständige Unzufriedenheit und Aggressivität. Und ich merke doch: Das wird auch seine Frau nicht mehr lange mitmachen.“

Verzweiflung und Sorge um Betrieb, Gesundheit und Familie

konflikte-hofübergabe-vater-sohn: Ein alter und ein junger Mann stehen neben einem Rapsfeld. Der junge hat eine der Pflanzen in den Händen.

Karl Kirchdorfer ließ die Sorge um den Betrieb einerseits, um die Gesundheit und die familiäre Zukunft des Sohnes andererseits, schier verzweifeln. Dazu gesellte sich permanent das ungute Gefühl, dass der Sohn unvernünftig und unbesonnen agierte, möglichst mehrere Ziele (z. B. die Anschaffung eines Melkroboters und eines neuen Futtermischwagens) auf einmal verwirklichen wollte, ohne die finanziellen Ressourcen im Blick zu behalten.

Anstatt froh zu sein, dass ihn der Vater nach seinen Möglichkeiten noch tatkräftig unterstützen konnte, verhielt er sich ihm gegenüber undankbar. So jedenfalls war die Empfindung des Vaters. Schon die einfache Nachfrage von ihm, wie der Sohn sich seine Zukunft vorstelle, reichte aus, dass dieser zu schreien anfing und ihn mit Vorwürfen überhäufte. Und wenn er aus seiner Erfahrung einen gut gemeinten Rat vorbringen wollte, dann war dies in den Augen des Jungen eine Bevormundung oder „ständige Besserwisserei“.

Manchmal kommt Distanz vor Nähe

Dann gab ein Wort das andere. Karl Kirchdorfer war mit seinem Latein am Ende. Wie konnten er und sein Sohn aus diesem Teufelskreis wieder herauskommen?

„In meiner Not habe ich damals – das ist jetzt schon ein paar Jahre her – bei der Landwirtschaftlichen Familienberatung angerufen. Dann saßen wir alle an einem Tisch, und wir konnten seit langem zum ersten Mal wieder vernünftig miteinander reden.

Es folgten mehrere, schwierige Gespräche. Da wurden die Vorwürfe und unschönen Auseinandersetzungen vorgebracht und hinterfragt. Man musste sein Gegenüber anhören ohne gleich darauf zu reagieren. Dann wurde nach Alternativen im Umgang und im Ton gesucht. Und es wurden Vereinbarungen getroffen, die wir bis zum nächsten Termin ausprobieren sollten. Ich hatte manches Mal große Lust, einfach rauszugehen und alles hinzuschmeißen.

Am Ende kam es zu dem Beschluss, dass meine Frau und ich ausziehen würden. Weg vom Hof in ein eigenes Haus, das wir eigentlich als Mietshaus schon vor längerer Zeit gebaut hatten. Das war eine sehr, sehr schwere Entscheidung für mich. Meiner Frau fiel es leichter. Wahrscheinlich war sie letztendlich die treibende Kraft.

Im Nachhinein bin ich froh, dass wir damals drangeblieben sind, und dass die Berater so viel Geduld mit uns hatten. Die Entscheidung war richtig. Mein Sohn hat inzwischen seinen Nebenjob gekündigt, kümmert sich hervorragend um den Betrieb. Und ich merke, dass er und seine Frau sich wieder viel besser verstehen.

Ja und ich? Nach einer Zeit der Abstinenz vom Hof arbeite ich jetzt wieder mit! Wir haben bestimmte Bereiche und Zuständigkeiten festgelegt. Ja, ich helfe gerne wieder mit – und ich genieße auch die Freiräume, die meine Frau und ich jetzt haben, und die Urlaube, die wir seitdem miteinander haben. Natürlich kracht es auch jetzt noch ab und zu zwischen Vater und Sohn – aber wir haben gelernt, anders damit umzugehen. Und wenn es mir zu viel wird, kann ich mich ja in meine neue Wohnstätte zurückziehen.“

Manchmal braucht es tatsächlich erst die Distanz, damit man sich wieder näherkommen kann. Das enge Miteinander, das bedeutet, an vielen Tagen viele Stunden mit denselben Personen zu verbringen, beruflich wie privat, ist eine große Herausforderung. Und wenn dann die junge Generation „in den Startlöchern“ steht, neue Ideen mitbringt und den Betrieb weiterentwickeln möchte, sind die Konflikte vorprogrammiert. Denn oft ist die ältere Generation einfach noch nicht bereit, diesen Schritt mitzugehen.

Zwischen Vatergefühlen und Souveränität der Jungen

Häufig scheitert es auch an der fehlenden Kommunikation und am Verständnis für die Sicht des anderen. Kürzlich erzählte ein Landwirt:

„Mir ist schon klar, dass ich den Betrieb übergeben habe, dass mein Sohn jetzt der Chef ist und die Entscheidungen trifft. Trotzdem würde ich ihm gerne hin und wieder einen Rat geben. Ob er den umsetzt, ist seine Sache, aber wenn mein Rat gar nicht gehört werden will, tut mir das weh.“

Umgekehrt verletzt es den Sohn, wenn er sich in seiner Souveränität beschnitten fühlt. So sagte der Sohn zu seinem Vater:

„Ich bin ja stolz auf dich, Vater, und sehe, dass du viel Erfahrung hast. Und ich würde gerne davon profitieren. Aber ich möchte auf dich zugehen und dich nach deiner Meinung fragen. Ich kann es nicht ertragen, wenn du mir ungefragt Ratschläge gibst. Dann habe ich immer das Gefühl, du traust mir nichts zu!“

Der Wunsch nach Anerkennung

Manuel Metzger (Name von der Red. geändert), ein junger Mann Mitte dreißig, führt mit seinem Vater zusammen einen landwirtschaftlichen Betrieb als GbR. In einem Beratungsgespräch bringt er seine Situation wie folgt zum Ausdruck:

Vater, ich hätte mir nur einmal ein wenig Anerkennung von dir gewünscht, nur einmal den Satz: „Das hast du gut gemacht“ oder etwas ähnliches. Aber stattdessen immer nur die fragenden und kritischen Blicke, und wenn wirklich einmal etwas schief ging oder nicht so gemacht wurde, wie du es dir vorgestellt hast, dann kamen sofort die heftigsten Vorwürfe.

Wenn eines deiner anderen Kinder, die alle längst das Weite gesucht haben, wenn eines von denen heimkommt, dann strahlst du, nimmst den Enkel in den Arm und kannst lachen. Und ich, der ich hier die Drecksarbeit mache, der ich mich bereit erklärt habe, den Betrieb zu übernehmen, an mir wird immer nur rumgemeckert.“

Das Dilemma bei der jungen Generation

Im Grunde befindet sich die junge Generation in einem Dilemma: Einerseits will sie es den Eltern, will es der Sohn seinem Vater recht machen und andererseits hat er eigene Vorstellungen und Ziele, die er verwirklichen will. Einerseits wollen die jungen Männer sich beweisen, andererseits wissen sie, dass die Arbeit auf dem Hof ohne die Mithilfe nicht zu bewerkstelligen ist. Wenn dann noch eine Partnerin dazu kommt und ihre Bedürfnisse einfordert, dann stehen sie vor großen Entscheidungen.

Oft quälen sie sich dann in die Arbeit und haben ein schlechtes Gewissen, weil sie zu wenig Zeit für die Partnerschaft haben, sind missmutig und es reicht ein falsches Wort, dass die Situation eskaliert. Deswegen unterlässt man es, miteinander über mehr als das nötigste zu reden, schweigt und frisst den Ärger in sich hinein.

Nicht selten passiert es in der Familienberatung, dass ein Vater seinen Sohn zutiefst erstaunt anschaut und fragt: „Ja, warum hast du mir denn das nicht gesagt?!“ Und häufig lautet die Antwort: „Weil ich Angst hatte ...“ Angst davor, den Vater zu enttäuschen, vor einer negativen Reaktion oder vor weiterer Streit-Eskalation.

Zudem ist die Landwirtschaft für die meisten Landwirte nicht nur ein Beruf, sondern Teil ihrer Identität. Zur Leidenschaft, die sie für ihre Arbeit empfinden, kommt das Bewusstsein, dass sie ein Familienerbe weiterführen, welches manchmal seit hunderten Jahren besteht. Hier lebten ihre Vorfahren, hier wurde Leben geboren und beendet, hier wurde gepflanzt und geerntet und meist auch kräftig investiert.

Die Tradition am Leben erhalten

Ein junger Landwirt hat es mal so formuliert:

„Wissen Sie, unseren Hof gibt es schon seit mehr als zehn Generationen, und ich wäre jetzt der, der die Kette abreißt, der die dreihundertjährige Tradition sterben lässt. Das tut weh!“

Man identifiziert sich von klein auf mit dem eigenen Grund und Boden. Bevor ein Bauer ein Feld verkauft, muss die Situation schon sehr erdrückend sein. Die Tiere sind für viele Landwirte wie Familienmitglieder. Das ist ein wesentlicher Faktor, der sie die Strapazen auf sich nehmen und aushalten lässt.

Zugleich ist das eine Chance, Generationenkonflikte anzugehen und zu lösen. Allein das Bewusstsein, dass man ein gemeinsames Ziel verfolgt, verbunden mit dem Gefühl, dass einem die Familie am Herzen liegt und man sich verbunden weiß, bietet eine gute Basis dafür.

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